# taz.de -- Grüne und Linke gewinnen in Halle: Gewonnen und doch verloren
       
       > In Halle gingen zwei Wahlkreise an Kandidaten der Linken. Warum die
       > Freude am Tag nach dem AfD-Erfolg trotzdem getrübt ist.
       
 (IMG) Bild: Getrübte Freude am Tag nach der Wahl: Mamad Mohamad hat in Halle ein gutes Ergebnis für die Grünen geholt
       
       Wenn Mamad Mohamad über den Ausgang der Landtagswahl spricht, dann fällt
       oft das Wort „hätte“. Am Montagmittag sitzt er in einem Hinterhof in Halle
       an der Saale, vor sich einen Laptop, daneben das Handy. Mohamad ist
       Geschäftsführer des Landesnetzwerks der Migrantenorganisationen in
       Sachsen‑Anhalt. Am Sonntag ist er über die Liste der Grünen in den Landtag
       gewählt worden. Aber freuen könne er sich nicht, sagt Mohamad.
       
       Neben dem Grünen-Politiker steht ein Handystativ. Eigentlich wolle er die
       ganze Zeit schon ein kurzes Video aufnehmen, um die Wahl einzuordnen. Aber
       das hat noch nicht geklappt. Den ganzen Tag spreche er schon mit Menschen,
       die ihn fragen, wie es jetzt für sie weitergehe. Viele seien verunsichert.
       Sollen sie ihre Koffer packen? Ihren Laden schließen? Lohnt sich ihr
       Schulabschluss noch, wenn die AfD ihn ohnehin aberkennt?
       
       Mohamad schüttelt den Kopf und seufzt. „Eigentlich haben wir etwas Tolles
       geschafft.“ Seine Partei stand vor wenigen Monaten in Umfragen noch bei 3
       Prozent. Jetzt hat sie beinahe 9 Prozent bekommen. Er schaut kurz zu Boden.
       „Dass bei der AfD vorn eine 4 steht, das tut sehr weh.“
       
       ## Am Tag danach: Alles unklar
       
       Einen Tag nach der Landtagswahl ist die [1][politische Situation in
       Sachsen-Anhalt noch immer unklar]. Die AfD hat mit rund 44 Prozent ebenso
       keine absolute Mehrheit wie die demokratischen Parteien sie in einer
       Koalition hätten. Was macht das mit Menschen, die in Sachsen-Anhalt für
       eine weltoffene Gesellschaft kämpfen?
       
       Nachdem am Abend zuvor bei der allerersten Prognose um 18 Uhr der
       AfD-Balken über 40 Prozent gestiegen war, habe Mohamad die anderen Zahlen
       gar nicht mehr sehen wollen. „Ich konnte danach nicht schlafen. Die ganze
       Nacht lag ich mit tausenden Gedanken im Bett“, sagt er. Hätte die CDU doch
       wenigstens ein paar Prozentpunkte mehr, dann wäre eine demokratische
       Regierung möglich. Was wäre, wenn es das BSW nicht geschafft hätte?
       
       Eigentlich lief es für die Grünen so gut, sagt Mohamad dann noch einmal.
       Der anstrengende, monatelange Wahlkampf. Die tausenden Gespräche. In seinem
       Wahlkreis Halle II hat die Linken-Kandidatin Gitta Hartenstein-Wiermann das
       Direktmandat gewonnen. Für die habe Mohamad auch geworben, „um den
       AfD-Direktkandidaten zu verhindern“. Bei den Zweitstimmen liegen die Grünen
       bei 23,3 Prozent, nur ganz knapp hinter der AfD. Ähnlich ist es im
       Nachbarwahlkreis Halle III: Dort holte der Linke Jannik Balint das
       Direktmandat und die Grünen wurden bei den Zweitstimmen sogar stärkste
       Kraft. Mohamad schüttelt wieder den Kopf. „Wir haben gewonnen. Aber wir
       haben auch verloren.“
       
       ## Regen in Magdeburg
       
       Etwa 80 Kilometer entfernt in der Landeshauptstadt Magdeburg regnet es
       leicht, als [2][David Begrich] ein paar Stunden zuvor sein Fahrrad
       anschließt. Der Sozialwissenschaftler und Theologe arbeitet beim Verein
       „Miteinander“ in Magdeburg, der sich seit 1999 gegen Rechtsextremismus in
       Sachsen-Anhalt engagiert. An diesem Montagmorgen hat der Verein zur
       Pressekonferenz ins „einewelt haus“ geladen. Gemeinsam mit dem
       Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt, der evangelischen Akademie und dem freien
       Radio Corax soll es darum gehen, wie es nach der Wahl weitergeht.
       
       Zügig geht Begrich die Stufen zum „einewelt haus“ hoch. Es liegt in der
       Magdeburger Altstadt und damit im dritten Wahlkreis, der nicht an die AfD,
       sondern an einen Linken-Kandidaten ging: Mustafa Groener. Auch hier lagen
       die Grünen bei über 20 Prozent bei den Zweitstimmen. Alle drei Wahlkreise
       vereint, dass in ihnen ein urbanes Milieu, einige Student:innen und
       traditionell eher linke Menschen leben.
       
       Bevor die Pressekonferenz beginnt, setzt sich Begrich noch kurz für ein
       Gespräch mit der taz in einen Bürosessel. Wie es in Sachsen-Anhalt
       weitergeht? Noch sei nicht ganz klar, was aus dem Wahlergebnis folge, sagt
       Begrich. „Die Schlüsselfrage wird sein: Gehen AfD und BSW in eine
       machtpolitische Interaktion?“
       
       Wichtig sei allerdings, dass die Zivilgesellschaft Unterstützung von
       außerhalb von Sachsen-Anhalt bekomme. Das sei nicht nur für das Bundesland
       wichtig. „Wenn es jetzt gelingt, demokratische Kerne in der
       Zivilgesellschaft zu erhalten, verzögert das die autoritäre Formierung in
       anderen Regionen.“
       
       ## Aufmerksamkeit und Spenden
       
       Und Unterstützung heiße nicht nur Spenden, sondern auch Aufmerksamkeit.
       Nach diesem Wahlergebnis dürfe nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen
       werden, betont Begrich. Das Programm der AfD in Sachsen-Anhalt sei eins der
       radikalsten in der bundesdeutschen Geschichte. „Und das hat mehr als 40
       Prozent bekommen“, sagt Begrich. Kurz danach muss er wieder los, Gespräche
       führen, vorbereiten. Aufmerksamkeit schaffen.
       
       Zurück in Halle. Auf einer Einkaufsstraße mitten in der Stadt erzählt
       Martin Thiele, er habe schon mit einem „unschönen Wahlergebnis“ gerechnet.
       Aber als die erste Prognose kam, habe er sich doch erschreckt. „Dass die
       AfD solche Stimmengewinne verzeichnen kann, das habe ich nicht kommen
       sehen.“ Er habe das dann zuerst sacken lassen und dann Freunde in der Stadt
       angerufen, „um da irgendwie meinen Frust loszuwerden“.
       
       Thiele ist Geschäftsführer bei der Aidshilfe in Sachsen-Anhalt Süd und
       organisiert den Christopher Street Day (CSD) am kommenden Wochenende in
       Halle mit. Als bisexueller Mann fühle er sich dort im Zentrum der Stadt
       wohl. Es ist der Wahlkreis, in dem die Linken bei den Erststimmen und die
       Grünen bei den Zweitstimmen gewonnen haben. „Hier würde ich auch mit einem
       Boyfriend händchenhaltend durch die Straßen ziehen“, sagt er. In den
       Randbezirken oder anderen Gegenden von Sachsen-Anhalt traue er sich das
       nicht. „Die Stimmung war da schon immer schwierig.“
       
       ## Im Paulusviertel ist das linksliberale Bürgertum zu Hause
       
       Aber was ist dort in der Mitte von Halle anders als im Rest von
       Sachsen-Anhalt? Thiele schaut sich um, die Straße einmal rauf und runter.
       „Die Läden hier zeigen gut, dass wir hier ein migrantisch geprägtes Milieu
       haben“, sagt er. Im Paulusviertel, ebenfalls im Wahlkreis, lebe das eher
       linksliberale Bildungsbürgertum in Halle. „Das ist einfach das
       Wähler:innenpotential von progressiven Parteien.“ Dass Linke und
       Grüne da hohe Ergebnisse bekommen, überrasche ihn nicht.
       
       In den letzten Wochen beschäftigte sich Thiele vor allem damit, den CSD zu
       organisieren: Menschen für Redebeiträge gewinnen, Netzwerke ausbauen. In
       diesem Jahr, so kurz nach der Wahl, habe die Veranstaltung eine besondere
       Bedeutung. „Das ist die erste größere Demonstration, bei der quasi das
       solidarische, demokratische, freiheitsliebende Sachsen-Anhalt
       zusammenkommt“, sagt Thiele. „Ich glaube, dass dieses Jahr mehr Menschen
       kommen.“
       
       Im Internet kursierten bereits mehrere Aufrufe unter dem Motto „Wir lassen
       uns nicht einschüchtern“. Thiele hofft, dass der CSD damit ein Zeichen an
       die Menschen senden wird, die nicht die AfD gewählt haben. Sie sollen sich
       weiter sicher und gesehen fühlen, auch außerhalb der progressiven
       Hochburgen in Halle und Magdeburg.
       
       Thiele glaubt allerdings auch daran, dass sich die Stimmung in
       Sachsen-Anhalt wieder ändern kann. „Die Leute, die AfD gewählt haben, kann
       man durchaus von einem anderen politischen Angebot überzeugen.“ Allerdings
       brauche es dafür eben ein entsprechendes Angebot. Daran müssten die
       demokratischen Parteien nun arbeiten, landes- wie bundespolitisch, findet
       Thiele. „Und dann bleibt zu hoffen, dass man da in den nächsten Jahren noch
       etwas drehen kann.“
       
       Mamad Mohamad hofft das auch. „Wir haben in den kommenden fünf Jahren viel
       Arbeit vor uns“, sagt er vor seinem Handystativ im Hinterhof. Schon am
       Dienstag gehe es mit der ersten Fraktionssitzung los. „Da liegen dann schon
       die ersten Beschlüsse auf dem Tisch, das geht jetzt ratzfatz.“ Parallel
       versuche er viel mit Menschen zu sprechen und ihnen Unsicherheit zu nehmen.
       „Aber 44 Prozent AfD. Da kann ich mich natürlich nicht freuen“, sagt er
       dann nochmal.
       
       Aber eine Zahl, die mache ihm dann doch etwas Hoffnung. Wenn er sich das
       absolute Ergebnis anschaue, dann habe die AfD etwas mehr als 570.000
       Stimmen bekommen. Es klingt ein klein wenig weniger schlimm für ihn.
       
       7 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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