# taz.de -- CSDs in Ostdeutschland: Sie machen weiter. Was sonst?
       
       > Falko Jentsch und sein Team organisieren CSDs in Sachsen-Anhalt. Dann kam
       > der Anschlag in Berlin. Und mit ihm die Frage, was das für die Paraden
       > bedeutet, die noch vor ihnen liegen.
       
 (IMG) Bild: Die Pride-Parade Mitte Juli in Köthen
       
       Köthen taz | Zeit finden, das schafft Falko Jentsch. Für alle Anfragen und
       Stichpunkte auf seiner To-do-Liste. Für Unvorhersehbares. Mit der taz
       spricht er via Videocall, während er zu einer Bushaltestelle in Magdeburg
       hastet. Sein Gesicht ist schräg von unten zu sehen, eine Haarsträhne wippt
       beim Gehen auf und ab. Der Hintergrund ist unscharf: das Grau von
       Häuserwänden, das Grün der Baumkronen.
       
       Es ist ein Nachmittag Ende Juli. Eigentlich hätte das Gespräch vom
       Christopher Street Day, kurz CSD, in Köthen handeln sollen, bei dem die taz
       vor Ort war und das Orgateam in seinen Vorbereitungen und über den Tag der
       Demo hinweg begleitet hat. Ein Fazit wollte Falko Jentsch geben. Sich
       freuen, dass in Köthen – einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt südlich von
       Magdeburg – alles so gut über die Bühne gegangen ist. Stattdessen spricht
       er über die noch ausstehenden CSDs im Bundesland: Magdeburg, Halle,
       Stendal. Und darüber, wie sicher sie sind.
       
       Am Abend des 25. Juli raste der 21-jährige Islamist Abdul B. in eine
       Menschenmenge beim Berliner CSD. Eine Frau wurde getötet, 31 andere
       verletzt, zum Teil schwer. Der Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e. V.,
       in dem Falko Jentsch sich engagiert, hatte in diesem Jahr wieder einen
       Wagen auf der Prideparade in Berlin. Als der Anschlag passierte, war
       Jentsch gerade im Backstagebereich angekommen, neben der großen Bühne am
       Brandenburger Tor. Es wurde angestoßen, ganz entspannt. „Auf einmal hieß
       es: Alle hier raus.“ Der Platz wurde evakuiert, ein Hubschrauber kreiste
       über ihnen.
       
       Als Jentsch davon erzählt, entscheidet er, doch noch nicht in den Bus zu
       steigen. Er setzt sich auf eine Bordsteinkante. In Interviews, sagt er,
       müsse er derzeit aufpassen. „Damit da nicht eine Träne kommt.“ Jentsch, 43,
       lebt gemeinsam mit seinem Mann in Magdeburg. Als im Dezember 2024 hier ein
       Attentäter [1][einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt verübte] – und
       ebenfalls mit einem Pkw in die Menschenmenge fuhr –, stand Jentsch in
       unmittelbarer Nähe, hörte hinter sich Krachen, Schreie. Der CSD
       Sachsen-Anhalt hatte an diesem Tag einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt.
       „Das kommt natürlich jetzt alles wieder hoch“, sagt Jentsch. Was ihm helfe:
       ins Tun zu kommen. Und Gelegenheit dazu gibt es genug. Gerade jetzt.
       
       Der islamistische Anschlag in Berlin machte erneut schmerzhaft deutlich,
       wie gefährdet Veranstaltungen sind, auf denen die queere Community sich
       feiert, sich zeigen kann. Organisator*innen von CSDs in Sachsen-Anhalt
       kämpfen seit jeher mit Drohungen, Angriffen, steigender Queerfeindlichkeit:
       Die Präsenz rechtsextremer Gruppen ist spürbar, gerade in kleineren
       Städten. Hinzu kommt der Aufstieg der AfD, die der Verfassungsschutz für
       das Bundesland als gesichert rechtsextrem einstuft. Und die aus ihrer
       Verachtung für LGBTQI* keinen Hehl macht. Bei der [2][Landtagswahl am 6.
       September] könnte die Partei auf 41 Prozent kommen. Dies hat Folgen, auch
       schon vor der Wahl. Rechte Störer fühlen sich ermutigt, Stadtverwaltungen
       sind verunsichert.
       
       Was bedeutet diese Bedrohungslage für diejenigen, die CSDs auf die Beine
       stellen? Die mit Behörden verhandeln, Konzepte ausarbeiten, unzählige
       Stunden ehrenamtlichen Engagements investieren – und dabei selbst Gefahr
       laufen, Opfer von Angriffen zu werden? Was motiviert sie, trotz allem
       weiterzumachen?
       
       Einige Wochen vor dem Berliner CSD, Mitte Juni, findet sich das Orgateam
       des CSD Köthen zusammen. Es ist das letzte Treffen, um die CSD-Aktionswoche
       in Köthen vorzubereiten. Die Gruppe versammelt sich in den Räumlichkeiten
       des SPD-Ortsvereins. Hinten gibt es ein paar Sofas, vorne nimmt ein ovaler
       Holztisch den gesamten Raum ein. Darauf stehen Wasser und Apfelschorle,
       Schalen mit Erdnussflips. Und ein Stapel Flyer liegt dort, der die
       Aktionswoche bewirbt. Er zeigt eine Collage aus Gesichtern, mit KI
       erstellt, in Pastelltönen. Darüber steht das diesjährige Motto des CSD
       Köthen: „Trotz Widerstand – Vielfalt gewinnt!“
       
       Köthen liegt in Sachsen-Anhalt, knapp 24.000 Menschen leben hier. Wer sich
       unbeliebt machen will, spricht die Einheimischen auf „Familie Ritter“ an.
       Diese war Gegenstand von Reportagen auf Stern TV, die seit 1994
       ausgestrahlt wurden und ein Bild von Armut, Kriminalität und rechtsextremer
       Gewalt zeichneten. Die [3][Website der Stadtverwaltung] präsentiert Köthen
       als kulturell bedeutenden Ort: als „Geburtsstadt der Homöopathie“ und
       Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach, der hier mal Hofkapellmeister
       war. „Bachstadt Köthen“ steht im Bahnhofsgebäude groß an der Wand.
       
       Bei dem Orgatreffen ist Falko Jentsch mit dabei, stellvertretend für den
       CSD Sachsen-Anhalt. In dem Dachverband sind Gruppen aus neun Orten im
       Bundesland vernetzt: von Halle bis Harz, von Salzwedel bis Sangerhausen.
       Neben Jentsch sitzt Julian Miethig. Er hat vor drei Jahren den CSD in
       Köthen ins Leben gerufen, gemeinsam mit dem CSD Sachsen-Anhalt und der
       Partnerschaft für Demokratie Köthen.
       
       Die Prideparaden gehen auf die Ereignisse in der New Yorker Christopher
       Street 1969 zurück, als Schwule, Lesben, trans Personen und andere aus dem
       LGBTQI*-Spektrum für ihre Rechte auf die Straße gingen. Aktuelle Tendenz in
       Deutschland: Es gibt immer mehr CSDs. Vor allem in kleineren Orten,
       Kleinstädten und auf dem Land kommen jedes Jahr neue hinzu. Die Pridedemo
       durch Köthen fand in diesem Jahr am Samstag, dem 11. Juli, statt. Ein Datum
       mit Symbolkraft: Ebenfalls am 11. Juli hielt die AfD Sachsen-Anhalt ihren
       [4][Landesparteitag in Magdeburg] ab, etwa eine Autostunde entfernt.
       
       Anwesend bei dem Orgatreffen sind elf Personen. Bevor die SPD hier einzog,
       war der Raum ein Blumenladen. Daran erinnert noch die Zimmerdecke, an der
       riesige weiße Teichrosen aus Plastik hängen. Heute teilt man sich die
       Toilette mit dem Barbershop nebenan. Hauptsache, es funktioniere, findet
       Julian Miethig. Das allererste Treffen zum CSD im November 2023 hatte er in
       einem Köthener Jugendclub angesetzt. Mittags – abends sollte die
       Zusammenkunft stattfinden – teilte dessen Leiter jedoch mit: Bitte nicht
       kommen. Die Jugendlichen seien sonst in Gefahr. In der Nacht zuvor hatten
       Unbekannte queerfeindliche Sprüche auf die Straße vor dem Jugendclub
       geschrieben. „No Homo“ oder „Defend the cross“. In der Nacht vor dem ersten
       CSD Köthen 2024 kippte dann jemand Buttersäure auf den Bahnhofsvorplatz und
       den Marktplatz. Die Stadt stank tagelang.
       
       Miethig unterbricht das Gemurmel, hebt die Stimme. „Ihr Lieben, willkommen
       zum letzten offiziellen Vorbereitungstreffen.“ Die anderen klopfen mit den
       Fingerknöcheln auf den Tisch. Manche sind wie Falko Jentsch aus umliegenden
       Orten angereist, um zu unterstützen. Und natürlich kommen viele aus Köthen.
       Miethig, 28, ist hier geboren und in einem kleinen Nachbardorf
       aufgewachsen. Das sei in Ordnung gewesen, sagt er. Allerdings habe er sich
       damals noch nicht geoutet. „Solange du so warst wie alle anderen, war alles
       wunderbar.“ Heute steht er mit seinem Queersein in der Öffentlichkeit.
       Seinen eigenen Kanal [5][Queer4mat] mit Beiträgen auf Youtube, Instagram
       oder Tiktok betreibt er seit sechs Jahren. Im Netz bekommt er seitdem viele
       Hassnachrichten. Er habe sich ein dickes Fell zugelegt, was er hilfreich
       finde – aber auch „traurig, dass es so ist“.
       
       Von draußen, vor dem SPD-Büro, hört man eine Lautsprecherdurchsage,
       begleitet von pfeifen und trommeln, noch etwas entfernt. Es ist ein Montag,
       das heißt: rechte „Montagsdemo“ in Köthen. Einer der Anwesenden steht auf
       und dreht den Schlüssel in der Eingangstür. Die anderen blicken auf, dann
       wieder einander an oder auf die Laptops. Nicht irritieren lassen. Miethig
       reißt noch eine Tüte Chips auf.
       
       Schräg gegenüber von ihm hat Diana Pelzer Platz genommen. Sie ist 46, ihr
       langes dunkles Haar hat sie zu einem Zopf geflochten. Auch sie ist in
       Köthen geboren. Zwischendurch war sie mal zwei Jahre weg, in Hannover. Da
       habe es ihr aber nicht gefallen, zu unpersönlich, zu kalt irgendwie. Hier
       kenne sie jeden Zweiten auf der Straße. Neben Julian Miethig gehört sie zum
       langjährigen Kernteam und ist seit dem ersten Treffen mit dabei.
       
       Miethig startet mit der wichtigsten Nachricht: Es gibt Post vom Amt. Pelzer
       und andere verdrehen die Augen, halb genervt, halb erleichtert. Von Beginn
       an hatte der CSD Köthen mit Angriffen von rechts zu tun. Außerdem, vor
       allem ab dem zweiten Jahr, mit den Behörden. Oberbürgermeisterin in Köthen
       ist Christina Buchheim – eine Politikerin der Linken. Ausgerechnet mit ihr
       geriet das CSD-Köthen-Team in einen langwierigen Konflikt wegen Auflagen
       der Stadt. Die Versammlungsbehörde beim Kreis Anhalt-Bitterfeld hatte
       damals entschieden, dass die CSD-Demo und das dazugehörige Fest am Köthener
       Marktplatz unterschiedlich zu behandeln seien. Die „Versorgung“ der
       Teilnehmer*innen, das heißt alles von Toiletten über Strom bis Essen,
       gehöre nicht zur Demo und müsse als „Sondernutzung“ beantragt werden. Eine
       große bürokratische Hürde, die zu Auseinandersetzungen mit dem
       Stadtordnungsamt Köthen führte.
       
       Die Frage, was CSDs eigentlich sind, wird weit über Köthen hinaus gestellt.
       In Dresden unternahm die Landesdirektion Sachsen im Frühjahr den Versuch,
       dem zum CSD gehörenden dreitägigen Straßenfest die Eigenschaft als
       Versammlung zu entziehen. Das Fest sei nicht politisch, sondern eine
       „kommerzielle Veranstaltung mit Unterhaltungscharakter“. Dagegen wehrte
       sich der CSD Dresden e. V. erfolgreich vor Gericht. Die Sorge: Ein Großteil
       des Programms hätte nicht oder nicht wie geplant stattfinden können.
       Relevant ist die Einstufung auch in puncto Sicherheit – etwa dahin gehend,
       ob die Polizei Kräfte bereitstellt oder ob private Securitys bezahlt werden
       müssen.
       
       Im SPD-Büro in Köthen wird noch die Aktionswoche durchgesprochen, die
       pickepackevoll ist, vom Flaggenhissen am Montag über Minigolf und Pubquiz
       bis zum Straßenfest und der Demo am Samstag. Und am Sonntag der queere
       Gottesdienst. Diana Pelzer organisiert den mit, obwohl sie persönlich mit
       Kirche nichts am Hut hat. Der Vorschlag, Kerzen für queere Menschen
       anzuzünden, kam in diesem Jahr von ihr. Für jene, die Suizid begangen
       haben, die Angst haben, sich zu outen, oder die verfolgt werden. Auch ein
       Lied soll gemeinsam gesungen werden. Kerstin Ott? Pelzer hebt die Brauen.
       Lieber Lady Gaga! Julian Miethig macht Notizen auf dem Laptop, wer wann wo
       sein kann. Bänke aufbauen, Zelte, Deko. „Buttersäure wegspritzen“, ergänzt
       jemand. „Was man in Köthen halt so macht.“ Viele lachen. Ein Schuldiger für
       den Anschlag damals wurde nicht gefunden, die Ermittlungen hat die
       Staatsanwaltschaft Dessau eingestellt.
       
       Der erste CSD in Sachsen-Anhalt fand vor dreißig Jahren statt: am 8. Juni
       1996, in der Landeshauptstadt Magdeburg. Lange blieb es bei diesem einen
       und einem weiteren in der zweitgrößten Stadt, in Halle. Ab 2021 folgten
       Schönebeck, Stendal, Salzwedel und viele andere. Obwohl die Zahl der CSDs
       steige, sei die Zahl der Teilnehmer*innen in den letzten Jahren
       zurückgegangen, sagt Falko Jentsch. Er vermutet als Grund erhöhte Vorsicht.
       „Wir bekommen Mails von Jugendlichen, die sagen: Meine Eltern erlauben mir
       nicht mehr, auf den CSD zu gehen.“
       
       Feindbild CSD: Der tödliche Angriff in Berlin reihe sich ein in eine
       Kontinuität islamistischer Anschläge auf queeres Leben weltweit,
       [6][schreibt die Berliner Amadeu Antonio Stiftung]. 2016 ermordete ein
       Attentäter im queeren Club [7][Pulse in Orlando] 49 Menschen, am Vorabend
       der Pride 2022 in Oslo schoss ein Islamist in einem Pub um sich und tötete
       zwei Menschen, weitere geplante Anschläge auf Paraden in London und Wien
       wurden vereitelt.
       
       In Deutschland gehen die meisten Angriffe auf CSDs aktuell auf das Konto
       rechtsextremer Gruppen. In ihrem Sicherheitsreport [8][„Queerfeindlichkeit
       sichtbar machen“], der 2025 erschien, dokumentiert die Amadeu Antonio
       Stiftung erstmals systematisch rechtsextreme Übergriffe auf
       Prideveranstaltungen. Ergebnis für 2025: Von den 245 bundesweit geplanten
       CSDs wurden mindestens 110 angegriffen oder gestört. In mindestens 53
       Fällen standen dahinter keine Einzelpersonen, sondern rechtsextreme Gruppen
       oder Parteien. In ostdeutschen Bundesländern fanden mehr Angriffe statt als
       in Westdeutschland – wo es diese aber ebenso gab. Für Sachsen-Anhalt
       registrierte die Polizei im Jahr 2023 noch 18 Straftaten im Zusammenhang
       mit CSD-Veranstaltungen. 2025 waren es 51.
       
       Dass die Lage angespannter ist, spüren auch die Veranstalter:innen von CSDs
       im Bundesland, die sich, wie Jentsch und Miethig, Gedanken darüber machen
       müssen, wer ihr Gesicht oder ihre Adresse kennt. Falko Jentsch arbeitet in
       einem kleinen Unternehmen, vertreibt Mess- und Regeltechnik. Die
       Wochenstunden, die er daneben in sein Engagement stecke, könne er kaum
       zählen, sagt er. Wie die meisten CSD-Organisator:innen arbeiten er,
       Miethig, Pelzer und die anderen ehrenamtlich.
       
       Den ersten Köthener CSD hatte [9][Satiriker Jan Böhmermann] noch mit einer
       Spendenaktion unterstützt. Der Geldsegen war eine Ausnahme, in den
       Folgejahren stand dem Team in Köthen nur ein geringes Budget zur Verfügung
       – wie den meisten anderen kleineren CSDs in Deutschland. Über Sponsoren
       kommen keine großen Summen herein. Unterstützt wird aber dennoch, im
       Kleinen und jeder, wie er kann. In Schönebeck servierte die freiwillige
       Feuerwehr in diesem Sommer Würstchen an einem Grillstand. Auf dem ersten
       CSD in Sangerhausen im Juni, bei 38 Grad Außentemperatur, verteilten Frauen
       des interkulturellen Zentrums Oase Baklava. Und in Köthen? Hier hilft zum
       Beispiel der lokale Irish Pub, The Shamrock, wo die CSD-Abschlussparty
       steigen kann.
       
       Diana Pelzer kennt den Pub als inoffiziellen Treffpunkt für die Community.
       Hier fand sie Anschluss, nachdem sie sich, mit achtzehn, als bisexuell
       geoutet hatte. „Das war gar nicht so spektakulär“, erinnert sie sich. Ihre
       damalige Freundin kam mit zu ihr nach Hause, überreichte den Eltern einen
       Blumenstrauß. Seit zehn Jahren hat Diana nun einen Freund. Sie arbeitet in
       einem Seniorenpflegeheim, spricht gerne mit Menschen, kann Russisch noch
       aus der Schule in der DDR, und durch ihren Freund hat sie etwas Arabisch
       gelernt. Für die CSD-Aktionswoche hat sie sich extra Urlaub genommen.
       
       Der Morgen des 11. Juli, Samstag, Tag der CSD-Demo in Köthen. Rund um den
       Marktplatz in der Altstadt stehen die Absperrgitter bereit, im Hintergrund
       erhebt sich die Kirche St. Jakob mit ihren spätgotischen Türmen. Bereits
       ein paar Stände sind aufgebaut, auch die Bühne steht schon da wie ein
       schwarzes Raumschiff. Eine aus dem Orgateam geht zu den Wasserfontänen am
       Platz, taucht die Hände hinein und bespritzt ihr Gesicht.
       
       Eine ältere Dame und ein Herr sitzen auf einer Bank vor der Bäckerei,
       beobachten das Treiben. Sie sind aus Köthen, waren letztes Jahr schon da.
       Da habe man sein eigenes Wort nicht verstanden, sagt die Frau und zeigt in
       Richtung der Bühne. Aber dass es notwendig ist, dass die Polizei alles
       absperren muss, das sei „schon traurig“. Am Wochenende zuvor hatte die
       neonazistische Kleinpartei Der III. Weg einen Stand auf dem Marktplatz und
       verteilte Flyer, auf denen „Familien schützen! Homo-Propaganda stoppen!“
       stand. Am Montag wurden Mitglieder der CSD-Orgagruppe auf ihrem
       Nachhauseweg beleidigt und bespuckt.
       
       Auch Miethig, Jentsch und Pelzer sind seit frühmorgens vor Ort. Sie sei
       aufgeregt jetzt, sagt Pelzer, während sie eine Regenbogenfahne mit dem
       Europastern darauf an einem Metallzaun befestigt. Die Fahne schwankt.
       „Bitte noch einen Kabelbilder.“
       
       Eine Stunde später, um 12 Uhr, ist der Aufbau komplett. Pelzer rückt noch
       schnell die Liegestühle vor der Bühne zurecht. Sie hat sich umgezogen,
       trägt ihr Haar nun in zwei Zöpfen, in die sie Schnürsenkel in
       Regenbogenfarben eingeflochten hat. Dazu große, herzförmige Ohrringe.
       Pelzer liebt bunte Sachen. In der DDR, so erinnert sie es, sei alles grau
       gewesen. Graue Häuser, graue Schuluniform. Hier auf den CSD kommt sie genau
       so, wie es ihr gefällt. Miethig trägt eine Sporthose, dazu eine
       Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, die er in den Nacken geschoben hat
       – als wollte er nach vorne und hinten zugleich blicken. Er hastet hin und
       her über den Platz, mal mit Handy am Ohr, mal ohne. Fernsehteams stehen
       bereit und warten auf einen Moment seiner Zeit.
       
       Am Köthener Marktplatz tritt Sabrina Repp ans Mikrofon –
       SPD-Europaabgeordnete und diesjährige Schirmherrin des CSD Köthen. Sie
       wisse, dass die Umfragewerte zur Landtagswahl „total hart“ seien, sagt sie
       auf der Bühne. Man dürfe nicht ohnmächtig sein. Sondern müsse
       zusammenstehen, weiterkämpfen.
       
       Pelzer, die sich in die Menge gestellt hat, vorne bei den bunten
       Liegestühlen, nickt. Was es bedeuten würde, falls die AfD ab September
       wirklich die Landesregierung stellt – das hat sie deutlich vor Augen. Die
       Partei lehnt Gleichstellung und Queerpolitik klar ab und wandte sich im
       Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 beispielsweise gegen Genderforschung,
       Antidiskriminierung oder medizinische Hilfe für trans Personen. Sexualität,
       die nicht der Heteronorm entspricht, nennt die AfD Sachsen-Anhalt in ihrem
       Programm „abseitig“ und „deviant“, wettert gegen eine angebliche
       „Translobby“ und „Regenbogenideologie“. Würde die Polizei weiterhin am
       CSD-Tag anrücken, die Straßen rund um den Marktplatz absperren?
       
       Seit 2024 gilt in Sachsen-Anhalt ein Beschluss, der CSDs und CSD-ähnliche
       Veranstaltungen unter besonderen Schutz stellt. Schon lange vor dem
       Anschlag in Berlin seien die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden, sagt
       Grit Merker. Sie ist „Ansprechperson für die Belange von Lesben, Schwulen,
       Bisexuellen, Trans* und intergeschlechtlichen Menschen LSBTTI“ bei der
       Polizei in Sachsen-Anhalt. Eine Stelle, die sie selbst mit aufgebaut hat.
       Bei den Polizeibehörden der meisten [10][Bundesländer] gibt es solche
       Ansprechpersonen, die eine Brücke zwischen Polizei und queeren Communitys
       bilden sollen. Die Beamt:innen, die diese Rolle übernehmen, sind oft selbst
       LGBTQI*. Und wissen zum Beispiel, dass sich viele queere Menschen, die zum
       CSD kommen, nicht einfach so „tarnen“ können, um nicht angegriffen zu
       werden – weil sie auch ohne Regenbogenfahne am Rucksack als queer zu
       erkennen sind.
       
       Bei größeren CSDs wie in Halle oder Magdeburg sichert mittlerweile mehr als
       eine Hundertschaft die Demo. Vor ein paar Jahren, erinnert sich Falko
       Jentsch, war das noch nicht nötig. Beim CSD in Magdeburg fuhr vorne ein
       Polizeiwagen, einer hinten. Nicht mehr. „Da ist schon gewaltig etwas ins
       Rutschen gekommen“, sagt Jentsch.
       
       Seit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt greift die Polizei
       auch bei CSDs mehr auf Zufahrtssperren zurück. Anders als einfache
       Absperrgitter können sie Autos aufhalten. Sie sind aber teuer, und so viele
       hat das Bundesland gar nicht. Zum Teil müssen sie von den Polizeien anderer
       Länder ausgeliehen werden.
       
       Zentral wichtig, findet Julian Miethig, dass es Verständnis bei Polizei und
       Behörden für die speziellen Belange der queeren Community gibt. „Wir sind
       total froh, dass wir unsere Ansprechpersonen haben“, sagt Miethig. Dies
       könnte sich aber ändern, käme die AfD in die Regierung. LGBTQI* und deren
       Schutz könnten dann kein eigenes Themenfeld in der Polizei mehr sein.
       
       Egal wie die Wahl ausgeht – umziehen wolle sie nicht, betont Diana Pelzer.
       „Ich bin nicht der Mensch, der wegläuft.“ Seit vielen Jahren engagiert sie
       sich in Köthen im sozialen Bereich, versucht die Stadt besser zu machen. In
       der Flüchtlingshilfe oder eben jetzt beim CSD. Einmal war ihr Gesicht schon
       in der Zeitung, als über den CSD berichtet wurde. Ihre Mutter schnitt den
       Artikel aus und hob ihn auf.
       
       Auch Julian Miethig beschäftigt die Wahl. Bald wird er seinen Master in
       Unternehmensführung machen, im September fängt er einen Job bei der
       Jugendweihe in Dessau an. Im letzten Winter, als die Umfragen mehr und mehr
       Besorgnis erregten, habe er mit dem Gedanken gespielt, aus Köthen
       wegzuziehen. Bei den Europawahlen 2024 holte die AfD hier [11][30,7
       Prozent], bei der Bundestagswahl 2025 [12][37,8 Prozent der Zweitstimmen].
       Dann aber war Miethig auf den ersten CSDs in diesem Jahr, in Schönebeck,
       Wernigerode. Auf denen gesagt wurde: „Genau das wollen die doch, dass wir
       alle abhauen.“ Da habe er sich entschieden zu bleiben. Erst mal. Köthen sei
       seine Heimatstadt und der CSD sein Herzensprojekt.
       
       Langsam versammeln sich Leute mit dem Frontbanner des CSD Köthen vor dem
       Truck. Dahinter sammelt sich der Rest des Demozugs. Viele junge Gesichter,
       viele Fahnen und selbst gemalte Banner. „Schlecht angebunden – trotzdem da.
       Provinzielle Antifa“, steht auf einem. Jetzt stelle sich Euphorie ein, sagt
       Diana Pelzer. Auf diesen Moment hat sie gemeinsam mit den anderen das ganze
       Jahr lang hingearbeitet. Sie springt über die Rampe auf die Ladefläche des
       Trucks. Dann beginnt sie zu tanzen. „Sexy and I know It“ von LMFAO erklingt
       aus den Boxen, als sich der Lautsprecherwagen in Bewegung setzt. Es riecht
       nach Benzin, der Bass dröhnt über die Pflasterstraße. Der Zug führt am
       Halleschen Turm vorbei und von dort in einem Kreis durch die Altstadt. Ein
       Mann schaut oben aus einer Dachluke, reckt beide Daumen nach oben, als
       wolle er sagen: Weiter so!
       
       Diese Momente seien es, sagt Diana Pelzer, die sie motivierten
       weiterzumachen. „Wir müssen uns zeigen!“
       
       Selbst zu sehen und anderen zu zeigen, wie viele queere Menschen es „hier
       gibt“, sagt Julian Miethig, das sei, was ihn bei der Stange halte. „Wenn
       Menschen zu mir sagen, es habe sie befreit, beim CSD mit dabei sein zu
       können – dann ist das eine Wiedergutmachung für den Stress, den ich das
       ganze Jahr lang hatte.“ Falko Jentsch kann sich ein Leben ohne sein
       Engagement gar nicht mehr vorstellen. Früher war er Einzelgänger, fuhr
       gerne allein mit dem Fahrrad, wenn er sich entspannen wollte. Heute gelinge
       ihm das am besten „unter Menschen“. Was ihm Kraft gebe: nach einem
       erfolgreichen CSD mit dem Team zusammenzusitzen wie zum Beispiel in Köthen
       am Abend des 11. Juli im The Shamrock. „Was mir immer mehr auffällt, ist
       dieser überbordende Hass“, sagt Jentsch. „Dem möchte ich mich nicht
       beugen.“
       
       Nach dem 25. Juli 2026, dem Anschlag auf den Berliner CSD, sagen Jentsch
       und Miethig, dass ihre größte Sorge bisher gewesen sei, die Menschen sicher
       zur Demo und zum Straßenfest zu bringen und wieder zurück. In Köthen hatten
       sie noch spontan einen Abholservice vom Bahnhof organisiert. Jemand stand
       mit einem Schild am Bahnsteig und versammelte die CSD-Teilnehmer*innen, die
       mit dem Zug aus Halle, Leipzig oder anderen Orten kamen. Sobald die
       Veranstaltung losging – vor allem, sobald sich die Pridedemo in Bewegung
       setzte, sich laut und selbstbewusst die Straße nahm –, war die Stimmung
       anders. Das Gefühl: Sobald wir viele sind, kann uns niemand mehr was. Seit
       Berlin, sagt Falko Jentsch, habe sich das leider etwas verändert. „Ich habe
       immer gesagt: Passt auf dem Hin- und Rückweg auf. Aber auf dem CSD seid ihr
       sicher.“ Diesen Satz bringe er nicht mehr so leicht über die Lippen wie
       früher.
       
       Sowohl Jentsch als auch Miethig organisieren den CSD in Magdeburg mit. Beim
       Alten Markt, wo dieser bisher stattfand, gibt es eine vierspurige Straße.
       Bereits vor dem Anschlag in Berlin verlegte das Team ihn deshalb auf den
       Domplatz.
       
       Nach einem guten Gespräch mit den beteiligten Behörden ergäben sich nun für
       das Orgateam einige Hausaufgaben: „Wir müssen sehr detailliert planen, wann
       welches Fahrzeug auf dem Platz benötigt wird, welche Zufahrten möglich sein
       müssen und welche Bereiche des Domplatzes wir überhaupt nutzen können“,
       sagt Jentsch. Durch die notwendigen Sicherheitsabstände und die Sperren
       rund um den Platz können nicht alle Flächen so genutzt werden, wie sie es
       ursprünglich vielleicht vorgesehen hatten. Das koste aktuell zusätzliche
       Kraft, aber die Zusammenarbeit mit den Behörden erlebe er als sehr
       konstruktiv.
       
       Mehr Sicherheit dürfe nicht bedeuten, dass die CSDs immer weniger Spielraum
       hätten, betont Falko Jentsch. „Ich möchte keinen CSD einmauern.“
       
       Der nächste CSD in Sachsen-Anhalt, nach dem in Magdeburg, wird der in Halle
       sein. Besonders brisant: Er findet am 12. September statt, nur eine Woche
       nach der Landtagswahl. Martin Thiele arbeitet bei der AIDS-Hilfe
       Halle/Sachsen-Anhalt Süd, die den CSD Halle gemeinsam mit dem BBZ Lebensart
       und dem Jugendnetzwerk Lambda Mitteldeutschland organisiert. Im Team hätten
       sie lange über das Datum diskutiert, erzählt er der taz. Und sich dann
       entschieden, trotz allem an ihm festzuhalten. „Als ein kleiner
       Hoffnungsschimmer nach der Wahl.“
       
       Die Sicherheitsmaßnahmen habe die Polizei bereits im vergangenen Jahr
       erhöht, als Folge der Attacke auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Die
       Demoroute war weiträumig abgeriegelt. Beklemmend, fand Thiele damals. „Erst
       mal fühlt man sich gar nicht sicherer, weil einem bewusst wird, was alles
       passieren könnte.“ Nach den jüngsten Ereignissen in Berlin sei er aber
       froh, dass klar ist: Soundso wird abgesperrt. Die Polizei habe zudem
       versprochen, mit noch mehr Einsatzkräften vor Ort zu sein als in den
       vergangenen Jahren. „Wir sind gut aufgestellt und guter Dinge, dass unser
       CSD wie geplant und sicher wird ablaufen können.“
       
       Nichtsdestotrotz befürchtet Julian Miethig kurz nach dem Anschlag in
       Berlin, dass zu den noch ausstehenden Prideparaden „weniger Menschen
       kommen, weil sie Angst haben“. Wenige Wochen später zeichnet sich ab, dass
       seine Sorge unbegründet sein könnte: Am 1. August, zum CSD in Naumburg in
       Sachsen-Anhalt, kamen laut Polizei etwa 700 Menschen – nicht weniger als im
       Vorjahr. Sieben Tage später, zum CSD in Braunschweig, erschienen sogar mit
       um die 6.000 Besucher:innen deutlich mehr als sonst. Viele auch nichtqueere
       Unterstützer:innen waren gekommen. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. Und an
       den CSDs am 15. August in Peine, Plauen, Leer nahmen jeweils mehrere
       Hundert Personen teil.
       
       Für den CSD in Magdeburg erwartet Falko Jentsch um die 10.000 Menschen –
       mehr als in den vergangenen Jahren. Er, der ja immer wieder Mails von
       Jugendlichen bekommt, die darüber klagen, dass ihre Eltern ihnen aus
       Sicherheitsgründen die Teilnahme an CSDs verweigern, nimmt aktuell eher
       einen gegenläufigen Trend wahr: Familien, die zwar eine gewisse
       Verunsicherung spürten, aber auch bewusster Haltung zeigen wollen. Und die
       sagen: „Dann gehen wir eben gemeinsam hin.“
       
       22 Aug 2026
       
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