# taz.de -- Roman von Shida Bazyar: Der Geist aus dem Off
> Shida Bazyar verbindet in „Die Lücken“ deutsche Post-NS-Geschichte mit
> einer exiliranischen Perspektive auf die deutsche Gesellschaft.
(IMG) Bild: Steht mit ihrem Roman auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis: Shida Bazyar
Zu Beginn dieses Buchs heißt es einmal über den Schauplatz des Geschehens,
es sei ein Ort, „der so vielen anderen Orten gleicht und doch nur dieser
eine ist“. Heimesbach nennt [1][die Schriftstellerin Shida Bazyar] ihn in
der Fiktion, angelehnt an den Ort Hermeskeil in Rheinland-Pfalz, in dem sie
geboren wurde und aufgewachsen ist.
Auf einer historischen Ebene erzählt ihr neuer Roman, was von den mittleren
1920er Jahren an in Heimesbach geschah: wie sich die NSDAP-Ortsgruppe
gründete, wie der Ort zum „Gaumusterdorf“ wurde. Wie sich viele
Heimesbacher:innen von den Jüd:innen im Dorf abwandten, wie Letztere
in die Lager geschickt wurden. Wie in der Nacht, die die Deutschen die
„Reichskristallnacht“ nannten, die örtliche Synagoge zerstört und
geschändet wurde. Wie der Ort „judenfrei“ wurde. „Man war früh dran, im
Ablauf“, heißt es über Heimesbach, „im Ablauf des Mordens.“
Von dieser geschichtlichen Ebene ausgehend, springt Shida Bazyar in „Die
Lücken“ in verschiedene andere Epochen. In eine Zeit, in der „nach der
Diktatur der Nationalsozialisten (…) die Diktatur der Gleichgültigkeit“
herrschte und in der etwa der Lagerarzt des SS-Sonderlagers Hinzert, der
bei den Hinrichtungen dabei war, flugs rehabilitiert wurde.
Sie springt in die späten 1970er, als die Serie „Holocaust“ im deutschen
Fernsehen läuft, dann in die späten 1980er Jahre, als das iranische Paar
Bahman und Parvaneh infolge der Islamischen Revolution nach Heimesbach
flieht, dort seine Kinder aufzieht, Freund:innen findet, Martinsumzüge
mitmacht und lernt, wie man „richtig“ Weihnachten feiert. Schließlich in
die 2010er Jahre, in denen die Kindergeneration der Migrant:innen
erwachsen wird.
## Mitfavorit für den Deutschen Buchpreis
Shida Bazyar hat [2][in ihrem Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“] vor
zehn Jahren über einen iranischen Revolutionär geschrieben, der vor dem
Mullahregime nach Deutschland flieht; für die kürzlich erst erschienene
englische Übersetzung [3][war sie für den International Booker Prize 2026
nominiert.] „Die Lücken“ steht nun auf der Shortlist für den Deutschen
Buchpreis und gilt, wohl auch aufgrund zahlreicher enthusiastischer
Rezensionen, als Mitfavorit.
Das Buch handelt von Heimat und Nichtheimat, von Kontinuitäten der
Fremdenfeindlichkeit, aber eben auch von Menschlichkeit und Solidarität,
die daneben fortexistieren. Ausbuchstabiert werden die Themen Zugehörigkeit
und Heimat, als Parvaneh sich in einer geselligen Runde mit deutschen
Freund:innen einmal verspricht und statt „in meiner Heimatstadt“ die
Worte „in meiner Heimesbach …“ sagt und im inneren Monolog denkt: „Heimat
würde ihr Verstand ohnehin nur fühlen können, wenn sie Watan (Persisch:
Heimat, Anm. d. Red.) dazu sagte, sonst war es nur ein Begriff, eine Hülse,
etwas Austauschbares.“
Die Autorin wählt für „Die Lücken“ eine besondere Erzählstimme: Eine Tote
blickt wie ein Geist aus dem Off auf Heimesbach, sie hat als Geflüchtete
drei Jahre in dem Ort gelebt, ging dann in die USA und starb bei einem
Unfall. Diese Erzählerin spricht nun zu ihrer Schwester Lu und erzählt ihr
aus der Geschichte Heimesbachs. Es sind sehr viele Figuren zu vielen
verschiedenen Zeiten, von denen Bazyar erzählt, von daher kann man sich
schon fragen, wozu es auch noch diese scheinbar umständliche
Erzählperspektive braucht.
Doch wie vieles im Roman erschließt sich auch das im Lauf der Handlung. Die
tote Erzählerin steht für die höhere Reflexionsebene, sie waltet mit
olympischem Blick über das Geschehen, kann einschätzen, wie
gesellschaftliche Phänomene fortdauern. Sie kann das Jahrhundert
überblicken, schaut in die Häuser der Menschen zu verschiedenen Zeiten,
Bazyar lässt sie sagen:
„ein Ort ist die Differenz aus Gegenwart und Schuld, denn Orte sind immer
unschuldig, da sind sie sich ganz sicher, auch nachts, wenn sie allein wach
liegen und genauer darüber nachdenken. (…) Ein Ort ist das Produkt seiner
Biografien und Generationen, er erweitert sich mit jeder neuen Geburt und
selbst der Tod ist kein Verlust für ihn, sondern das exponentielle Wachstum
all seiner Erinnerungen, zumindest für die Tage rund um die Beerdigungen,
dann legt sich das meist wieder.“
In solche Zeilen verhakt man sich als Leser gern, ähnlich im Kapitel „Es
ging alles weiter, Lu. Es ging, einfach so, alles immer weiter“, in dem die
Erzählstimme die Versäumnisse der lokalen Aufarbeitung im Land der
„Erinnerungsweltmeister“ resümiert.
## Der Ort, in dem für immer eine Lücke klaffte
Die sehr späte Aufarbeitung in ihrem Heimatort hat Bazyar dazu gebracht,
diesen Roman zu schreiben – erst als sie das Sachbuch „Juden im
Gaumusterdorf. Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil“
von Heinz Ganz-Ohlig (2018) liest, reift dieser Gedanke, schreibt sie im
Nachwort. Sie will die „Lücken“ schließen; jene im Ort und in der
kollektiven Erinnerung des Orts. Das fiktive Heimesbach beschreibt sie als
den „Ort, in dem für immer eine Lücke in der Luft klaffte. Als hätte man
der Luft etwas entrissen und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer,
wenn man im Ort spazieren gehen möchte, deswegen vielleicht ist jede Stille
eine Behauptung, aber niemand ist so ehrlich und sagt es laut.“
Allein die Geschichte der Figur Resi wäre Stoff für einen großen
historischen Roman gewesen: Resi arbeitet über sechs Jahrzehnte in einem
Warenhaus, welches von dem jüdischen Ehepaar Lichter geführt wird, das
später von den Nazis ermordet wird. Das Kaufhaus wird nach der NS-Zeit
einfach wiedereröffnet, ein „Modehaus Wagner“ wird daraus. Resi reflektiert
in einem der stärksten Kapitel mit ihrer Enkelin Tanja ihr Leben und ihr
Verhalten während der Nazizeit, erinnert sich, warum sie keine
BDM-Scharführerin werden wollte und warum sie bei den jüdischen
Kaufhaus-Betreiber:innen kündigte, obwohl sie „nie ein schlechtes Wort über
die Lichters verloren“ hatte (in dem Kapitel ist übrigens August 1992, und
in Rostock-Lichtenhagen kommt es wieder zu Pogromen).
Warum Bazyar in verschiedene Biografien zu verschiedenen Zeiten blickt –
auch das begreift man mit der Zeit. Es geht ihr um Parallelisierungen und
Gleichzeitigkeiten, es geht ihr um Differenzierung. So gehört der
freundliche Herr Völker, der Parvaneh und Bahman hilft, sich in Heimesbach
einzuleben, genauso zur Erzählung wie das kurdische Paar Azad und Asrin,
das wieder eine ganz andere Migrant:innenperspektive nach Heimesbach
bringt. Manchmal ist es schwer als Leser zu folgen; man liest das Buch wohl
besser zweimal, um alle Zusammenhänge zu durchschauen.
Der regionale Dialekt im Hunsrück spielt eine bedeutende Rolle. Wer ihn
spricht, wer ihn versteht und durchdringt, ist heimisch oder heimisch
geworden, die anderen werden immer ein Stück weit die anderen bleiben.
Bazyar zeigt sehr filigran die Mechanismen des Ein- und Ausgeschlossenseins
im Dorf beziehungsweise in der Kleinstadt auf, es wirkt wie ein Kommentar
auf die heute krasse politische Kluft zwischen Provinz und urbanem Raum.
## Die Dimension des Grauens wird deutlich
Shida Bazyar bleibt die gesamte Handlung über nah bei ihren Figuren. Sie
vermag es sogar eine Fernsehdokumentation über einen jüdischen Überlebenden
des Orts so zu dekonstruieren und zu beschreiben, dass man als Leser spürt,
wie der Kloß im Hals bis zum Ende des Kapitels größer und größer wird. In
der Gesamtkonstruktion des Romans wird die Dimension des Grauens in dem
Wissen deutlich, dass sich eine ähnliche Geschichte wie die von Heimesbach
über Hunderte deutsche Städte erzählen ließe.
„Die Lücken“ wird zu Recht gefeiert, sowohl wegen des Inhalts als auch
wegen der Form. Die NS-Geschichte und alles, was ihr folgt, und welche
„Lücken“ sich aus ihr ergaben, bilden das Zentrum des Werks. Kein Wunder,
dass der Roman schon als Schullektüre ins Spiel gebracht wurde, Bazyar
verknüpft deutsche Post-NS-Geschichte extrem dicht mit der exiliranischen
Perspektive auf die deutsche Gesellschaft und die deutsche Politik.
Angesichts eines drohenden neuen autoritären Zeitalters, neuen Realitäten
von Ausgrenzung, Verfolgung und Antisemitismus darf „Die Lücken“ als Roman
der Stunde gelten.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Uthoff
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