# taz.de -- 20 Jahre Radialsystem Berlin: Den Atem anhalten
> Partyboote schippern vorbei, wenn im „Radialsystem“ an der Spree neue
> Formen ausprobiert werden. Jetzt feiert das Kulturzentrum 20-jähriges
> Jubiläum.
(IMG) Bild: Das Radialsystem feiert sein 20-jähriges Bestehen
Die Kinder und der Wind müssen mitspielen, wenn das Radialsystem in Berlin
sein 20-jähriges Bestehen als Ort der Künste feiert. Denn luftgefüllte
Skulpturen aus Stoff, die auf den Wind und die Sonnenwärme reagieren, sind
Teil der Performance „Greyline“ der Choreografin und Künstlerin Renae
Shadler. Was unsichtbar ist, wie die Luft, die uns umgibt und die wir mit
allen teilen, wird zum Bild. Die Bewegungen von fünf Performer:innen
verflechten sich mit denen der Skulpturen.
Für das Jubiläum des Radialsystems hat Daniella Strasfogel eine Fassung für
Kinder erarbeitet, um mit der Performance das alte Pumphaus an der Spree
und seine Umgebung zu erkunden. Strasfogel ist die [1][Initiatorin der
Reihe „Schrumpf“], die von anspruchsvollen Performances Versionen für
Kinder erarbeitet. Aber auch für Erwachsene ist es erhellend und macht
Spaß, den „Schrumpf“-Versionen zu folgen.
Auch Sasha Waltz & Guests haben seit mehr als 15 Jahren eine Kinder- und
Jugendcompany, die einen Workshop geben wird, wenn es am Samstag, dem 12.
September, heißt „Radialsystem für alle“. Der Gedanke an die nächsten
Generationen von Künstler*innen und Zuschauenden ist immer wieder
gegenwärtig im Programm des Radialsystems.
Ende August zeigte Sasha Waltz dort ein Doppelprogramm von einer frühen und
einer neuen Choreografie. [2][Das 30 Jahre alte Stück „Zweiland“] wurde mit
einer neuen Besetzung getanzt, eine Form von Repertoire-Erhalt und
Weitergabe. „Zweiland“ ist geprägt von kuriosen Bildern, schnell
ineinandergleitenden Szenen, von Slapstick und Groteske. Anekdotisch,
narrativ und witzig sind die Szenen, während einzelne Lieder eher von
Romantik und Melancholie zeugen.
## Wie Tanz aus Tanz entsteht
Wie mit einem Messer hackt eine Tänzerin auf dem Tisch mit den Absätzen
ihrer Stilettos nach den Händen eines Mannes, der sie immer nur knapp
wegzieht; ein Flirt auf des Messers Schneide. Frauen halten sich an ihren
Zöpfen und ziehen sich damit in Drehungen hinein, Tänzer werden wie Puppen
bewegt und auch etwas gequält, was aufgebaut wird, fällt gleich wieder um.
Risikoreiche Spiele, Verwandlungs- und Erfindungslust treiben das Stück an,
das nicht selten an einen Jahrmarkt erinnert.
Gegenüber diesem bilderreichen Tanztheater glich die neue Produktion „for
the time being“, in der Waltz selbst nach langer Zeit wieder mit acht
Performer*innen auftrat, einer Lecture darüber, wie Tanz aus Tanz
entsteht, aus der Improvisation und der Reaktion aufeinander und auf eine
fordernde Musik.
Die Komposition von Diego Noguera, der selbst am elektronischen Pult stand,
flutete den Raum mit engmaschigen Informationen und dichten Spannungen, die
selbst den Zuhörenden das Stillsitzen schwer machten. Nicht selten hielt
man den Atem an vor Spannung. Impulse wie Schutz suchen, Gemeinschaften
bilden, sich gegen den Druck stemmen konnte man in den tänzerischen
Begegnungen ebenso entdecken wie Positionen der Einsamkeit und/oder der
Sturheit. Beeindruckend war, wie unterschiedlich die Körper die Dynamik des
Sounds interpretierten.
Sasha Waltz & Guests waren schon dabei, als das Radialsystem vor zwanzig
Jahren von Jochen Sandig, unter anderem der Produzent und Dramaturg von
Sasha Waltz, und Folkert Uhde, Musikmanager und Spezialist für Alte Musik,
gegründet wurde. Anfangs wurde das alte Pumpwerk an der Spree von einem
privaten Investor gemietet. Das Radialsystem bekam bis 2018 keine
institutionelle Förderung; mit Vermietungen für unternehmerische und
politische Events versuchten sie neben dem Kulturprogramm die Kosten
hereinzuspielen. 2018 kaufte der Senat das Haus, der alte Mietvertrag lief
weiter; demnächst steht ein neuer an. Seit 2017 erhält das Radialsystem
eine Förderung der Infrastruktur für die Zeit, in der es als Kulturort
genutzt wird, etwa sieben Monate im Jahr. Doch auch die Vermietungen müssen
weiter laufen und decken etwa ein Drittel der Kosten.
Damit hat das Radialsystem noch keine eigenen Produktionsmittel. Die muss
es für seine Programme einwerben, das beschäftigt es beinahe täglich. Und
die auftretenden Künstler*innen müssen Förderung mitbringen. Dafür
werden sie dann mit Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und technischer
Umsetzung unterstützt, wie Matthias Mohr, seit acht Jahren künstlerischer
Leiter, erzählt. Das Haus gilt als Ankerinstitution, die Förderung der
Infrastruktur ist mit der Aufgabe verbunden, Künstler*innen aus der
Freien Szene Berlins eine Bühne bieten.
Oft begleitet Livemusik die Tanzstücke im Radialsystem, zum Beispiel
[3][„In C“ von Sasha Waltz], Teil des Festprogramms, mit Minimalmusik von
Terry Riley. Oder Konzerte wandeln sich in Installationen, die die
Zuhörenden selbst in Bewegung setzen und das Hören körperlich
intensivieren. Zwei der Musikensembles, die im Feierprogramm auftreten, das
Solistenensemble Kaleidoskop und das Andromeda Mega Express Orchester,
bestehen ebenfalls seit zwanzig Jahren und sind dem Radialsystem schon
lange verbunden.
## Deutschlandpremiere von „Walden“
Ein Höhepunkt wird die Deutschlandpremiere von Heiner Goebbels Komposition
„Walden“ sein, vom [4][Solistenensemble Kaleidoskop] und dem Ensemble Klang
aus Den Haag interpretiert. „Walden“ entstand 1998 und wird nur selten
aufgeführt. Schon das Arsenal der Instrumente ist ungewöhnlich, darunter
ein Steel Cello und eine Bow Chimes. Beide Instrumente entwickelte Bob
Rutman, ein lange in Berlin lebender amerikanischer Künstler, der zwischen
bildender Kunst, Installation und Musik wandelte und vor seinem Tod in den
Aufführungen von „Walden“ mitspielte.
Er las auch Auszüge aus Thoreaus Text, etwa über die Reduktion aller Dinge
des täglichen Bedarfs in der selbstgebauten Blockhütte. Oder über die
Erhabenheit der Landschaft, den Wechsel der Jahreszeiten, den distanzierten
Blick auf das, was einmal sein social live war, und über die geschärften
Sinneswahrnehmungen in seiner Zeit im Wald. Diese Rolle hat jetzt Keir
Neuringer vom Ensemble Klang übernommen, der auch Vogelstimmen imitiert und
Geräusche wie Schlagen auf Holz oder Rieseln von Steinchen einbringt.
Die Spannung zwischen dem Rückzug, von dem der Text erzählt, und der
Offenheit für neue Erfahrungen ist aufregend zu spüren in diesem
Orchesterwerk. Manchmal dringt ein jazziger Rhythmus durch, manchmal
erlaubt die Klanglandschaft sich, den Blick in die Weite und in die
Unendlichkeit zu imaginieren. Aber es kann auch unheimlich werden und
beängstigend, wenn ein Ton wie von Sirenen alles beherrscht.
Ein bisschen schräg, ein bisschen wild, manchmal anarchistisch; oft aber
auch kulturbeflissen und gebildet – das ist eine Mischung, die viele
Projekte im Radialsystem ausgezeichnet hat. Viele, die über die Jahre
hinweg hier auftraten, sind hier mit anderen Künstler*innen zum
Experimentieren zusammengekommen. 20 Jahre Radialsystem erzählen deshalb
auch von Beziehungen, die hier gewachsen sind. Dabei treten auch alte und
neue Avantgarden in einen Dialog. [5][Im Frühsommer trat Germaine Acogny
auf], eine Pionierin des afrikanischen Tanzes, die auf ihre Geschichte und
die ihres Vaters zurückblickte. Das war auch der Auftakt zu einer
diskursiven Reihe, die sich mit dem Wissen des Körpers und der
Dekolonisierung des Körpers im Tanz beschäftigt.
3 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [5] /Germaine-Acogny-im-Radialsystem-Berlin/!6181925
## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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