# taz.de -- AfD Sachsen-Anhalt nach Wahlergebnis: Nah am totalen Sieg
       
       > Die AfD erzielt in Sachsen-Anhalt das stärkste Ergebnis einer
       > rechtsextremen Partei seit 1945. Könnte sie nun auch an die Macht
       > gelangen?
       
 (IMG) Bild: Begeisterung bei der AfD in Magdeburg: Ulrich Siegmund wird von den beiden AfD-Vorsitzenden Weidel und Chrupalla geherzt
       
       Und dann steht der Rechtsextremist Björn Höcke auf der Bühne im „Alten
       Theater“ in Magdeburg und versucht zu singen: „So ein Tag, so wunderschön
       wie heute“, ruft er ins Mirko. Töne trifft er nicht, doch die Stimmung im
       Saal trifft er. Die AfD-Wahlparty befindet sich im Freudentaumel, berauscht
       sich an der ersten Prognose: 44,3 Prozent zeigt der AfD-Balken an, ein
       Zuwachs von über 23,5 Prozentpunkten.
       
       „Wir gehen heute noch in die absolute Mehrheit rein“, tönt Höcke, „der
       Souverän von Sachsen-Anhalt hat die Kartellparteien zu einem politischen
       Flohzirkus zusammen geschrumpft.“ Die „Schandmauer“ sei nun eingerissen.
       Höcke, der offen völkische Positionen vertritt und wegen SA-Parolen
       verurteilt wurde, spricht von einer „Zäsur“. Neben ihm wehen acht
       Deutschlandfahnen, hinter ihm prangt auf der Videoleinwand: „Es beginnt
       hier.“
       
       Nach den ersten Hochrechnungen am Sonntagabend fehlt der AfD nur ein Sitz
       zur absoluten Mehrheit. Seit 1945 war keine extrem rechte Partei in
       Deutschland so nah an der Macht. Laut Nachwahlbefragungen der
       Forschungsgruppe Wahlen mobilisierte die AfD vor allem Nichtwähler: 42
       Prozent ihrer Wähler blieben bei der letzten Landtagswahl zu Hause, 29
       Prozent stimmten damals schon für die AfD.
       
       Auch wenn die AfD die absolute Mehrheit knapp verfehlen sollte, ist
       Sachsen-Anhalt am Rande der Unregierbarkeit. Sollte das Bündnis Sahra
       Wagenknecht, das an der 5-Prozent-Hürde kratzt, in den Landtag einziehen,
       wäre eine Regierungsbildung gegen AfD und BSW unmöglich. Bis
       Redaktionsschluss lag das endgültige Ergebnis nicht vor.
       
       ## Siegmund spekuliert auf Überläufer
       
       Ulrich Siegmund spekulierte am Mikrofon kurz nach den ersten Hochrechnungen
       auf mögliche Überläufer aus anderen Parteien, die ihn zum
       Ministerpräsidenten mitwählen könnten. Auch durch eine Enthaltung des
       nationalpopulistischen BSW wäre ein AfD-Ministerpräsident möglich, sollten
       beide kremlfreundlichen Parteien einziehen. Siegmund betonte, er wolle
       allein regieren und behauptete zugleich, seine Hand sei ausgestreckt.
       Gleichzeitig zeigte er sich kompromisslos: „Wir bleiben unsere Linie treu“
       – also Fundamentalopposition oder Alleinregierung.
       
       Die extrem rechte AfD hatte in diesem Landtagswahlkampf nahezu ideale
       Rahmenbedingungen. Siegmund, charismatisch und stets lächelnd, überdeckte
       mit seiner Art das rechtsextreme Umfeld und das ultraradikale Programm der
       Partei. Skandale prallten an ihm ab. Er vermarktete ein Wahlprogramm, das
       Sachsen-Anhalt in eine illiberale Enklave verwandeln will.
       
       Um Siegmund entstand ein regelrechter Kult. Fans brachten Fanartikel zu
       AfD-Veranstaltungen, standen Schlange für Selfies oder Autogramme auf
       Siegmund-Shirts. Seine Reden waren populistisch und inhaltsleer, doch sie
       weckten Hoffnung. Sein Wahlkampfmotto „Alles ist möglich“ versprach eine
       Rückkehr ins „alte sichere Deutschland“ – eine Zeit, die entweder die DDR
       meint, die Siegmund nicht erlebte, oder die 90er und 2000er Jahre mit
       höherer Kriminalität, Arbeitslosigkeit und schwächerer Wirtschaft.
       
       Für seine Anhänger zählten Fakten weniger als Siegmunds Nahbarkeit und
       Optimismus. Er sprach mit jedem potenziellen Wähler, schüttelte Hände,
       klopfte Schultern, hörte zu – stets gut gelaunt, wenn auch leicht
       überdreht. Sein Politikstil: positive Emotionen und ein Wir-Gefühl – das
       sich natürlich auch gegen die Anderen richtet, nach unten tritt und
       ideologisch gegen Minderheiten hetzt.
       
       ## Wie würde die Partei im Ernstfall regieren?
       
       Wie Höcke 2024 setzte auch Siegmund auf ostdeutsche Symbole. Er fuhr etwa
       Simson-Mopeds, um DDR-Nostalgie zu wecken. Selbst das halb scherzhafte
       Absingen der DDR-Hymne störte seine Fans nicht.
       
       Krisen wie hohe Energiepreise, die Wirtschaftsflaute und die
       Unzufriedenheit mit der Bundesregierung treiben viele AfD-Wähler dazu,
       einen Bruch mit dem Bestehenden zu fordern – es müsse sich etwas ändern.
       Hinzu kommt eine weit voran geschrittene Normalisierung der AfD durch
       Verankerung im ländlichen Raum und Etablierung in Kommunalpolitik, aber
       auch Übernahme der Themen wie Migration durch Parteien der Mitte bei
       Missachtung vieler Fakten zu Migration. Beides sorgt für Entstigmatisierung
       von Rechtsextremen.
       
       Die Frage ist nun: Wie sind die genauen Mehrheitsverhältnisse nach
       Abschluss der Auszählung und stellt sich Siegmund zur Wahl? Denkbar wäre
       auch ein Szenario, in dem Siegmund bei der geheimen Wahl die wenigen
       fehlenden Stimmen aus der CDU bekommt. Greift die extrem rechte Partei
       tatsächlich nach der Macht? Oder setzt die Partei weiter auf
       Fundamentalopposition?
       
       Und wie würde die AfD im Ernstfall regieren? Setzt sie auf maximale
       Disruption, wie es in ihrem ultraradikalen Wahlprogramm angelegt ist, und
       krempelt so viel wie möglich um und sorgt für Krawall, um Sachsen-Anhalt in
       eine illiberale Enklave zu verwandeln? Oder verfolgt sie eine Strategie der
       schrittweisen Normalisierung, um sich harmloser zu geben und punktuelle
       Erfolge zu erzielen?
       
       Selbst die AfD-Spitze hatte mit einem so guten Ergebnis nicht gerechnet.
       Siegmund hatte vorsorglich [1][vor einer Woche bei der ultraradikalen
       Parteijugend angekündigt], die „Blutwurst-Koalition“ aus Linken bis CDU so
       lange unter Druck zu setzen, bis sie zerbricht – um dann bei Neuwahlen zu
       triumphieren.
       
       Wenn die CDU mit der Linken zusammen arbeiten müsse, sei man eben dem Ziel
       Zerstörung der Union ein Stück näher: „Das würde diese Partei über kurz
       oder lang zerreißen“, hatte Siegmund sich gefreut und „dann klappt es halt
       in Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Rheinland-Pfalz und überall in
       Deutschland“, tönte er. Die AfD bleibt bei ihrer kompromisslosen
       Fundamentalopposition: radikale Maximalforderungen statt Mäßigung.
       
       Ebenfalls kann die extrem rechte Partei in Sachsen-Anhalt mit ihrer
       Sperrminorität sämtliche Entscheidungen blockieren, die eine
       Zweidrittelmehrheit benötigen. Mit ihrer kritischen Größe kann sie
       Verfassungsänderungen verhindern. Immerhin schützt [2][eine
       Parlamentsreform aus dem Frühjahr] das Landesverfassungsgericht vor einer
       Blockade durch die AfD. Dort hat man einen Ersatzwahlmechanismus eingebaut
       und Überkreuzbeschäftigung von Familienangehörigen ausgeschlossen – wie sie
       im Zuge der AfD-Vetternwirtschaftsaffäre bekannt wurden. Auch das
       Vorschlagsrecht für den Landtagspräsidenten liegt nicht mehr allein bei der
       stärksten Fraktion. Für die Kündigung von Staatsverträgen gilt der
       Parlamentsvorbehalt.
       
       6 Sep 2026
       
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