# taz.de -- Dokumentarfilm „Sternbrücke Forever“: Unter den Gleisen
       
       > In Hamburg ist ein Ort der Subkultur von einer monströsen Eisenbahnbrücke
       > plattgemacht worden. An das Leben, das hier war, erinnert nun ein Film.
       
 (IMG) Bild: Ein bisschen groß geraten: die neue Sternbrücke in Hamburg-Altona
       
       Der Döner-Imbiss hat Glück gehabt: Er liegt ein bisschen zurückgesetzt von
       der Sternbrückenkreuzung, sonst wäre er vielleicht auch weg. So wie das
       Café auf der Straßenseite gegenüber; so wie die Clubs, die sich drüben
       unter den Gleisen angesiedelt hatten; so wie der Kiosk an der Ecke, der
       immer erst spät die Gitter herunterließ.
       
       [1][Auch die alte Sternbrücke selbst ist verschwunden, ein
       denkmalgeschütztes Bauwerk von 1926 aus genietetem Stahl, um dessen Stützen
       die Autos herumfahren mussten]. Stattdessen steht dort seit Ende August
       ihre Nachfolgerin, die manche nur „die Monsterbrücke“ nennen: ein grauer
       Koloss, der sich über der Kreuzung erhebt und alles verdrängt hat, was dort
       einmal war.
       
       Direkt vorne an der Ecke, in der kleinen Astra-Stube, stand das Publikum an
       guten Abenden dicht gedrängt und hörte Freundinnen zu, die mit ihrer neuen
       Band ihren Auftritt hatten. Wenn es drinnen zu heiß wurde, konnte man
       draußen auf einer Bank sitzen und Bier trinken, Astra natürlich.
       
       Auf der anderen Seite der Kreuzung war das Fundbureau und rechts um die
       Ecke der Waagenbau, in denen Elektro lief, durch die wummernden Bässe drang
       das Rattern der Gleise. An den Wochenenden bildeten sich vor den Türen
       Schlangen, das Publikum saß auf dem Bordstein, sehr nah am Verkehr.
       
       ## Über den Szenen liegt eine gewisse Melancholie
       
       Denn eng war es immer unter der Brücke, und auch schraddelig. Der genietete
       Stahl der Brückenpfeiler war mit vielen Schichten von Plakaten überzogen,
       mit Dreck und Ruß, und nachts leuchteten im Dunkeln die Schilder.
       
       Das war, was Passanten und das Ausgehpublikum von der Sternbrücke sahen.
       Wie es war, dort zu leben (und zu arbeiten), zeigt der Dokumentarfilm
       „Sternbrücke Forever“, der jetzt in die Kinos kommt.
       
       Und das ist nochmal ein ganz anderer Blick. Die Abrisspläne waren schon
       bekannt, als die Filmcrew anrückte, und so liegt über den Szenen eine
       gewisse Melancholie. „Ich finde, die neue Brücke sieht aus wie ein Sarg“,
       sagt die kettenrauchende Betreiberin im Kiosk an der Ecke, das ist ihr
       Statement.
       
       Draußen fahren die Autos vorbei, mal von der einen Seite, dann von der
       anderen, je nach Ampelphase, obendrüber rollen die Züge, und in ihren Laden
       schneit die Stammkundschaft herein. Sie kennt sie alle, verkauft Alkohol,
       gibt eine Zigarette aus, weil du’s bist, geschenkt.
       
       Rauchen, schweigen, aus dem Fenster schauen.
       
       ## Wie unter einem Vergrößerungsglas
       
       Der Film gibt den Menschen unter der Brücke Raum, wie unter einem
       Vergrößerungsglas zeigt er, wie seine Protagonisten den Veränderungen, die
       angekündigt sind und dann auch wirklich eintreffen, ausgeliefert sind. Sie
       können gar nichts dagegen tun.
       
       Die zwei Männer im Nebenhaus, die mit ihrem Papagei in einem winzigen
       Zimmer sitzen, wohnen hier schon lange. „Seit 10 Jahren“, sagt der eine,
       „nein, seit 13!“, der andere. An die Geräusche der Züge, die hinter ihrem
       Haus vorbeifahren, mussten sie sich erst gewöhnen, vor allem beim
       Einschlafen. Aber irgendwas ist ja immer in Hamburg, und besser als
       Autobahn.
       
       Die Autowerkstatt um die Ecke, neben dem Waagenbau, ist auch ein
       Nachbarschaftstreff, der Inhaber repariert einem alten Mann den
       elektrischen Rollstuhl. Wie war das noch mal? Ach ja, Sitz runter und dann
       kommt man dran. Die Werkstatt ist unter den Gleisen, in einem Gewölbe,
       gerade so passen die Autos rein.
       
       Es tut ihm leid, dass es hier so unaufgeräumt ist, entschuldigt er sich,
       aber er wusste ja nicht, dass er so lange bleiben würde, sonst sähe es hier
       anders aus. Und dann, gegen Ende des Films, als langsam überall die Lichter
       ausgehen: Es sei schon komisch, „jetzt, wo ich weiß, dass ich nur noch ein
       halbes Jahr bleiben kann, geht ein Teil nach dem anderen kaputt.“ Als wenn
       die Dinge wüssten, dass ihre Zeit abgelaufen ist.
       
       Wie es weitergeht mit seiner Werkstatt, weiß er nicht, Kunden bringen ihm
       jetzt Fotos vorbei, zur Erinnerung. Ganz am Schluss kommt die Abgesandte
       der Deutschen Bahn und nimmt das Kellergewölbe ab, in dem „seine Existenz“,
       wie er sagt, untergebracht war. Es ist jetzt leer.
       
       ## Dokument einer gerade untergegangenen Welt
       
       Fünf Jahre hat Regisseur Christian Hornung an dem Film gearbeitet, von 2022
       bis 2024 hat er immer wieder Drehwochen eingelegt und dabei natürlich auch
       mitgeschnitten, was in dieser Zeit außen rum geschah: die Demos, die
       Protestkonzerte, die Sitzungen der Abrissgegner von der Ini Sternbrücke,
       [2][die noch eine einstweilige Verfügung einreichen wollen], bevor alles zu
       spät ist.
       
       Es ist das Dokument einer gerade untergegangenen Welt. Der Film schaut
       dabei zu, aus der Perspektive derer, die gehen müssen. Und zeigt im
       Abspann, wie die neue Brücke anrollt: Zentimeter für Zentimeter schiebt sie
       sich voran, knapp an den Hauswänden vorbei, um schließlich ihre endgültige
       Position einzunehmen, quer über der Kreuzung.
       
       Ihre Stahlflächen schimmern leicht im Licht, und man könnte sie vielleicht
       sogar schön finden, nur eben nicht hier, inmitten der engen Wohnbebauung,
       wo die Straßen und Gleise sich zwischen den Häusern durchzwängen.
       
       Sogar die Deutsche Bahn scheint zu ahnen, dass da etwas nicht stimmt.
       „Warum muss die neue Sternbrücke so groß sein?“, [3][fragt sie in einem FAQ
       zum Thema]. Die Antwort: „Die neue Sternbrücke ist 108 Meter lang und hat
       eine Höhe von über 20 Metern. Uns ist bewusst, dass das Bauwerk sehr groß
       ist.“ Schuld sei die Stadt Hamburg, die an dieser Kreuzung mehr Raum für
       den Straßenverkehr gewollt habe, und dann sei es leider nicht anders
       gegangen.
       
       ## Initiative kämpft um die Rückkehr der Clubkultur
       
       Über die Brücke rollen nicht nur die S-Bahnen, sondern auch der Zugverkehr
       von Hamburg in den Norden, sie ist also schon wichtig. Allerdings gab es
       nie einen offenen Wettbewerb, [4][architektonische Alternativen wurden
       verworfen], und zu einer Bürgerbeteiligung kam es erst, als die Pläne
       längst feststanden.
       
       Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) gab im Abendblatt zu
       Protokoll, er finde die Brücke gar nicht zu groß. Eher sei die Umgebung zu
       klein, Hochhäuser seien vielleicht eine Lösung.
       
       Um zu retten, was zu retten ist, denken Stadt und Bahn derzeit darüber
       nach, ob die Brücke [5][für Graffiti freigegeben] werden könnte. Nachts
       wurde bereits mit einer Diskobeleuchtung experimentiert, um an die Clubs
       vorn früher zu erinnern.
       
       Auch die Protestkonzerte an der Kreuzung gehen weiter, sie verstehen sich
       inzwischen als eine Art Pop-up-Openair-Ersatz-Club. Die Initiative
       Sternbrücke gibt es auch noch, sie kämpft um die Rückkehr der Clubkultur,
       vielleicht, so die Hoffnung, ist unter der Brücke doch wieder Platz? Oder
       wenigstens in ihrer Nähe?
       
       Einige der Clubs von früher, darunter der Waagenbau und das Fundbureau,
       haben inzwischen einen neuen Ort hinter den Deichtorhallen gefunden, wieder
       unter S-Bahn-Gleisen. Die Zukunft der Astra-Stube ist noch nicht geklärt.
       [6][Auf Go Fund Me hat sie um Spenden gebeten], um das Defizit aus der
       Coronazeit abbezahlen zu können.
       
       Ohne laufenden Betrieb kam kein Geld mehr rein, aber das Leben geht weiter.
       Muss ja. Oder, wie die Kioskbetreiberin im Film über einen Stammkunden
       sagt, dem der Abschied schwerfällt: „Da kommt er auch drüber weg.“
       
       „Sternbrücke Forever“, der Dokumentarfilm von Christian Hornung, kommt am
       8. Oktober in die Kinos. Ab dem 4. Oktober geht er mit seinem Regisseur
       [7][auf Premierentour].
       
       30 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Sternbrueckenbaustelle-in-Hamburg/!6199990
 (DIR) [2] /Sternbruecke-in-Hamburg-Altona/!5990248
 (DIR) [3] https://www.eisenbahnbruecken-ehm.de/fragen-und-antworten-sternbruecke.html
 (DIR) [4] /Kritik-an-Bahnplanung-im-Kaemmerlein/!5861585
 (DIR) [5] https://www.ardmediathek.de/video/hamburg-journal/diskussion-um-sternbruecke-wird-aus-grau-bald-bunt/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9jMzliYjI1OC05MTg0LTQxZWMtYmI1OS1hZjdjN2RlMTljYjk
 (DIR) [6] https://www.gofundme.com/f/die-astra-stube-braucht-euch
 (DIR) [7] https://jip-film.de/sternbruecke-forever
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Wiese
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) wochentaz
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 (DIR) Altona
 (DIR) Eisenbahn
 (DIR) Alternatives Wohnen
 (DIR) Kolumne Großraumdisco
       
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