# taz.de -- Abtreibung und patriarchale Ordnung: Allianzen beim rechten Rollback
       
       > Zum „Marsch für das Leben“ versammelt sich in Berlin und anderswo die
       > religiöse Rechte. Der Angriff auf Frauenrechte ist auch einer auf die
       > Demokratie.
       
 (IMG) Bild: Allianzen werden geschmiedet. Blick auf den „Marsch für das Leben“ 2025 in Berlin
       
       Fundis, das waren einmal diese grauen Mäuse mit langen Röcken und
       geflochtenen Zöpfen, die Männer in zu engen Hemden mit Kreuzen um die
       Hälse. Doch die religiöse Rechte hat längst aufgerüstet, agiert digital und
       transnational, ist bestens finanziert und vernetzt. Die Allianzen reichen
       von Coronaleugner*innen bis zu Burschenschaftlern, von [1][Gloria
       Fürstin von Thurn und Taxis] über Donald Trump bis zum Kreml und zur AfD.
       Ihr Ziel: der rechte Rollback.
       
       Wie erfolgreich die hybride Kriegsführung ist, zeigte sich 2025 [2][an der
       gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur
       Bundesverfassungsrichterin]. An der Kampagne gegen die
       Rechtswissenschaftlerin war maßgeblich CitizenGO beteiligt, eine
       Petitionsplattform gegen Abtreibungsrechte. Finanziert wird die
       „Pro-Life“-Organisation mit Sitz in Spanien von konservativen
       Organisationen aus den USA sowie vom Kreml.
       
       In Berlin sowie in Köln und Zürich demonstrieren an diesem Wochenende mit
       dem sogenannten [3][Marsch für das Leben] christliche
       Fundamentalist*innen und extreme Rechte gegen das Recht auf
       Abtreibung. In Berlin findet parallel erstmals eine zweitägige Konferenz
       radikaler Abtreibungsgegner*innen statt. Veranstalter ist Heartbeat
       International, eine weltweit agierende Antiabtreibungsorganisation aus den
       USA, die der MAGA-Bewegung nahesteht. Seit 2019 gibt die christliche Rechte
       in den USA jährlich 22 Millionen Dollar für europäische Organisationen aus,
       die gezielt Frauenrechte untergraben.
       
       Die Grenzen zur politischen Rechten verlaufen fließend. Von den
       evangelikalen Christen in den USA wählten 2016 etwa 80 Prozent Donald
       Trump. Nach seinem Wahlsieg feierten MAGA-Fans in den sozialen Netzwerken
       mit dem Schlachtruf „Your body, my choice“, einer zynischen Umkehr des
       feministischen Slogans „My body, my choice“.
       
       Hierzulande beruft die AfD prominente Anti-Choice-Akteure als
       Sachverständige in den Rechtsausschuss des Bundestags und macht Druck,
       [4][Beratungsstellen wie Pro Familia von der gesetzlichen
       Schwangerschaftskonfliktberatung auszuschließen]. Auf dem Marsch für das
       Leben laufen seit Jahren AfD-Funktionär*innen mit.
       
       ## Umzug in die sozialen Medien
       
       Dass die Zahl der Demoteilnehmer*innen stetig sinkt, ist kein Grund
       zur Beruhigung. Die Bewegung hat lediglich einen neuen Raum gefunden, in
       dem sie mehr Menschen erreicht: die sozialen Medien.
       
       [5][Evangelikale Christfluencer] wie Leonard Jäger (@ketzerderneuzeit,
       338.000 Follower) gehen mit Verschwörungserzählungen,
       evangelikal-fundamentalistischen und rechtspopulistischen Inhalten viral.
       Jäger ist gut vernetzt, inszeniert sich Hände schüttelnd mit Donald Trump
       und posiert mit Alice Weidel.
       
       Die Christfluencerin Jasmin Friesen (@liebezurbibel, 96.000 Follower), eine
       enge Freundin von Jäger, postet auf Instagram: „Die Unterordnung der Frau
       will uns nicht einsperren oder unterdrücken, sondern uns echtes Leben
       schenken.“
       
       Friesen ist überzeugt, dass nicht der Klimaschutz die Welt retten kann,
       sondern nur Jesus. Sie ruft jährlich zum Marsch für das Leben auf, vor der
       Bundestagswahl gab sie eine implizite Wahlempfehlung für die AfD ab.
       
       Die Forderung christlicher Fundamentalist*innen nach einem
       Abtreibungsverbot ist nur die Speerspitze. Dahinter steckt der eigentliche
       Plan, über die Kontrolle weiblicher Körper eine rechte, patriarchale,
       rückwärtsgewandte Ordnung zu errichten, in der Minderheiten unterdrückt und
       Verschwörungserzählungen salonfähig werden. Wer die Demokratie verteidigen
       will, muss dort anfangen, wo sie angegriffen wird: beim Recht auf
       körperliche Selbstbestimmung.
       
       18 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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