# taz.de -- Autor über Identität und Widerstand: „Wie laut soll mein Schrei sein?“
> Aidin Halimis Debütroman „In den Flügeln das Licht“ spielt in Iran der
> 1980er. Es geht um das Aufwachsen in einem autoritären System.
(IMG) Bild: Vom autoritären Schah-Regime in die autoritäre Islamische Republik: Rückkehr des Ajatollah Chomeini 1979
taz: Herr Halimi, was bedeutet Heimat für Sie?
Aidin Halimi: Heimat ist eigentlich für mich ein Ort, wo sich Menschen
befinden, die mir etwas bedeuten und die ich liebe. Das ist für mich
weniger ein geografischer oder physischer Ort, sondern eher mit den
Menschen verbunden, die mich umgeben. Seitdem ich in Deutschland bin, war
ich nicht mehr in Iran. Aber ich bin mir sicher, dass ich mich bei den
Menschen, mit denen ich dort in Kontakt bin, sofort zu Hause fühlen würde,
wenn ich jetzt zurückkehren würde.
taz: Wie hat es Sie geprägt, in mehreren Gesellschaften aufzuwachsen?
Halimi: Ich sehe das heute als ein großes Privileg. Ich hatte die
Möglichkeit, so zwei Kulturen miteinander zu vergleichen und mir aus beiden
die Rosinen herauszupicken. Ich habe gelernt, dass wir viel mehr
Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Zwischen zwei Kulturen oder
Sprachen zu hängen, bringt auch eigene Regeln mit sich. Da muss man sich
erst mal zurechtfinden. Das dauert auch ein paar Jahre, bis man merkt:
Okay, vielleicht bin ich weder deutsch noch Iraner, vielleicht bin ich
sowohl deutsch als auch Iraner. Diese Zwischenwelt ist vielleicht eine neue
Heimat.
taz: Welche Rolle spielt Sprache für Sie?
Halimi: So wie ich mein jetziges Leben sehe, als Privileg, so sehe ich das
auch mit der Sprache. Das ist eng mit meiner Biografie verbunden. Meine
Muttersprache, Persisch, ist sehr bildlich und poetisch. Die deutsche
Sprache ist viel präziser. Ich habe versucht, sie zusammenzubringen und die
Stärken beider Sprachen miteinander zu verbinden. Dadurch habe ich eine Art
eigene Sprache entwickelt.
taz: Welchen Einfluss hatten aktuelle Protestbewegungen in Iran auf Ihre
Arbeit?
Halimi: Ganz direkt hat das nicht dazu geführt, dass ich das Buch
geschrieben habe. Vor allem war es meine Familiengeschichte und die
Geschichte meines Vaters, die ich erzählen wollte. Das Buch ist sehr
autobiografisch. Die Protestbewegungen und das Buch haben gemeinsam, dass
man weiterkämpft und nicht aufgibt, was auch immer einem widerfahren ist.
Ich weiß, dass es sehr schwer sein kann, mit Traumata umzugehen, aber
schwerwiegender ist das Aufgeben.
taz: Sie greifen trotzdem immer wieder die [1][„Frau, Leben,
Freiheit“-Bewegung] auf.
Halimi: Die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung hat mich besonders geprägt.
Ihr jugendlicher und progressiver Geist macht mich stolz. Es ist eine
Parole, die ich voll und ganz unterstütze. Ich habe in Iran miterlebt, was
Frauen durchmachen müssen. Für mich persönlich war das die wichtigste
Bewegung in den letzten Jahren.
taz: Was macht für Sie Widerstand aus?
Halimi: Widerstand fängt für mich im alltäglichen Leben an. Vor allem in
einem autoritären System. Das ist sehr eng mit Mut verbunden. Man muss erst
mal für sich selbst ausloten: Wie weit will ich gehen? Wie laut soll mein
Schrei sein? Ich habe in meinem eigenen Umkreis in Iran erlebt, wie zum
Beispiel [2][Frauen sich widersetzt und immer weiter die Grenzen verschoben
haben]. Vor zehn Jahren hätte ich mir nicht ausmalen können, dass heute
viele Frauen auf der Straße ohne Kopftücher und ohne Schleier rumlaufen
können. Aber [3][das haben sie sich erkämpft]. Das war ein langer Prozess,
aber im Endeffekt sind solche Veränderungen viel nachhaltiger, als wenn sie
von außen aufgezwungen werden. Kriege bringen keine Freiheit.
22 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klara Hohnke
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