# taz.de -- Antifaschismus in Sachsen-Anhalt: Wir sind nicht verloren
       
       > Max Schneller ist 17 und lebt in Sachsen-Anhalt. Weil er sich für
       > Demokratie einsetzt, wird er bedroht. Warum er seine Heimat nicht
       > aufgibt.
       
 (IMG) Bild: Jeder und jede sollte sich Margot Friedländers Worten „Seid Menschen“ verpflichtet fühlen, sagt Max Schneller
       
       Wo soll ich anfangen? Soll ich darüber schreiben, wie sehr ich am Ende
       meiner Kräfte bin? Soll ich darüber sprechen, welchen Preis man zahlt, wenn
       man sich in Sachsen-Anhalt für Demokratie starkmacht? Ich schreibe diesen
       Text mit „Strong“ von London Grammar auf den Ohren, um meine Emotionen noch
       besser auszudrücken. Ich will hier über vieles sprechen. Natürlich auch
       über die negativen Entwicklungen.
       
       [1][Am 21. April 2025 habe ich mich mit 16 Jahren auf die Querdenken-Demo
       in Bad Dürrenberg gestellt]. Ich bin hingegangen, um das zu tun, was
       eigentlich jeder andere auch hätte machen sollen. Ich bin hingegangen, um
       zu widersprechen. Gegen Holocaustleugnung. Wie falsch wäre es, das nicht zu
       tun – gerade 80 Jahre nach Ende des Hitlerfaschismus? Das habe ich mir
       immer wieder vor Augen geführt. Am Abend bin ich zur Demo und habe das
       offene Mikrofon ergriffen. Ich war so scheiße nervös.
       
       Von den Zwischenrufen, dem Gelächter und dem Spott wollte ich mich nicht
       beeindrucken lassen. Hab ich auch nicht. Als ich nach drei unglaublich
       langen Minuten fertig war, spürte ich eine Erleichterung. Aber ich stand
       dort alleine. Mein einziger Schutz in diesem Moment waren zwei
       Polizeibeamte. Die Menge der Demonstrierenden war aufgeheizt. Dabei habe
       ich doch nur das getan, was viele von ihnen immer wieder fordern: Ich habe
       meine Meinung kundgetan – vor Andersdenkenden. Trotzdem habe ich ab diesem
       Tag meine Sicherheit verloren. Unmittelbar nach der Rede, die ich auch in
       den sozialen Medien veröffentlichte, erhielt ich Drohungen, inklusive
       Gewaltandrohungen.
       
       Am 25. April saß ich bis fast 23 Uhr auf der Polizeiwache. Ich habe die
       Drohungen zur Anzeige gebracht. Nun riet mir die Polizei, die kommende
       Nacht nicht zu Hause zu schlafen. Daran hielt ich mich, obwohl ich genau in
       dieser Woche meine Abschlussprüfungen für den Realschulabschluss schrieb.
       Die Überlegungen gingen sogar so weit, ob ein Streifenwagen der Polizei vor
       dem Schultor stehen sollte, während ich Unterricht hatte. Dazu kam es
       nicht. Glücklicherweise? Ich weiß es nicht. Was wäre, wenn …? Diese Frage
       stellte ich mir ständig.
       
       ## Meine Geschichte
       
       Das ist meine Geschichte. Mein Name ist Max Schneller, ich bin heute 17
       Jahre alt und lebe in Sachsen-Anhalt. Ich bin hier geboren und
       aufgewachsen. Und ich habe das Privileg, hier eine lautstarke junge Stimme
       sein zu dürfen. In den sozialen Medien bin ich besser bekannt als
       „maximal.demokratisch“. Ich bin in sehr einfachen Verhältnissen
       aufgewachsen, teils leider auch in Armut. Ich weiß, was es heißt, nicht
       viel zu haben.
       
       Mit 16 bin ich zu Hause ausgezogen, für die Ausbildung. Dass ich diese
       später aufgrund meines politischen Engagements abbrechen musste, lässt mich
       beim Schreiben dieses Beitrags wieder stark schlucken. Zu meiner Mutter
       habe ich nur noch wenig Kontakt. Es hat sich einfach auseinandergelebt. Zu
       meinem Vater habe ich keinen Kontakt mehr. Er nimmt es mir übel, dass ich
       auf CSDs mitlaufe, mich symbolisch hinter Regenbogenflaggen stelle. Mein
       Engagement für Demokratie und Freiheit kostet mich also nicht nur meine
       Sicherheit, sondern auch die eigene Familie. Und ja, ihr könnt euch
       wahrscheinlich vorstellen, dass mir das sehr nahegeht. Abfinden werde ich
       mich damit sicherlich nie, und dennoch habe ich irgendwie einen Weg
       gefunden, damit umzugehen.
       
       Seit nun etwas mehr als einem Jahr stehe ich auch in der Öffentlichkeit.
       Die Öffentlichkeit, zumindest die politische, ist oft mehr Fluch als Segen.
       Im Februar gab es Vorfälle, bei denen nachts bei mir Sturm geklingelt
       wurde. Beim dritten Mal hat eine Person von außen an den Fenstern nach mir
       gesucht. Seitdem bin ich wieder mehr mit dem Staatsschutz in Kontakt. Meine
       Adresse wurde verstärkt bestreift, und ich werde als gefährdete Person
       eingestuft. Diese Vorfälle hatten zur Folge, dass ich von März bis Mai
       krankgeschrieben war, weil meine mentale Gesundheit sehr stark gelitten
       hatte. Ich musste meine Ausbildung abbrechen, bin in finanzielle
       Schwierigkeiten geraten und seither in Therapie.
       
       Beschissener geht es eigentlich kaum. Und jetzt, Ende Juli, gab es erneut
       einen Vorfall. Wieder nachts. Diesmal habe ich den Notruf gewählt. Vier
       Minuten lang dauerte das Telefonat. Für mich fühlte es sich an, als ob der
       Disponent mich nicht wirklich ernst genommen hat. Klingeln stelle keine
       Straftat dar, sagte er. Vielen Dank. Ich rufe ja aber nicht zum Spaß an,
       sondern weil ich Angst habe.
       
       ## Angst ist eine schlechte Ratgeberin
       
       Wisst ihr, mit der Angst ist das so eine Sache. Wir alle dürfen Angst
       haben, sie ist berechtigt. Aber Angst ist auch eine schlechte Ratgeberin.
       Sie macht Menschen für einfache Antworten empfänglich, und deshalb spielt
       die AfD mit Ängsten. Aber meine Angst bestimmt nicht darüber, ob ich
       weiterhin in der Öffentlichkeit stehe. Meine Haltung wird und muss immer
       lauter als Angst sein – und eure, die ihr das hier gerade lest, muss es
       auch sein. Natürlich wollen sie uns einschüchtern. Was soll die Antwort
       darauf sein? Aufgeben? Resignieren? Wann hat Resignation jemals einen
       einzigen Faschisten aufgehalten? Die Liebe, Solidarität und Menschlichkeit,
       die wir verbreiten, wird immer stärker sein als ihr Hass. Ich wünsche mir,
       dass wir uns daran wieder häufiger erinnern.
       
       Mir bereiten 43 Prozent in den Umfragen für die AfD in Sachsen-Anhalt auch
       Sorge. Aber ich werde deshalb nicht wegziehen oder mich verstecken. Eine
       AfD-Alleinregierung kann man nur vor Ort verhindern, nicht von Berlin aus.
       
       Wenn ich unsicher bin, denke ich gern an eine Frau, die mir immer wieder
       Orientierung gibt: [2][die Holocaustüberlebende Margot Friedländer]. Ihre
       einfachen Worte –„Seid Menschen“ – sind die ganze Ethik dieses Landes.
       Jeder und jede sollte sich ihnen verpflichtet fühlen. Ich will mich an sie
       halten. Diese Gesellschaft sollte wieder mehr Margot Friedländer statt
       Ulrich Siegmund wagen.
       
       In den letzten Wochen habe ich mich ziemlich oft vor den Kopf gestoßen
       gefühlt. Da werden Videos über Sachsen-Anhalt gedreht, in denen uns ständig
       ein einseitiges Bild übergestülpt wird. Und überall diese
       Weltuntergangsstimmung, die ständig produziert wird und die vermittelt, wir
       seien verloren. Wer sagt das jetzt den mutigen Bitterfelder*innen, die
       jeden ersten Montag im Monat auf dem Marktplatz stehen – für Demokratie;
       wer sagt es den mutigen Eislebener*innen, die jeden Freitag dasselbe tun?
       
       ## Kämpft für die Demokratie
       
       Wer sagt das den [3][Menschen auf den CSDs in Merseburg], Sangerhausen,
       Naumburg, Stendal, Wittenberg, Köthen oder Schönebeck? Wenn wir nicht die
       Zivilgesellschaft sind, wer dann?
       
       Macht die AfD nicht stärker und lauter, als sie ist. Teilt nicht ständig
       diese negativen Schlagzeilen. Ich weiß, für viele bringt das Klicks und
       Kohle, doch für uns Engagierte fühlt sich das jedes Mal an wie ein Schlag
       in die Magengrube. Sachsen-Anhalt ist so viel mehr – und ihr alle könntet
       einen großen Teil dazu beitragen, dass dieses Mehr sichtbarer wird.
       
       Sachsen-Anhalt ist nicht verloren. Nicht, solange wir noch hier sind. Also
       kämpft für diese Demokratie. Sonst kämpft sie bald nicht mehr für euch.
       
       30 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Max Schneller
       
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