# taz.de -- Das 13. „Heroines of Sound Festival“: Topfpflanze im Noisegewitter
       
       > Das „Heroines of Sound Festival“ hat in seiner 13. Ausgabe einen
       > Klangbogen von Francis Bacon bis Brausepulver gespannt. Das meiste ist
       > kurzweilig.
       
 (IMG) Bild: Die Vorstellung des Albums „Otonomia“ durch Komponistin Midori Hirano markiert ein Highlight des Heroines of Sound Festivals
       
       Wann hat endlich die Topfpflanze ihren Auftritt, die inmitten eines Kreises
       der Musiker:innen des Spółdzielnia Muzyczna Contemporary Ensembles
       steht? Die meiste Zeit versperrt sie den Blick auf den Cellisten, was
       schade ist. Doch zum Ende der Performance, als Żaneta Rydzewskas
       Komposition „eco stories“ zur Aufführung kommt – dem letzten von fünf
       bemerkenswerten Stücken – spielt die Pflanze endlich mit. Das behaupten
       zumindest die Credits.
       
       In „eco stories“ geht es um das Anthropozän, um Fragilität und
       Transformation. Und Pflanzen können ja tatsächlich ultraschallartige
       Signale aussenden, die mithilfe von Technik in – auch für uns – hörbare
       Klänge verwandelt werden. Das Stück mäandert zwischen filigranen Sounds und
       dystopischem Noisegewitter.
       
       Der konkrete Beitrag der Grünpflanze bleibt nebulös, im wahrsten Sinne des
       Wortes. Am Ende gruppieren sich die Musiker um sie, eine Nebelmaschine geht
       an – und alles löst sich in roten Schwaden auf. Trotzdem ist der Auftritt
       des Ensembles aus Krakau (übersetzt heißen sie „Musikgenossenschaft“, ein
       Verweis auf den selbstverwalteten Ansatz des Kollektivs) ein Highlight des
       [1][Heroines of Sound Festivals] im Berliner [2][Radialsystem].
       
       Bereits zum 13. Mal ermöglichte [3][das Festival] über drei Tage
       feministische Perspektiven auf avantgardistische Klänge und experimentelle
       Elektronik. Jede Ausgabe verfolgt einen etwas anderen Schwerpunkt; diesmal
       liegt er auf Klangwelten der asiatischen Diaspora, mit Schwerpunkt auf
       Japan – was aber eher für grobe Orientierung sorgt, als einen festen Rahmen
       zu setzen.
       
       Zum Glück, denn so gibt es bei dieser Ausgabe [4][auch Raum für das
       vielseitige Werk der Komponistin Iris ter Schiphorst], die an feministische
       Diskurse mit Humor andockt. Auf die Bühne gebracht wird die Werkschau vom
       Ensemble Mosaik und der charmesprühenden Sängerin Anna Clementi, die
       unterschiedlichste Register bespielt.
       
       Das Spektrum an Klängen und Gefühlslagen auf dem Festival ist sowieso
       bemerkenswert. Etwa, wenn der seltsam vertraute Elektrobarock von Miako
       Klein und Jia Lim peu à peu neue Facetten offenlegt. Das anfängliche Gefühl
       von Vertrautheit ist wohl dem Klang des Cembalos geschuldet, der hier
       dominiert. Schließlich ist es das wohl charakteristischste Tasteninstrument
       des Barocks.
       
       Die vielen Effektpedale am Boden deuten jedoch an, dass diese Klangreise zu
       später Stunden bald Haken schlagen wird. Für ihr Album „Nova Atlantis“
       haben sich Klein und Lim von dem gleichnamigen utopischen Roman von Francis
       Bacon inspirieren lassen – nicht dem Maler, sondern dem Philosophen und
       Staatsmann, [5][der das Werk wohl 1623 verfasst hat]. Ihre Musik entwickelt
       daraus eine Atmosphäre zwischen Traum und latenter Verstörung.
       
       Das Wechselbad der Gefühle, das die Kuration freisetzt, hält Höhepunkte
       bereit, aber auch Tiefschläge. Die künstlerische Leiterin Bettina
       Wackernagel ließ sich diesmal von den Ko-Kuratorinnen Helen Heß, Sabine
       Sanio und Midori Hirano unterstützen. Letztgenannte stellt dann am Freitag
       auch ihr schwebend-wohlklingendes, zwischen Klavier und elektronischen
       Klängen oszillierendes Album „Otonoma“ vor – definitiv ein Highlight.
       
       ## Ein äußerst lahmer Abschluss
       
       Weniger gelungen dagegen wirkt das Musikdrama „Em-Body-Ment“ der
       Komponistin Leah Muir: eine Fusion aus Musik, Video und Libretto. Auf die
       Bühne gebracht wird es von der Sopranistin Irene Kurka, der Percussionist
       Michael Weilacher ist über Video zugeschaltet.
       
       Beide repräsentieren recht klassische Geschlechterbilder und wenngleich das
       Programmheft eine „Überwindung des binären Systems“ verspricht, bleibt doch
       unklar, wie das passieren soll. An Überraschungsmomenten, Doppelbödigkeit
       oder gar den in Aussicht gestellten transzendentalen Erfahrungen fehlt es
       bei dieser Performance.
       
       Unklar bleibt auch, warum sich das Publikum auf Ansage die vorab verteilte
       Knisterbrause in den Mund schieben soll. Macht die nur in meinem Kopf so
       viel Lärm oder hört man das im ganzen Raum? In diesem Moment scheint das
       die interessanteste Frage zu sein. Schade, dass drei kurzweilige,
       vollgepackte Abenden einen derart lahmen Abschluss finden.
       
       13 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.heroines-of-sound.com/
 (DIR) [2] /Germaine-Acogny-im-Radialsystem-Berlin/!6181925
 (DIR) [3] /Festival-fuer-elektronische-Musik/!6100750
 (DIR) [4] /Die-Kunst-des-Umwanderns/!752574&s=Iris+ter+Schiphorst&SuchRahmen=Print/
 (DIR) [5] https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/11645/1/Licht_2006_NovaAtlantis.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stephanie Grimm
       
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