# taz.de -- „Marsch für das Leben“ 2026: Christlich-Konservative stoßen auf Gegendemos
       
       > Das Bundesverband Lebensrecht hat zur jährlichen Demo gegen
       > Schwangerschaftsabbruch gerufen. Die Gegendemonstrierenden haben die
       > Strecke begleitet.
       
 (IMG) Bild: Auffallend viele Männer demonstrieren in den Reihen des „Marsches für das Leben“ gegen weibliche Selbstbestimmung
       
       Berlin taz | Der [1][„Marsch für das Leben“] zieht langsam durch die
       Berliner Reinhardtstraße, nur wenige Meter vom Bundestagsgebäude entfernt.
       An den Rucksäcken der Demonstrierenden hängen kleine pinkfarbene Fähnchen.
       „Wir lieben das Leben“, steht darauf. An der Spitze des Zuges tragen vier
       Männer eine Marienstatue hoch über ihren Köpfen und stimmen ein Ave-Maria
       an. „My body, my choice!“ übertönt plötzlich ihren christlichen Gesang, als
       sie um die Ecke biegen. An der Kreuzung schwenkt eine Gruppe junger
       Menschen die Regenbogenflagge und hält ein Transparent für das
       Selbstbestimmungsgesetz hoch. „Whose streets? Our streets!“, schreien sie
       den Demonstrierenden entgegen.
       
       Zu solchen dezentralisierten Störungen von außen hat das queerfeministische
       Bündnis „What The Fuck“ (WTF) zuvor aufgerufen. Der angemeldete Ort der
       Gegendemonstration liegt eigentlich in der Ella-Trebe-Straße. Von der
       anfänglichen Veranstaltung der [2][selbst ernannten
       Lebensschützer:innen] sind von hier aus lediglich die roten und grünen
       Luftballons zu sehen, außerdem einige weiße Pavillons. Dabei hätten sie
       ihren eigenen Pavillon erst gar nicht aufstellen dürfen, kritisiert Ella
       Nowak von WTF. Die „Fundis“ hingegen hätten so viel aufbauen dürfen.
       
       Zum „Marsch für das Leben“ haben sich rund 2.000 Menschen vor dem
       Hauptbahnhof versammelt – so viel wie im Jahr davor. Auch in Zürich und
       Köln demonstrieren am gleichen Tag Menschen, um „das Lebensrecht
       ungeborener und geborener Menschen“ zu verteidigen – so das Motto der
       Organisator:innen. Zu dem Marsch ruft seit 2008 jährlich der Bundesverband
       Lebensrecht auf. In der Menge mischen sich Priester in Soutanen, Cordhosen,
       Kreuzketten und Menschen aus allen Generationen. Auch einige Pfadfinder der
       Katholischen Pfadfinderschaft Europas und rechte Streamer, die zwischen den
       Gegendemos pendeln, sind zu sehen.
       
       ## „Tear down the wall“
       
       „Ich denke, Gott hat uns geschaffen, noch bevor wir geboren wurden“, sagt
       Lena, die zwischen anderen Demonstrierenden steht. Die 24-Jährige kam vor
       fünf Jahren durch eine Freundin zur Bewegung gegen
       Schwangerschaftsabbrüche. „Natürlich sind Ungeborene auch Menschen!“, sagt
       Roberta, die neben ihr steht. [3][Schon nach wenigen Wochen] höre man den
       Herzschlag. „Wo fängt das Leben an?“, fragt die Medizinstudentin. Für die
       Veranstaltung durfte die 24-Jährige der Menge ein Gedicht vorlesen – das
       Gebet für das Leben von einem Embryo. Sie sei nicht gegen
       Schwangerschaftsabbrüche, versichert sie, und könne jede Frau verstehen,
       die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen musste, versichert sie. Mit dem
       Bundesverband Lebensrecht spezifisch habe sie sich wenig beschäftigt. „Es
       geht darum, mit Hilfsangeboten für Mütter und Kinder eine Entscheidung zum
       Leben zu finden“, verteidigt sie – egal ob gewollt oder ungewollt, mit oder
       ohne schwere Behinderungen.
       
       „Tear down the wall between the born and the unborn“, ruft eine Aktivistin
       aus Bukarest, noch bevor sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt. In
       diesem Jahr kommen die Demonstrierenden nicht nur aus Regensburg, Sachsen
       oder Bremen, sondern reisen auch aus Rumänien, Italien und Frankreich an.
       Vom 17. bis zum 19. September findet in Berlin erstmals der Gipfel der
       „Leiter europäischer Schwangerschaftshilfeeinrichtungen“ von Heartbeat
       International statt – einem ursprünglich aus den USA stammenden und
       weltweit aktiven Verband, der sich gegen Schwangerschaftsabbrüche einsetzt.
       Auch sein Präsident ist als Ehrengast unter den Rednern der Demonstration
       eingeladen.
       
       ## Bündnisse mobilisieren zum Gegenprotest
       
       In der Ella-Trebe-Straße versammeln sich derweil immer mehr Menschen. Zwei
       Teilnehmerinnen, eine davon trans*, gestalten noch schnell ein kleines
       Plakat am Rande der Demo vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung. „Mein
       Körper, meine Entscheidung“, steht dort in silbern-schimmernder Schrift.
       Sie hätte auch christliche Fundamentalist:innen in der Familie, die
       auch schon am „Marsch für das Leben“ teilgenommen hätten. Kontakt zu diesem
       Teil der Familie gebe es noch, aber wenig. Über Politik sprechen ginge aber
       nicht. Ob ihr Cousin wohl auch in diesem Jahr zu dem „Marsch für das Leben“
       gehen würde? – „Wenn er Zeit hätte …“
       
       Ein schwieriges Thema, das auch eine Besucherin etwa 150 Meter entfernt
       kennt: Die beiden Gegendemonstrationen liegen in diesem Jahr nah
       beieinander. Sie sei in christlich-fundamentalistischen Kreisen
       aufgewachsen, erzählt sie. Vieles habe sie gar nicht hinterfragt: frühe
       Ehe, frühes Kinderkriegen. Das kam erst mit der zweiten Schwangerschaft.
       „Da habe ich mich gefragt: ‚Will ich das überhaupt?‘“, schildert sie. Ihr
       bisheriges Leben zu hinterfragen, das sei ein „schmerzhafter Prozess“
       gewesen. Heute sei es ihr wichtig, mit ihren Kindern offen zu sprechen,
       über Politik, ihren eigenen Körper. „Mein Körper gehört mir“, malen diese
       währenddessen mit der mitgebrachten Straßenmalkreide in Blau auf die
       Steine, daneben „Gleichberechtigung“. „Flinta“ wird von einem pinken Herz
       umrahmt. Die Kinder malen ihre Botschaften auf den Boden, die Erwachsenen
       auf Plakate, alle schreien sie hinaus.
       
       Warum der Protest so wichtig ist? „Die Konservativen“, sie meint explizit
       nicht nur die AfD, „haben die universellen Menschenrechte manchmal ein
       bisschen aus den Augen verloren“, sagt Ines Scheibe, Mitorganisatorin von
       der Demo des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung. Es sei wichtig, die
       Rechte immer wieder einzufordern. Auch in schlechten Zeiten. „In der
       Hoffnung, dass wieder bessere Zeiten kommen.“
       
       19 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Marsch-fuer-das-Leben-in-Berlin/!6213796
 (DIR) [2] /Marsch-fuer-das-Leben/!6212094
 (DIR) [3] https://www.tagesspiegel.de/wissen/ab-wann-ist-der-mensch-ein-mensch-1617967.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabrielle Meton
 (DIR) Annika Danielmeier
       
       ## TAGS
       
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