# taz.de -- Neue Rechenzentren in Deutschland: „Am Ende muss es ein fairer Tausch sein“
> Der Bau von Rechenzentren sorgt für Proteste. Wie man die ernst nehmen
> und dennoch für digitale Souveränität sorgen kann, erklären zwei
> IT-Experten.
(IMG) Bild: Ein neues Rechenzentrum soll in Lübbenau entstehen – schafft es Vorteile für die Menschen vor Ort?
taz: Rechenzentren sind meist ziemlich klimaschädlich. Gleichzeitig
brauchen wir sie, wenn wir uns nicht abhängig machen wollen von Anbietern
aus den USA. Wie kommen wir raus aus diesem Dilemma?
Max Schulze: Klar, digitale Souveränität ist sinnvoll. Aber dafür reicht es
nicht, dass [1][Rechenzentren] in Deutschland stehen. Sie müssen auch von
hiesigen Unternehmen betrieben werden und dazu führen, dass wir etwas von
der Wertschöpfung mitnehmen können. Doch das ist längst nicht bei allen
Rechenzentren hierzulande der Fall – denn auch US-Konzerne und -Investoren
bauen hier.
Julian Bothe: Natürlich, es braucht Rechenzentren für viele digitale
Anwendungen. Doch der aktuelle Boom beim Bau von Rechenzentren wird
maßgeblich getrieben durch Anwendungen mit künstlicher Intelligenz. Die
Bundesregierung versucht, so viele Rechenzentren wie möglich nach
Deutschland zu holen, ohne überhaupt einen Plan oder eine Idee zu haben,
wie das gut sein könnte für die digitale Unabhängigkeit. Die aktuelle
Deregulierung der Branche, die die Bundesregierung vorantreibt, und die
unter anderem die Vorgaben für Transparenz und Nachhaltigkeit senkt, geht
vor allem auf die Forderungen der großen US-Unternehmen zurück. Wir sehen
übrigens, dass insbesondere deutsche und europäische Anbieter häufig sehr
viel nachhaltiger bauen und betreiben als US-Anbieter.
taz: Sie haben gemeinsam mit weiteren Initiativen die Standorte von in Bau
befindlichen und geplanten Rechenzentren in Deutschland veröffentlicht.
Welchen Effekt erhoffen Sie sich?
Schulze: In erster Linie hoffen wir, eine Reflexion in der Gesellschaft zu
starten. Wollen wir große Rechenzentren? Oder kleine? Wie integrieren wir
die ins Energiesystem? Wollen wir die Abwärme nutzen? Was ist wirklich
nötig, um nicht abgehängt zu werden? Wollen wir bei KI in ein Wettrennen
eintauchen? Oder unseren eigenen Weg im globalen Wettrennen finden? Wir
bauen hier die Infrastruktur für unsere Digitalwirtschaft. Die
Digitalwirtschaft ist Teil unserer Zukunft. Dann sollte die Frage, wie die
Infrastruktur dafür aussieht, keine sein, die einfach von oben herab
entschieden wird.
taz: Wenn es gute und schlechte Rechenzentren gibt – was macht ein gutes
aus?
Bothe: Ein gutes Rechenzentrum ist eins, das mit zusätzlich erzeugten
erneuerbaren Energien läuft. Und zwar nicht nur auf dem Papier, wie es die
gesetzliche Anforderung ist. Ein gutes Rechenzentrum ist eins, das gut
integriert ist in die Nachbarschaft, das seine Abwärme zur Verfügung
stellt. Und das in die lokale Wirtschaft eingebunden ist und einen Vorteil
für die Menschen vor Ort schafft.
taz: Wenn Sie auf Ihre Karte blicken, wie hoch ist der Anteil von guten
Rechenzentren?
Schulze: Überschaubar.
taz: Und konkret?
Schulze: Der Großteil entspricht jedenfalls nicht dem Anspruch, nachhaltige
digitale Infrastruktur zu schaffen.
Bothe: Digitalminister Karsten Wildberger sagt, jedes Rechenzentrum sei gut
für Deutschland. Das ist falsch. Rechenzentren können sogar schlecht sein,
beispielsweise wenn sie Netzanschlusskapazitäten blockieren, die dringend
für den Ausbau von Erneuerbaren oder für Batterien gebraucht werden. Auch
Rechenzentrumsprojekte, die am Ende nicht verwirklicht werden, verhindern
während der Planungsphase, dass die Kapazitäten anders genutzt werden. Dazu
kommt der Bedarf an Wasser und Strom. Wir sehen, dass auch in Deutschland
neue Rechenzentren immer stärker mit neuen Gaskraftwerken betrieben werden
sollen – was die Emissionen steigen lässt.
taz: Welchen Anteil an Rechenzentren halten Sie denn für gerechtfertigt,
gemessen an dem, was jetzt in Planung ist?
Bothe: Ich glaube, das ist genau die Diskussion, die wir gesellschaftlich
führen müssen. Welche Art von Rechenzentren brauchen und wollen wir und
wofür? Welche [2][KI-Anwendungen] sind uns wichtig? Und welche Nachteile
nehmen wir dafür als Gesellschaft in Kauf – sowohl auf globaler Ebene,
Stichwort Klimaschutz, als auch ganz lokal? Wir müssen dabei bedenken: Die
Basis-Anwendungen – Server für die Bereitstellung des Internets, für die
meisten Cloud-Dienstleistungen –, das sind nicht die Anwendungen, die diese
riesigen Bedarfe erzeugen. Das Problem ist: Es gibt praktisch keine
Transparenz darüber, welche Anwendungen in einem Rechenzentrum wirklich
laufen oder laufen sollen.
Schulze: Es ist, als würden wir versuchen zu bewerten, ob und welche
Fabriken sinnvoll sind. Und das, ohne zu wissen, was die Fabriken
herstellen, ganz zu schweigen von der Klimabilanz.
taz: Kaum jemand will ein Rechenzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft
haben. Aber trotzdem wollen die meisten KI-Chatbots nutzen, ihre Fotos in
der Cloud speichern. Wie verhindert man, dass eine Bewegung gegen ein
Rechenzentrum eine Not-in-my-backyard-Bewegung wird?
Bothe: Ich glaube nicht, dass niemand ein Rechenzentrum in der
Nachbarschaft haben will. Die Menschen wollen es nur dann nicht, wenn es
ihnen keinen Mehrwert bringt. Und wie auch in anderen Bereichen greift der
Vorwurf zu kurz, dass Proteste lediglich – aus Egoismus – das Projekt vor
der eigenen Haustür verhindern wollen. Initiativen geht es mit ihren
Protesten meist auch um die übergeordnete Frage, welche Entwicklung
insgesamt für die Gesellschaft gut ist.
Schulze: Schauen wir ein paar Jahrzehnte zurück: Alle wollten mit dem Auto
fahren. Also brauchte es Fabriken, die Autos herstellen. In diesen Fabriken
sind Arbeitsplätze entstanden, manche sind bis heute kultureller Anker
eines Ortes. Wenn Anwohner:innen nicht klar ist, was ein Rechenzentrum
an Vorteilen bringt – schafft es Arbeitsplätze, kann mit den Einnahmen eine
neue Schule finanziert werden – dann überwiegen die Nachteile. Denn die
sind offensichtlich: Lärm, Umweltverschmutzung, Wasserverbrauch. Hier muss
die Industrie auch deutlich besser werden, mit den Regionen in den Dialog
zu gehen.
Bothe: Dazu kommt: Ob ich KI einsetze und damit dazu beitrage, die nötigen
Rechenkapazitäten in die Höhe zu treiben, ist leider in vielen Fällen
überhaupt nicht meine eigene Entscheidung. Wenn etwa der Arbeitgeber das
vorgibt oder ich bei einer Kundenhotline anrufe und da ist ein KI-Bot dran,
kann ich das nicht beeinflussen. Die Bundesregierung will, dass KI überall
eingesetzt wird. Die politischen Entscheidungen treiben den Bau. Deshalb
braucht es auch politische Regulierung – sowohl für den Einsatz von
KI-Anwendungen als auch für den Bau und Betrieb der dafür notwendigen
Rechenzentren.
taz: Was kann ein Rechenzentrum lokal an Mehrwert schaffen?
Schulze: Zunächst mal müssen die Kosten für eine Kommune minimiert werden,
es darf also nicht schaden. Es muss die Geräuschkulisse im Griff haben,
Erneuerbare nutzen und darf keine Luftverschmutzung erzeugen. Dann kann die
Abwärme ins lokale Wärmenetz gespeist werden, im besten Fall entstehen noch
Arbeitsplätze oder Bildungschancen. Und dann geht es um das Geld, genauer
gesagt, was bleibt in der Kommune wirklich hängen? Am Ende muss es ein
fairer Tausch sein, die Kommune gibt Flächen und Ressourcen her, und im
Gegenzug entsteht ein Mehrwert, der wiederum in die Infrastruktur der
Region investiert werden kann. Im Moment funktioniert dieser Tausch
allerdings nicht – man muss sich nur mal anschauen, wo die großen
Techkonzerne und internationale Immobilienfonds ihre Steuern zahlen.
Immerhin will die Bundesregierung jetzt dafür sorgen, dass die
Gewerbesteuer in der Region landet. Es ist wichtig, dass diese Einnahmen
dann so ausgegeben werden, dass es den Menschen nutzt.
taz: Was braucht es, damit die von Ihnen geforderte Debatte geführt werden
kann?
Bothe: Es wäre viel geholfen, wenn die [3][Bundesregierung] die bereits
bestehenden gesetzlichen Verpflichtungen für Rechenzentren umsetzen würde.
Das heißt, dass die Unternehmen die Verbrauchsdaten für Energie und Wasser
offenlegen müssen. Momentan drückt die Bundesregierung da beide Augen zu.
Zusätzlich braucht es natürlich auch eine Übersicht über die geplanten und
im Bau befindlichen Projekte. Es ist ein Skandal, dass diese Karte jetzt
von Freiwilligen zusammengetragen werden musste.
6 Sep 2026
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