# taz.de -- Verfassungsschützer zu CSD-Anschlag: „Da geht es um Menschenfeindlichkeit.“
       
       > Rechtsextremisten und Islamisten sind eine Gefahr für queere Menschen.
       > Der Verfassungsschützer Thorge Koehler erklärt, welche Strategien sie
       > nutzen.
       
 (IMG) Bild: Menschen trauern nach dem Attentat auf den Berliner CSD Ende Juli
       
       taz: Herr Koehler, nach dem islamistischen [1][Anschlag auf den Berliner
       CSD] Ende Juli wurde diskutiert, von wem die größere Gefahr für queere
       Menschen ausgeht: von Islamisten oder von Rechtsextremisten. Was sagen Sie? 
       
       Thorge Koehler: Leider geht von beiden eine sehr große Gefahr aus. Es gab
       den schrecklichen Anschlag in Berlin, aber genauso in den letzten zwei,
       drei Jahren immer wieder mal von rechtsextremistischen Jugendgruppen
       gewalttätige [2][Proteste gegen CSD-Veranstaltungen] sowie Angriffe auf
       queere Menschen. Dazu kommen geplante Taten, die im Vorfeld noch
       rechtzeitig verhindert wurden oder aus anderen Gründen gescheitert sind.
       
       taz: Und darüber geriet die islamistische Bedrohung für queere Menschen in
       der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit? 
       
       Koehler: Das könnte sein, weil rechtsextreme Gewalt generell zuletzt wieder
       stark zugenommen hat und sehr sichtbar war. In den sozialen Medien war die
       islamistische Queerfeindlichkeit allerdings omnipräsent und hat den
       Islamismus in den letzten Jahren zunehmend geprägt – seitdem die
       sogenannten Islamfluencer aufgekommen sind.
       
       taz: Das Bundesamt für Verfassungsschutz benennt Queerfeindlichkeit im
       Islamismus und Rechtsextremismus erstmals in seinem Bericht von 2022 –
       warum so spät? 
       
       Koehler: Es ist richtig, dass Queerfeindlichkeit schon immer Bestandteil
       dieser Ideologien war, Frauenfeindlichkeit übrigens auch. Aber erst in den
       letzten Jahren haben ihre Protagonisten das Thema gezielt zur Rekrutierung
       genutzt – mittels einer umgekehrten Radikalisierungsstrategie.
       
       taz: Was meinen Sie damit? 
       
       Koehler: Früher haben extremistische Gruppen oftmals Themen angesprochen,
       die erst einmal nichts mit Extremismus zu tun hatten. Zum Beispiel Probleme
       im Bildungssystem oder Diskriminierungserfahrungen von Kopftuch tragenden
       Musliminnen. Erst im dritten, vierten, fünften Schritt hieß es dann: So,
       jetzt sollten wir doch noch mal insgesamt über die verkommenen Werte hier
       reden. Und dann kamen die menschenfeindlichen Positionen zum Vorschein.
       Heute greifen Extremisten häufiger sofort und direkt Themen auf, die
       antipluralistische Ansichten offenbaren – und unter jungen Menschen ohnehin
       virulent sind.
       
       taz: Und das ist Queerfeindlichkeit? 
       
       Koehler: Es gibt eine große Anzahl junger Menschen, die eine ganz stark
       antipluralistische Haltung vertreten. Das Kriminologische
       Forschungsinstitut Niedersachsen hat in diesem Jahr Schüler:innen in
       Schleswig-Holstein befragt. 17,4 Prozent der Befragten äußerten abwertende
       Einstellungen gegenüber homosexuellen Personen, mehr als 2018. Auch die
       Abwertung von obdachlosen Personen und Menschen mit Behinderung hatte nach
       dieser Befragung zugenommen.
       
       taz: Gilt das nur für junge Menschen? 
       
       Koehler: Nein. Die Bertelsmann Stiftung hatte bereits 2017 eine Studie mit
       dem Titel „Vom Unbehagen an der Vielfalt“ veröffentlicht, die zeigte, dass
       fast 39 Prozent der Befragten überdurchschnittliche Sympathiewerte für
       antipluralistische Aussagen hatten. Genau auf solche Trends sind die
       Rechtsextremisten und Islamisten draufgesprungen. Eine Entwicklung, die uns
       große Sorge bereitet.
       
       taz: Was genau ist daran so beunruhigend? 
       
       Koehler: Zum einen die Tatsache, dass es unter jungen Menschen
       antipluralistische Einstellungen gibt, dass bei ihnen schon ideologische
       Grundmuster verfangen haben, die mit unseren demokratischen Werten nicht in
       Einklang zu bringen sind. Da geht es dann nicht mehr um Kritik an den
       bestehenden Verhältnissen, sondern um Menschenfeindlichkeit. Je drastischer
       und herabwürdigender die Darstellung, desto mehr Menschen erreicht man
       damit. Und wir reden hier teilweise über Kinder deutlich unter 14 Jahren,
       abhängig davon, wann ihr unbegleiteter Medienkonsum begonnen hat. Zum
       anderen sind extremistische Organisationen deutlich flexibler und schneller
       geworden. Über soziale Medien können sie so deutlich mehr
       Anhänger:innen gewinnen, als es früher der Fall war.
       
       taz: Aber sowohl Queerfeindlichkeit als auch soziale Medien existieren doch
       schon sehr viel länger. 
       
       Koehler: Ich glaube, dass über den Digitalisierungsschub im Zuge der
       Coronapandemie realweltliche Korrektive weggefallen sind, also Begegnungen
       mit Menschen und anderen Positionen. Wenn wir uns mit Hinweisen
       beschäftigen, die auf mögliche terroristische Aktivitäten oder
       Radikalisierungen hindeuten, stellen wir fest: Das sind teils sehr junge
       Personen, die über Monate keinen Fuß vor die Tür gesetzt haben, es sei
       denn, sie sind der Schulpflicht nachgekommen. Teilweise haben diese Leute
       kaum oder gar keine sozialen Bindungen außerhalb ihres digitalen Umfelds.
       Das verstärkt wiederum ihre Anfälligkeit – ein Teufelskreis.
       
       taz: Ab wann ist Queerfeindlichkeit ein Fall für den Verfassungsschutz? Sie
       ist ja nur deshalb so anschlussfähig, weil sie unserer Gesellschaftsordnung
       zugrunde liegt – wie auch die Abwertung von Frauen. 
       
       Koehler: Da haben Sie leider recht. Wir werden aktiv, wenn Menschen
       systematisch herabgewürdigt werden, wenn ihnen aufgrund ihrer sexuellen
       Identität oder Orientierung nicht dieselben Rechte zugestanden werden wie
       anderen Menschen und wenn versucht wird, dieses menschenfeindliche
       Gedankengut zu verbreiten. Und natürlich erst recht, wenn es in konkrete
       Taten mündet, im schlimmsten Fall mit Gewaltbezug. Um das zu verhindern,
       beobachten wir auch die ideologischen Brandstifter, zum Beispiel
       rechtsextremistische Gruppierungen oder salafistische Prediger.
       
       taz: Müssten Sie dann nicht viel stärker auch christliche
       Fundamentalist:innen in den Blick nehmen? Die hetzen häufig auch
       gegen Homosexuelle und trans Personen. 
       
       Koehler: Das machen wir, wenn es systematisch passiert und Organisationen
       und Strukturen dahinterstehen. In Baden-Württemberg werden zwei
       freikirchliche Gemeinden beobachtet. Es ist gut möglich, dass dies nicht
       die einzigen bleiben werden in Deutschland.
       
       taz: Aber Sie beobachten doch auch islamistische Einzeltäter – in Bremen
       haben wir einen Pastor, der unter anderem „praktizierte Homosexualität“ als
       „todeswürdiges Verbrechen“ bezeichnet hat. 
       
       Koehler: Werden mit religiösen Argumenten politische Ziele verfolgt, die
       gegen die Menschenwürde, die Demokratie oder den Rechtsstaat gerichtet sind
       – dann schauen wir uns das immer an. Der Islam lässt sich wie das
       Christentum auch feministisch auslegen. Es gibt aber international auch
       viele konservative islamische Gelehrte, die der Ansicht sind,
       Homosexualität sei etwas Verbotenes. Und die gelten in den jeweiligen
       Ländern nicht als Extremisten, und in Teilen der islamischen Community sind
       sie hoch angesehen.
       
       taz: Gibt es Fälle, in denen Rechtsextreme und Islamisten ob ihrer
       ideologischen Überschneidungen gemeinsam handeln? 
       
       Koehler: Realweltliche gemeinsame Veranstaltungen sind die Ausnahme. Dafür
       sind die Ideologien dann doch zu gegensätzlich. In den sozialen Medien gibt
       es aber Memes, die sowohl von Rechtsextremisten als auch von Islamisten
       verbreitet werden, teilweise werden sie abgewandelt oder ergänzt. Da sehen
       wir im ersten Entwurf einen islamistischen Kämpfer, der sich allem
       entgegenstellt, wofür aus deren Perspektive die moderne westliche Welt
       steht, zum Beispiel Homosexualität. Und dann gibt es die Weiterentwicklung
       dieses Memes, wo neben dem islamistischen Kämpfer ein Kreuzritter
       abgebildet ist.
       
       taz: Eine christliche Figur? 
       
       Koehler: Den Kreuzritter als Symbol des „Widerstandskämpfers“ verwenden
       Rechtsextremisten, wenn sie ihre Ideologie religiös begründen wollen. In
       solchen Memes findet sich übrigens oft eine Verknüpfung mit dem
       Antisemitismus: Da erscheint dann über allem eine Spinne, die mit
       „Judentum“ oder „Israel“ beschriftet ist. Und sowohl die
       rechtsextremistische Attentäter-Fanszene, die extreme Gewalt propagiert und
       Attentäter verherrlicht, als auch einige Gruppen aus dem dschihadistischen
       Islamismus benutzen Hakenkreuzsymbole, befürworten den Holocaust und
       verehren Hitler.
       
       taz: Eine Erklärung für die Zunahme von queerfeindlichen Straftaten ist,
       dass Queere in der Öffentlichkeit immer sichtbarer geworden sind. Stimmt
       das? 
       
       Koehler: Extremismus lebt von Abgrenzung und Feindbildern. Das verfängt
       gerade unter jungen Menschen so, die Orientierung und Sicherheit suchen:
       Was ist richtig, was ist falsch? Auch die Vorstellung, einer exklusiven
       Gruppe zuzugehören, die sich abgrenzt gegen eine vermeintlich „verkommene
       Gesellschaft“, ist attraktiv für manche Menschen. In dem Moment, in dem
       etwas im Alltag präsent wird wie Homosexualität oder Nonbinarität, gibt es
       mehr Punkte, an denen ich mich reiben kann. Wenn das als Bedrohung
       wahrgenommen oder vermittelt wird, wächst der Handlungsdruck.
       
       taz: Und wer wendet sich welcher Ideologie zu? Die Kinder und Enkel von
       Migranten dem Islamismus und die anderen dem Rechtsextremismus? 
       
       Koehler: Nein, das lässt sich so pauschal nicht sagen. Nicht wenige wandern
       von einem Extremismus zum nächsten und radikalisieren sich dabei immer
       weiter, es gibt ja auch noch mehr Formen. Was leider zunimmt, sind die
       Fälle, in denen gar nicht mehr die Ideologie im Vordergrund steht, sondern
       nur noch das Gewalttätige, das Menschenverachtende.
       
       26 Sep 2026
       
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