# taz.de -- Shortlist zum Deutschen Buchpreis: Wo bleibt das Drama?
> Jurys von Buchpreisen werden üblicherweise dafür kritisiert, welche
> Romane auf den Listen stehen und welche nicht. Wir haben einen anderen
> Punkt.
(IMG) Bild: Eine Shortlist ist wie ein offenes Buch
Auf der aktuellen Shortlist zum Deutschen Buchpreis stehen [1][sehr gute
Bücher,] das ist gar nicht der Punkt. Shida Bazyar, Franziska Gänsler,
Valerie Gordeev, Elias Hirschl, Peggy Mädler und Dana Vowinckel garantieren
einen aufregenden Bücherherbst.
Es stehen auch ein paar sehr gute Bücher nicht auf der Shortlist, aber das
gehört zur Natur der Sache und ist hier nicht der Punkt. Das hier soll
nicht die übliche Form der Jurykritik sein, die daraus, dass man die
eigenen Favoriten in der Auswahl nicht wiederfindet, einen Vorwurf
konstruiert. Wobei, nur zum Beispiel, eine Auswahl, auf der Heike Geißlers
Roman [2][„Michaela Kohlhaas“] nicht steht, die Gegenwartsliteratur
zahnloser dastehen lässt, als es sein müsste. Hat schon Punch, diese
Kleist-Übermalung. Aber darum soll es hier wie gesagt gar nicht gehen.
Vielmehr gibt es eine andere Anmerkung loszuwerden. Diese Shortlist, könnte
man kritisieren, generiert nämlich kein richtiges Drama. Eigentlich kann
man sich jetzt zurücklehnen, weiterlesen und in Ruhe abwarten, welche
Autorin den Preis denn jetzt im Frankfurter Römer kriegen wird. Ist schon
alles okay. Jeder dieser Autorinnen gönnt man den Preis, mit graduellen
Unterschieden selbstverständlich. Wer sich von ihnen am Schluss durchsetzt,
so scheint es, hängt nur von der Tagesform und der Performance ihrer
jeweiligen Fürsprecher auf der entscheidenden Jurysitzung ab.
Dabei gäbe dieses Herbstprogramm unbedingt auch Dramen her. Nur zwei
Beispiele. Was wäre etwa, wenn Ingo Schulzes Roman „Das Wasser im August“
auf der Liste stehen würde? Und was, wenn Maxim Billers „Schwarze Samstage“
dabei wären? Dann wäre gleich was los. Newcomer gegen Platzhirsch,
Establishment gegen neue Ansätze – auf beiden Seiten ließen sich
Thesenstücke anzetteln, Für und Wider abwägen, die Bücher ins Gespräch
bringen. Debatte. Konflikt. Katharsis. Vielleicht sollte man also eine
Shortlist nicht nur über die Bücher bewerten, die draufstehen und welche
nicht, sondern auch darüber, ob sie die Kraft hat, die Spannungsfelder
innerhalb des literarischen Feldes sichtbar zu machen? Nur so als Frage.
Eine zweite Möglichkeit wäre subtiler. Und zwar gibt es in diesem
Bücherherbst nach dem [3][Hype um Autofiktionen] einen gewissen Trend dazu,
den Blick auf die Figuren wieder aus der personalen Perspektive zu werfen,
inklusive der Behauptung, sich ungebrochen in andere Personen hineindenken
zu können (neben Bazyar versuchen das etwa Stefan Thomé und Michael
Kumpfmüller). Ist das ein Backlash? Ist das ein produktiver Move? Kommt es
jetzt zu einem Nebeneinander der Ansätze? Das wären interessante Fragen,
die sich anhand dieser Shortlist auch nicht so richtig thematisieren
lassen.
Das wären also so Punkte. Innerhalb einer Jury ist so ein Blick, der
vielleicht sogar von den eigenen Vorlieben abstrahiert, selbstverständlich
schwer herzustellen, das ist schon klar. Spannender wäre es bis zur
Preisverleihung aber schon gewesen. Doch, wie gesagt, wer jetzt den Preis
bekommt, das wird schon okay sein.
10 Sep 2026
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