# taz.de -- Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern: Bouncen gegen den blauen Balken
> Der eine baut eine mobile Disco, die andere spricht offen über ihre
> Behinderung, eine gründet ein Festival: Was treibt Menschen an, die die
> Demokratie im Nordosten verteidigen?
(IMG) Bild: Den Mercedes Sprinter funktionierte Sebastian Schubert zum Tanzlokal um
Kurz nach Mitternacht schaukelt der bordeauxfarbene, etwas in die Jahre
gekommene Mercedes Sprinter so heftig auf und ab, als würde er gleich
abheben. Auf einer Wiese unterhalb der Burg Klempenow ist der große
Kastenwagen auf einem Festivalgelände geparkt.
Der Blick durch die weit aufgezogene Schiebetür fällt auf eine Handvoll
tanzender Menschen, auf sechs Quadratmetern bouncen sie im grellen Licht
der Discoscheinwerfer: Da ist die akkurate Tänzerin, deren ruckartige
Armbewegungen einstudiert wirken, ihr gegenüber zwei Bewegungskünstler, die
sich in Pirouetten vom Wagenboden aus durch die Luft schrauben.
Einige springen lachend aus dem Transporter, andere drängen hinein, vorbei
an Plattentellern, auf denen DJ Charly jetzt schnelle Beats mit choralen
Gesängen verschmelzen lässt. Hinter der Fahrerkabine ist eben ein Mann auf
den Lautsprecher geklettert, er hat wohl zu tief ins Glas geguckt. Gleich
wird er fallen. Doch erst springen alle, die es noch können, im Takt der
Musik.
Die fahrbare Disco im Mercedes Sprinter nennt sich „Fette Elke“, es ist das
wohl kleinste mobile Tanzlokal Mecklenburg-Vorpommerns oder gleich der
ganzen Welt. Der Erfinder des Dancefloors auf vier Rädern, der auch als
Demowagen über die Straßen Mecklenburg-Vorpommerns rollt, heißt Sebastian
Schubert. An diesem Juliwochenende gastiert er mit der „Fetten Elke“ beim
Transit Festival, einem bunten, familiären Sommerfest, das im dünn
besiedelten Vorpommern im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte steigt,
zwischen Neubrandenburg, der „Stadt der vier Tore“, und der Hansestadt
Greifswald.
## Gegen eine „Alleinherrschaft der AfD“
Über dem Festivalgelände strahlt der blaue Himmel so hell und
kontrastreich, dass man ahnt: Zur Ostsee kann es nicht mehr weit sein.
Idyllisch wirkt es hier. Würde da nicht eine steife Brise von rechts
aufziehen.
[1][In Mecklenburg-Vorpommern wird am kommenden Wochenende gewählt]. Die
AfD könnte nach ihrem Erfolg in Sachsen-Anhalt auch hier stärkste Kraft
werden. [2][Laut der jüngsten Umfrage steht sie bei 35 Prozent], während
die mit der Linken regierende SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig
eine Aufholjagd gestartet hat (32 Prozent). Im inzwischen zehnten Jahr
ihrer Amtszeit versucht Regierungschefin Schwesig ihren Amtsbonus mit einer
stark auf sie zugeschnittenen Kampagne auszuspielen.
Sie verspricht eine „verlässliche Regierung“ gegen eine „Alleinherrschaft
der AfD“. Wenn die Linke ihre zuletzt stabilen Zustimmungswerte (11
Prozent) halten kann und die Grünen (5 Prozent) die Fünfprozenthürde
nehmen, wäre sogar ein rot-rot-grünes Bündnis im Schweriner Schloss
möglich. Doch würde die CDU, die derzeit bei 8 Prozent liegt, die
Brandmauer zur AfD aufgeben, wäre auch eine Koalition aus CDU und AfD nicht
ausgeschlossen.
Dann würde auf landespolitischer Ebene das geschehen, was in Kreistagen und
Stadtvertretungen bei Abstimmungen über gemeinsam mit der AfD eingebrachte
Einträge oder Haushaltsfragen längst stattfindet. Die Rechtspopulisten üben
erheblichen Einfluss auf kommunalpolitische Debatten und Ausschussarbeit
aus.
Zugpferde der Partei und Aushängeschilder im Landtagswahlkampf sind der
Landesvorsitzende Leif-Erik Holm, früher Radiomoderator, und Co-Landeschef
Enrico Schult, der die Landesliste auf Platz eins anführt. Ideologisch wird
der Landesverband, der zuletzt immer wieder durch Geschacher um Posten und
Einfluss auf sich aufmerksam machte, eher dem völkisch-nationalistischen
Spektrum zugeordnet.
Auch wenn Mecklenburg-Vorpommern [3][im Vergleich zu Sachsen-Anhalt] gerade
stabiler dasteht – das politische Klima verändert sich auch hier. Wie
reagiert die linke Zivilgesellschaft? Was tun die demokratiefördernden
Akteur:innen während des Rennens um den Schweriner Landtag?
Sebastian Schubert, der Erfinder des mobilen Dancefloors, ist eher
Langstreckenläufer als Sprinter. Schon vor zehn Jahren hatte er die Idee
zur „Fetten Elke“. Namensgeber war der heute längst aus der Zeit gefallene
„Elke“-Song der Ärzte. Damals hatte Schubert sich gerade von seiner
Partnerin getrennt und wollte politisch aktiv werden. Damals, 2016, wird in
Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Es ist das Jahr, in dem die AfD auch in
Nordostdeutschland zum ersten Mal deutlich in Erscheinung tritt und am Ende
20,8 Prozent der Stimmen erreicht.
Dagegen hält die Punkband Feine Sahne Fischfilet mit ihrer „Noch nicht
komplett im Arsch“- Vorwahlkampftour mit Konzerten, Lesungen und
Ausstellungen in Kleinstädten und Dörfern. Das inspiriert Schubert. Er will
urbanes Nachtleben und gute Laune in die ländliche Einöde bringen. Nach
einem kleinen Umbau des Transporters zur Tanzfläche mit Sound- und
Lichttechnik und einem Probelauf ist Schubert begeistert: „Das Wippen des
Busses war sofort ansteckend“, erinnert er sich. Sein Ziel: die
demokratischen Macher:innen stärken, die der rechten Szene im Land
entgegentreten.
## „Laute Luise“ gesellt sich zur „Fetten Elke“
Auch [4][Monchi, Frontmann von Feine Sahne Fischfilet], ist von Schuberts
Idee begeistert. Er lädt ihn 2016 zum Tourfinale nach Jarmen ein, wo Feine
Sahne Fischfilet fortan jährlich ein Festival ausrichten sollen. Getragen
von so viel Rückenwind, geht es los: 30 Veranstaltungen pro Jahr bespielt
die „Fette Elke“ von nun an als Demowagen und Tanzlokal, bis 2020 Corona
das öffentliche Leben weitgehend lahmlegt.
Angefangen als One-Man-Show, kümmert sich heute ein Team von fünf bis sechs
Mitstreiter:innen ehrenamtlich um das Herzensprojekt. Kosten für
Versicherung, Unterhalt oder auch mal neue Türen werden aus Spenden und
Fördermitteln bezahlt. Vor drei Jahren kam die „Laute Luise“ hinzu, ein
Anhänger mit mobilem Soundsystem, der die „Fette Elke“ auf Demonstrationen
begleitet.
Auch am 1. Mai werden die beiden in Greifswald als Duo aufgefahren. In
Schönwalde I, einem sanierten Plattenbauviertel, hat der
Studierendenverband Greifswalder Linksjugend zur „revolutionären
1.-Mai-Demo“ aufgerufen. Ende der 1960er Jahre wurde die Siedlung für die
Arbeiter:innen des inzwischen stillgelegten Kernkraftwerks Lubmin am
Greifswalder Bodden gebaut, mittlerweile wohnen in Schönwalde I vor allem
Menschen mit niedrigerem Einkommen.
Eine Gruppe Demonstrierender hat sich vor dem Studentenclub „Kiste“
eingefunden. Viele tragen schwarze T-Shirts und Shorts, einige eine Kufiya.
Etwa 100 Protestierende werden gleich mit roten Fahnen und Transparenten in
Richtung Innenstadt ziehen, auch eine DDR-Fahne ist zu sehen. Begleitet
wird der Zug von einer Handvoll sichtlich entspannter Polizist:innen in
zwei Einsatzwagen.
Sebastian Schubert hat ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Bass statt
Hass“ über die Heckklappe des Transporters gespannt. An den aufgeklappten
Türen hängen Boxen. Schubert, der eine Arbeitshose und Turnschuhe trägt und
eine zierliche Statur hat, prüft noch ein Kabel an einem der Lautsprecher.
Letzte Vorbereitungen, bevor sich der Zug in Bewegung setzt.
Aus der „Fetten Elke“ dröhnen laute Beats. Nebendran läuft Schubert und
schaut, dass der junge Fahrer hinterm Steuer den Transporter sicher über
die Straße bringt. Auf dem Radweg, ein paar Meter weiter, springt eine
ältere Frau – modischer Kurzhaarschnitt, gepflegtes Äußeres – vom Fahrrad
und schaut auf die vorbeiziehenden Demonstrierenden.
„Schickt die arbeiten“, zischt sie und radelt eilig davon. Schubert wirkt
tiefenentspannt: „Ich stelle die Infrastruktur, und den Rest machen die
jungen Leute“, beschreibt der 45-Jährige sein Tun auf der Demo und grinst.
Über sein Engagement sagt er, dass es „sinnstiftend“ sei.
Schubert ist in der Nachwendezeit in einem Dorf zwischen Neubrandenburg und
Neustrelitz aufgewachsen, Begegnungen mit der rechten Szene gehörten zu
seinem Alltag als Jugendlicher. Er ist das dritte Kind eines politisch eher
unangepassten Elternhauses. Vater und Mutter, Biologe und Biologin,
engagieren sich in der Wendezeit in der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum.
In den Neunzigerjahren wird Schubert Dorfpunk, „so richtig mit Lederjacke
und Iro“. In den sogenannten Baseballschlägerjahren „gab es öfter mal was
auf die Nase“, sagt er, „damals waren wir in Neubrandenburg 10 Prozent
Linke, also Skater, HipHopper, Punks – und 90 Prozent Faschos“.
Nach dem Schulabschluss lässt er sich zum Landwirt ausbilden, studiert
später Fahrzeugtechnik in Berlin. „Schwierige Lehrjahre“ seien das gewesen,
sagt er. Mit Lederjacke und Iro passt er nicht in den Kuhstall.
Rückblickend hat die Erfahrung aber auch etwas Gutes, denn Schubert
entwickelt ein Gefühl für Land und Leute.
Auf der Demo in Greifswald muss die „Fette Elke“ jetzt um die Ecke biegen,
es wird eng. Der Fahrer kommt ins Schwitzen. Schubert lotst ihn auf die
richtige Spur. Dass zuletzt so viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern den
demokratischen Pfad verlassen haben, wundert den gebürtigen Norddeutschen
nicht: „Das rechtskonservative Denken war immer da“, sagt er. Es habe sich
parteipolitisch nur anders manifestiert.
Schubert spielt auf den vorübergehenden Einzug der NPD in den Schweriner
Landtag Mitte der nuller Jahre an. Auch trete die rechte Ideologie heute
deutlich offener zutage. Die vielen Reichsflaggen, die er zählt, wenn er
durchs Land fährt, hätte man früher nicht gesehen.
„Es gibt diese generationenübergreifende Resignation“, sagt Schubert. Dabei
sei die strukturschwache Region seiner Meinung nach längst nicht das
Hauptproblem. Vielmehr hätten viele Menschen den Eindruck, mit ihren
Problemen alleingelassen zu werden.
## „Mal so richtig auf die Scheiße hauen“
Vor wenigen Jahren, als er zwischenzeitlich als Fuhrparkleiter am
Greifswalder Universitätsklinikum arbeitete, habe er viel mit dem
Reinigungs- und Küchenpersonal gesprochen – mit Arbeiter:innen also,
die heute einen großen Teil der AfD-Wählerschaft in Mecklenburg-Vorpommern
ausmachen. „In Berlin werden Sachen entschieden, die uns nicht betreffen“,
habe es dort etwa geheißen. Dass sie damit nicht falsch liegen, weiß
Schubert.
Er nennt politische Versprechen, die noch immer nicht eingelöst wurden, wie
den lang angekündigten Ausbau der Bahnverbindung Berlin–Pasewalk–Rügen oder
den Ausbau öffentlicher E-Ladestationen auf dem Lande. Schubert ist sich
sicher: Viele Menschen aus der Arbeiterklasse, die sich abgehängt fühlten,
wählten aus Protest AfD. Natürlich würde es „rechte Spinner im Land“ geben,
aber die Mehrheit der Leute wolle mit ihrer AfD-Stimme bei der Landtagswahl
„mal so richtig auf die Scheiße hauen“ und den politischen Betrieb
durchmischen.
Währenddessen hat der 1.-Mai-Demo-Zug das backsteinrote Mühlentor erreicht.
Auf dem Platz gleich nebenan macht Sophie Tieding gerade ihrem Unmut Luft.
Tieding sitzt für die Partei Die Linke in der Greifswalder Bürgerschaft, im
Landtagswahlkampf tritt sie als Jugendkandidatin an. Die 25-Jährige wettert
gegen die Milliardengewinne von Finanzkonzernen, gegen staatliche Kürzungen
bei der Jugendhilfe und spricht sich für die Unterstützung von Menschen mit
Behinderung aus.
Tieding ist Jurastudentin, sie hat als erstes Familienmitglied studiert und
gerade das erste Staatsexamen abgelegt. Sie engagiert sich im
Haustürwahlkampf vor Ort. Ihre Gefühle zum politischen Klima im Land
beschreibt sie mit den Worten: „zwischen Hoffnung und dem Schrecken vor dem
blauen Balken“. Zwar gebe es derzeit viele Aktive, die sich für ein
demokratisches Mecklenburg-Vorpommern engagierten. Zugleich beobachteten
sie und ihre Mitstreiter:innen aber auch eine wachsende Mobilisierung
rechter Gruppen während der nun beginnenden CSD-Saison.
Tieding nimmt für ihr politisches Engagement auch Risiken in Kauf. So hat
sich die gebürtige Schwerinerin entschieden, ihre persönliche Situation
erstmals zum Wahlkampfthema zu machen. Tieding lebt mit einer
Gehbeeinträchtigung infolge einer angeborenen Zerebralparese. „Mit meiner
körperlichen Behinderung bin ich direktes Feindbild der AfD“, sagt sie.
„Als politische aktive Frau werde ich doppelt diskriminiert.“
Die Linken-Politikerin spielt auf die Erklärung der Rechtspopulisten an,
bei Regierungsübernahme die Inklusion an Schulen des Landes zurückzufahren
und mehr Kinder mit Beeinträchtigungen an Förderschulen zu unterrichten. In
ihrem Ende Mai in Grimmen verabschiedeten Landtagswahlprogramm bezeichnete
die AfD die Inklusionspolitik der Landesregierung als gescheitert.
Andere politische Forderungen sind die Rückkehr zur Kernenergie und die
Einschränkung des Windkraftausbaus sowie die Rückbesinnung auf ein „deutsch
geprägtes“ Gesellschaftsmodell als Gegenentwurf zu Migration und
„Multikulti“.
Dabei hatte Mecklenburg-Vorpommern zuletzt mit 10,7 Prozent den geringsten
Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund unter allen Bundesländern.
Hinzu kommt: Ohne die Ärzt:innen aus Syrien oder der Ukraine und die
Servicekräfte und Erntehelfer, die zuletzt aus Bulgarien, Rumänien und
sogar Kirgistan kamen, stünde das touristisch geprägte Flächenland vor
ziemlich großen Herausforderungen.
Videoanruf bei Alicja Orlow, stellvertretende Geschäftsführerin der
Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA)
Mecklenburg-Vorpommern. Anfang Juni hat Orlow – geboren in Polen,
aufgewachsen auf Usedom, Studium und Arbeit in Potsdam und Bremen, später
Benin und Krakau – alle Hände voll zu tun, um ihre Ideen für eine offene
und vielfältige Gesellschaft ins Land zu tragen. Dabei kommt sie viel rum,
hat durch ihre einnehmende Art tiefe Einblicke in die Lebenswelten ihrer
Mitbürger:innen gewinnen können.
## Die Lücke, die die AfD nutzt
Beim Gespräch sitzt Orlow am Schreibtisch ihres Greifswalder Büros, die
Uhrzeit im Blick. Auch Orlow glaubt, dass viele Bürger:innen im Land die
AfD aus Protest wählen. „Rassismus ist nicht das, was die Menschen
antreibt“, sagt die 38-Jährige. Den Menschen gehe es vor allem darum,
„wieder in etwas Größeres eingebunden zu werden und sich gesehen zu
fühlen“. Weit verbreitet sei die Wahrnehmung, dass die Politik den
anstehenden Veränderungen – sowohl im globalen als auch im kommunalen
Kontext – bislang nicht ausreichend gerecht werde. Die große Idee fehle.
Eine Lücke, die die AfD mit ihrem nahbar und emotional kommunizierten
„Früher war alles besser“-Narrativ fülle, das den gesellschaftlichen Wandel
als Verlustgeschichte auslegt. Dass viele Wähler:innen, die das
Wahlprogramm der Rechtspopulist:innen oft nicht einmal im Detail
kennen, mit ihrer Stimme eine völkisch und rassistisch agierende Partei in
Kauf nehmen würden, sei „leider eine sehr menschliche Strategie“, sagt
Orlow. „Nach unten zu treten ist wohl der leichteste Weg, um die eigene
Position zu verbessern.“
Es sei der Hebel, den Menschen selbst am schnellsten bedienen könnten, auch
sei „das oberste Prozent der Gesellschaft“ überhaupt nicht greifbar. Orlow
meint damit, dass Menschen andere wegen ihres Bildungsstands, ihrer
Herkunft oder ihrer Lebensverhältnisse abwerten, um sich selbst im sozialen
Gefüge aufzuwerten.
Dass Orlow als Person of Color mit deutsch-polnischem Hintergrund und
internationaler Karriere 2020 trotz der Enge in ihrer Heimat nach
Vorpommern zurückkam, hatte auch persönliche Gründe, ausschlaggebend aber
war die Erkenntnis, dass sie mit ihrer Arbeit für Demokratie in der Provinz
mehr bewirken könnte als in der Großstadt.
Auf das zivilgesellschaftliche Fundament vor Ort angesprochen, sagt Orlow,
es gebe zu wenig Gestalter:innen im Land. Viele Menschen, „die im
Kleinen ganz viel bewegen“, würden sich selbst kaum als gesellschaftliche
Akteur:innen wahrnehmen. Auch die mangelnde Vernetzung untereinander sei
ein Problem.
## Mangel an Vielfalt
Und dann mache sie bei ihren Reisen durchs Land immer wieder dieselbe
Beobachtung: „Wir haben einfach einen krassen Mangel an Vielfalt“, sagt
Orlow, „unsere Welt hier ist unfassbar klein.“ Vielen Bürger:innen fehle
es an Begegnungen, Eindrücken und Perspektiven von außen. Gerade deshalb
sei es wichtig, Menschen ins Bundesland zu holen. „Wir müssen die große
weite Welt nach MV bringen“, sagt sie, „und zugleich die Menschen vor Ort
in Bewegung bringen.“
Zurück beim Transit Festival in Klempenow, Anfang Juli. Am
Freitagnachmittag ist Ina Gross-Bajohr aus ihrer Wahlheimat Demmin ins rund
60 Einwohner zählende Dorf gekommen. Gross-Bajohr ist Pressesprecherin des
überparteilichen Bündnisses „Zusammen bewegen“, in dem sich
zivilgesellschaftliche Vereine, Initiativen und engagierte Menschen „für
ein solidarisches und gerechtes Mecklenburg-Vorpommern“ zusammengeschlossen
haben.
Gestartet im Herbst 2025 mit 150 Mitgliedern und der zunehmenden Sorge vor
dem Rechtsruck im Land, zählt das Bündnis heute etwa 1.000 aktiv Vernetzte
von Ludwigslust bis Stralsund. Regelmäßig veranstaltet werden Radtouren,
Schreibwerkstätten, Ausstellungen, Aufräumaktionen oder das Erfolgsformat
„Klönschnack“, also Plaudern bei Kaffee und Kuchen unter freiem Himmel.
Gross-Bajohr, die einen blonden Bob und ein schwarz-weiß gepunktetes
Sommerkleid trägt, sitzt auf der Steintreppe eines ehemaligen Gutshauses
und erzählt von den vielen Gesprächen mit Bürger:innen, die sie und ihre
Mitstreiter:innen auf Marktplätzen, an Häfen und an Seen geführt haben.
So manche Gäste, darunter viele Rentner:innen, die zu ihnen ins mobile
Wohnzimmer kämen, würden – typisch norddeutsch – zunächst gar nicht reden
wollen, sagt sie.
Und hörten dann, sobald das Eis gebrochen wäre, meist gar nicht mehr auf.
Oft ginge es dann darum, wie schlecht man über die Dörfer zum Arzt komme
oder dass die Schule so oft ausfalle. Dokumentiert werden die Ängste und
Sorgen der Bürger:innen auf großen Papiertischdecken, demnächst sollen
sie vor dem Schloss Schwerin ausgestellt werden. Auch ein Forderungskatalog
soll ans Landesparlament übergeben werden.
Dass sich das Bündnis für ein solidarisches Mecklenburg-Vorpommern
innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten demokratischen Akteure in
Nordostdeutschland gemausert hat, hat Gross-Bajohr selbst überrascht. Das
prägendste Erlebnis sei für sie die gut besuchte
„Klönschnack“-Auftaktveranstaltung in der Kulturkirche St. Jakobi in
Stralsund vergangenen Februar gewesen. Eigentlich habe sich das Team von
„Zusammen bewegen“ dort nach Veranstaltungsende nur kurz zusammenfinden
wollen, um das Treffen auszuwerten.
Ein paar Besucher:innen hätten sich dazugestellt. Ein Mann habe gesagt,
er sei tief bewegt gewesen, die Veranstaltung hätte ihn sehr an die
Demokratiebewegung in der DDR erinnert. Andere hätten begrüßt, dass man nun
endlich wieder ins Gespräch miteinander käme, sich zuhöre. Da schien es, so
Gross-Bajohr, als würde in Stralsund, stellvertretend für den Nordosten der
Bundesrepublik, wieder ein Gemeinschaftsgefühl Fahrt aufnehmen, das
vielleicht 30 Jahre lang vor Anker gelegen hatte.
Mittlerweile treffen die ersten Festivalbesucher:innen auf dem
Burggelände ein. Viele von ihnen sind, das verraten die Nummernschilder der
parkenden Pkws, aus dem Umland gekommen. Andere haben sich aus Potsdam,
Lübeck und Hamburg auf den Weg gemacht. Auf dem Turm flattert heute die
Regenbogenfahne im Wind. Schräg darunter glitzert eine Discokugel am
Abort-Erker, der früheren Burgtoilette, im goldenen Licht des
Sommernachmittags.
Gut gelaunt läuft nun Undine Spillner über das Burggelände und beobachtet
das bunte Festivaltreiben. Die 45-Jährige hat das Telefon am Ohr, die
Sonnenbrille lässig ins lange Haar geschoben. Sie ist studierte
Kulturarbeiterin und Mutter von drei heranwachsenden Söhnen. Gemeinsam mit
ihrem Partner Christian Herfurth hat sie das Transit Festival vor 13 Jahren
gegründet.
## 90er-Jahre-Power
Für die beiden ist die Kulturveranstaltung mit dem ausgewählten
Band-Line-up, Kreativworkshops, Theater, Yogasessions und Gesprächsrunden
„ein utopischer Sommertraum für alle zwischen Burg und Fluss“. Ein
Transit-Ort im besten Sinne, an dem Menschen jeglicher Herkunft und jeden
Alters zusammenkommen, verbunden durch das gemeinsame Erleben von Kultur.
Spillner, gebürtige Berlinerin, kam Anfang der achtziger Jahre mit ihren
Eltern, einem Künstlerpaar, ins Tollensetal bei Neubrandenburg. Auf der
Suche nach Freiräumen in der zunehmend enger werdenden DDR fühlten diese
sich magisch von der mittelalterlichen Burg Klempenow angezogen – beide
wurden Gründungsmitglieder des heutigen Kulturorts. Die Burg und deren
angrenzende Domäne, die noch bis in die 1990er Jahre bewohnt war, war total
zerfallen und voller Müll.
Dann begann das, was Spillner „die Power der Neunzigerjahre“ nennt. Mit
viel Einsatz und Geld wurde die Burgruine zu einem spektakulären Kulturort
mit Ausstellungsflächen, Kanuverleih, Café und Laden im historischen
Torwächterhaus wiedererweckt. Heute kümmern sich etwa 15 aktive Mitglieder
und Freunde des Kultur-Transit-96 e.V. von Burg Klempenow um die rund 45
Veranstaltungen im Jahr, so wie um den „Appelmarkt“, die Jazzkonzerte oder
das „Neue Heimat“-Filmfest für internationale Kurz- und Dokumentarfilme,
das Spillner und Herfurth seit inzwischen 15 Jahren veranstalten.
„Wo ist die Triggerwarnung?“, fragt Spillner, nun wieder am Telefon. Sie
steht vor der breiten Lattentür des langen Gebäuderiegels, der früher
Kuhstall war und heute Veranstaltungsraum ist. Derzeit zeigt das
Friedensbibliothek-Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche
Berlin-Brandenburg hier die Ausstellung „Der Traum von einem anderen
Deutschland“. Zu sehen sind teils verstörende Schwarz-Weiß-Fotografien vom
Krieg und seinen Opfern im Dritten Reich – zu heftig für Kinder unter zwölf
Jahren.
Um den ländlichen Raum derart anspruchsvoll zu bespielen, brauche es
engagierte Menschen und Fördermittel, sagt Spillner. „Wir machen hier
kulturelle Grundversorgung.“ Das geschehe zu großen Teilen ehrenamtlich.
Eine zunehmend schwierige Aufgabe: Anhaltende Sparzwänge in den Kommunen
sowie der Einzug von AfD-Abgeordneten in die kommunalen Parlamente mache
ihnen das Leben schwer.
Erst Ende Juni machte eine Entscheidung des Kreistags im Landkreis
Mecklenburgische Seenplatte bundesweit Schlagzeilen. Ähnlich wie schon Ende
Mai im Ilmkreis in Thüringen sprach sich der Kreistag mit den Stimmen der
AfD und zahlreichen Enthaltungen aus CDU und BSW gegen die Fortführung des
jährlich mit 140.000 Euro geförderten Bundesprogramms „Demokratie leben!“
aus.
Dadurch stehen diverse Demokratieprojekte wie Jugendarbeit,
Extremismusprävention, politische Bildung vor dem Aus. Eine Entwicklung,
die auch auf bundespolitischer Ebene begünstigt wird. So hat
Familienministerin Karin Prien (CDU) im Frühjahr 2026 die Neuausrichtung
des Programms „Demokratie leben!“ angekündigt: weg von einer breiten
projektbasierten Förderung der Zivilgesellschaft hin zu einer
Demokratiebildung in staatlich getragenen Regelstrukturen und einer
erweiterten Extremismusprävention.
Mit der Konsequenz, dass zum Jahresende bundesweit etwa 200 Projekte
auslaufen. Der aktuelle Etatentwurf des Bundesfamilienministeriums sieht
zudem weitere Mittelkürzungen bei der Demokratiearbeit in zweistelliger
Millionenhöhe vor.
## 1.300 Parteieintritte
Auch in Spillners Festivalkasse klaffte eine Lücke von 13.000 Euro. Eine
Summe, die den Macher:innen schlaflose Nächte bereitete und Spillner auf
die fieberhafte Suche nach Fördertöpfen schickte. Mit Erfolg. Nur zwei Tage
vor Festivalbeginn brachte eine Stiftung zur Förderung
zivilgesellschaftlicher Demokratieprojekte die fehlenden Mittel auf.
„Der Wandel der Gesellschaft wirkt sich jetzt direkt im ländlichen Raum
aus“, sagt die Festivalmacherin. Ihre Antwort auf das demokratiefeindliche
Klima: die Stellung halten, Kulturschaffende stärken und neue Allianzen
schmieden.
Den passenden Resonanzboden dafür soll eine Gesprächsrunde im ehemaligen
Kuhstall bieten. Und so sitzen am Samstagvormittag eine Klimaaktivistin aus
München, ein Publizist aus dem Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung und
Sophie Tieding, die Jugendkandidatin der Linken aus Greifswald, eingeladen
als Sprecherin der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, im
ehemaligen Kuhstall vor rund 100 Interessierten.
Gleich zu Beginn will die Runde den Zuhörer:innen angesichts „des
Weltschmerzes da draußen“ ein paar positive Impulse zum Handeln geben. Die
Redner:innen berichten von erfolgreichen Aktionen linker Gruppen –
zuletzt etwa beim Landesparteitag der AfD in Erfurt – und von der neuen
Politisierung unter Schüler:innen, die mit Schulstreiks gegen die
Wehrpflicht protestieren.
Im Publikum herrscht konzentrierte Spannung. Einige Gäste, die meisten wohl
Mitte vierzig und ein paar Alt-Linke, nehmen den Ball zaghaft auf, werben
für mehr Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen oder berichten, dass
sie erst kürzlich gegen die Kürzung von Demokratiefördermitteln auf der
Straße waren.
Später auf der Wiese liegt die „Fette Elke“ noch im Rausch der vergangenen
Nacht, die Schiebetür des Tanzlokals ist geschlossen. Sophie Tieding wirkt
hoffnungsvoll, weil die Umfragewerte der Linkspartei sich zuletzt
stabilisiert haben.
Der Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern zählt viele Neumitglieder, seit
Januar 2025 sind rund 1.300 Menschen in die Partei eingetreten. Auch ihr
Haustürwahlkampf in Greifswald laufe gut. Dass sie ihre körperliche
Behinderung zum Wahlkampfthema gemacht habe, bringe ihr viel Respekt ein.
Mit Blick auf den Ausgang der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern sagt
Tieding: „Wir sind offen für Rot-Rot-Grün“.
Die eigentliche Aufgabe aber folge danach: „Und dann müssen wir den blauen
Balken wieder kleinkriegen.“
15 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Völcker
## TAGS
(DIR) Zivilgesellschaft
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Lesestück Recherche und Reportage
(DIR) GNS
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