# taz.de -- Nicht weiß und AfD-Victory: Wieso habe ich keine Angst?
       
       > Unsere Autorin bekommt nach dem Erfolg der Rechtsradikalen in
       > Sachsen-Anhalt besorgte Anfragen. Dabei liegt das Problem für sie viel
       > länger zurück.
       
 (IMG) Bild: Wir hätten es kommen sehen können
       
       Mein Handy leuchtet auf, als ich eine besorgte Nachricht bekomme „Hey, ich
       hab heute an dich gedacht“. Hä? Ich entsperre den Bildschirm, klicke auf
       den Kasten. Ich verstehe nichts. Dann macht es Klick. Heute waren Wahlen in
       Sachsen-Anhalt. Die AfD hat gewonnen.
       
       Ich bin nicht weiß, deswegen könnte mir das Angst machen, denkt die Person,
       die mir schreibt. Parallel titelt der Spiegel „Was haben die
       Verfassungsfeinde vor?“ und die New York Times [1][„AfD victory in
       Saxony-Anhalt sends a signal to Europe“. I]ch frage mich: Wieso habe ich
       keine Angst? Und welches Signal?
       
       Es schreiben mir an dem Tag drei Personen, dass sie an mich denken. Sie
       vergessen, dass ich aus Sachsen und nicht Sachsen-Anhalt komme, aber das
       ist vielleicht auch egal. Ich kann mir vorstellen, wie sich der AfD-Sieg in
       Sachsen-Anhalt für marginalisierte Gruppen anfühlt.
       
       Immerhin hat die Aufmerksamkeitsspanne bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt
       länger angehalten als in den benachbarten Bundesländern. Dafür hatten die
       aufgebrachten Artikel gesorgt, in denen Kolleg*innen darauf hingewiesen
       haben, etwas differenzierter und ausführlicher auf die politische
       Gemengelage in den neuen Bundesländern zu blicken. Und das nicht nur kurz
       vor den Wahlen.
       
       ## In Ostdeutschland mittelständischer rechtsextrem
       
       Die Zeitlichkeit störte mich weniger. Mein Leipziger Lokalpatriotismus war
       dafür nicht ausgeprägt genug. Ich dachte auch nicht, dass man erst die
       Komplexität dieser Stadt oder die der Region begreifen muss, damit man im
       Detail analysieren kann, wie der Rechtsruck passieren konnte.
       
       Was ich eher dachte: Der Rechtsruck war allen Orten in Deutschland
       inhärent, aber sah in seinen Ausprägungen unterschiedlich aus. Vielleicht
       war er in Ostdeutschland mittelständischer. Konnte sich das
       Bildungsbürgertum der alten Bundesländer leichter von den Menschen mit
       starkem Dialekt abgrenzen, die ihre Hände vor die ZDF-Fernsehteams hielten
       und „Nehmen Se jefälligst Ihre Gamera doa weg!“ brüllten? Waren die Codes
       der Faschist*innen aus der Arbeiterklasse leichter zu erkennen und zu
       dekonstruieren?
       
       Womöglich funktionierte die Abgrenzung so gut, dass rechte Ideologien, die
       in schickem Gewand daherkamen, zu Akzeptanz in der politischen Mitte
       führte. Das passierte aber nicht über Nacht.
       
       Der Politologe Armin Pfahl-Traughber beschreibt das als das „Beackern des
       Feldes der politischen Kultur durch Rechtsextremisten“. Man kann also eine
       politische Mehrheit erst für sich gewinnen, wenn man sie dafür geistig
       vorbereitet hat. Der intellektuelle Rechte, der auf den ersten Blick
       weniger bedrohlich wirkt, hat dafür die Vorbereitungen übernommen.
       Sicherlich haben die Debatten um „Pallywood“ und das „[2][Stadtbild]“ ihr
       Übriges dafür getan, dass Rassismus irgendwie wieder okay wurde.
       
       Und ja, Sachsen-Anhalt ist entgegen internationaler Analysen und
       innerdeutscher Fragen nach „Wie braun wird Sachsen-Anhalt?“ kein
       Warnsignal. Der AfD-Sieg ist der Beweis dafür, wie normalisiert und
       gesellschaftsfähig rechte und rassistische Ideologien in Deutschland sind.
       Und er ist Teil des [3][europäischen Rechtsruck]s, dessen Mitgliedstaaten
       sich in ihren Ängsten eher bestärken als beruhigen.
       
       Dass der Ort, an dem man groß geworden ist, zu dem Monster heranwächst, vor
       dem man gewarnt hat, ist also nicht sonderlich erschreckend. Der Schrecken
       steckt eher in den ausbleibenden Reaktionen der letzten zehn, zwanzig
       Jahre. Wenn die mehrheitsgesellschaftliche Passivität gegenüber rechter
       Bedrohung schon dazu geführt hat, dass Misstrauen entsteht, dann ist es
       wirklich keine Überraschung mehr, wenn nun ein Bundesland offiziell braun
       ist. Vielleicht wäre eine angebrachte Schlagzeile also eher „What the fuck
       did we do?“.
       
       20 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.nytimes.com/2026/09/06/world/europe/afd-germany-europe-far-right-saxony-anhalt.html
 (DIR) [2] /Migrationsdebatten/!6126157
 (DIR) [3] /Reaktionen-auf-Sachsen-Anhalt/!6210852
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yasemin Said
       
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