# taz.de -- Junge Wahlarena des RBB: 16, politisch, schlagfertig
> Zum ersten Mal dürfen 16- und 17-jährige Berliner*innen wählen. In
> der jungen Wahlarena des Rundfunksenders RBB zeigt sich, wie
> diskutierfreudig sie sind.
(IMG) Bild: Sehr rege und kritisch: das junge Publikum in der Wahlarena
Lautes Piepen und Blinken füllen den Raum. Der AfD-Politiker, der gerade
noch geredet hat, wird still. Eine junge Person aus dem Publikum hat den
Buzzer gedrückt und sozusagen den Joker eingelöst. „Kriminalität hängt
nicht pauschal mit Herkunft zusammen“, sagt er mit fester Stimme,
„vielleicht sollten Sie sich dazu mal in Ihrer Freizeit weiterbilden.“ Das
Publikum kichert, murmelt und klatscht begeistert. Der AfD-Abgeordnete
Alexander Bertram, der von einem Jugendlichen korrigiert wurde, verzieht
das Gesicht.
Der RBB veranstaltet zusammen mit Fritz Radio anlässlich der Berliner
Senatswahl am 20. September zum ersten Mal eine [1][junge Wahlarena]. Das
Set-up gleicht der üblichen Wahlarena, die auch nächste Woche stattfinden
wird, nur dass statt der Spitzenkandidat*innen die jeweils Jüngsten
der Partei eingeladen wurden: Lucas Schaal (CDU, 36), Tamara Lüdke (SPD,
35), Klara Schedlich (Bündnis90/Die Grünen, 26), Niklas Schenker (Die
Linke, 33), Alexander Bertram (AfD, 38) und Alina Lindemann (BSW, 32). Sie
stehen in diesem Format den Erstwähler*innen Rede und Antwort.
Bei der kommenden [2][Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus] blicken viele
gespannt auf junge Wähler*innen, denn 16- und 17-jährige Berliner*innen
dürfen zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. „Ich finde es wichtig, dass
junge Leute wählen dürfen. So können wir die Demokratie stärken und es wird
ein größeres Spektrum der Gesellschaft abgebildet“, sagt Chrissi (16)
gegenüber der taz.
Zusammen mit seinen Freunden sitzt er um einen Tisch im „Studio 14“ des
RBB. Die Live-Schalte mit rund 90 Schüler*innen findet im Erdgeschoss
statt, während der Rest der Klasse die Wahlarena aus diesem Studio
verfolgt. „Immer mehr junge Leute sind politisch interessiert, deswegen ist
es wichtig, dass wir auch gehört werden“, stimmt ihm Nikolas (16) zu. „Wir
haben Bock, unsere Meinung zu zeigen.“ Während der Sendung blicken alle
gespannt auf den Bildschirm. Moderiert wird der Abend von Selly Kahya und
Leonie Schwarzer.
## Was junge Wähler*innen bewegt
In der heutigen Sendung geht es um drei große Themenblöcke: Wohnen,
Mobilität und Sicherheit, Bildung und Arbeitsmarkt. Im Vorfeld haben
Reporter*innen des RBB Straßeninterviews gemacht, um
Erstwähler*innen zu fragen, was sie bewegt. Zu deren Überraschung sei
die erste Reaktion oft gewesen: nichts. Aber je länger sie nachbohrten und
mit den Jugendlichen ins Gespräch gingen, desto klarer kristallisierten
sich konkrete Anliegen heraus. Und es zeigte sich, wie positiv überrascht
junge Menschen waren, dass ihnen zugehört wurde.
Der RBB hat das zum Anlass genommen und die junge Wahlarena nach dem
Konzept gestaltet: Erstwähler*innen zuhören und ihren Fragen möglichst
viel Platz geben. In einer Pressekonferenz erklärte der Chefredakteur Georg
Heil, dass sie mit dem Format die Berliner Wahl, die Wahlprogramme der
Parteien und auch die Arbeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks den
jungen Menschen näherbringen wollen.
Insgesamt sind an diesem Abend 15 Berliner Schulklassen vor Ort. „Ich fand
das Format super informativ. Dadurch, dass die Politiker*innen nur 30
Sekunden Zeit zum Antworten hatten, hat mir das einen guten Überblick
gegeben und mir geholfen, mich zu entscheiden, welche Partei ich wählen
möchte“, resümiert Paula (16). Auch in der Schule, mit ihrer Familie und
Freund*innen spreche sie oft über Politik, das sei ihr wichtig.
Bei einer vom RBB in Auftrag gegebenen [3][Befragung] zeigte sich, dass
junge Menschen ihre Anliegen von der Politik zu wenig berücksichtigt sehen:
76 Prozent der Befragten zwischen 16 und 34 Jahren gaben an, dass ihre
Interessen schlecht vertreten seien, nur 15 Prozent gaben an, dass sich die
Politik angemessen um sie kümmere. Umso mehr bereiteten sich die
Schüler*innen gemeinsam mit ihren Lehrer*innen auf die Wahlarena vor,
um ihre Fragen an die Politik klar zu formulieren.
## SPD-Politikerin ohne Antwort
So fragt beispielsweise Noah aus dem Publikum: „Es gab 2014 einen
Volksentscheid, dass das Tempelhofer Feld nicht bebaut werden soll. Warum
will die CDU das trotzdem machen und nicht die Stimme der Bevölkerung
respektieren?“ Und Ismael aus dem „Studio 14“ lässt die SPD-Politikerin
sprachlos zurück: „Sie haben bereits in den letzten Jahren regiert und
versprechen schon sehr lange kostenloses Mittagessen an Berliner Schulen.
An meiner Schule gibt es das immer noch nicht.“ Darauf wisse Tamara Lüdke
jetzt auch keine Antwort, sie nehme das Anliegen mal mit in ihre Partei.
Um die Sendung aufzulockern, gab es zwischendurch das Ja-Nein-Format, bei
dem die Politiker*innen sich zu den jeweiligen Statements klar
positionieren sollten. Besonders die CDU und AfD schienen meist einer
Meinung, wenn es um das Enteignen von Wohnungsbaugesellschaften (Nein),
separate Frauenabteile im Nahverkehr (Nein), [4][KI-gestützte
Videoüberwachung im öffentlichen Raum] (Ja) und das Genderverbot an Schulen
und Universitäten (Ja) ging.
Als sich die Abgeordneten Lucas Schaal (CDU) und Alexander Bertram (AfD) zu
letzterem Thema rechtfertigen, wird wieder gebuzzert. Eine junge Person mit
blauen Haaren steht auf: „Dafür, dass sich die CDU und die AfD anscheinend
für Integration einsetzen möchten, ist ihr Genderverbot klar
diskriminierend und ausgrenzend.“ Das Publikum nickt zustimmend und
klatscht, während die beiden Politiker verstummen.
## Erstwähler*innen mit Haltung
Auch Paula kritisiert im Gespräch mit der taz das Auftreten des
AfD-Politikers: „Als er gesagt hat, seine Partei will Frauenhäuser
unterstützen, musste ich direkt daran denken, wie die AfD gegen Frauen
schießt. Feminist*innen hässlich und grässlich nennt. Das ist
widersprüchlich.“ Die Schüler*innen machen sozusagen ihren eigenen
Faktencheck.
Laut der Auswertung des aktuellen BerlinTrends von Infratest dimap würde
die linke [5][Spitzenkandidatin Elif Eralp] bei jungen Wähler*innen mit
20 Prozent vorn liegen, wenn es in Berlin eine Direktwahl der regierenden
Bürgermeister*innen gäbe. 60 Prozent gaben allerdings auch an, sie
wüssten noch nicht, wen sie wählen würden.
Für einige der Schüler*innen hat die Wahlarena dabei geholfen, eine
Entscheidung zu treffen. Die Politiker*innen hat sie ins Schwitzen
gebracht. Im Gespräch mit der taz sagt Fabio (17): „Junge Menschen haben
jetzt die Chance, ein Zeichen zu setzen.“
9 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rbb24.de/politik/berlin-wahl-2026/beitraege/rbb-wahlarena-junge-kandidaten-erstwaehler.html
(DIR) [2] /Abgeordnetenhauswahl-am-20-September/!6209814
(DIR) [3] https://www.rbb24.de/politik/berlin-wahl-2026/beitraege/berlin-trend-junge-menschen-sehen-sich-schlecht-vertreten.html
(DIR) [4] /Normenkontrollklage-gegen-Polizeigesetz/!6207236
(DIR) [5] /Abgeordnetenhauswahl-am-20-September/!6205970
## AUTOREN
(DIR) Selina Hellfritsch
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