# taz.de -- Integrationsprojekt vor dem Aus: Zukunftschancen ohne Zukunft?
> Das Integrationsprojekt „Flucht nach vorn“ steht kurz vor dem Aus. Es
> unterstützt junge Geflüchtete, die durchs Raster des Regelschulsystems
> fallen.
(IMG) Bild: Der Lehrer Alessio Trevisani und seine Schüler*innen im Deutsch-Abschlusskurs A2.1 in Berlin-Rummelsburg
„Was seht ihr?“, fragt Alessio Trevisani, von seinen Schüler*innen
liebevoll nur mit „Lehrer“ angesprochen, während er ein Bild austeilt.
Darauf sind zwei Personen zu sehen: Ein junger Mann und ein Kind spazieren
Hand in Hand. Kaum ist die Frage gestellt, rufen die Schüler*innen Sätze
in den Raum: „Sie sehen glücklich aus!“ –„Das sind Vater und Sohn!“ – „Sie
laufen barfuß!“
Die Tische sind zu einem U zusammengestellt, an der linken Seite sitzt
Shaahusain Muzazai, er hat seine Winterjacke noch an, wie viele hier im
Raum. Er erzählt, dass es eine Barfußstraße in Berlin-Wedding gibt. Der
Lehrer schaut ihn fragend an: „Laufen da alle barfuß?“ – „Nein“, lacht
Shaahusain, „so heißt die Straße.“
Trotz der glatten Gehwege und den Minusgraden sind an diesem Januarmorgen
12 von 13 eingeschriebenen Teilnehmer*innen zum Deutsch-Abschlusskurs
A2.1 des Projekts „Flucht nach vorn“ nach Berlin-Rummelsburg gekommen.
Unter ihnen Menschen aus Afghanistan, Irak, Georgien, der Türkei,
Kambodscha, Benin und weiteren Ländern. Sie sind zwischen 16 und 22 Jahre
alt.
Der 18-jährige Shaahusain aus Afghanistan ist seit knapp drei Jahren in
Berlin. Zunächst war er in einer Willkommensklasse auf einer Schule in
Berlin-Lichtenberg. „Ich habe mich nicht so wohlgefühlt, war dort nicht
glücklich“, erzählt er. Auch weil es ihm zu viele Personen in einer Klasse
gewesen seien.
## In kleinen Gruppen lernen
Seit fast einem Jahr ist er bei „Flucht nach vorn“. Hier kann er in einer
kleineren Gruppe und einem langsameren Tempo Deutsch lernen. „Alle Leute
sind sehr freundlich, ich bin wirklich glücklich hier“, sagt Shaahusain.
Das [1][Integrationsprojekt „Flucht nach vorn“] von der Stiftung
Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI) ist einer der wenigen
außerschulischen Orte in Berlin, an dem junge Geflüchtete von 16 bis 25
Jahren täglich Deutsch lernen können. Die Kurse richten sich vor allem an
diejenigen, die nicht den Übertritt von der Willkommensklasse in eine
Regelklasse schaffen, oder die zu alt für die Schulpflicht und die
Jugendhilfe sind. Oft haben sie einen geringen Bildungshintergrund und
waren nur wenige Jahre in einer Schule.
Auch Alphabetisierungskurse, Mathekurse und sozialpädagogische Betreuung
sind Teil des Projekts. Dabei spielt der enge Austausch mit den zuständigen
Sozialarbeiter*innen und Einrichtungen eine große Rolle. Im
Regelschulsystem fehlen dafür oft die Kapazitäten. Zurzeit nutzen fast 200
Personen die Angebote. Martina Gartner, seit fünf Jahren die
Projektleiterin von „Flucht nach vorn“ sagt: „Wir erfüllen eine wichtige
Brückenfunktion.“
## Seit fast 40 Jahren eine Brückenfunktion
Schon seit fast 40 Jahren kann diese Brückenfunktion bei jungen
Geflüchteten ihre Wirkung zeigen. Doch jetzt steht es um die Zukunft des
1987 gegründeten Projekts nicht gut. Ende November 2025 kam die Nachricht,
dass die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie ihre Förderung
komplett einstellen will.
Dabei hat sich das Projekt vor zwei Jahren noch stark vergrößert. Die
Anzahl des Personals und der Teilnehmer*innen ist fast um das Doppelte
gestiegen. „Das Schlimmste, was wir befürchtet haben, war, dass wir
Stellenanteile verlieren und uns wieder verkleinern“, sagt die
Projektleiterin.
Die Sorge, dass es Kürzungen gebe, habe jeder Träger am Jahresende, meint
Gartner, aber da sie bis Ende November nichts Negatives gehört hatten, war
die plötzliche Nachricht vom Aus ein „großer Schock“.
Klar ist, dass das laufende Semester noch abgeschlossen werden kann. Wie es
Anfang Februar weitergeht, ist im Moment noch unklar. „Wir sind total in
der Schwebe“, sagt Projektleiterin Gartner.
## Abschließende Aussage zur Finanzierung nicht möglich
Auf Anfrage der taz bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und
Soziales bestätigt diese: „Eine abschließende Aussage zur Finanzierung des
Projekts ‚Flucht nach vorn‘ ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich.“ Der
Prozess befinde sich in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Arbeit,
Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung
(SenASGIVA) und sie würden die dort ausstehenden Entscheidungen abwarten.
Auf Nachfrage bei der SenASGIVA, teilt diese der taz jedoch mit, dass eine
Finanzierung des Projekts im jetzigen Doppelhaushalt nicht vorgesehen sei.
In ganz Berlin sind ähnliche Projekte von Kürzungen oder sogar einem Ende
der Finanzierung betroffen. Was rund um die Haushaltsverhandlungen immer
wieder seitens der Träger und Projektbeteiligten beklagt wird: das
Kommunikationschaos und die damit einhergehende Unsicherheit. Auch für den
Ende Dezember beschlossenen Rekordhaushalt 2026/27 waren zunächst große
Einsparungen in vielen Bereichen vorgesehen.
Doch kurz vor Beschluss des Doppelhaushalts die Überraschung: Viele
angekündigte Kürzungen werden doch nicht vorgenommen. Auch wenn das für
viele Projekte eine gute Nachricht ist, hat die vorherige
Kürzungsankündigung längst Spuren in den einzelnen Strukturen hinterlassen.
Das ist auch der Fall beim Projekt „Flucht nach vorn“. Bereits drei
Honorarlehrkräfte hätten Martina Gartner mitgeteilt, dass sie aufgrund der
unsicheren Zukunft aufhören. Würde das Projekt weiterfinanziert, müsste
Gartner erst mal neue Stellen ausschreiben. Das würde bedeuten, dass sich
der nächste Semesterstart verzögert. Diese Unterbrechung dürfe nicht zu
lange dauern, sonst verlassen die Honorarkräfte, die noch geblieben sind,
das Projekt. Denn „kein Unterricht kann für sie existenzbedrohend sein“,
sagt Gartner.
## Psychische Stabilität und Alltagsstruktur
Zu große Lücken, ob durch einen verzögerten Semesterstart oder durch ein
komplettes Ende des Projekts, sind auch für die Teilnehmer*innen
hochproblematisch. Denn sie brauchen die psychische Stabilität,
Alltagsstruktur und eben auch die an die Kurse gebundene Fortsetzung der
Jugendhilfen.
Etwa 30 Prozent der jungen Geflüchteten bei „Flucht nach vorn“ sind in der
Jugendhilfe, haben also ein Umfeld, das sie auffangen kann. Martina Gartner
und ihre Mitarbeiter*innen beginnen schon jetzt, mit den
Betreuer*innen in den Austausch zu treten, damit sie früh nach
Alternativen suchen können. „Schwieriger wird es bei denen, die nicht
betreut sind“, sagt Gartner.
Das sind zum Beispiel Personen, die in Gemeinschafts- oder in
Obdachlosenunterkünften leben. Bildungsangebote für diese jungen Menschen
seien in Berlin sehr begrenzt. „Ich bin nicht zuversichtlich, dass wir
allen ein Alternativangebot anbieten können“, sagt Gartner. Für Personen
aus dieser Gruppe, die im Alphabetisierungskurs sind oder die eine enge
sozialpädagogische Betreuung brauchen, werde es besonders schwierig. „Ein
Angebot wie ‚Flucht nach vorn‘ gibt es für sie nicht noch mal in Berlin“,
sagt die Projektleiterin.
Was Martina Gartner fordert, ist eine andere Finanzierungsstruktur. „Es
gibt ein Projekt, von dem man anscheinend seit 40 Jahren überzeugt war,
dass die Stadt es braucht, warum muss es dann eine jährliche Finanzierung
sein, warum kann man nicht längerfristig planen?“ Der Bedarf sei
schließlich nicht plötzlich weg.
Wenn das Projekt als Bildungsbrücke abgebaut oder abgebrochen wird, „dann
verlieren nicht nur die teilnehmenden Personen Zukunftsperspektiven, es
entstehen dabei auch hohe finanzielle und gesellschaftliche Kosten“, sagt
Martina Gartner.
Shaahusain ist einer der Glücklichen, die noch mithilfe des Projekts
Zukunftsperspektiven aufbauen können. Er möchte erst mal die B1-Prüfung
schaffen und dann eine Ausbildung machen. In welchem Beruf, das sei noch
offen, vielleicht Krankenpfleger oder Maler. Wenn er könnte und das Projekt
weitergeführt werde, würde er gern noch einen A2-Kurs bei „Flucht nach
vorn“ machen, sagt er, „Ich will hierbleiben.“
21 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.stiftung-spi.de/service/projekte/detail/fnv
## AUTOREN
(DIR) Clarissa Hofmann
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