# taz.de -- Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern: Bouncen gegen den blauen Balken
       
       > Der eine baut eine mobile Disco, die andere spricht offen über ihre
       > Behinderung, eine gründet ein Festival: Was treibt Menschen an, die die
       > Demokratie im Nordosten verteidigen?
       
 (IMG) Bild: Den Mercedes Sprinter funktionierte Sebastian Schubert zum Tanzlokal um
       
       Kurz nach Mitternacht schaukelt der bordeauxfarbene, etwas in die Jahre
       gekommene Mercedes Sprinter so heftig auf und ab, als würde er gleich
       abheben. Auf einer Wiese unterhalb der Burg Klempenow ist der große
       Kastenwagen auf einem Festivalgelände geparkt.
       
       Der Blick durch die weit aufgezogene Schiebetür fällt auf eine Handvoll
       tanzender Menschen, auf sechs Quadratmetern bouncen sie im grellen Licht
       der Discoscheinwerfer: Da ist die akkurate Tänzerin, deren ruckartige
       Armbewegungen einstudiert wirken, ihr gegenüber zwei Bewegungskünstler, die
       sich in Pirouetten vom Wagenboden aus durch die Luft schrauben.
       
       Einige springen lachend aus dem Transporter, andere drängen hinein, vorbei
       an Plattentellern, auf denen DJ Charly jetzt schnelle Beats mit choralen
       Gesängen verschmelzen lässt. Hinter der Fahrerkabine ist eben ein Mann auf
       den Lautsprecher geklettert, er hat wohl zu tief ins Glas geguckt. Gleich
       wird er fallen. Doch erst springen alle, die es noch können, im Takt der
       Musik.
       
       Die fahrbare Disco im Mercedes Sprinter nennt sich „Fette Elke“, es ist das
       wohl kleinste mobile Tanzlokal Mecklenburg-Vorpommerns oder gleich der
       ganzen Welt. Der Erfinder des Dancefloors auf vier Rädern, der auch als
       Demowagen über die Straßen Mecklenburg-Vorpommerns rollt, heißt Sebastian
       Schubert. An diesem Juliwochenende gastiert er mit der „Fetten Elke“ beim
       Transit Festival, einem bunten, familiären Sommerfest, das im dünn
       besiedelten Vorpommern im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte steigt,
       zwischen Neubrandenburg, der „Stadt der vier Tore“, und der Hansestadt
       Greifswald.
       
       ## Gegen eine „Alleinherrschaft der AfD“
       
       Über dem Festivalgelände strahlt der blaue Himmel so hell und
       kontrastreich, dass man ahnt: Zur Ostsee kann es nicht mehr weit sein.
       Idyllisch wirkt es hier. Würde da nicht eine steife Brise von rechts
       aufziehen.
       
       [1][In Mecklenburg-Vorpommern wird am kommenden Wochenende gewählt]. Die
       AfD könnte nach ihrem Erfolg in Sachsen-Anhalt auch hier stärkste Kraft
       werden. [2][Laut der jüngsten Umfrage steht sie bei 35 Prozent], während
       die mit der Linken regierende SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig
       eine Aufholjagd gestartet hat (32 Prozent). Im inzwischen zehnten Jahr
       ihrer Amtszeit versucht Regierungschefin Schwesig ihren Amtsbonus mit einer
       stark auf sie zugeschnittenen Kampagne auszuspielen.
       
       Sie verspricht eine „verlässliche Regierung“ gegen eine „Alleinherrschaft
       der AfD“. Wenn die Linke ihre zuletzt stabilen Zustimmungswerte (11
       Prozent) halten kann und die Grünen (5 Prozent) die Fünfprozenthürde
       nehmen, wäre sogar ein rot-rot-grünes Bündnis im Schweriner Schloss
       möglich. Doch würde die CDU, die derzeit bei 8 Prozent liegt, die
       Brandmauer zur AfD aufgeben, wäre auch eine Koalition aus CDU und AfD nicht
       ausgeschlossen.
       
       Dann würde auf landespolitischer Ebene das geschehen, was in Kreistagen und
       Stadtvertretungen bei Abstimmungen über gemeinsam mit der AfD eingebrachte
       Einträge oder Haushaltsfragen längst stattfindet. Die Rechtspopulisten üben
       erheblichen Einfluss auf kommunalpolitische Debatten und Ausschussarbeit
       aus.
       
       Zugpferde der Partei und Aushängeschilder im Landtagswahlkampf sind der
       Landesvorsitzende Leif-Erik Holm, früher Radiomoderator, und Co-Landeschef
       Enrico Schult, der die Landesliste auf Platz eins anführt. Ideologisch wird
       der Landesverband, der zuletzt immer wieder durch Geschacher um Posten und
       Einfluss auf sich aufmerksam machte, eher dem völkisch-nationalistischen
       Spektrum zugeordnet.
       
       Auch wenn Mecklenburg-Vorpommern [3][im Vergleich zu Sachsen-Anhalt] gerade
       stabiler dasteht – das politische Klima verändert sich auch hier. Wie
       reagiert die linke Zivilgesellschaft? Was tun die demokratiefördernden
       Akteur:innen während des Rennens um den Schweriner Landtag?
       
       Sebastian Schubert, der Erfinder des mobilen Dancefloors, ist eher
       Langstreckenläufer als Sprinter. Schon vor zehn Jahren hatte er die Idee
       zur „Fetten Elke“. Namensgeber war der heute längst aus der Zeit gefallene
       „Elke“-Song der Ärzte. Damals hatte Schubert sich gerade von seiner
       Partnerin getrennt und wollte politisch aktiv werden. Damals, 2016, wird in
       Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Es ist das Jahr, in dem die AfD auch in
       Nordostdeutschland zum ersten Mal deutlich in Erscheinung tritt und am Ende
       20,8 Prozent der Stimmen erreicht.
       
       Dagegen hält die Punkband Feine Sahne Fischfilet mit ihrer „Noch nicht
       komplett im Arsch“- Vorwahlkampftour mit Konzerten, Lesungen und
       Ausstellungen in Kleinstädten und Dörfern. Das inspiriert Schubert. Er will
       urbanes Nachtleben und gute Laune in die ländliche Einöde bringen. Nach
       einem kleinen Umbau des Transporters zur Tanzfläche mit Sound- und
       Lichttechnik und einem Probelauf ist Schubert begeistert: „Das Wippen des
       Busses war sofort ansteckend“, erinnert er sich. Sein Ziel: die
       demokratischen Macher:innen stärken, die der rechten Szene im Land
       entgegentreten.
       
       ## „Laute Luise“ gesellt sich zur „Fetten Elke“
       
       Auch [4][Monchi, Frontmann von Feine Sahne Fischfilet], ist von Schuberts
       Idee begeistert. Er lädt ihn 2016 zum Tourfinale nach Jarmen ein, wo Feine
       Sahne Fischfilet fortan jährlich ein Festival ausrichten sollen. Getragen
       von so viel Rückenwind, geht es los: 30 Veranstaltungen pro Jahr bespielt
       die „Fette Elke“ von nun an als Demowagen und Tanzlokal, bis 2020 Corona
       das öffentliche Leben weitgehend lahmlegt.
       
       Angefangen als One-Man-Show, kümmert sich heute ein Team von fünf bis sechs
       Mitstreiter:innen ehrenamtlich um das Herzensprojekt. Kosten für
       Versicherung, Unterhalt oder auch mal neue Türen werden aus Spenden und
       Fördermitteln bezahlt. Vor drei Jahren kam die „Laute Luise“ hinzu, ein
       Anhänger mit mobilem Soundsystem, der die „Fette Elke“ auf Demonstrationen
       begleitet.
       
       Auch am 1. Mai werden die beiden in Greifswald als Duo aufgefahren. In
       Schönwalde I, einem sanierten Plattenbauviertel, hat der
       Studierendenverband Greifswalder Linksjugend zur „revolutionären
       1.-Mai-Demo“ aufgerufen. Ende der 1960er Jahre wurde die Siedlung für die
       Arbeiter:innen des inzwischen stillgelegten Kernkraftwerks Lubmin am
       Greifswalder Bodden gebaut, mittlerweile wohnen in Schönwalde I vor allem
       Menschen mit niedrigerem Einkommen.
       
       Eine Gruppe Demonstrierender hat sich vor dem Studentenclub „Kiste“
       eingefunden. Viele tragen schwarze T-Shirts und Shorts, einige eine Kufiya.
       Etwa 100 Protestierende werden gleich mit roten Fahnen und Transparenten in
       Richtung Innenstadt ziehen, auch eine DDR-Fahne ist zu sehen. Begleitet
       wird der Zug von einer Handvoll sichtlich entspannter Polizist:innen in
       zwei Einsatzwagen.
       
       Sebastian Schubert hat ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Bass statt
       Hass“ über die Heckklappe des Transporters gespannt. An den aufgeklappten
       Türen hängen Boxen. Schubert, der eine Arbeitshose und Turnschuhe trägt und
       eine zierliche Statur hat, prüft noch ein Kabel an einem der Lautsprecher.
       Letzte Vorbereitungen, bevor sich der Zug in Bewegung setzt.
       
       Aus der „Fetten Elke“ dröhnen laute Beats. Nebendran läuft Schubert und
       schaut, dass der junge Fahrer hinterm Steuer den Transporter sicher über
       die Straße bringt. Auf dem Radweg, ein paar Meter weiter, springt eine
       ältere Frau – modischer Kurzhaarschnitt, gepflegtes Äußeres – vom Fahrrad
       und schaut auf die vorbeiziehenden Demonstrierenden.
       
       „Schickt die arbeiten“, zischt sie und radelt eilig davon. Schubert wirkt
       tiefenentspannt: „Ich stelle die Infrastruktur, und den Rest machen die
       jungen Leute“, beschreibt der 45-Jährige sein Tun auf der Demo und grinst.
       Über sein Engagement sagt er, dass es „sinnstiftend“ sei.
       
       Schubert ist in der Nachwendezeit in einem Dorf zwischen Neubrandenburg und
       Neustrelitz aufgewachsen, Begegnungen mit der rechten Szene gehörten zu
       seinem Alltag als Jugendlicher. Er ist das dritte Kind eines politisch eher
       unangepassten Elternhauses. Vater und Mutter, Biologe und Biologin,
       engagieren sich in der Wendezeit in der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum.
       
       In den Neunzigerjahren wird Schubert Dorfpunk, „so richtig mit Lederjacke
       und Iro“. In den sogenannten Baseballschlägerjahren „gab es öfter mal was
       auf die Nase“, sagt er, „damals waren wir in Neubrandenburg 10 Prozent
       Linke, also Skater, HipHopper, Punks – und 90 Prozent Faschos“.
       
       Nach dem Schulabschluss lässt er sich zum Landwirt ausbilden, studiert
       später Fahrzeugtechnik in Berlin. „Schwierige Lehrjahre“ seien das gewesen,
       sagt er. Mit Lederjacke und Iro passt er nicht in den Kuhstall.
       Rückblickend hat die Erfahrung aber auch etwas Gutes, denn Schubert
       entwickelt ein Gefühl für Land und Leute.
       
       Auf der Demo in Greifswald muss die „Fette Elke“ jetzt um die Ecke biegen,
       es wird eng. Der Fahrer kommt ins Schwitzen. Schubert lotst ihn auf die
       richtige Spur. Dass zuletzt so viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern den
       demokratischen Pfad verlassen haben, wundert den gebürtigen Norddeutschen
       nicht: „Das rechtskonservative Denken war immer da“, sagt er. Es habe sich
       parteipolitisch nur anders manifestiert.
       
       Schubert spielt auf den vorübergehenden Einzug der NPD in den Schweriner
       Landtag Mitte der nuller Jahre an. Auch trete die rechte Ideologie heute
       deutlich offener zutage. Die vielen Reichsflaggen, die er zählt, wenn er
       durchs Land fährt, hätte man früher nicht gesehen.
       
       „Es gibt diese generationenübergreifende Resignation“, sagt Schubert. Dabei
       sei die strukturschwache Region seiner Meinung nach längst nicht das
       Hauptproblem. Vielmehr hätten viele Menschen den Eindruck, mit ihren
       Problemen alleingelassen zu werden.
       
       ## „Mal so richtig auf die Scheiße hauen“
       
       Vor wenigen Jahren, als er zwischenzeitlich als Fuhrparkleiter am
       Greifswalder Universitätsklinikum arbeitete, habe er viel mit dem
       Reinigungs- und Küchenpersonal gesprochen – mit Arbeiter:innen also,
       die heute einen großen Teil der AfD-Wählerschaft in Mecklenburg-Vorpommern
       ausmachen. „In Berlin werden Sachen entschieden, die uns nicht betreffen“,
       habe es dort etwa geheißen. Dass sie damit nicht falsch liegen, weiß
       Schubert.
       
       Er nennt politische Versprechen, die noch immer nicht eingelöst wurden, wie
       den lang angekündigten Ausbau der Bahnverbindung Berlin–Pasewalk–Rügen oder
       den Ausbau öffentlicher E-Ladestationen auf dem Lande. Schubert ist sich
       sicher: Viele Menschen aus der Arbeiterklasse, die sich abgehängt fühlten,
       wählten aus Protest AfD. Natürlich würde es „rechte Spinner im Land“ geben,
       aber die Mehrheit der Leute wolle mit ihrer AfD-Stimme bei der Landtagswahl
       „mal so richtig auf die Scheiße hauen“ und den politischen Betrieb
       durchmischen.
       
       Währenddessen hat der 1.-Mai-Demo-Zug das backsteinrote Mühlentor erreicht.
       Auf dem Platz gleich nebenan macht Sophie Tieding gerade ihrem Unmut Luft.
       Tieding sitzt für die Partei Die Linke in der Greifswalder Bürgerschaft, im
       Landtagswahlkampf tritt sie als Jugendkandidatin an. Die 25-Jährige wettert
       gegen die Milliardengewinne von Finanzkonzernen, gegen staatliche Kürzungen
       bei der Jugendhilfe und spricht sich für die Unterstützung von Menschen mit
       Behinderung aus.
       
       Tieding ist Jurastudentin, sie hat als erstes Familienmitglied studiert und
       gerade das erste Staatsexamen abgelegt. Sie engagiert sich im
       Haustürwahlkampf vor Ort. Ihre Gefühle zum politischen Klima im Land
       beschreibt sie mit den Worten: „zwischen Hoffnung und dem Schrecken vor dem
       blauen Balken“. Zwar gebe es derzeit viele Aktive, die sich für ein
       demokratisches Mecklenburg-Vorpommern engagierten. Zugleich beobachteten
       sie und ihre Mitstreiter:innen aber auch eine wachsende Mobilisierung
       rechter Gruppen während der nun beginnenden CSD-Saison.
       
       Tieding nimmt für ihr politisches Engagement auch Risiken in Kauf. So hat
       sich die gebürtige Schwerinerin entschieden, ihre persönliche Situation
       erstmals zum Wahlkampfthema zu machen. Tieding lebt mit einer
       Gehbeeinträchtigung infolge einer angeborenen Zerebralparese. „Mit meiner
       körperlichen Behinderung bin ich direktes Feindbild der AfD“, sagt sie.
       „Als politische aktive Frau werde ich doppelt diskriminiert.“
       
       Die Linken-Politikerin spielt auf die Erklärung der Rechtspopulisten an,
       bei Regierungsübernahme die Inklusion an Schulen des Landes zurückzufahren
       und mehr Kinder mit Beeinträchtigungen an Förderschulen zu unterrichten. In
       ihrem Ende Mai in Grimmen verabschiedeten Landtagswahlprogramm bezeichnete
       die AfD die Inklusionspolitik der Landesregierung als gescheitert.
       
       Andere politische Forderungen sind die Rückkehr zur Kernenergie und die
       Einschränkung des Windkraftausbaus sowie die Rückbesinnung auf ein „deutsch
       geprägtes“ Gesellschaftsmodell als Gegenentwurf zu Migration und
       „Multikulti“.
       
       Dabei hatte Mecklenburg-Vorpommern zuletzt mit 10,7 Prozent den geringsten
       Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund unter allen Bundesländern.
       Hinzu kommt: Ohne die Ärzt:innen aus Syrien oder der Ukraine und die
       Servicekräfte und Erntehelfer, die zuletzt aus Bulgarien, Rumänien und
       sogar Kirgistan kamen, stünde das touristisch geprägte Flächenland vor
       ziemlich großen Herausforderungen.
       
       Videoanruf bei Alicja Orlow, stellvertretende Geschäftsführerin der
       Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA)
       Mecklenburg-Vorpommern. Anfang Juni hat Orlow – geboren in Polen,
       aufgewachsen auf Usedom, Studium und Arbeit in Potsdam und Bremen, später
       Benin und Krakau – alle Hände voll zu tun, um ihre Ideen für eine offene
       und vielfältige Gesellschaft ins Land zu tragen. Dabei kommt sie viel rum,
       hat durch ihre einnehmende Art tiefe Einblicke in die Lebenswelten ihrer
       Mitbürger:innen gewinnen können.
       
       ## Die Lücke, die die AfD nutzt
       
       Beim Gespräch sitzt Orlow am Schreibtisch ihres Greifswalder Büros, die
       Uhrzeit im Blick. Auch Orlow glaubt, dass viele Bürger:innen im Land die
       AfD aus Protest wählen. „Rassismus ist nicht das, was die Menschen
       antreibt“, sagt die 38-Jährige. Den Menschen gehe es vor allem darum,
       „wieder in etwas Größeres eingebunden zu werden und sich gesehen zu
       fühlen“. Weit verbreitet sei die Wahrnehmung, dass die Politik den
       anstehenden Veränderungen – sowohl im globalen als auch im kommunalen
       Kontext – bislang nicht ausreichend gerecht werde. Die große Idee fehle.
       
       Eine Lücke, die die AfD mit ihrem nahbar und emotional kommunizierten
       „Früher war alles besser“-Narrativ fülle, das den gesellschaftlichen Wandel
       als Verlustgeschichte auslegt. Dass viele Wähler:innen, die das
       Wahlprogramm der Rechtspopulist:innen oft nicht einmal im Detail
       kennen, mit ihrer Stimme eine völkisch und rassistisch agierende Partei in
       Kauf nehmen würden, sei „leider eine sehr menschliche Strategie“, sagt
       Orlow. „Nach unten zu treten ist wohl der leichteste Weg, um die eigene
       Position zu verbessern.“
       
       Es sei der Hebel, den Menschen selbst am schnellsten bedienen könnten, auch
       sei „das oberste Prozent der Gesellschaft“ überhaupt nicht greifbar. Orlow
       meint damit, dass Menschen andere wegen ihres Bildungsstands, ihrer
       Herkunft oder ihrer Lebensverhältnisse abwerten, um sich selbst im sozialen
       Gefüge aufzuwerten.
       
       Dass Orlow als Person of Color mit deutsch-polnischem Hintergrund und
       internationaler Karriere 2020 trotz der Enge in ihrer Heimat nach
       Vorpommern zurückkam, hatte auch persönliche Gründe, ausschlaggebend aber
       war die Erkenntnis, dass sie mit ihrer Arbeit für Demokratie in der Provinz
       mehr bewirken könnte als in der Großstadt.
       
       Auf das zivilgesellschaftliche Fundament vor Ort angesprochen, sagt Orlow,
       es gebe zu wenig Gestalter:innen im Land. Viele Menschen, „die im
       Kleinen ganz viel bewegen“, würden sich selbst kaum als gesellschaftliche
       Akteur:innen wahrnehmen. Auch die mangelnde Vernetzung untereinander sei
       ein Problem.
       
       ## Mangel an Vielfalt
       
       Und dann mache sie bei ihren Reisen durchs Land immer wieder dieselbe
       Beobachtung: „Wir haben einfach einen krassen Mangel an Vielfalt“, sagt
       Orlow, „unsere Welt hier ist unfassbar klein.“ Vielen Bürger:innen fehle
       es an Begegnungen, Eindrücken und Perspektiven von außen. Gerade deshalb
       sei es wichtig, Menschen ins Bundesland zu holen. „Wir müssen die große
       weite Welt nach MV bringen“, sagt sie, „und zugleich die Menschen vor Ort
       in Bewegung bringen.“
       
       Zurück beim Transit Festival in Klempenow, Anfang Juli. Am
       Freitagnachmittag ist Ina Gross-Bajohr aus ihrer Wahlheimat Demmin ins rund
       60 Einwohner zählende Dorf gekommen. Gross-Bajohr ist Pressesprecherin des
       überparteilichen Bündnisses „Zusammen bewegen“, in dem sich
       zivilgesellschaftliche Vereine, Initiativen und engagierte Menschen „für
       ein solidarisches und gerechtes Mecklenburg-Vorpommern“ zusammengeschlossen
       haben.
       
       Gestartet im Herbst 2025 mit 150 Mitgliedern und der zunehmenden Sorge vor
       dem Rechtsruck im Land, zählt das Bündnis heute etwa 1.000 aktiv Vernetzte
       von Ludwigslust bis Stralsund. Regelmäßig veranstaltet werden Radtouren,
       Schreibwerkstätten, Ausstellungen, Aufräumaktionen oder das Erfolgsformat
       „Klönschnack“, also Plaudern bei Kaffee und Kuchen unter freiem Himmel.
       
       Gross-Bajohr, die einen blonden Bob und ein schwarz-weiß gepunktetes
       Sommerkleid trägt, sitzt auf der Steintreppe eines ehemaligen Gutshauses
       und erzählt von den vielen Gesprächen mit Bürger:innen, die sie und ihre
       Mitstreiter:innen auf Marktplätzen, an Häfen und an Seen geführt haben.
       So manche Gäste, darunter viele Rentner:innen, die zu ihnen ins mobile
       Wohnzimmer kämen, würden – typisch norddeutsch – zunächst gar nicht reden
       wollen, sagt sie.
       
       Und hörten dann, sobald das Eis gebrochen wäre, meist gar nicht mehr auf.
       Oft ginge es dann darum, wie schlecht man über die Dörfer zum Arzt komme
       oder dass die Schule so oft ausfalle. Dokumentiert werden die Ängste und
       Sorgen der Bürger:innen auf großen Papiertischdecken, demnächst sollen
       sie vor dem Schloss Schwerin ausgestellt werden. Auch ein Forderungskatalog
       soll ans Landesparlament übergeben werden.
       
       Dass sich das Bündnis für ein solidarisches Mecklenburg-Vorpommern
       innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten demokratischen Akteure in
       Nordostdeutschland gemausert hat, hat Gross-Bajohr selbst überrascht. Das
       prägendste Erlebnis sei für sie die gut besuchte
       „Klönschnack“-Auftaktveranstaltung in der Kulturkirche St. Jakobi in
       Stralsund vergangenen Februar gewesen. Eigentlich habe sich das Team von
       „Zusammen bewegen“ dort nach Veranstaltungsende nur kurz zusammenfinden
       wollen, um das Treffen auszuwerten.
       
       Ein paar Besucher:innen hätten sich dazugestellt. Ein Mann habe gesagt,
       er sei tief bewegt gewesen, die Veranstaltung hätte ihn sehr an die
       Demokratiebewegung in der DDR erinnert. Andere hätten begrüßt, dass man nun
       endlich wieder ins Gespräch miteinander käme, sich zuhöre. Da schien es, so
       Gross-Bajohr, als würde in Stralsund, stellvertretend für den Nordosten der
       Bundesrepublik, wieder ein Gemeinschaftsgefühl Fahrt aufnehmen, das
       vielleicht 30 Jahre lang vor Anker gelegen hatte.
       
       Mittlerweile treffen die ersten Festivalbesucher:innen auf dem
       Burggelände ein. Viele von ihnen sind, das verraten die Nummernschilder der
       parkenden Pkws, aus dem Umland gekommen. Andere haben sich aus Potsdam,
       Lübeck und Hamburg auf den Weg gemacht. Auf dem Turm flattert heute die
       Regenbogenfahne im Wind. Schräg darunter glitzert eine Discokugel am
       Abort-Erker, der früheren Burgtoilette, im goldenen Licht des
       Sommernachmittags.
       
       Gut gelaunt läuft nun Undine Spillner über das Burggelände und beobachtet
       das bunte Festivaltreiben. Die 45-Jährige hat das Telefon am Ohr, die
       Sonnenbrille lässig ins lange Haar geschoben. Sie ist studierte
       Kulturarbeiterin und Mutter von drei heranwachsenden Söhnen. Gemeinsam mit
       ihrem Partner Christian Herfurth hat sie das Transit Festival vor 13 Jahren
       gegründet.
       
       ## 90er-Jahre-Power
       
       Für die beiden ist die Kulturveranstaltung mit dem ausgewählten
       Band-Line-up, Kreativworkshops, Theater, Yogasessions und Gesprächsrunden
       „ein utopischer Sommertraum für alle zwischen Burg und Fluss“. Ein
       Transit-Ort im besten Sinne, an dem Menschen jeglicher Herkunft und jeden
       Alters zusammenkommen, verbunden durch das gemeinsame Erleben von Kultur.
       
       Spillner, gebürtige Berlinerin, kam Anfang der achtziger Jahre mit ihren
       Eltern, einem Künstlerpaar, ins Tollensetal bei Neubrandenburg. Auf der
       Suche nach Freiräumen in der zunehmend enger werdenden DDR fühlten diese
       sich magisch von der mittelalterlichen Burg Klempenow angezogen – beide
       wurden Gründungsmitglieder des heutigen Kulturorts. Die Burg und deren
       angrenzende Domäne, die noch bis in die 1990er Jahre bewohnt war, war total
       zerfallen und voller Müll.
       
       Dann begann das, was Spillner „die Power der Neunzigerjahre“ nennt. Mit
       viel Einsatz und Geld wurde die Burgruine zu einem spektakulären Kulturort
       mit Ausstellungsflächen, Kanuverleih, Café und Laden im historischen
       Torwächterhaus wiedererweckt. Heute kümmern sich etwa 15 aktive Mitglieder
       und Freunde des Kultur-Transit-96 e.V. von Burg Klempenow um die rund 45
       Veranstaltungen im Jahr, so wie um den „Appelmarkt“, die Jazzkonzerte oder
       das „Neue Heimat“-Filmfest für internationale Kurz- und Dokumentarfilme,
       das Spillner und Herfurth seit inzwischen 15 Jahren veranstalten.
       
       „Wo ist die Triggerwarnung?“, fragt Spillner, nun wieder am Telefon. Sie
       steht vor der breiten Lattentür des langen Gebäuderiegels, der früher
       Kuhstall war und heute Veranstaltungsraum ist. Derzeit zeigt das
       Friedensbibliothek-Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche
       Berlin-Brandenburg hier die Ausstellung „Der Traum von einem anderen
       Deutschland“. Zu sehen sind teils verstörende Schwarz-Weiß-Fotografien vom
       Krieg und seinen Opfern im Dritten Reich – zu heftig für Kinder unter zwölf
       Jahren.
       
       Um den ländlichen Raum derart anspruchsvoll zu bespielen, brauche es
       engagierte Menschen und Fördermittel, sagt Spillner. „Wir machen hier
       kulturelle Grundversorgung.“ Das geschehe zu großen Teilen ehrenamtlich.
       Eine zunehmend schwierige Aufgabe: Anhaltende Sparzwänge in den Kommunen
       sowie der Einzug von AfD-Abgeordneten in die kommunalen Parlamente mache
       ihnen das Leben schwer.
       
       Erst Ende Juni machte eine Entscheidung des Kreistags im Landkreis
       Mecklenburgische Seenplatte bundesweit Schlagzeilen. Ähnlich wie schon Ende
       Mai im Ilmkreis in Thüringen sprach sich der Kreistag mit den Stimmen der
       AfD und zahlreichen Enthaltungen aus CDU und BSW gegen die Fortführung des
       jährlich mit 140.000 Euro geförderten Bundesprogramms „Demokratie leben!“
       aus.
       
       Dadurch stehen diverse Demokratieprojekte wie Jugendarbeit,
       Extremismusprävention, politische Bildung vor dem Aus. Eine Entwicklung,
       die auch auf bundespolitischer Ebene begünstigt wird. So hat
       Familienministerin Karin Prien (CDU) im Frühjahr 2026 die Neuausrichtung
       des Programms „Demokratie leben!“ angekündigt: weg von einer breiten
       projektbasierten Förderung der Zivilgesellschaft hin zu einer
       Demokratiebildung in staatlich getragenen Regelstrukturen und einer
       erweiterten Extremismusprävention.
       
       Mit der Konsequenz, dass zum Jahresende bundesweit etwa 200 Projekte
       auslaufen. Der aktuelle Etatentwurf des Bundesfamilienministeriums sieht
       zudem weitere Mittelkürzungen bei der Demokratiearbeit in zweistelliger
       Millionenhöhe vor.
       
       ## 1.300 Parteieintritte
       
       Auch in Spillners Festivalkasse klaffte eine Lücke von 13.000 Euro. Eine
       Summe, die den Macher:innen schlaflose Nächte bereitete und Spillner auf
       die fieberhafte Suche nach Fördertöpfen schickte. Mit Erfolg. Nur zwei Tage
       vor Festivalbeginn brachte eine Stiftung zur Förderung
       zivilgesellschaftlicher Demokratieprojekte die fehlenden Mittel auf.
       
       „Der Wandel der Gesellschaft wirkt sich jetzt direkt im ländlichen Raum
       aus“, sagt die Festivalmacherin. Ihre Antwort auf das demokratiefeindliche
       Klima: die Stellung halten, Kulturschaffende stärken und neue Allianzen
       schmieden.
       
       Den passenden Resonanzboden dafür soll eine Gesprächsrunde im ehemaligen
       Kuhstall bieten. Und so sitzen am Samstagvormittag eine Klimaaktivistin aus
       München, ein Publizist aus dem Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung und
       Sophie Tieding, die Jugendkandidatin der Linken aus Greifswald, eingeladen
       als Sprecherin der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, im
       ehemaligen Kuhstall vor rund 100 Interessierten.
       
       Gleich zu Beginn will die Runde den Zuhörer:innen angesichts „des
       Weltschmerzes da draußen“ ein paar positive Impulse zum Handeln geben. Die
       Redner:innen berichten von erfolgreichen Aktionen linker Gruppen –
       zuletzt etwa beim Landesparteitag der AfD in Erfurt – und von der neuen
       Politisierung unter Schüler:innen, die mit Schulstreiks gegen die
       Wehrpflicht protestieren.
       
       Im Publikum herrscht konzentrierte Spannung. Einige Gäste, die meisten wohl
       Mitte vierzig und ein paar Alt-Linke, nehmen den Ball zaghaft auf, werben
       für mehr Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen oder berichten, dass
       sie erst kürzlich gegen die Kürzung von Demokratiefördermitteln auf der
       Straße waren.
       
       Später auf der Wiese liegt die „Fette Elke“ noch im Rausch der vergangenen
       Nacht, die Schiebetür des Tanzlokals ist geschlossen. Sophie Tieding wirkt
       hoffnungsvoll, weil die Umfragewerte der Linkspartei sich zuletzt
       stabilisiert haben.
       
       Der Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern zählt viele Neumitglieder, seit
       Januar 2025 sind rund 1.300 Menschen in die Partei eingetreten. Auch ihr
       Haustürwahlkampf in Greifswald laufe gut. Dass sie ihre körperliche
       Behinderung zum Wahlkampfthema gemacht habe, bringe ihr viel Respekt ein.
       Mit Blick auf den Ausgang der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern sagt
       Tieding: „Wir sind offen für Rot-Rot-Grün“.
       
       Die eigentliche Aufgabe aber folge danach: „Und dann müssen wir den blauen
       Balken wieder kleinkriegen.“
       
       15 Sep 2026
       
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