# taz.de -- Violinistin Jessie Marino: Sie lässt Formen kollidieren
       
       > Jessie Marino verbindet zeitgenössische Musik mit Folk und erschafft mit
       > Alltagsgegenständen magische Momente. Porträt einer ungewöhnlichen
       > Künstlerin.
       
 (IMG) Bild: Das Passbild von Jessie Marino ist auch irgendwie Minimal Music
       
       Jessie Marino passt in keine Schublade. Zu eng. Zu bequem. „Warum sollte
       ich mich wiederholen? Dafür fehlt mir die Zeit“, sagt die in Berlin lebende
       Künstlerin. Es gibt einen roten Faden, der ihre Arbeiten miteinander
       verknüpft. Jessie Marino ist Musikerin, Komponistin, Medienkünstlerin,
       Performerin, Improvisationskünstlerin. Dozentin. Und Quilterin.
       
       Marinos musikalischer Output ist enorm, hier werden drei Arbeiten näher
       betrachtet. Alle drei eint – roter Faden! –, dass sie bereits existierende
       Werke anderer als Ausgangspunkt nehmen und Marino sie auf ganz
       unterschiedliche Weise zu etwas Neuem formt.
       
       2019 verarbeitete sie den Skandal um Milli Vanilli, einen Tiefpunkt des
       Pop, bei dem manipulative Strukturen offenbar wurden wie kaum jemals zuvor.
       [1][Milli Vanilli spielten 1990 in den USA ein Stadionkonzert, und das
       Playback blieb hängen.] Als hätten sie Schluckauf, stotterten die beiden
       Tänzer „Girl you know it’s …“, bis sie beschämt von der Bühne rannten. So
       kam heraus, dass sie die Musik nie selbst eingesungen hatten und nur als
       Platzhalter herhielten, weil die eigentlichen Sänger nicht ins gewünschte
       Bild passten.
       
       [2][Jessie Marinos „Girl, ya know“] dehnt den Hänger auf elf Minuten aus.
       Nach einigen Wiederholungen verschiebt sie die Phasen. Der Schluckauf gerät
       immer weiter aus dem Takt, bis wieder alles stimmt. Während dieser schier
       endlosen Zeit durchlebt man die Schmach erneut.
       
       ## Eine ausdrucksstarke Interpretin
       
       Schon zu Grundschulzeiten begann Marino, Cello zu spielen. „Das war kein
       richtiger Unterricht. Keine Technik.“ Genau dies hat sie zum Weitermachen
       bewogen. Beim Cellostudium an der Manhattan Music School stellte sie fest:
       „Ich kann Phrasen erkennen, bin eine ausdrucksstarke Interpretin, habe ein
       gutes Rhythmusgefühl und all sowas. Aber ausgefeilte Technik hab ich
       keine.“
       
       Die Erkenntnis, dass aus ihr keine Orchestermusikerin werden würde, brachte
       Marino dazu, sich in der europäischen Szene zeitgenössischer Musik umzutun.
       „Dort fand ich heraus, wie ich mein Instrument halte, Hände, Stimme und
       Körper so einsetze, dass ich Sounds, die eine zeitgenössische Komposition
       mir abverlangt, auch produzieren kann.“
       
       Mit dem Bachelor in der Tasche kam sie 2006 erstmals nach Berlin, gab
       Cellounterricht, lernte Deutsch und knüpfte Verbindungen zu
       Gleichgesinnten. „Bis dahin war mir gar nicht bewusst, dass es möglich ist,
       bei einem Konzert fast keine Note zu spielen. Das war eine Offenbarung!“
       
       [3][Mit dem Stück „Portsmouth NH, 1978“] geht sie den umgekehrten Weg.
       Musiker*innen des Spektral Quartet und des Jack Quartet spielen sich
       durch die textbasierte Partitur von weißem Rauschen, bis sie bei der
       „Cavatina“ aus Beethovens Streichquartett Nummer 13 opus 130 ankommen. Die
       Geigen klingen nach knarzenden Türen, vor dem inneren Auge taucht ein
       Geisterschiff auf.
       
       ## Genregrenzen sind sinnlos
       
       Als die Künstlerin 2008 nach zwei Jahren Berlin wieder in ihre Geburtsstadt
       New York zurückkehrte, näherte sie sich dem Theater, insbesondere
       Off-Broadway-Produktionen; das erweckte in Marino den Wunsch, Musik und
       Theater auf abstrakte Weise zusammenzudenken.
       
       Dieses Anliegen vertiefte sie ab 2011 beim Studium an der Wesleyan
       University in Connecticut bei Ronald Kuvila – „einem Meister der
       elektronischen Musik“, wie Marino sagt – [4][und dem damals bereits
       emeritierten Komponisten Alvin Lucier]. Dort probierte sie sich aus – es
       gab Ensembles für Gamelan, Taiko und Afrikanisches Trommeln.
       
       Wie man für bestimmte Instrumente komponiert, war für Marino nie
       interessant. Zudem hält sie die Idee von Genregrenzen und genrespezifischer
       Spielweisen „sinnlos“. Achtung: Roter Faden! „Ich orchestriere technisch
       nicht korrekt, ein Orchestrierungsbuch habe ich nie geöffnet“, erklärt sie.
       
       Kompositionslehre zu erlernen, war auch nicht ihr Hauptanliegen, als sie
       2013 in Stanford bei Paul DeMarinis ebendieses Fach belegte. „An der
       ungewöhnlichen Kombination aus Musik, musikalisch geprägtem Theater und
       musikalisch geprägtem Tanz interessiert mich, was passiert, wenn diese
       Formen kollidieren. Obwohl sie sehr einfach sind, lassen sie sich gut mit
       Musik kombinieren, da sie auf Wiederholungen basieren.“
       
       ## In der Pandemie mit Quilten begonnen
       
       2019 kehrte Marino mit Doktortitel, diversen Auszeichnungen und einer
       bereits langen Liste unterschiedlichster Aufnahmen nach Berlin zurück. Als
       die Covid-Pandemie ausbrach, wurde ihr klar, dass sie nicht nur in
       Deutschland bleiben musste, sondern auch wollte.
       
       „Zum Ausgleich habe ich dann angefangen zu quilten. Ich brauchte eine
       andere Kunstform, etwas, das unmittelbar ist. Beim Quilten sehe ich nach
       einer Stunde, was ich gemacht habe. Ganz anders als beim Komponieren, wo es
       mitunter Jahre dauert, bis ich etwas in den Händen halte.“
       
       Marino brauchte eine emotionale und musikalische Brücke in ihr Geburtsland.
       Mörderballaden! „Ich komme zwar nicht aus dem Süden, auch nicht aus den
       Appalachen. Aber diese Folksongs sind im kulturellen Gedächtnis aller
       Amerikaner*innen verankert. Sie stecken [5][in der Musik von Bob
       Dylan], in den Songs von [6][Willie Nelson], sie sind überall.“ Zudem ist
       das übergreifende Thema von Mörderballaden – die Darstellung von Frauen als
       wehrlose Opfer – auch Hunderte Jahre nach ihrer Entstehung noch relevant.
       Leider.
       
       ## Vielstimmigkeit für weibliche Solidarität
       
       [7][In ihrem vor Kurzem erschienenen Album „Murder Ballads Vol. II – The
       Positive Reinforcement Campaign“] (von „Murder Ballads Vol. I – Sister
       Sister“ existiert zwar eine Aufnahme, aber kein Album) verwendet sie Themen
       [8][klassischer Mörderballaden].
       
       „Entweder gibt es in den Songs eine Originalmelodie oder einen
       Originaltext. Mal habe ich eigene Parts hinzugefügt, mal von anderswo
       hergeholt. [9][In alle Songs sind Sacred-Harp-a-cappella-Stücke eingewebt.]
       Diese energetische traditionelle Gesangform und die Idee, dass es keine
       Soli gibt, mag ich sehr. Die Vielstimmigkeit drückt weibliche Solidarität
       und Stärke aus.“
       
       Sehr eindrücklich geschieht dies bei „Pretty Polly“. Marino nutzt die
       Akkordwechsel des Sacred-Harp-Stücks „Amelia“ und ließ sich von den vielen
       verschiedenen Textversionen dieser klassischen Mörderballade inspirieren,
       die entschlossen vorgetragen keinen Zweifel lässt: Das Opfer wird den Mord
       rächen.
       
       Im Song „Vessel“ kombiniert Marino den Dolly-Parton-Song „The Bridge“, in
       dem eine ledige Schwangere überlegt, sich von einer Brücke zu stürzen, mit
       dem Sacred-Harp-Stück „Idumea“. Marino evoziert das verstörende Szenario,
       dass der Fötus das Wort erhebt und seine Mutter davon überzeugt, in den Tod
       zu springen: Ein Leben in einer Gesellschaft, die sie beide verdammt, ist
       nicht lebenswert.
       
       ## Die Geige wie ein Cello halten
       
       „An Mörderballaden mag ich, dass sie oft missverständlich sind. Da kommt
       ein wirklich teuflischer Text in fröhlichem Dur daher, du kannst dich auf
       nichts verlassen.“ 2023 hat Marino „Murder Ballads Vol. II – The Positive
       Reinforcement Campaign“ mit der Bassistin Inga Margarete Aas und dem
       Perkussions-Trio Pinquins bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt.
       Sie hatten mit Gegenwind gerechnet, weil sie Folk in diese E-Musik-Bastion
       bringen.
       
       Weil Marino ihre Geige hält wie ein Cello. Was sich für die 42-Jährige
       absolut natürlich anfühlt (das Cellospielen hat sie aufgegeben, da es ihr
       körperliche Schmerzen bereitet). Beides brachte ihr den Vorwurf des
       Dilettantismus ein. Doch was dann in Donaueschingen geschah, macht sie noch
       heute sprachlos. Kurz vor Beginn der Liveübertragung im Radio sprang ein
       Mann auf und verließ mit den Worten „Zu viele Frauen auf der Bühne!“
       fluchend den Saal. „Da wusste ich, wie wichtig es ist, diese Art von Musik
       in solche Veranstaltungen zu tragen. Wir hatten noch nicht einmal begonnen.
       Fünf Frauen, zu viel?“
       
       Bis zu diesem Vorfall hatte Marino nie das Gefühl, als Künstlerin
       benachteiligt zu werden oder als Frau den Zugang zu Institutionen verwehrt
       zu bekommen. Immerhin.
       
       Schönere Erfahrungen als in Donaueschingen macht sie im KM28, einem Ort für
       Jazz, Elektronik und freie Improvisation in Berlin-Neukölln, in dem Marino
       nicht nur regelmäßig auf der Bühne sitzt, sondern auch hinterm Tresen
       steht. „Die Leute sind offen für alles Neue, hören konzentriert zu und
       machen sich ihre Gedanken. Und wenn ihnen etwas nicht gefällt, bleiben sie
       und fragen hinterher ‚Wieso hast du denn die gebucht?‘, sie sind am
       Austausch interessiert.“
       
       Der dickste rote Faden in Jessie Marinos Werk ist der Alltag. „Ich benutze
       ungern Musik-Equipment. Lieber mag ich Dinge, die wir tagtäglich nutzen:
       Tassen, Lampen. Angenommen, ich sehe auf der Bühne zwei Performer, die ihre
       Gläser aneinanderstoßen. Dann werde ich später selbst daran erinnert, wenn
       ich mit jemandem anstoße. Solche kleinen wertschätzenden Momente sind
       bedeutsam, die ich zusammen mit anderen Menschen erlebt habe. Etwas, was
       mich vielleicht dazu bringt, anders über etwas zu denken als zuvor. Oder,
       dass ich mich an etwas erinnere, weil ich mit einem Objekt oder einer Idee
       konfrontiert werde.“ Als Künstlerin lässt Jessie Marino aus etwas
       Alltäglichem einzigartige Momente entstehen.
       
       16 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=UvPXmkYMHFg&t=2s
 (DIR) [2] https://harlowetc.bandcamp.com/track/girl-ya-know
 (DIR) [3] https://harlowetc.bandcamp.com/track/portsmouth-nh-1978
 (DIR) [4] /Komponist-Alvin-Lucier-gestorben/!5816046
 (DIR) [5] /Bob-Dylan-Konzert/!6119398
 (DIR) [6] /Legende-der-US-Experimentalmusik/!5919509
 (DIR) [7] https://harlowetc.bandcamp.com/album/murder-ballads-vol-ii-the-positive-reinforcement-campaign
 (DIR) [8] /Bob-Dylans-neues-Album/!5691652
 (DIR) [9] /Bonnie-Prince-Billy-live/!6040734
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sylvia Prahl
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Porträt
 (DIR) Performance-KünstlerIn
 (DIR) Feminismus
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Folk
       
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