# taz.de -- Nahostkonflikt und Linke in Berlin: Yallah, Yallah, rote Linien
> Die Linkspartei gerät kurz vor der Berlin-Wahl in Erklärungsnot: Ein
> antiisraelischer Song bei einer Veranstaltung in Neukölln sorgt für
> Entsetzen.
(IMG) Bild: Drei Wochen vor der Wahl: Ob der Auftritt von Dahabflex der Partei schadet oder hilft, darüber ist man sich bei der Linken uneins
Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Thema Antisemitismus die
Linkspartei wieder einholt. Seit dem Wochenende ist es so weit –
ausgerechnet kurz vor drei anstehenden Landtagswahlen.
Auf der Wahlkampfveranstaltung „Wütend auf den Kapitalismus“ des
Linken-Bezirksverbands Berlin-Neukölln am Samstag trat der Rapper Dahabflex
auf. In seinem Song „Stop the Genocide“ skandierte er „Yalla Yalla Intifada
/ Westbank, Palästina, Gaza“ sowie „Death to the IDF“ (Tod der israelischen
Armee). Während „Intifada“ für die einen „Tod allen Juden“ bedeutet, heißt
es für andere bloß „Aufstand“ und wird als legitimes Mittel gegen Besatzung
erachtet.
Seither diskutiert das ganze Land über den Auftritt. Nicht nur die Bild
kreischt „Israelhass“. Auch die Bundesführung der Linken spricht jetzt
gegenüber der taz von einer „roten Linie“: „Der Schutz jüdischen Lebens
bleibt unverhandelbar“, erklärt Bundesgeschäftsführer Janis Ehling. „Die
Forderung nach dem Tod von Menschen ist niemals eine linke Forderung.“
Parteichef Luigi Pantisano wiederum vermied am Montag eine klare
Positionierung. Auch der Neuköllner Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak
meldete sich auf eine taz-Anfrage nicht zurück.
Dafür meldete sich die Vorsitzende der Berliner Linken zu Wort: „Ich bin
stinksauer über den Liedtext“, sagt Kerstin Wolter der taz. „Ein Aufruf zur
Tötung von Zivilisten und Soldaten geht gar nicht.“ Zugleich sei Kritik an
der israelischen Regierung und ihrer Kriegsführung in Gaza notwendig,
unterstrich Wolter.
## Elif Eralp ist entsetzt
Elif Eralp, Spitzenkandidatin bei der Abgeordnetenhauswahl am 20.
September, sagte, sie sei „entsetzt“, und betonte: „Ich stehe klar für den
Schutz von jüdischem Leben und gegen jede Form von Antisemitismus.“ Sie
wünsche sich, dass aufgeklärt wird, „wie es zu solch einer
Grenzüberschreitung kommen konnte“. Aus ihrer Sicht hätten die
Verantwortlichen „sofort intervenieren müssen“.
Doch Medienberichte schrieben von Zuschauer:innen, die tanzten und
klatschten, der Bezirksvorsitzende der Linken fotografierte eifrig. Einen
Skandal sehen weder der Rapper selbst noch der Neuköllner Co-Vorsitzende
Hermann Nehls. Er erklärte auf taz-Anfrage, sein Verband habe den Rapper
eingeladen, weil der sich aus Sicht von Nehls „klar gegen Krieg, Genozid,
für Frieden und gegen Antisemitismus positioniert“. Der Bezirkspolitiker
bestätigt, dass der Auftritt bewusst geplant gewesen sei, um eine bestimmte
Zielgruppe zu erreichen. Ob Eralp das als Aufklärung reicht?
Ein anderes Mitglied des Bezirksverbands, das anonym bleiben möchte,
widerspricht Nehls: Der Auftritt sei kein Instrument zur Mobilisierung
gewesen. Aus seiner Sicht seien die Songs vor Ort „gut aufgenommen worden“.
Ein Antisemitismusproblem in der Linken sieht er nicht. Den Wahlkampf
belaste der Auftritt ebenfalls nicht, für die Menschen spielten andere
Themen wie der Mietenwahnsinn und die steigenden Lebenshaltungskosten eine
viel größere Rolle.
Ein Mitglied der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Shalom, einem
Zusammenschluss jüdischer und israelsolidarischer Mitglieder in der
Linkspartei, kritisiert den Auftritt eindeutig als „antisemitisch“. Seinen
Namen möchte er nicht nennen – auch aufgrund der Anfeindungen, wegen derer
er kurz davor ist, die Partei zu verlassen. „Noch verheerender als die
Einladung finde ich die Abwehrreaktionen auf die Kritik“, sagt Kiara Ida
Welsch, Sprecherin der antiautoritären Linken, einem Zusammenschluss aus
rund 80 Mitgliedern in der Linksjugend Solid. „Es wird immer wieder
versucht, Antisemitismus wegzudefinieren, statt endlich die Zustände in den
eigenen Reihen aufzuarbeiten“.
Hannah Deniz Akgül aus der Bundesarbeitsgemeinschaft Shalom sieht das
ähnlich: „Das war eine gezielte Provokation und der Versuch, auszuloten,
wie weit man antisemitische Codes in der Partei normalisieren kann.“ Sie
vermutet: Wenn jetzt wieder in allen Zeitungen steht, dass die Linke sich
streitet, kann es gut sein, dass sie bei Wahlen wie in Berlin ein paar
Prozentpunkte verliert.
Nun ist die Linke Neukölln nicht irgendeine Untergliederung. Der Verband
wächst seit Jahren, kaum ein anderer erlebte einen stärkeren Zulauf von vor
allem jungen Aktivist:innen. Zugleich ist der Verband für seine
antiisraelische Positionierung bekannt, Antizionismus gehört quasi zu ihrem
Markenkern.
## Linke in Berlin eigentlich bei 20 Prozent
Die Debatte kommt für Spitzenkandidatin Eralp zur absoluten Unzeit. Letzten
Umfragen zufolge könnte ihre Partei bei der Wahl in drei Wochen als
strahlende Siegerin vom Platz gehen. 20 Prozent und mehr werden für die
Linke prognostiziert. Eralp selbst will Regierende Bürgermeisterin werden.
Doch dafür braucht sie die Grünen und die SPD. Deren Lust zum Koalieren
dürfte durch solche Aktionen nicht gerade zunehmen.
Zumal die nach aktuellen Vorhersagen auch ein Bündnis mit der nur knapp
hinter der Linken liegenden CDU eingehen könnten. Die
Spitzenkandidat:innen von CDU, Grünen und SPD nannten den Aufruf zur
Gewalt und die offensive Infragestellung des Existenzrechts Israels denn
auch „unerträglich“ und „inakzeptabel“.
Nahostkonflikt hin oder her: In der Linkspartei – und das nicht nur in
Neukölln – gibt es eine Menge Mitglieder, denen nicht nur die
Koalitionsfähigkeit egal ist, sondern die das Mitregieren aktiv ablehnen.
Diesem Ziel dürfte man sich in Berlin mit dem Auftritt von Dahabflex wieder
um einen Schritt genähert haben.
31 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Lotte Laloire
(DIR) Rainer Rutz
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