# taz.de -- Pädagogin über Microsoft an Schulen: „Was mit den Daten passiert, ist eine große Blackbox“
> Viele Schulen setzen auf die Software des US-Konzerns. Jessica Wawrzyniak
> findet das problematisch – und hat einige Tipps für Schulen und Eltern.
(IMG) Bild: Viele Schulen setzen für die digitale Unterstützng des Unterricht auf Produkte aus den USA
taz: Frau Wawrzyniak, wenn etwa eine Schulleiterin oder Elternvertreter
Ihnen sagen, dass sie Microsoft an ihrer Schule einführen wollen – was
raten Sie?
Jessica Wawrzyniak: Ich würde ihnen zuerst mit auf den Weg geben, dass sie
das natürlich DSGVO-konform machen müssen, also im Einklang mit der
Datenschutz-Grundverordnung. Und dass das aktuell schwierig bis unmöglich
ist.
taz: Warum?
Wawrzyniak: Weil Microsoft nicht die nötigen Informationen zur Verfügung
stellt. Ein Beispiel: Wenn eine Schülerin wissen möchte, welche Daten über
sie gespeichert werden, dann ist die Schulleitung verpflichtet, die
Auskunft zu erteilen. Das ergibt sich aus Artikel 15 der
Datenschutz-Grundverordnung. Das Problem: Die Schulleitungen können die
Auskunft gar nicht erteilen, weil sie selbst nicht wissen, was Microsoft
speichert. Diese Informationen gibt der Konzern ihnen nicht.
taz: War das mal anders und Microsoft konnte früher legal an Schulen
genutzt werden?
Wawrzyniak: Nein, das war noch nie möglich, vor 10 Jahren aber auch noch
unkritischer, weil weniger Daten gespeichert und analysiert wurden.
taz: Das heißt, alle Schulen, die Microsoft nutzen, machen das illegal?
Wawrzyniak: Es gibt eine kleine, aber komplizierte Möglichkeit: Man kann
als Schule, zusätzlich zum zwingend erforderlichen
Auftragsverarbeitungsvertrag, bilateral mit Microsoft eine Art
Zusatzvertrag abschließen. Aber ich weiß nicht, wie oft das in der Praxis
tatsächlich der Fall ist.
taz: Wenn eine Schule das geschafft hat – ist dann der Einsatz von
Microsoftprodukten unbedenklich?
Wawrzyniak: Auch dann noch nicht, weil Microsoft unglaublich viele Daten
erfasst, die auch in die USA übertragen werden, wo Persönlichkeitsrechte
kaum geschützt werden und man sich fragen muss: Wollen wir das?
taz: Welche Risiken sehen Sie für die Kinder und Jugendlichen?
Wawrzyniak: Zunächst sind da die ganzen personenbezogenen Daten, die
eingegeben werden. Das können etwa Noten und andere Bewertungen sein,
Allergie- oder Gesundheitsinformationen, wie sie zum Beispiel im Kontext
von Klassenfahrten angefragt werden, sowie Krankheits- und andere Fehltage.
Dazu kommen weitere Daten. Zum Beispiel: Wie schnell tippt ein Kind? Durch
Tippmuster und -geschwindigkeit lassen sich übrigens Personen auch
eindeutig identifizieren. Wie häufig schlägt die Rechtschreibkorrektur an?
Hat ein Kind vielleicht eine Rechtschreibschwäche? Was steht in einem
Aufsatz, etwa zu einem politischen Thema? Und was bei Microsoft mit den
Daten passiert – das ist eine große Blackbox. Es ist möglich, dass
Microsoft ganze Lernkurven der Schüler:innen nachverfolgt.
taz: Schulen, die Microsoftprodukte nutzen wollen, argumentieren oft mit
den Kosten. Die Basisversion des Office-Pakets ist für
Bildungseinrichtungen kostenlos.
Wawrzyniak: Open-Source-Alternativen wie Libre Office, Only Office oder
Collabora gibt es auch kostenlos.
taz: Schulen argumentieren nicht nur mit den Lizenzkosten, sondern auch mit
der Installation und Verwaltung der Software: Da erforderten die
[1][Open-Source-Alternativen] zusätzliches Personal für die Installation
und den Betrieb. Bei Microsoft gebe es weniger Probleme und der Konzern
biete Support.
Wawrzyniak: Eigentlich ist eine Schule wie ein mittelständisches
Unternehmen zu betrachten und diese kommen in der Regel ohne IT-Abteilung
nicht aus. Mehrere Hundert Schüler:innen, dazu die Lehrkräfte, die
Verwaltung … Und alle arbeiten mit IT-Systemen. Das heißt, es muss an jeder
Schule eigentlich sowieso gewährleistet werden, dass IT-Fachkräfte fest
angestellt sind und solche Aufgaben nicht noch zusätzlich von Lehrkräften
übernommen werden.
taz: Die Schulen [2][haben dafür oft kein Budget].
Wawrzyniak: Bildung ist derzeit Ländersache, diese müssten also ausreichend
bereitstellen. Aber es gibt auch Alternativen: Was ich zum Beispiel sehr
gut fand, ist, dass beim Digitalpakt Schule die Finanzierung zur
Bundessache gemacht wurde. So etwas sollte es viel häufiger geben, damit
nicht jedes Bundesland, jede Kommune oder jede Schule ihr eigenes Süppchen
kochen muss.
taz: Wie groß ist der Einfluss, der bei IT-Produkten von der Schule auf die
Kinder und Jugendlichen ausgeht? Es muss ja nicht immer Microsoft sein –
[3][manche Schulen setzen etwa auf iPads].
Wawrzyniak: Ich halte den Einfluss für sehr groß. Zum einen, weil Kinder
und Jugendliche damit aufwachsen, die Nutzung dieses Gerätes oder dieser
Software lernen. Und Eltern gehen in der Regel davon aus, dass das, was aus
der Schule kommt, auch gut oder geprüft ist. Schulen sagen übrigens häufig,
dass sie Microsoft einsetzen, weil das später im Beruf genutzt wird. Und
Unternehmen sagen, sie nutzen Microsoftprodukte, weil sich alle damit
auskennen. Auf diesen Kreislauf setzt der Konzern natürlich und bietet
seine Lizenzen für Bildungseinrichtungen kostenlos bis extrem günstig an.
taz: Was raten Sie Eltern, die versuchen wollen, die Schule umzustimmen?
Wawrzyniak: In erster Linie sollten Eltern sich zusammentun. Wer sich
alleine gegen eine Schule stellt oder für sein Kind widerspricht, macht
sich meistens nicht gerade beliebt. Deswegen hilft es, sich mit anderen zu
verbünden und dann eine Argumentationsliste zu erstellen. Die sollte
möglichst breit sein, um die Chance zu erhöhen, dass die Verantwortlichen
darauf anspringen: von den Persönlichkeitsrechten der Schüler:innen, über
die rechtlichen Probleme bis hin zur digitalen Souveränität. Die wird
politisch gerade sehr gefordert, aber leider wenig forciert. Und Microsoft
einzusetzen, gerade in der Cloud, wie es die kostenlose Lizenz vorsieht,
hat natürlich eine sehr große Abhängigkeit von einem US-Anbieter zur Folge.
Wenn man diese Argumente gesammelt hat und zusammen vorträgt, sind die
Chancen größer, ein Umdenken zu erreichen.
11 Aug 2026
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