# taz.de -- Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen
       
       > Der Spaziergang sollte kein schnelles Weglaufen sein. Es gibt viel zu
       > entdecken. Der Vorsatz des Monats: weiterlaufen, nur nicht zu flott.
       
 (IMG) Bild: Von Wolke zu Wolke: Eine Frau spaziert mit Hund im Watt
       
       Jetzt bin ich also auch so eine. Acht Stunden oder länger im Büro, danach
       vielleicht noch ein Feierabendgetränk und dann ab ins Bett. Mehr ist da
       nicht drin. In diesem Trott, den ich so eigentlich nicht haben wollte und
       der mir auch nicht besonders gefällt, ist Sport ziemlich schlecht zu
       integrieren.
       
       Dabei stecke ich seit über einem Jahr in meiner Sportkolumne und hatte mir
       etwas ganz anderes vorgenommen: jeden Monat etwas Neues ausprobieren,
       irgendeinen außergewöhnlichen Sport machen, ein bisschen mehr Geckigkeit in
       meinen Alltag bringen. Und jetzt? Jetzt gehe ich spazieren.
       
       Ich gehe inzwischen mehrmals pro Woche zum Tempelhofer Feld. Von meiner
       Wohnung aus gibt es eine Route, auf der ich fast die ganze Zeit durch Parks
       und ruhige Straßen laufe, bevor ich am Feld ankomme. Ich will 10.000
       Schritte am Tag laufen. Laufe ich für den Arbeitsweg zur S-Bahn und zurück,
       habe ich abends vielleicht 4.000 Schritte auf dem Konto. Das reicht
       natürlich nicht. Also gehe ich zum Feld und wieder zurück. Macht mehr als
       10.000.
       
       Spazieren lässt sich schließlich hervorragend in den Alltag integrieren.
       Ich habe nur ein Problem: Ich bin eine Schnecke.
       
       Ich hasse schnelles Spazierengehen. Ich habe Freund*innen, die beim Gehen
       ein Tempo anschlagen, bei dem ich mich frage, wovor wir eigentlich gerade
       wegrennen. Dann gehen sie vorneweg und ich sprinte hinterher. Also für mich
       ist das nichts.
       
       Ich finde, beim Spazierengehen darf man sich ruhig ein bisschen verlaufen.
       Überhaupt scheint das Abkommen vom direkten Weg zum Spazieren
       dazuzugehören. Ich habe gelesen, dass es in meiner Heimatstadt Kassel sogar
       Spaziergangswissenschaften gibt. Verständlich. Es gibt schließlich einiges
       zu untersuchen: Wie viele Schritte braucht es, bis der Kopf leerer wird?
       Wie langsam kann man gehen, ohne stehenzubleiben? Und wo liegt die perfekte
       Mischung aus Konzentration und Abdriften?
       
       Denn darum geht es beim Schlendern. Bin ich zu konzentriert, macht es
       keinen Spaß. Dann zähle ich nur noch meine Schritte und frage mich, wann
       ich endlich bei 10.000 bin. Bin ich zu abgelenkt, schleiche ich nur noch
       herum. Die Website der Spaziergangswissenschaften vergleicht Spazieren mit
       einer Perlenkette. Die bemerkenswerten Orte, sind die Perlen, die Wege
       dazwischen, die Schnur. Auf der Schnur überlegt man sich, was wohl die
       nächste Perle sein wird. Wenn man den Weg schon kennt, dann kann man sich
       an den Perlen – einem Bäcker an der Ecke, einem offenen Gartentor – dem
       verrosteten Schild mit Vogelkacke – entlanghangeln.
       
       Also übe ich mich im Spazieren. Ich zähle die Schritte zwischen
       Zaunpfählen, Bäumen oder Gräbern. Gestern habe ich dabei einen Podcast über
       die Überwachungssoftware Palantir gehört und wusste nicht mehr, wo ich
       eigentlich genau lang gehe. Aber genau das ist ja das Schöne am Spazieren:
       Man schaut mal hierhin, mal dorthin. Es gibt ständig etwas zu entdecken.
       Gestern habe ich zum Beispiel festgestellt, dass ich denselben Hund samt
       Besitzer schon einmal gesehen habe, weil der Hund und Besitzer sehr gleich
       aussehen. Irgendwo habe ich mal gehört, dass 15 Minuten Spazieren am Tag
       schon reichen, um ordentlich Stress abzubauen. Wie viel Minuten braucht es
       allerdings, um acht Stunden Sitzen wieder wettzumachen?
       
       Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich mich beim Spazieren langweilig und alt
       und gleichzeitig sehr gut fühle. Und weil ich gestern und vorgestern die
       10.000 Schritte bei Weitem nicht geschafft habe, bin ich heute übrigens
       extra ein Stück zum Büro gelaufen, bevor ich diese Kolumne geschrieben
       habe. Der Sportvorsatz für diesen Monat lautet also: weiterlaufen, nur
       bitte nicht allzu schnell.
       
       8 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ann-Kathrin Leclere
       
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