# taz.de -- Russische Angriffe auf Kyjiw: Chaos, leere Regale und viel Wut
> Russland fliegt derzeit mehr Luftangriffe auf die ukrainische Hauptstadt.
> Angegriffen werden nun auch Lagerhallen, Supermärkte und Tankstellen.
(IMG) Bild: Angriff mit russischen Drohnen auf ein Logistikzentrum in Kyjiw
Pausenloser Luftalarm und Chaos in der Hauptstadt: Kyjiw erlebt gerade ein
neues Level an Grausamkeiten. Die russischen Streitkräfte verstärken ihre
Angriffe in einer Weise, die nicht nur Schrecken verbreiten, sondern die
ukrainische Hauptstadt [1][in ein urbanes Chaos stürzen.]
Offenbar hat die russische Armee zwei Dinge an ihren Luftattacken auf Kyjiw
verändert. Einerseits adressieren die Angriffe nicht mehr nur die
Energieversorgung, sondern auch Logistik und Lagerzentren. Andererseits
kommen russische Luftangriffe nicht mehr nur in Wellen von bis zu hunderten
Angriffsdrohnen oder Dutzenden Raketen, sondern verteilt über den ganzen
Tag. Etwa jede Stunde dringen, meist von Norden, drei bis vier neue
Angriffsdrohnen in den ukrainischen Luftraum ein. Von dort sind es nur gute
200 Kilometer bis Kyjiw.
Am meisten nutzt Russland in Kyjiw aktuell die vierte Version ihrer
Shahed-Drohne, die mit Jet-Turboantrieb bis zu 500 Kilometer pro Stunde
schnell angreifen kann. Bei den Vorgängermodellen lag die
Höchstgeschwindigkeit bei etwa 200 Kilometern pro Stunde. Das heißt: In
einer halben Stunde erreichen die neuen Drohnen Kyjiw, die Stadt umrunden
sie in weniger als fünf Minuten.
Für die Flugabwehr ist es damit auch deutlich schwieriger, sie
abzuschießen. Häufig werden die ukrainischen Bodentruppen dabei von der
Luftwaffe unterstützt. Immer wieder ist das Donnern von Schüssen in den
verschiedensten Ecken der Stadt zu hören. Rauchsäulen steigen auf. Die
meisten Drohnen können zwar abgewehrt werden, doch auch herabfallende
Trümmer verursachen Schäden.
## Zu wenig Schutzräume, stundenlanger Luftalarm
In der vergangenen Woche gab es zwischen 10 und 14 Stunden Luftalarm.
Manchmal waren es nur wenige Minuten, oft mehrere Stunden. In dieser Zeit
schließen dann Geschäfte und Behörden. Die zwei Metro-Linien, die den
Dnipro überqueren, stoppen dann an den Ufer-Stationen. Wer auf die andere
Flussseite muss, muss lange warten, überfüllte Busse nutzen oder Taxis zu
überhöhten Preisen bestellen. Oder unter Beschuss aus der Luft zu Fuß über
den breiten Fluss gehen.
Ertönt die Sirene, sollen eigentlich alle Menschen in Schutzräume, Bunker,
Tiefgaragen oder Metro-Stationen fliehen. Doch nicht überall sind diese in
kürzester Zeit erreichbar. Lassen einem die Drohnenattacken noch einige
Minuten, erreichen ballistische Raketen Kyjiw in wenigen Minuten. Immer
wieder donnern ihre Einschläge noch vor oder während des Sirenenheulens
durch die Stadt. Wer sich vor diesen – meist in der Nacht – schützen will,
muss sich in den Stadtteilen ohne nahen Schutzraum sehr früh, also noch vor
der Sperrstunde um Mitternacht, für einen Plan für die Nacht entscheiden.
Seit Wochen nächtigen bis zu 50.000 Menschen ab dem späten Abend komplett
in U-Bahnstationen – akkurat verteilt, auf Luftmatratzen, in Zelten, auf
Klappbetten, auf Isomatten. Kinder sind dabei, viele Menschen nehmen ihre
Haustiere mit.
Die Stationen bieten unterschiedlich guten Schutz, sind aber oft hell und
zugig und, wenn nachts Arbeiten verrichtet werden müssen, auch laut. Einmal
mehr wird Kritik an Kyjiws Bürgermeister Klitschko laut, die Stadt habe den
Bunkerausbau seit 2022 nicht genügend vorangetrieben. Klitschko hingegen
schiebt den Stadtteilen die Schuld zu.
Hauptziel der russischen Luftangriffe in und um Kyjiw sind seit Monaten
Lagerräume von Versandunternehmen und Post, Supermärkte und der Großhandel.
Tagelang brannten an den Kyjiwer Ausfahrtsstraßen nach West und Ost
Lagerhallen. In den Dörfern zwischen den Industriegebieten treffen
russische Drohnen und Raketen auch Wohnhäuser und öffentliche
Einrichtungen. Bewohner eines Dorfes bei Boryspil bei Kyjiw berichten, sie
fühlten sich, als spielte man mit ihnen „Schiffe versenken“, als Dutzende
Geschosse um sie herum in Lager und Nachbarhäuser einschlugen. Im Kreis
Butscha westlich von Kyjiw wurde am Freitag ein Munitionslager getroffen,
die nahe Fernstraße über dutzende Kilometer gesperrt.
## Leere Regale in den Supermärkten
Der ukrainische Argarminister Taras Wyssozkyj geht davon aus, dass die
russischen Angriffe bereits [2][90 Prozent der ukrainischen Warenlager
zerstört haben] sowie Lebensmittel und Baustoffe, internationale
Hilfsgüter, Kleidung und Bücher vernichtet. Die Folgen sind auch sichtbar
in den Supermärkten, denn es fehlen Salz oder Joghurt, Obst und Gemüse,
Fleisch und Fisch. Laut Wirtschaftsexperten wird die ukrainische
Bevölkerung zwar in absehbarer Zeit keinen Hunger leiden müssen, weil
Händler auf Direktlieferungen umstellen können, doch alles werde weiter
teurer. Dabei steigt die Armutsquote im Land mit jedem Kriegsjahr, wie
Berichte der Weltbank zeigen. Aktuell nähert sie sich der 50-Prozent-Marke.
Gleichzeitig nehmen Angriffe auf Regional- und Fernzüge zu, auf Tankstellen
und auch auf Einkaufszentren. Russlands Präsident Putin bezeichnet die
Logistik-Attacken als „Vergeltung“ für die ukrainischen Angriffe auf die
Onlinehändler Wildberries und Ozon. Und militärnahe Monitoringkanäle
warnen, dass sich diese Angriffe bald auf die Westukraine ausweiten
könnten.
In Kyjiw, aber auch an vielen anderen Orten steckt den Menschen noch der
vergangene Frostwinter in den Knochen. Alle wissen, sie müssen sich auf die
bevorstehende kalte Jahreszeit gewissenhaft vorbereiten – mit Vorräten,
Generatoren, Heizmaterial. Aber die aktuellen Angriffswellen erschweren
dies. Einerseits sind viel weniger Waren verfügbar, andererseits sind die
Menschen müde, eingeschüchtert und vor allem wütend.
Die ukrainischen Behörden und besonders die Stadt Kyjiw müssen nun dringend
Maßnahmen ergreifen – womöglich wie in frontnahen Städte wie Charkiw,
Saporischschja oder Sumy –, um die Region vor dem Kollaps zu bewahren.
Diskutiert werden derzeit Anpassungen des Luftalarms an die Geschossarten
und eine Änderung der Sperrstunde. [3][Auch die von westlichen Verbündeten
wie Deutschland] versprochenen Hilfen für zivile Infrastruktur und Militär
für den Winter müssen jetzt dringend geliefert werden.
31 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Peggy Lohse
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