# taz.de -- Pilzsaison beginnt: Pilzliebe geht auch ohne Magen
       
       > Bei einer Pilzwanderung im Sachsenwald bei Hamburg treffen Naturschutz
       > und Sammellust aufeinander. Das geht. Man arrangiert sich halt
       > miteinander.
       
 (IMG) Bild: So geht es aber auch: im Wald gefundene Maronen und Krause Glucke – um sie zu verspeisen
       
       Es fängt an zu regnen und wird kalt. Einige ziehen unter den
       Funktionsjacken unbehaglich die Schultern zusammen. „Kommt mal ein bisschen
       unters Buchendach“, sagt Ben Nurgenc. Es ist fast trocken unter den
       riesigen Buchenkronen, typisch für den [1][Sachsenwald östlich von
       Hamburg]. Der Boden ist weich und feucht. Ideal für Pilze. Und derentwegen
       sind wir hier.
       
       Die ersten finden wir am Stamm einer toten Birke – viele kleine,
       giftig-gelbe. Pilzführer Ben lässt die anderen die Pilze beschreiben. Am
       Ende ist man sich einig: [2][Grünblättriger Schwefelkopf], ein „Zersetzer“,
       der von Totholz lebt. Er ist so giftig, wie er aussieht. Schade. Auf
       manchen Gesichtern ist Enttäuschung zu lesen.
       
       Die Interessen klaffen nämlich auseinander: Praktisch alle
       Teilnehmer:innen sammeln Pilze, um sie zu essen. Die Führung haben die
       meisten gebucht, weil sie ihr Repertoire erweitern wollen.
       
       ## Dem Naturschutz verpflichtet
       
       Ben dagegen ist dem Naturschutz verpflichtet. Er ist Konzeptkünstler und
       hat sich nebenbei zum Mykologen fortgebildet, kartiert die Pilzvorkommen in
       Ökosystemen. Pilzführungen sind sein drittes Standbein.
       
       Das ist eine wachsende Branche, denn immer mehr Menschen entdecken ihr
       Interesse am Pilzesammeln. Dabei macht die Firma Waldsamkeit, für die Ben
       arbeitet, schon [3][auf ihrer Webseite deutlich], dass es bei ihren
       Führungen nicht ums Sammeln geht. Aber nicht alle haben das so verstanden.
       
       Ben muss sie nun einfangen, muss versuchen, seine eigene Faszination für
       diese Zwischenlebewesen auf seine Gäste zu übertragen.
       
       Sophia, im Vorschulalter, findet auch im beige-braunen Fleckenteppich des
       Herbstlaubs alles: Da, ein weißlicher Schirmpilz mit Flocken auf dem
       Schirm. Einer weiß gleich: „Ah, ein Perlpilz!“ Doch Ben lässt ihn erst mal
       von Hand zu Hand gehen. Wir sollen genau hinschauen, beschreiben, was wir
       sehen.
       
       ## Tödlich giftiger Doppelgänger
       
       Der schmackhafte Perlpilz, der in Symbiose mit Buchen wächst, hat nämlich
       einen tödlich giftigen Doppelgänger, den Pantherpilz. Den erkennt man an
       den „Bergsteigersöckchen“ um die Knolle, wie Ben sagt. Deshalb sei es so
       wichtig, Pilze zur Bestimmung ganz aus der Erde zu drehen. Der Schaden am
       Wurzelwerk, dem Myzel, sei verschmerzbar. Als ein kleines Stück vom Hut
       abbricht, färbt sich die Bruchstelle rötlich. Der Beweis: ein Perlpilz.
       
       Mitgenommen wird er trotzdem nicht. Ben hängt ihn zärtlich in eine
       Astgabel. „Dann kann er breiter aussporen“, sagt er, also seine Samen
       weiter verteilen. Damit es auch im kommenden Jahr wieder Pilze gibt.
       
       Pilze würden weniger, sagt Ben, weil es trockener wird, wegen der
       intensiven Waldnutzung, der Bodenverdichtung durch gewaltige
       Holz-Harvester. „Sogar, dass wir hier in so einer Gruppe stehen, ist nicht
       so gut“, sagt er.
       
       Für uns Laien ist das nicht zu erkennen. Überall sprießt es aus dem Boden.
       Der Breitblättrige Holzrübling, ein Speisepilz, „aber nicht so doll“; der
       Rosa Rettich-Helmling, giftig; die Steife Koralle, essbar. An einem
       Baumstamm wächst Hallimasch, ein Parasit. „Ziemlich sicher, dass der den
       Baum gekillt hat“, sagt Ben. Kahler Krempling, Risspilze, Fliegenpilz – in
       diesem Wald wächst auch genug für einen Massenmord an Menschen.
       
       ## Schmeckt wie Kotze
       
       Es wird hell, weil die Sonne rauskommt – und weil wir vom düsteren
       Buchenwald in einen lichten Nadelwald übergehen. „Mykologisch ist der nicht
       so interessant“, findet Ben. Aber plötzlich gibt es Maronen.
       
       Lars, dessen Tochter auf seinem Rücken schläft, kommt mit einem
       daumengroßen Röhrling an. „Fichtensteinpilz!“, sagt er triumphierend. Ben
       zeigt auf das braune Netz auf dem Stamm. Es ist ein Gallenbitterling, mit
       dem man eine ganze Pilzpfanne versauen kann. Wie der schmeckt? „Nach
       Kotze“, sagt Ben.
       
       Er hat das Jagdfieber der Gruppe gespürt. „Wer jetzt noch Maronen sammeln
       will, kann gern bleiben“, sagt er. Aber keiner traut sich. Die Führung ist
       zu Ende. Aber wollten wir nicht noch über Täublinge sprechen?
       
       Ben lässt uns ein paar Pilze aus dem Fächerkasten nehmen, den er während
       der Wanderung gefüllt hat. Er hält einen mit blassrotem Hut hoch. Und dann
       kommt der Satz, auf den viele gehofft hatten: „Frauentäubling“, sagt er,
       „ehrlich gesagt, noch ein bisschen geiler als der Steinpilz.“
       
       7 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Sachsenwald-bei-Hamburg/!6065652
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCnbl%C3%A4ttriger_Schwefelkopf
 (DIR) [3] https://waldsamkeit.de/produkt/pilzfuehrung-hamburg/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Kahlcke
       
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