# taz.de -- Bildungsministerin streicht Beratung: Werd' doch Lagerist bei Amazon
> Die Caritas schlägt Alarm, weil Bildungsministerin Karin Prien ein
> Programm einstellen will, das jungen Zugewanderten bei der
> Studienaufnahme hilft.
(IMG) Bild: Viel zur erklären: Beratung eines ausländischen Studenten
Es gebe da diesen einen Satz, der ihm seit fünf Jahren nicht aus dem Kopf
gehe, sagt Abdul Masih Daaboul. „Studium ist ein privates Vergnügen.“
Gesagt habe ihn seine damalige Jobcenter-Beraterin. Die wollte, dass er
einen Job als Lagerist bei Amazon oder DHL annimmt – oder vielleicht eine
Pflegehelfer-Ausbildung anfängt.
Aber Daaboul wollte gern das Medizinstudium fortsetzen, das er vor seiner
Flucht in Syrien begonnen hatte: „Bei allem Respekt, ich glaube, ich kann
Deutschland doch mehr dienen und mehr Patienten versorgen, wenn ich Arzt
werde, als wenn ich in einem Lager arbeite.“ Mittlerweile ist der
26-Jährige im vierten Studienjahr der Humanmedizin an der Medizinischen
Hochschule Hannover (MHH). Doch bis dahin war es ein weiter und
verschlungener Weg.
Ohne die Hilfe der Bildungsberaterin Tanja Gomm bei der Caritas hätte er
vielleicht irgendwann aufgegeben, sagt der junge Syrer. Sie hat sich nicht
nur mit dem Jobcenter auseinandergesetzt, sondern ihm auch geholfen
klarzukriegen, welche Sprach- und Vorbereitungskurse er braucht, wie er
sein syrisches Abitur anerkannt bekommt, wie man an einen Praktikumsplatz
kommt, sich durch die Studienbewerbung beißt und durch Bafög-Anträge.
Und – auch das ist wichtig – [1][das Programm, für das Tanja Gomm arbeitet,
der „Garantiefonds Hochschule“] hat einen großen Teil der
studienvorbereitenden Kurse und Bewerbungskosten finanziert. Und deshalb
sitzt Daaboul jetzt auf dem Podium neben seiner Beraterin und mit vier
weiteren ehemaligen und aktuellen Stipendiaten aus der Ukraine und aus
Russland.
## Das Programm soll ersatzlos gestrichen werden
Weil das Programm, das ihnen den Weg ins Studium geebnet hat, eingestellt
werden soll. So hat [2][es das Bundesbildungsministerium unter Karin Prien
(CDU)] verkündet. Mehr als 50 Jahre lang existierte das Programm – schon
seit der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der Auftrag: Hilfe und Stipendien
für junge Zugewanderte, die studieren wollen oder ein Studium fortsetzen
wollen.
Eine wirklich inhaltliche Begründung dafür, warum dieses Bemühen plötzlich
für überflüssig gehalten wird, habe man nicht bekommen, sagt Lea
Schönberger, die bei der Caritas Hannover den Bereich soziale Dienste
leitet. Es gab auch keine Evaluation des Programmes oder Ähnliches.
Das Einsparpotenzial ist überschaubar: 15 Millionen Euro stellt das
Ministerium dafür jährlich bundesweit bereit. Daraus werden bundesweit 21
Beratungsstellen und eine Koordinierungsstelle finanziert; die Verwaltung
der Stipendien übernimmt die Otto-Benecke-Stiftung in Bonn. Rund die Hälfte
dieser 15 Millionen fließt unmittelbar in die Finanzierung von Sprachkursen
und Stipendien. Bezogen auf das Gesamtbudget des Bundesbildungsministeriums
sind das eher Peanuts.
Die Förderstruktur ist allerdings ein bisschen kompliziert: Die meisten
Beratungsstellen sind bei Wohlfahrtsverbänden angedockt, weil die eben auch
sonst in der Migrationsberatung tätig sind. Hier gibt es erfahrene Teams,
die über Jahrzehnte Netzwerke aufgebaut haben, die nicht so leicht zu
ersetzen sind, betont die Caritas in Hannover.
An diesem Standort allein hängen fast drei Personalstellen: eine Vollzeit-
und eine Dreiviertelstelle in der Beratung und eine Vollzeitstelle in der
Verwaltung. Das Einzugsgebiet umfasst neben der Region Hannover auch die
Landkreise Hildesheim, Celle, Gifhorn, Uelzen, Soltau-Fallingbostel,
Nienburg (Weser), Schaumburg, Hameln-Pyrmont und Minden-Lübbecke.
750.000 Euro kostet das im Jahr, rund die Hälfte fließt in
studienvorbereitende Kurse und Stipendien. Bis Mitte August haben sie in
diesem Jahr 290 Menschen beraten. 68 haben eine finanzielle Förderung
bekommen, von denen haben 66 ihre Studienzulassung geschafft.
Und die Betroffenen können nicht einfach so an andere Stellen verwiesen
werden, erläutert Gomm. Die Jobcenter sind für eine Studienberatung nicht
wirklich gerüstet und bringen oft nicht die nötige Geduld auf: Hier liegt
der Fokus darauf, die Leute möglichst schnell in Arbeit (und sei es auch
geringqualifizierte Jobs) zu bringen und aus dem Leistungsbezug zu
bekommen.
Die Studienberatungen der Universitäten selbst beschränken sich auf die
eigene Universität und ihre Aufnahmebedingungen und stoßen an ihre Grenzen,
wenn es um die Anerkennung ausländischer Abschlüsse oder den Überblick über
studienvorbereitende Bildungsangebote bundesweit geht.
Junge Geflüchtete wie Abdul Masih Daaboul fallen dabei genauso in eine
Lücke wie die vier, die neben ihm sitzen: Oleksandr „Sascha“ Yaremchuk, der
demnächst sein Studium des Schiffbaus an der Technischen Universität
Hamburg aufnehmen möchte und der aus der Ukraine geflüchtet ist.
Anastasiia Kurkina, ebenfalls aus der Ukraine, die vor dem Krieg in Estland
studiert hat und nun in Hannover ihren Master in Wirtschaftswissenschaften
machen möchte. Mariia Denisova aus der Ukraine, die ebenfalls Medizin
studieren möchte. Nikita Iarkov, der aus politischen Gründen aus Russland
geflohen ist, am Studienkolleg sein Abitur nachgemacht hat und nun in
Berlin Sprachwissenschaften studieren will.
Sie alle sagen, dass sie ihren Weg nur mithilfe dieser speziellen
Bildungsberatung bewältigen konnten. Niemand sonst biete diese
Unterstützung, im Gegenteil: Das Jobcenter sei oft eher hinderlich. „Es
geht dabei nicht nur um die finanzielle, sondern auch die psychologische
Unterstützung“, sagt Mariia Denisova.
## Programm stand schon einmal auf der Kippe
Die Einstellung dieses Programmes, sagt Andreas Peters, der bei der Caritas
Hannover die Bildungsberatung leitet, erscheint auch deshalb vollkommen
widersinnig, weil das Ministerium auf der anderen Seite großartige
Qualifizierungsoffensiven verkündet, mit denen unter anderem die
Unterstützung ausländischer Fachkräfte und die Anerkennung ihrer
Berufsabschlüsse gestärkt werden soll.
„Hier haben wir intrinsisch motivierte, junge Menschen, die schon da sind,
die einen Aufenthaltstitel haben, die im Leistungsbezug sind – und die
werden einfach ausgebremst“, wundert sich Peters. Das sei doch auch
volkswirtschaftlicher Unsinn. Immerhin würde ja jemand, der später als
Ingenieur oder Arzt arbeitet, diese Investitionen in seinen Bildungsweg
auch in kürzester Zeit über Steuern und Sozialabgaben wieder einspielen.
Über die Gründe können die Caritas-Berater nur spekulieren: Vermutlich
passt das Programm nicht mehr in den Zeitgeist. Es stand allerdings auch
unter der Ampel-Koalition schon einmal auf der Kippe. Damals, so haben es
jedenfalls die Programmmitarbeiter wahrgenommen, wesentlich getrieben vom
[3][Spardruck aus dem Finanzministerium]. Möglicherweise erschien dem
damals FDP-geführten Ministerium auch die kleinteilige Struktur und die
intensive, individuelle Beratungsweise suspekt.
„Damals sind uns Mitarbeitende verloren gegangen, weil sie diese
monatelange Unsicherheit nicht aushalten konnten“, sagt Abteilungsleiterin
Lea Schönberger. Erst auf den letzten Metern, bei den Haushaltsberatungen
im November, wurde die Entscheidung zurückgezogen. Auch jetzt hängen wieder
viele in der Luft: Mitarbeitende, Stipendiaten, Kooperationspartner. Es sei
nicht einmal klar, was mit den schon angefangenen Maßnahmen passiert, wenn
das Programm wie angekündigt zum Jahresende ausläuft.
Deshalb macht man jetzt in Hannover und andernorts mobil, in der Hoffnung,
dass sich das Ganze noch einmal drehen lässt. Mitarbeitende und
[4][ehemalige Stipendiaten haben auch eine Online-Petition gestartet], die
schon mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt hat. Sie alle hoffen, dass
der Haushaltsausschuss am Ende doch noch einmal ein Einsehen hat.
3 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Haushaltsverhandlungen-der-Regierung/!5954770
(DIR) [2] /Karin-Prien/!t6095097
(DIR) [3] /Das-steckt-im-Haushalt/!6193440
(DIR) [4] https://weact.campact.de/petitions/bildungsberatung-gf-h-starken-statt-streichen
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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