# taz.de -- AfD vor Berlin-Wahl: Provokation und Fundamentalopposition
> Die AfD könnte bei der Wahl am 20. September ihr Ergebnis verdoppeln –
> und womöglich sogar stärkste Kraft werden. Was sind die Gründe für den
> Höhenflug?
(IMG) Bild: Zuverlässig mobilisiert: Besucher:innen der AfD-Kundgebung in Lichtenberg Ende August
Das Ziel war Provokation. Und so ist es kein Wunder, dass der „Spaziergang“
des [1][Berliner AfD-Scharfmachers Thorsten Weiß] mit Parteikollegen und
einer FPÖ-Delegation durch Nord-Neukölln an diesem Nachmittag Anfang
September zum Spießrutenlauf wird. „Ganz Berlin hasst die AfD“, rufen
Passant:innen am Hermannplatz. Später, auf der Karl-Marx-Straße, fliegt
ein rohes Ei in Richtung Polizei, die den AfD-FPÖ-Pulk von den
Demonstrant:innen abschirmt.
Weiß und seine Begleiter – darunter der [2][Neuköllner Abgeordnete Robert
Eschricht] und der Chef der Berliner Parteijugend, Martin Kohler, –
verziehen keine Miene. Für ein Statement halten sie an einem
Drogenkonsumraum an, vor dem mehrere Klient:innen sitzen, Suppe essen
und Tee trinken. Weiß fantasiert dort von einer „Rückeroberung“ von
Nord-Neukölln, fordert dafür „konsequente Remigration“ sowie die
„Verdrängung der offenen Drogenszene“ und eine „Zwangstherapie“ für
suchtkranke Menschen.
Auch wenn die AfD ihre Thesen in Neukölln nur unter lauten „Haut ab“-Rufen
kundtun kann: Berlinweit erntet sie dafür viel Zustimmung. Am Ende könnte
die Partei ihr Ergebnis bei der [3][Wahl zum Abgeordnetenhaus in knapp zwei
Wochen] sogar verdoppeln: Umfragen schätzen die Partei derzeit auf 17 bis
19 Prozent. Bei der Wiederholungswahl 2023 hatte sie noch 9 Prozent
erzielt, bei der Bundestagswahl 2025 dann bereits 15 Prozent. Sogar
stärkste Kraft könnte sie diesmal werden. Die Konkurrenz, CDU und Linke,
liegen aktuell nur wenige Punkte vor ihr.
Beinahe unbeachtet, im Schatten der Aufmerksamkeit für die Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt, bahnt sich also auch in Berlin eine politische Verschiebung
an. Aber wie konnte das passieren: eine AfD, die [4][um Platz eins in der
als liberal, weltoffen, links geltenden Metropole Berlin kämpft]?
## Drei Faktoren für den Höhenflug der Rechten
Es gebe eine politische Konstellation in Berlin, die den Erfolg der AfD
begünstige, sagt der Politikwissenschaftler Aiko Wagner von der Freien
Universität, wo er zu Wahlverhalten und Wähler:innenpotenzialen
forscht. Das sei zum einen der Bundestrend. „Bei Landtagswahlen sehen wir
immer auch eine Prägung durch die Bundespolitik“, sagt Wagner. Für die AfD
gelte das besonders: „Ich gehe davon aus, dass die Wähler:innen nicht
die Arbeit der Berliner AfD bewerten, sondern der Bundes-AfD.“ Schließlich
seien die politischen Forderungen der AfD vor allem bundespolitisch, etwa
zu Migration oder zur Europäischen Union.
Zum anderen sei da die Schwäche des amtierenden schwarz-roten Senats. „Die
Landesregierung hat kein gutes Bild abgegeben. Da ist es nicht schwer für
Parteien wie die AfD, die sich als Fundamentalopposition inszenieren,
erfolgreich zu sein“, erklärt Wagner. In Berlin könne die AfD behaupten:
Alle haben sich mal an der Regierung probiert und versagt. Jetzt sind wir
dran.Und als dritter, neuer Faktor komme nun noch Rückenwind durch den
Wahlsieg in Sachsen-Anhalt hinzu, betont Aiko Wagner: „Leute setzen gerne
auf die Sieger. Die AfD steht jetzt als beliebt und erfolgreich da, das
kann mobilisieren.“
## Rassistische Wohnungspolitik
Inhaltlich setzt die Berliner AfD im Wahlkampf auf altbekannte
Ausländer-raus-Politik, Law and Order und Disziplinierung an Schulen.
Zugleich versuchen die AfD-Strategen, das [5][laut Umfragen wichtigste
Thema der Wahl] – die Wohnungskrise – umzudeuten und so für sich zu nutzen.
Seit Juni läuft die Kampagne „Wohnungen sind keine Asylheime“, auch bei
ihren Wahlkampfauftritten verbreitet Landeschefin Brinker unermüdlich die
unbelegte Behauptung, Geflüchtete würden „normalen Berlinern“ den Wohnraum
wegnehmen.
Ob es nun die Unzufriedenheit mit Bundesregierung und Senat ist, die die
Leute zur AfD treibt, oder ob das Wahlprogramm tatsächlich inhaltlich
verfängt – schwer zu sagen. Klar ist aber: Die AfD erschließt in Berlin
neue Wählermilieus und Stadtgebiete. „Die AfD mobilisiert zuverlässig ihr
Wähler:innenpotenzial“, sagt Aiko Wagner. „Fast alle, die sich vorstellen
können, die AfD zu wählen, tun das auch.“
## Falsches Bild von Berlin als linker Hochburg
Das dürfte sich auch nach dem 20. September auf der Wahlkarte zeigen. Hatte
die AfD bislang ihre Hochburgen vor allem in Lichtenberg und
Marzahn-Hellersdorf, hofft sie diesmal auch auf ein gutes Abschneiden in
Reinickendorf, in Teilen von Spandau, in den südlichen Neuköllner
Ortsteilen, im Norden von Pankow und auch im Süden von
Tempelhof-Schöneberg.
Aiko Wagner betont, das Bild von Berlin als linker Hochburg sei ohnehin
falsch. „Nicht wahlberechtigte Menschen machen einen großen Teil der Stadt
aus. Sie prägen das vielfältige Leben in der Innenstadt – dürfen aber nicht
wählen.“ Die Wahlbevölkerung sei deutlich stärker von den konservativeren
Außenbezirken geprägt.
## Radikale Positionen im bürgerlichen Gewand
Und so konzentriert sich die AfD im Wahlkampf auch auf genau diese Gebiete.
Das Rezept: Ein radikales Programm mit einer bürgerlichen Fassade
verkaufen. Spitzenkandidatin Brinker gibt sich stets gemäßigt – gleichwohl
sitzt sie dank eines Pakts mit der völkischen Strömung in ihrer Partei fest
im Sattel.
Doch bei einer Wahlveranstaltung der AfD in Lichtenberg Ende August droht
die Fassade zu bröckeln. Brinker steht auf der Bühne, spricht über
Regierungsversagen, Chaos, Kontrollverlust, erntet Jubel und Beifall. Es
klatschen auch mehrere offensichtliche Neonazis, die zu der Kundgebung
gekommen sind und hier ungestört zuhören: Tätowierungen [6][zeigen
Hakenkreuze und den Szenecode „88“], ein Mann trägt ein T-Shirt mit dem
Aufdruck „ENSDAPE“.
Man habe davon nichts gewusst und dulde so etwas nicht, heißt es später aus
dem Landesverband. Aber der Vorfall zeigt, wie weit rechts die AfD
mobilisiert. Andere rechtsextreme Parteien wie die „Heimat“ und der „Dritte
Weg“ haben in ihren ehemaligen Hochburgen längst keine Chance mehr.
## Die Landesliste hat es in sich
Auch die künftige AfD-Fraktion wird alles andere als moderat auftreten.
Zwar wird der bisherige rechte Stichwortgeber Thorsten Weiß dem Parlament
nicht mehr angehören – er wechselt in den Höcke-Landesverband nach
Thüringen.
Aber die Landesliste mit 35 Plätzen hat es trotzdem in sich. Da ist neben
Brinker etwa der Berliner „Generation Deutschland“-Chef Martin Kohler, der
aus dem Burschenschaftsmilieu stammt und immer wieder mit scharfer
„Remigrations“-Rhetorik auffällt. Da sind die Höcke-Unterstützerin
Jeannette Auricht und der Trump-Fan Julien Adrat, der regelmäßig gegen
trans Personen hetzt. Vielen von ihnen dürfte der Einzug ins Parlament
gelingen. Aktuell hat die Fraktion zwölf Mitglieder, bald könnten es
doppelt so viele sein.
Am Ende bleibt die AfD in Berlin aber – anders als in Sachsen-Anhalt – wohl
ohne Machtoption. Niemand will mit ihr koalieren. Die Grünen verlangen
zudem, dass der Berliner Verfassungsschutz den Landesverband beobachtet. Um
diese Forderung zu untermauern, hat die Partei die Analyse selbst in die
Hand genommen und ein Ergänzungskapitel zum Verfassungsschutzbericht
geschrieben. Am Dienstag will sie es der Innenverwaltung übergeben.
7 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Berliner-AfD/!6080789
(DIR) [2] /Protest-gegen-neues-AfD-Buergerbuero/!6209516
(DIR) [3] /Schwerpunkt-Wahlen-in-Berlin/!t5106764
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(DIR) [5] https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundeslaender/berlin/laendertrend/2026/juli/
(DIR) [6] https://www.flickr.com/photos/recherche-netzwerk-berlin/albums/72177720335349627
## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
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