# taz.de -- Shida Bazyars Rede beim Buchpreis: „Es gibt keine Minderheit, die nicht Grund zur Sorge hat“
       
       > Als sie als Buchpreis-Siegerin verkündet wird, ist der Jubel groß, doch
       > die Autorin Shida Bazyar hält inne. Ihre Rede wird zum eindringlichen
       > Blick auf gegenwärtige Ängste.
       
 (IMG) Bild: Ein Moment des Innehaltens: Shida Bazyar bekommt den Deutschen Buchpreis verliehen
       
       Ein kurzer Moment des Schweigens, ein Augenblick des kollektiven
       Innehaltens – das kann etwas Unerwartetes, auch etwas Kostbares sein. Zumal
       wenn er sich im Zusammenhang mit so einem an sich verquatschten Ereignis
       wie der Frankfurter Buchmesse ergibt, auf der es, wie es der Autor Rainald
       Goetz einmal bündig auf den Punkt gebracht hat, eigentlich ums „Loslabern“
       geht. Die Schriftstellerin Shida Bazyar hat nun also so einen Moment
       hergestellt, und zwar ausgerechnet als ihr der Deutsche Buchpreis
       zugesprochen wurde.
       
       So eine Preisverleihung hat ihre eigenen Gesetze. Unterhaltsam soll sie
       sein, aber nicht unter Niveau. Einem eingespielten Ablauf soll sie folgen,
       aber nicht zu routiniert. Überraschungen soll sie bieten, aber nicht zu
       aufregende. Kurz, man soll gern zusehen, aber – vom Namen des Preisträgers
       oder der Preisträgerin abgesehen – keine Offenbarungen erwarten.
       
       [1][So war das auch an diesem Montagabend im Frankfurter Römer.]
       Unfallfreie Moderation, intelligente Grußworte, professionelle
       Filmeinspielungen, auf denen die Kandidat*innen der Shortlist
       vorgestellt wurden, alles lief glatt durch. So war es, bis der Name Shida
       Bazyar fiel und die Schriftstellerin auf die Bühne gebeten wurde, um die
       Preisurkunde entgegenzunehmen und, wenn sie wollte, ein paar Worte des
       Dankes zu sagen. Sie wollte. Und von da an war alles anders.
       
       Sie könne keine glückliche Dankesrede liefern, sagte die Schriftstellerin,
       und man spürte es durch den Livestream der Veranstaltung hindurch bis an
       den heimatlichen Schreibtisch: Das anwesende Publikum hielt in diesem
       Moment den Atem an, und man selbst wandte seine volle Aufmerksamkeit seinem
       Endgerät zu. Gewohnt ist man bei solch einem Anlass Autorinnen oder
       Autoren, denen es vor Glück erst einmal die Sprache verschlägt, bevor sie
       dann doch etwas sagen.
       
       Die Aufregung ist so verständlich wie das Glück. Jahrelang haben sie an
       ihrem aktuellen Roman gearbeitet, nun bekommen sie ein Füllhorn der
       Aufmerksamkeit dafür und eine hohe Auflage dazu, gleichzeitig lässt die
       Anspannung der Situation nach, Kandidat oder Kandidatin zu sein. Da regiert
       erst einmal das Adrenalin.
       
       ## In der Vergangenheit bohren
       
       Shida Bazyar aber wirkte gefasst. Nicht abgeklärt, aber halt überraschend
       distanziert. Und in ihrer kurzen Dankesrede erklärte sie das. Sie habe
       einen Roman über die Geschichte des Ortes geschrieben, an dem sie
       aufgewachsen ist, sagte sie, und sie sei dabei auf Vertreibungen und
       Flucht, Rassismus und Antisemitismus gestoßen. Das sagte sie nicht als
       Anklage, aber als Feststellung. Und es stimmt ja schlicht auch: Wer immer
       hierzulande in der Vergangenheit bohrt, wird diese Themen vorfinden.
       
       Viele Menschen tun das inzwischen anhand der öffentlich gemachten Listen
       der NSDAP-Mitglieder und treffen dabei auf Mitglieder der eigenen Familie.
       Ihr sei das mit ihrer eigenen Familie zwar nicht geschehen, sagte Bazyar.
       Aber anhand ihres Heimatortes sei es ihr eben doch passiert. Heimesbach
       heißt das Städtchen im Roman, Hermeskeil in der Realität.
       
       Er hat – wie so viele Orte in Deutschland (welche eigentlich nicht?) – eine
       NS-Geschichte. Im Nachwort ihres Romans verrät die Autorin, dass eine
       historische Studie sie dazu bewogen hat, den Roman zu schreiben. Sie heißt:
       „Juden im Gaumusterdorf – Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in
       Hermeskeil“. So grub sie sich in die Vergangenheit hinein.
       
       Das alles vibrierte in diesem Moment des Innehaltens bei der
       Preisverleihung. Shida Bazyar freute sich über die Anerkennung für ihren
       Roman „Die Lücken“, aber es kam ihr nicht ganz richtig vor, das
       uneingeschränkt zu tun, da dieser Roman doch von Menschen handelt, die
       verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. Diese Reaktion ist mehr als
       nachvollziehbar, zumal in einer Situation, in der wieder öffentlich über
       Vertreibungen von Menschengruppen von deutschem Boden diskutiert wird.
       Rassistische und antisemitische Straftaten seien auf dem Höchststand, so
       Shida Bazyar. „Es gibt im Moment keine Minderheit, die nicht Grund zur
       Sorge hat.“
       
       Und zugleich verrät ihre Reaktion etwas über eine mögliche Wahrheit der
       Literatur: Reale menschliche Schicksale stehen dahinter. [2][„Die Lücken“
       ist übrigens ein sehr guter Roman]. Man wünscht ihm viele Leserinnen und
       Leser.
       
       6 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Deutscher-Buchpreis-fuer-Shida-Bazyar/!6219208
 (DIR) [2] /Roman-von-Shida-Bazyar/!6208307
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dirk Knipphals
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) talkshow
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Deutscher Buchpreis
 (DIR) NSDAP
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar: Geschichte eines Heimatortes
       
       Shida Bazyar erhält für ihren Roman „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis.
       In ihrer Dankesrede machte sie auf die düstere politische Situation
       aufmerksam.
       
 (DIR) Roman von Shida Bazyar: Der Geist aus dem Off
       
       Shida Bazyar verbindet in „Die Lücken“ deutsche Post-NS-Geschichte mit
       einer exiliranischen Perspektive auf die deutsche Gesellschaft.
       
 (DIR) Kim de l’Horizons „Blutbuch“ im Theater: Laub abwerfen, ausharren, an neuem Laub arbeiten
       
       Für den Debütroman „Blutbuch“ über Identitätssuche bekam Kim de l’Horizon
       den Deutschen Buchpreis. In Berlin kommt der Roman nun auch ins Theater.