# taz.de -- Fehlerkultur im Aktivismus: Scheitern ist schön
> Manchmal gehen Dinge schief, auch in sozialen Bewegungen. Aber dafür weiß
> man, wie es beim nächsten Mal besser geht. Drei Aktivist*innen
> erzählen.
(IMG) Bild: 2019 besetzt Ende Gelände die Kohlebahn beim Kraftwerk Neurath
Start-ups und ihren Gründer*innen kann man vieles vorwerfen: Dass sie
glauben, die Welt könne durch das „richtige“ Produkt gerettet werden. Dass
sie Betriebsräten und Gewerkschaften feindselig gegenüberstehen. Dass sich
ihre Ideen mehr am Zeitgeist als an Werten orientieren – immerhin sprießen
dort, wo vor zehn Jahren noch nachhaltige Unternehmen gegründet wurden, nun
Rüstungs-Start-ups hervor. Aber was man ihnen nicht vorwerfen kann, sind
fehlendes Durchhaltevermögen oder Einfallslosigkeit.
Aus Verbissenheit und Einfallsreichtum entstand in der Start-up-Szene die
Idee, das Scheitern zu zelebrieren. Menschen erzählen auf offener Bühne
davon. Vom Scheitern als Lektion, als Anlass für eine Kurskorrektur oder
als Chance für einen Neuanfang. „Fuckup Night“ nennen sie das. Frei
übersetzt: „Verkackt-Nacht“.
Inzwischen finden weltweit hunderte solcher Veranstaltungen statt. Aber
warum sollen nur Unternehmer*innen ihr Scheitern feiern? Fehler
passieren schließlich überall. Soziale Bewegungen nutzen verschiedene
Taktiken, um Fortschritt zu erreichen. Manche setzen auf
Großdemonstrationen, andere blockieren fossile Infrastruktur. Dabei können
sie im Großen scheitern: Wenn sie Hunderttausende auf die Straße bringen,
aber ihr Anliegen trotzdem nicht durchsetzen können. Oder im Kleinen: Wenn
sie sich mit der Stadtverwaltung zerstreiten und das Ordnungsamt der Bühne
den Starkstromstecker ziehen will.
Wir haben deshalb drei Aktivist*innen gefragt, welche Fehler sie
gemacht haben. Und was sie daraus gelernt haben.
„Die Bürgermeisterin ist völlig entsetzt“
Julian Miethig organisiert den CSD in Köthen. Allerdings seit 2025 ohne
Unterstützung der Stadt
Wann haben wir jede Unterstützung der Stadt verloren? Vielleicht als Jan
Böhmermann unseren Instagram-Post teilte. Er hatte bereits den ersten CSD
2024 in Köthen unterstützt. Und durch ihn kannten plötzlich mehrere 100.000
Menschen unsere Schwierigkeiten, auch einen zweiten CSD zu organisieren.
Um die Teilnehmenden über den gesamten Zeitraum von 12 bis 22 Uhr mit
Sanitäranlagen, Essen und Getränken versorgen zu können, müssen wir bei der
Stadt eine Sondernutzung beantragen. Genau das tun wir, fristgerecht. Keine
Reaktion.
Auch wenige Tage vor dem CSD haben wir noch keine Genehmigung, Wagen
aufzustellen. In besagtem Instagram-Post schildern wir unsere Situation.
Geht es nach den Ordnungsbehörden, darf der Toilettenwagen nicht auf dem
Marktplatz stehen; höchstens hinter der Kirche, die nebenan steht. Aber wir
sehen eine konkrete Gefährdungslage für die Teilnehmenden. Wenn man die
sanitären Infrastrukturen auf schlecht einsehbare Flächen verlagert, ist es
schwierig, die [1][Sicherheit zu gewährleisten]. Mehrmals haben wir in den
Wochen vor dem CSD um ein konstruktives Gespräch gebeten, ohne Erfolg.
Bis die große Öffentlichkeit, die der Instagram-Post erwirkt, die
Bürgermeisterin in Zugzwang bringt, uns kurzfristig doch einzuladen. Sie
ist völlig entsetzt. Was uns einfalle, sie so bloßzustellen? Anscheinend
hat sie auch keine Ahnung von den Auflagen, die sie uns gegeben hat. Die
Versorgungsstände lehnt sie zum Beispiel partout ab, obwohl wir die
aufstellen müssen. Es gebe ja einen Bäcker, sagt sie. Allerdings macht der
samstags um 12 Uhr zu, genau dann, wenn unsere Demo beginnt. Sie bricht das
Gespräch ab.
## Der Anwalt in der Hinterhand
Mit unserem Anwalt in der Hinterhand leiten wir ein Eilverfahren beim
Verwaltungsgericht ein, um die Ver- und Entsorgung doch zu gewährleisten.
Dieses entscheidet dann einen Tag vor dem CSD, dass Toiletten auf den
Marktplatz gestellt werden dürfen und die Versorgung gewährleistet werden
muss. Aber im Urteil ist nicht explizit von Essen und Trinken die Rede, der
Teil bleibt schwammig.
Und so ist der Kampf mit dem Ordnungsamt noch lange nicht vorbei. Als wir
Samstagvormittag die Bühne an den Starkstrom anschließen wollen, versucht
das Amt auch das zu verhindern, und ist kurz davor, uns wortwörtlich den
Stecker zu ziehen. Wir hätten vorab nicht die entsprechenden Anträge
gestellt – dabei haben wir genau das versucht, und außerdem könnten die
rechtlich sogar noch vor Ort selbst gestellt werden. Das Amt holt die
Polizei, doch die ist [2][zum Glück auf unserer Seite], und wir einigen
uns.
Dann aber kommt die Gulaschkanone. Wir bauen sie auf, stellen das Zelt, die
Tische hin. Es gibt auch noch einen kleinen Grill. Auf einmal kommen fünf
Leute vom Ordnungsamt zum Standbetreiber und meinen: „Die Gulaschkanone ist
nicht angemeldet und kein Demobestandteil. Das muss abgebaut werden.“ Was
machen wir mit dem Grill? Der brennt ja jetzt schon. „Da müssen Sie halt
Wasser holen.“ Na, dann bauen wir das jetzt ab, sage ich. Die Leute vom
Ordnungsamt sind perplex: Was? Wieso gibt es keinen Widerstand?
Ich trommle zehn Menschen zusammen. Wir schieben die Gulaschkanone
vielleicht 15 Meter zur Kirchentreppe am Rand des Marktplatzes und bauen
noch einen Getränkestand auf. Das Ordnungsamt fühlt sich verarscht. „Das
soll jetzt weg“, sagen die. Aber das ist nicht das Grundstück der Stadt,
sondern es gehört der Kirche. Aus meiner Tasche hole ich ein Schriftstück
vom Pfarrer, er bestätigt: Ihr dürft es nutzen.
Der Pfarrer ist ein alter Freund von mir, ich habe vorgesorgt. Erst will
das Ordnungsamt das nicht akzeptieren, dann sagen sie uns, „das wird ein
Nachspiel haben“, und ziehen ab. Um 12 Uhr eröffnen wir den CSD, ziehen
durch Köthen und feiern ungestört.
Wir haben gemerkt, dass es ein Fehler ist, sich komplett auf die
Zusammenarbeit mit der Stadt zu verlassen. Und wir sind nicht auf sie
angewiesen, weil wir so viele Verbündete in Köthen haben. Den Pfarrer, auch
die Polizei. Das hatte ich vorher gar nicht auf dem Schirm: Wie wichtig
diese Beziehungen sind. Es geht um die Menschen, die mit anpacken, die
mitgestalten wollen. Das ist viel wichtiger als die Verwaltung.
Das Nachspiel, das das Ordnungsamt angekündigt hat, war übrigens, dass die
Bürgermeisterin mich wegen Verleumdung angezeigt hat. Das habe ich aus der
Presse erfahren. Im Januar wurde das Verfahren eingestellt. Den CSD [3][in
diesem Jahr haben wir dann ohne städtische Unterstützung durchgeführt].
„Ich hatte einen einzigen Job – und konnte ihn nicht machen“
Sina Reisch war 2019 Pressesprecherin von Ende Gelände. Bei einer Aktion
fand sie sich genau dort, wo sie als Sprecherin keinesfalls sein wollte
Im Juni 2019 blockieren tausende Menschen mit ihren Körpern
Kohleinfrastruktur im Rheinland. Sie steigen in Gruben oder setzen sich auf
die Schienen, auf denen Züge tonnenweise Braunkohle zu den Kraftwerken
transportieren. Mit den Massenaktionen wollen wir von Ende Gelände
aufzeigen, dass es angesichts der Klimakrise ein grundlegend anderes
[4][Wirtschaftssystem braucht, weg vom Kapitalismus]..
Als Pressesprecherin fahre ich von einer Aktion zur nächsten. Immer dahin,
wo was los ist und wo gerade Journalist*innen sind. Tausende Menschen
sitzen in den Blockaden und unsere Verantwortung als Pressesprecherinnen
ist es, der Welt zu erklären, [5][warum sie das tun]. Wir sind drei
Pressesprecherinnen und teilen uns auf. Für uns gilt: nicht in die Aktion
gehen, nicht in einen Polizeikessel geraten, sondern immer am Rand stehen,
um Interviews zu geben. Wenn wir nicht vor Ort sind, zitieren die
Journalist*innen im schlimmsten Fall nur die Polizei – und [6][die
lügt] oft.
Schon am ersten Tag gelingen viele Blockaden. Besonders schön ist die
Schienenblockade vor dem Kraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen – zu der
Zeit das größte Kohlekraftwerk Deutschlands. Die Stelle ist schwer zu
erreichen, also werden die Aktivist*innen nicht geräumt und können
sogar die Nacht dort verbringen. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielen
die Aktivist*innen Musik, tanzen und singen, machen akrobatisches Yoga.
Immer wieder kommt die Essensversorgung, bringt Eintöpfe, Porridge, Chili
sin Carne. Es entwickelt sich fast schon eine Festivalatmosphäre.
Samstagabend steht die Blockade schon über 24 Stunden. Die
Aktivist*innen kündigen an, Sonntag um 10 Uhr zu gehen. Das wird auch
mit der Polizei besprochen, die uns bis dahin in Ruhe lassen will, um nicht
alle einzeln wegtragen zu müssen. Die Lage ist also entspannt, die
Journalist*innen haben ihre Fotos schon gemacht und sind anderswo. Für
uns Pressesprecherinnen hat der Ort also eine geringe Priorität. Aber ich
weiß, dass Freund*innen von mir dort sind, und möchte sie gern sehen.
Also gehe ich hin, auch wenn ich das eigentlich nicht sollte, und verbringe
die Nacht auf den Schienen.
Am Sonntag wachen wir auf, fangen an, unsere Sachen zu packen, und machen
uns bereit für eine entspannte Demo zurück zum Camp. Doch wie aus dem
Nichts taucht die Polizei auf und umzingelt die Blockade. Wir sind in einem
Kessel. Shit.
Für mich bedeutet das gleich mehrere Probleme. Ich habe mich in eine
Situation manövriert, in der ich meinen einzigen Job als Pressesprecherin –
Interviews geben – nicht mehr machen kann. Außerdem drohen jetzt
Repressionen. Ende Gelände setzt eigentlich auf Identitätsverweigerung: Wer
in Aktion geht und aktiv blockiert, hat keinen Ausweis dabei und sagt auch
den Namen nicht der Polizei. Als Pressesprecherin habe ich aber mit meinem
Klarnamen gesprochen, habe meinen Perso dabei. Neben der Aktion zu stehen,
ist kein Problem – in einem Kessel zu sein, schon.
## Durch die Polizeikette
Mein Telefon klingelt. Eine Journalistin steht beim Kessel, kann nicht rein
und will ein Interview. Wir suchen fieberhaft nach einer Lösung – und
finden sie. Bei Aktionen sind Abgeordnete dabei zur parlamentarischen
Beobachtung. Sie kommen immer durch Polizeiketten. Einer von ihnen meint:
„Komm, lauf mir einfach hinterher. Ich sag, du bist in meinem Team.“
Gesagt, getan – und der Plan geht auf. Ich bin aus dem Kessel und mir fällt
ein riesiger Stein vom Herzen. Ich begrüße die Journalistin, gebe mein
Interview. Mir bleibt aber nur eine Sekunde der Erleichterung.
Kaum drehe ich mich um, baut sich der Einsatzleiter vor mir auf: „Was habe
ich da gerade gehört? Sie sind Pressesprecherin von Ende Gelände? Ich
dachte, Sie seien Mitarbeiterin dieses Abgeordneten?!“ Er will mich zurück
in den Kessel schicken, ich sei Versammlungsteilnehmerin. Ich weigere mich:
„Ich will nicht an dieser Versammlung teilnehmen. Sie können mich doch
nicht zwingen, Teil einer Versammlung zu werden, an der ich gar nicht
teilnehmen möchte!“
Dann sagt der Polizist: „Wenn Sie jetzt nicht zurück in den Kessel gehen,
dann wenden wir unmittelbaren Zwang an!“ Drei Kamerateams sind auf uns
gerichtet. Über mein Gesicht huscht ein Anflug von Belustigung und ich sehe
ihm an, wie ihm langsam dämmert, dass er gerade einen Fehler gemacht hat.
„Polizei wirft Pressesprecherin gewaltsam in den Kessel“ – ist das die
Schlagzeile, die der Einsatzleiter riskieren will? Ich lasse es darauf
ankommen. Schließlich zerren mich vier Beamte mit [7][Schmerzgriffen] weg.
Natürlich schreie ich wie am Spieß, der Schmerz ist nicht ohne. Und der
ganze Kessel skandiert: „Pressefreiheit! Pressefreiheit!“ Statt in den
Kessel zurück, [8][bringen mich die Polizisten zu ihren Einsatzwägen]. Da
sitze ich und nehme Videos auf, weil ich noch meine Handys habe. Durch die
Presse und das Internet geht die Headline: „Pressesprecherin gewaltsam
festgenommen“.
An jenem Tag, an dem ich als Pressesprecherin in die Blockade rein gegangen
bin, habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte draußen bleiben müssen, um
Interviews geben zu können. Aber ich bin überzeugt: Bewegungsaufbau ist
immer auch Beziehungsaufbau.
Die Nacht auf der Schiene hat uns zusammengeschweißt und Vertrauen
geschaffen. Wenige Monate später war ich mit denselben Leuten in Venedig,
um Kreuzfahrtschiffe zu blockieren. Ich möchte nicht von meinen
Freund*innen fernbleiben müssen, nur um einen Job gut zu machen. Manche
Fehler macht man gern.
„Wir haben alle gemeinsam Glück gehabt“
Uwe Hiksch war 2015 Anmelder einer Demo gegen das Freihandelsabkommen TTIP.
Und am Ende war er froh, dass es keine Massenpanik gab
Plötzlich ist die ganze Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und
Siegessäule voller Menschen. Die Polizei meldet uns, dass der Hauptbahnhof
gesperrt wird, die S-Bahn-Stationen rund um unsere Demo sowieso. Von
überall würden Menschen strömen. So weit, dass sie bald schon nicht mal
mehr strömen können, so viele stehen bereits da. Ich als Demoanmelder bin
natürlich begeistert. 250.000 Leute sind da. Geschätzt! So was kann man ja
gar nicht mehr zählen.
Sie alle wollen mit uns 2015 in Berlin für einen gerechten Welthandel
demonstrieren. Festgemacht ist das an den beiden Freihandelsabkommen TTIP
und Ceta, also zwischen der EU und den USA beziehungsweise Kanada. In einem
breiten Bündnis aus Umweltverbänden, Menschenrechtsorganisationen,
Gewerkschaften und vielen anderen haben wir eine Anti-TTIP-Demo geplant.
Die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit kreist um [9][die berühmten
Chlorhühnchen]. Wenn TTIP käme, würden andere Lebensmittelstandards
gesetzt, das empört viele. Und natürlich bringt Essen Menschen auf die
Straße. Aber die Leute wollen auch gegen das ungerechte
Weltwirtschaftssystem protestieren, gegen Menschenrechtsverletzungen, gegen
den Abbau von Sozialleistungen und gewerkschaftlichen Rechten.
Unter dem Label „TTIP/Ceta verhindern“ gelingt es der Bewegung, eine ganze
Reihe von unterschiedlichen Grundströmungen zusammenzuführen. Organisatoren
von Demos wollen immer möglichst viele Menschen mobilisieren. Meist können
wir das nur bedingt beeinflussen. Diesmal ist einfach eine Grundstimmung
entstanden. Dass die am Ende so viele Menschen anzieht, damit haben selbst
wir nicht gerechnet.
Am Anfang gehen wir noch von 50.000 Demonstrierenden aus. Bereits das war
eine Dimension, die man erst mal auf die Straße bekommen muss. Dann melden
sich schnell Busse um Busse mit Teilnehmern an. Wir merken, da entwickelt
sich eine Dynamik, und verdoppeln unsere Prognose gegenüber der Polizei.
Und auch die schätzt: Das könnten 100.000 werden.
## Die Bühne muss größer werden, die Lautsprecher mehr
In Hochstimmung passen wir unsere Pläne an. Die Bühne machen wir wesentlich
größer und stellen sie an die Siegessäule, weil von da die
Abflussrichtungen einfacher sind, sollte Panik ausbrechen. Da braucht es
breite Wege. Außerdem bestellen wir zusätzliche Lautsprecheranlagen – wir
müssen ja die ganze riesige Straße beschallen.
Am Demotag selbst sieht die Hälfte der Angereisten die Bühne nie. „Feiert
da, wo ihr seid, gemeinsam werden wir TTIP verhindern!“, sagen wir mit
Megafonen durch. In die Euphorie mischt sich Anspannung. Spätestens, als
die Polizei uns meldet, dass sich am Hauptbahnhof – zwei Kilometer entfernt
– seit anderthalb Stunden nichts mehr bewegt, merken wir, wie gefährlich
die Situation ist. Ein Freund von mir kommt aus der Richtung. Über zwei
Stunden steht er auf der gleichen Stelle. Wenn da eine Massenpanik
ausbricht, könnte es wie 2010 in Duisburg kommen. Wie bei der Loveparade,
als 21 Menschen im Gedränge gestorben sind.
Wir wissen: Nur ruhige Demonstrierende und besonnene Ordnerinnen und Ordner
können das verhindern, wenn überhaupt. Hinter der Bühne versuche ich, so
viel wie möglich im Blick zu behalten. Jedoch haben wir keine Chance, das
Geschehen am Hauptbahnhof zu beeinflussen. Es gibt 150 Ordner und nur einen
Kanal für die Funkgeräte, über den wir reden. Es ist einfach zu viel.
Im Viertelstundentakt sprechen wir mit der Polizei. Grundvoraussetzung ist,
dass Ruhe bleibt. Prinzip gute Laune. Wir loben auf der Bühne die
Zusammenarbeit, damit die Demonstrierenden die Durchsagen befolgen. Am Ende
geht alles gut. Im Gespräch danach mit der Polizei schauen wir uns tief in
die Augen und sagen: Wir haben alle gemeinsam Glück gehabt.
Seitdem schauen wir noch genauer auf den Ablauf der Demo, strukturieren das
Ordnerkonzept sehr klar. Für die Funkgeräte nehmen wir unterschiedliche
Kanäle, sodass jeweils nur ganz wenige Leute miteinander kommunizieren. Wir
berücksichtigen besser, wie die Leute abfließen können.
Aber die größte Lektion war: Massenbewegungen allein verändern die
Gesellschaft nicht. Politische Einstellungen verschieben sich nicht, wenn
ich zweimal auf die Straße gehe. Ich erinnere mich noch, wie sich in der
ersten Reihe der Demo die ganzen Politikerinnen und Politiker von SPD,
Grünen und Linkspartei versammelt haben. Sie haben uns heilig versprochen,
sie werden gegen TTIP und Ceta sein. Kurze Zeit später hat die SPD einen
kleinen Parteitag abgehalten und beschlossen, „Ja“ zu den Abkommen zu
sagen. Auch die [10][Grünen stimmten in der Ampel für Ceta].
Mehr Wucht von der Straße konnten wir gar nicht entfalten. Aber Sie haben
immer das Problem, diese Wucht ins Parlament zu übertragen. Die großen
Industrielobbys standen so stark hinter TTIP und Ceta, dass wir [11][keine
Chance] hatten. Bewegungen können meist nur mittelfristig etwas verändern.
Und selbst wenn Sie an [12][die großen Unteilbar-Demonstrationen] mit
200.000, 250.000 Menschen auf der Straße denken – das allein führt erst mal
keinen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel herbei. Da muss viel, viel
mehr dazukommen. Was das ist, weiß ich auch nicht genau. Aber ich bin jetzt
seit 45 Jahren politisch aktiv und bleibe das auch, bis ich irgendwann mal
weggetragen werde. Bei mir führt das nicht zur Resignation. Man muss
einfach weitermachen.
22 Sep 2026
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