# taz.de -- In der Amerika-Gedenkbibliothek: Heinrich Böll trägt selten Bommelmütze
> Mitten in Berlin steht die freundlichste Umerziehungsmaßnahme der Welt.
> Wären alle Menschen dort regelmäßig Gast, wäre sie eine bessere.
Einer der schönsten Orte in Berlin ist bekanntlich die
Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor. Sie ist eine Präsenzbibliothek,
was bedeutet, man kann einfach reingehen und alle Bücher anfassen,
beschnuppern, und wieder zurückstellen, wenn man sie doof findet, weil
vielleicht auf dem Titelbild ein erschreckendes Bild von Heinrich Böll ist.
Heutzutage könnte das Buch auch ein Comic oder eine Schallplatte sein, ja
selbst ein Videospiel oder eine ultrahochaufgelöste Blu-ray. Comics über
Heinrich Böll mag es dieser Tage geben, auch gewiss Actionreißer, in denen
er mit seiner Bommelmütze herumrennt und Nobelpreise entgegennimmt. Ein
Konsolenspiel, in dem Heinrich Böll mit einer Kettensäge gegen
Außerirdische antritt, dürfte aber selbst die abgebrühten
Gen-Z-Besucher*innen verstören, die im Lesesaal über ihre Nasenringe auf
moderne Notebooks schielen. Denn das Beste an der AGB ist: Man darf dort
einfach sein.
Nasenring oder nicht, Böll-Fan oder Grass, wer einen Ort zum Rumhocken und
In-die-Luft-Starren braucht, ist willkommen, egal ob auf der Flucht vor der
Hausarbeit, dem Frühjahrsputz oder auch nur dem Regen. Es gibt ein Café,
das einem die Scones sogar warmmacht, aber was es nicht gibt, ist
Konsumzwang. Platten hören an der sehr guten Vinylstation, Zeitung lesen,
aus den riesigen Fenstern träumen, saubere Toiletten ansteuern, den
Klavierklängen aus den Übungsräumen lauschen, einer Eingebung folgend
nachschlagen, dass Böll selten Bommel-, oft aber Baskenmütze trug:
kostenlos, gratis, steuerfrei.
Die AGB kommt dem Richtigen im Falschen unaufgeregt nahe. Sie ist ein
urdemokratischer Begegnungsort, in dem man nötigenfalls leise gebeten wird,
doch ebenfalls leise zu sein. Was nicht heißt: totenstill. Es wird schon
geraunt und genickt und Kaffee geschlürft und „ja, ja“ und „voll“ gesagt zu
der Sache mit dem doofen Boyfriend, der Nervigkeit von Leuten, die einfach
anrufen, und zum Poststrukturalismus. Nur gedämpft eben.
Würde man das Personal völkischer Krachparteien zu einem Benimmkurs
verdonnern, hier wäre der perfekte Ort. Hey, immer langsam, hören Sie erst
mal ein Dub-Vinyl und gehen Sie eine rauchen mit der nasenberingten Frau
mit dem Kopftuch, die weiß was über Linguistik und Kochen mit dem Wok. Das
Land wäre unaufgeregter und duftete nach warmen Scones.
Geschenkt haben den Berliner*innen die AGB die Amis. Heute schwer
vorstellbar, damals die freundlichste Reeducationmaßnahme der Welt. Szenen?
Szenen spielen sich hier auch ab. Vor dem Fenster hoppeln Kaninchen. Als am
helllichten Tag ein Fuchs zur Jagd antritt, hält der ganze Lesesaal den
Atem an. Zum Glück entkommen die schlappohrigen Trantüten, und der Fuchs
findet ein Schokocroissant. Man wird es ihm im Café noch warmgemacht haben.
30 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Jasper Nicolaisen
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