# taz.de -- Feindbild Migration: „Diese Agenda hat eine lange Tradition“
> Die Demokratie ist mehr als die Herrschaft der Mehrheit, sagt
> Rechtsprofessor Maximilian Pichl. Er erklärt, was sie mit
> Flüchtlingsschutz in Europa zu tun hat.
(IMG) Bild: „Die Verteidigung von Flüchtlingsrechten zugleich eine Verteidigung unserer Demokratie“
taz: Herr Pichl, wie hängen Migrationspolitik und Demokratie zusammen?
Maximilian Pichl: Weltweit beobachten wir, wie autoritäre Akteure
versuchen, Demokratie neu zu definieren: als Durchsetzung des Willens der
Mehrheit. Was Demokratie konkret bedeutet, wird natürlich ständig neu
ausgehandelt. Aber es ist auch nicht völlig losgelöst von der Geschichte.
Und in Deutschland haben wir eine spezifische, regelbasierte Form der
Demokratie in Abgrenzung zum NS-Regime. Die deutsche Demokratie begünstigt
eben nicht nur eine vermeintliche Mehrheit, sondern sieht strukturelle
Schutzmechanismen für Minderheiten vor. Insofern ist die Verteidigung von
Flüchtlingsrechten zugleich eine Verteidigung unserer Demokratie.
taz: Aber ist Demokratie nicht die „Herrschaft der Mehrheit“, wie
CDU-Politiker Philipp Amthor nach der Sachsen-Anhalt-Wahl sagte?
Pichl: Die Frage ist: Wer ist die Mehrheit? In Deutschland durften bei der
letzten Bundestagswahl zehn Millionen Erwachsene nicht mitwählen, weil sie
keine deutsche Staatsangehörigkeit hatten …
taz: … also rund 14 Prozent der Erwachsenen.
Pichl: Genau. Die Lücke zwischen Bevölkerung und Wahlberechtigten in
Deutschland driftet immer weiter auseinander. Dass die Staatsbürgerschaft
immer noch der Schlüssel zur demokratischen Teilhabe ist, passt nicht in
eine postmigrantische Gesellschaft. Es gibt also tatsächliche Defizite
unseres demokratischen Modells – die extreme Rechte aber deutet diese
völlig um.
taz: Was wollen die Rechten?
Pichl: Die Transformation der Demokratie von einem System, das
Minderheitenrechte gewährleistet, zu einem, dass die Verfolgung von
Minderheiten als Recht einer privilegierten Mehrheit bekräftigt. Und in dem
dann jeder Versuch, diese Rechte zu schützen, als Angriff auf die Mehrheit
gewertet wird. Diese Agenda hat eine lange Tradition.
taz: Aber warum funktioniert das selbst dort, wo Migration keine große
Rolle spielt? In Sachsen-Anhalt leben nur knapp 8 Prozent Ausländer:innen.
Pichl: Das funktioniert, weil es auch um Gruppenidentifikation geht.
[1][Zygmunt Bauman] hat in seinem posthum erschienenen Buch „Retrotopia“
beschrieben, wie Menschen sich angesichts der Angst vor einer unsicheren
Zukunft und zunehmender Globalisierung in eine trügerische Nostalgie einer
idealisierten Vergangenheit flüchten. Die AfD hat ständig versprochen, die
1990er zurückzuholen – obwohl das eine wirtschaftlich verheerende Zeit für
die ostdeutschen Bundesländer war. Aber sie hat es mit der Hoffnung auf
eine bessere Zukunft aufgeladen. Eine Zukunft, die auf Exklusion setzt. Ich
denke, die Aufgabe für Demokraten ist es, dem eine Vision entgegenzusetzen
von einer Gesellschaft der Inklusion und der Solidarität.
taz: Das Recht auf Asyl wurde schon 1993 stark eingeschränkt. Seither ist
es fast unmöglich für Geflüchtete, sich auf dieses Grundrecht zu berufen.
Pichl: Die Debatte über das Asylrecht ging sogar schon früher los. In den
1970er Jahren flüchteten Sozialisten vor der faschistischen Übernahme in
Chile. Sollte man diese hier aufnehmen, in der Konfrontation mit der
Sowjetunion? Das erste Mal wurde damals diskutiert, wie weit das
universelle Recht auf politisches Asyl reichen soll. In den 1980er Jahren
dann kamen mehr Menschen aus dem Globalen Süden nach Deutschland, und
Rassismus mischte sich in die Diskussion. Und dann kamen in den 1990ern die
sogenannten [2][Baseballschlägerjahre]. Neonazigruppen attackierten
politische Gegner, Migrant*innen, Geflüchtete – und Angriffe aufs Asylrecht
wurden normalisiert, auch in der Breite des Deutschen Bundestags. [3][1992
griffen Rechte in Rostock-Lichtenhagen eine Unterkunft für Geflüchtete an]
– und die Politik reagierte mit der massiven Einschränkung des Asylrechts.
taz: Man versuchte so, rechten Parteien und rechter Gewalt zu begegnen –
wie heute wieder. Hat es damals denn funktioniert?
Pichl: Ganz klar: Nein. Die NPD wurde immer stärker, zog in Landtage ein,
vor allem im Osten Deutschlands. Die Rechtsextremen verschwanden nicht.
Stattdessen verübten sie tödliche Brandanschläge wie den in Solingen. Der
[4][NSU gründete sich und ermordete zehn Menschen]. Ich würde sagen, das
war ein intrinsischer Moment für den Zusammenhang zwischen Demokratie,
Solidarität und den Rechten Geflüchteter.
taz: Inwiefern?
Pichl: In Rostock-Lichtenhagen hat die deutsche Gesellschaft den
angegriffenen Geflüchteten die Solidarität entzogen. Michel Friedman aber
und Ignatz Bubis, damals Präsident des Zentralrats der Juden, fuhren an den
Ort des Pogroms. Das konnten viele gar nicht begreifen. Die beiden wurden
gefragt: Was habt ihr da gemacht, es waren doch gar keine Juden betroffen,
sondern Geflüchtete und vietnamesische Vertragsarbeiter. Aber ihnen ging es
um Solidarität. Friedman und Bubis hatten verstanden, was viele andere bis
heute nicht verstehen: dass ein Angriff auf das Recht auf Schutz ein
fundamentaler Angriff auf die Demokratie und die Menschenrechte aller ist.
taz: Konservative verweisen heute gerne auf Dänemarks restriktive
Migrationspolitik – unter einer sozialdemokratischen Regierung.
Pichl: Ja, und diese Sozialdemokratie hat letztens massive Verluste
eingefahren. Das erste Mal in 100 Jahren haben sie die Stadt Kopenhagen
verloren. Linke Kräfte werden stärker – aber auch die extreme Rechte ist
keineswegs verschwunden, sie hat sich viel mehr ausdifferenziert und an
Stärke gewonnen. Wir sehen das Gleiche in Großbritannien, die Tories sind
nur noch auf Platz drei, und Reform UK wird immer stärker. In Frankreich
sind die Konservativen geradezu verschwunden, in Italien ebenso. Wir sehen
die Umfrageentwicklungen in Deutschland. Es gibt zig Studien dazu. Aber man
braucht eigentlich keine Wissenschaft, um zu verstehen: So bekämpft man die
extreme Rechte und ihre Positionen nicht, man normalisiert sie. Und es
entsteht ein Teufelskreis.
taz: Was heißt das?
Pichl: Diese populistische Debatte über Migration hat weitreichende Folgen.
Auch auf Gerichte zum Beispiel. Der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte etwa hat noch im Jahr 2012 Pushbacks von Italien nach Libyen
in einer Leitentscheidung verboten. Aber seit 2015 hat sich die
Rechtsprechung verändert, die Interessen der Nationalstaaten haben
gegenüber den Menschenrechten Geflüchteter mehr Gewicht bekommen. Man kann
aber Menschenrechte nicht einfach für eine bestimmte Gruppe relativieren.
Man sollte sich wirklich angucken, welche Rechte da auf dem Prüfstand
stehen, um das Ausmaß der Gefahr zu begreifen.
taz: Welche sind das denn?
Pichl: Die meisten Urteile drehen sich um Artikel 3 der Europäischen
Menschenrechtskonvention. Also: das Verbot von Folter. Das ist ein
universelles Konzept und eine zentrale Lehre aus den Naziverbrechen. Wenn
man jetzt anfängt, dort Ausnahmen zu formulieren, dann werden rechte
Akteure das ganz schnell auf andere Gruppen ausweiten – Migrant*innen,
politische Gegner*innen. Harschen Restriktionen und repressiven
Polizeimethoden werden Tür und Tor geöffnet. Ebenfalls zentral ist Artikel
8, das Recht auf Privatsphäre und auf Familie – ebenfalls nichts, was nur
Geflüchtete betrifft. An die Grundrechte Hand anzulegen, stellt sie sehr
grundsätzlich infrage.
19 Sep 2026
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