# taz.de -- Begegnungen mit Fremden: Wenn die Kinder aus dem Haus sind
       
       > Was tun, wenn die Stille im leeren Haus drückt? Wie findet man neue
       > Hobbys, Freunde oder Kollegen? Vielleicht im öffentlichen Nahverkehr
       
       W. und ich unterhalten uns beim Aussteigen auf dem S-Bahnhof Yorckstraße,
       wie es ist, wenn die Kinder weggehen und dann wiederkommen oder öfter da
       sind. „Und da merkt man plötzlich, dass man sich ziemlich an den Zustand
       gewöhnt hat, dass man mittlerweile allein ist und so frei über seine Zeit
       verfügen kann. Vor zwei Jahren war das noch trauriger.“ „Wem sagst du das?
       Ich bin so allein mit mir, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann,
       dass irgendjemand mal länger als für eine Woche bei mir wohnt.“ Ich lache.
       „Kann sich schnell ändern.“
       
       Eine blonde Frau mit einer Lesebrille auf dem Kopf hört zu und sieht mich
       neugierig an. „Entschuldigung, aber das klingt so hoffnungsvoll. Also wird
       es besser, ja?“ Ich nicke. „Unbedingt.“ „Kann man sich gar nicht
       vorstellen“, sagt sie. „Ich sitze zu Hause und denke: Was mach ich hier
       übrig geblieben in der zu großen Wohnung nach dreißig Jahren drei Kinder
       erziehen. Jetzt sind alle weg und ich komm mir so vergessen vor. Also ich
       weiß nicht, wohin mit mir.“
       
       „Mit Freundinnen ausgehen und neue Hobbys anfangen?“, schlage ich vor.
       „Ablenken und es sich gut gehen lassen?“ „Ach, ich hab zu nix Lust. Kann
       nicht mehr Sport machen wegen der Knie, lesen nervt wegen der Brille und
       die Freundinnen nerven mich auch.“ „Dann neue Kolleginnen?“, fragt W. „Was
       macht ihr denn beruflich? Ich lern da keine neuen Leute kennen.“
       
       „Ich zeichne“, sagt W. „Und ich schreibe. Da kommt auch keiner vorbei“, sag
       ich. „Ach“, meint sie, „Künstlerinnen. Na, ihr lebt ja sowieso in der
       Fantasie. Aber jetzt könnt ihr über mich schreiben und was malen. Ich bin
       ja vorbeigekommen.“ Sie lacht. Ich sage: „Mach ich.“ „Wird bestimmt ’n
       Kracher, der Roman. So was wollen alle lesen.“ Sie lacht wieder und winkt.
       Als sie weiter zur U-Bahn geht, wirkt sie immerhin doch ein bisschen
       fröhlicher als vorher.
       
       2 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Isobel Markus
       
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