# taz.de -- Neues Buch von Maxim Biller: Was nicht erzählt wird
> Maxim Biller widmet sich in „Schwarze Samstage“ den Nachwirkungen des 7.
> Oktobers auf Jüd:innen. Mit Hass ist der Geschichte eines Ressentiments
> dabei nicht beizukommen.
(IMG) Bild: Maxim Biller glaubt nicht mehr an die Literatur
Warum ist das alles eigentlich so unmöglich? Warum ist es so
menschenunmöglich, dieser Tage den Tod unschuldiger Menschen zu beklagen?
Warum so unvorstellbar, sowohl die Opfer des Hamas-Attentats als auch die
getöteten Zivilisten aus Gaza zu betrauern? Eine Antwort muss an dieser
Stelle ausbleiben. Die Fronten sind so verhärtet wie geklärt.
Maxim Biller glaubt nicht mehr an die Literatur. Das hatte er nach Beginn
des Ukrainekriegs verlautbart und im gleichen Zug angekündigt, keine Romane
mehr schreiben zu wollen. Sein neues Buch „Schwarze Samstage“ ist denn auch
kein richtiger Roman, eher ein langer Essay mit autofiktionalen Anteilen,
in dem sich Biller dem 7. Oktober und dessen Nachwirkungen für Jüd:innen
weltweit widmet.
Sein Protagonist Ari, der nicht nur biografische Eigenschaften mit Biller
teilt, sondern auch ähnlich rigoros urteilt wie der einstige „100 Zeilen
Hass“-Kolumnist, durchlebt eine Art Depression: „Morbus Gaza“. Immer wieder
schaut er die Aufnahmen der Body-Cams von mordenden und vergewaltigenden
Hamas-Terroristen, reist gedanklich zurück in seine Kindheit und Jugend und
verquickt die eigenen Erinnerungen mit historischen Begebenheiten, dem
Sechstagekrieg genauso wie Pogromen und Schlachten aus biblischen Zeiten.
Alles, um vielleicht doch eine Antwort auf die Frage zu finden: Warum
hassen sie uns?
„Sie“, das sind bei Biller Islamisten genauso wie westliche Uniprofessoren,
sind die Deutschen, deren gestörtes Verhältnis zu allem Jüdischen Biller
karikiert. Mit „uns“ sind im Umkehrschluss die Jüd:innen gemeint, Juden
im Westen, Jüdinnen in Israel und auch diejenigen, die Biller nach dem von
Selbsthass zerfressenen und zum Protestantismus konvertierten Philosophen
(Otto) „Weiningerjuden“ nennt. Linke Jüd:innen, die laut Biller nach dem 7.
Oktober Weiningers Fehler „wiederholten“ und den „biblischen Erzfeinden
aller Juden“ nach dem Mund redeten.
Was meint er damit genau? Dass sie ihr Jüdischsein hassen und verleugnen,
indem sie Israels Regierung kritisieren? Ist es für Biller wirklich so
unverständlich, dass ein linker Mensch zwischen sich und der Führungsriege
eines Staats differenzieren will?
## Hass macht blind
Maxim Biller erzählt in „Schwarze Samstage“ auch eine Geschichte des
Antisemitismus. Das kann so nicht gelingen. Wer selbst Experte im Hassen
ist, wird nicht automatisch Experte für Hass, denn Hass, nun ja, macht
blind. Antisemitismus, das ist bekanntlich das Gerücht über die Juden, die
Reduktion unterschiedlichster Menschen auf ein einziges Merkmal, das
Jüdischsein. Ein absichtliches Verknoten und Verschleiern also, dem Biller
lediglich mit weiteren Verknotungen begegnet.
Statt zu entwirren, vereinfacht er, schreibt etwa über „die“ postkoloniale
Bewegung (immerhin: „die“ Linke gibt’s bei ihm nicht), spricht von der
aktuell „größten antisemitischen Welle der Geschichte“, die die 1930er
überträfe, und von UN-Resolutionen, ohne zu konkretisieren, schimpft über
und zitiert aus einem Essay von Ulrike Meinhof, der, und das ist fast ein
wenig lustig, bei Wagenbach in einem Band unter dem Titel „Aufsätze und
Polemiken“ erscheint.
Als Polemiker wird Biller selbst regelmäßig bezeichnet, was praktisch ist,
denn der Polemiker, der darf auch mal Sachen sagen, die man in anderen
Kontexten sanktionieren würde. Der deutsche, gerade aus Gaza zurückgekehrte
Arzt, der sich in einer Talkshow wütend auf die israelische Armee zeigt?
Ari stellt ihn sich im Buch mit einer riesigen schwarzen SS-Mütze auf dem
Kopf vor. Das über allen Fragen zur Zweistaaten- oder Einstaatlösung
schwebende Thema Rückkehrrecht der Palästinenser:innen? Würde zur nächsten
Al-Aksa-Flut, zum „perfekten Dschihad“ führen. Die Hungerblockade von Gaza?
Unmenschlich, aber „strategisch richtig“.
Letztere Aussage stammt nicht aus dem Roman, sondern [1][aus einer kurz
nach Veröffentlichung von der Zeit depublizierten Kolumne aus dem Juni
2025.] Die Aussage konnte man dabei leicht vergessen, sie wurde jedenfalls
schnell vergessen vom deutschen Feuilleton. Lediglich die FAZ erinnert in
ihrer Besprechung von „Schwarze Samstage“ kurz daran, fragt aber auch, ob
der Text denn so geschmacklos wirklich war. „Kühn“ sei das Buch, heißt es
weiter, es werde „viele provozieren“, weiß die Welt. Nur: Wen denn
eigentlich, wenn sich alle Rezensent:innen durch die Bank mit Lob
übertreffen?
## Fehlendes Mitgefühl
Es ist eigentlich kaum vorstellbar, dass Biller es ernst meint, mit dem an
Andersdenkende gerichteten Vorwurf der Einseitigkeit, und gleichzeitig den
palästinensischen Leidtragenden im Buch kaum je eine Zeile widmet. Das
Ausklammern der tatsächlichen Kräfteverhältnisse ist dabei eigentlich das
Interessante an der Debatte über „Schwarze Samstage“. Natürlich kann und
muss man fehlendes Mitgefühl gegenüber Jüd:innen nach dem 7. Oktober
anprangern, die Süßigkeiten verteilenden Islamisten von der Berliner
Sonnenallee genauso wie propalästinensische Demonstrationen, bei denen
schwarze Kalifatsflaggen gehisst werden, wie Biller das tut. Aber: Wie
schwer wiegen fehlende Solidaritätsbekundungen gegenüber der massiven
militärischen Unterstützung, die Israel aus den USA und Deutschland erhält?
Und: Fallen die Äußerungen eines rechtsextremen israelischen
Regierungsmitglieds, das die gezielte Tötung von ausdrücklich unschuldigen
Menschen fordert und KI-generierte Videos von gegen Palästinenser
ausgeübter Gewalt auf Social Media teilt, wirklich gar nicht ins Gewicht?
All das kommt in „Schwarze Samstage“ nicht vor, eher abstrakt findet nur
das „selbstzersetzende Virus von Angst und Rechtsradikalität“ innerhalb
Israels Erwähnung. Es kann teilweise auch nicht vorkommen, denn der Roman
spielt in den Jahren 2023 und 2024, als man noch nicht alles wusste (zum
Beispiel, [2][dass Benjamin Netanjahu offenbar Warnungen vor dem Massaker
ignorierte,] was in den letzten Tagen publik wurde) und auch die Zerstörung
Gazas noch nicht allumfassend war.
Biller, der zu Beginn des Ukrainekriegs Mitgefühl als die wichtigste
Eigenschaft eines Schriftstellers benannte, schreibt aus dem Jetzt ins
Gestern hinein. Er sagt Dinge, in einer Zeit, die noch vor den gröbsten
Entgleisungen Itamar Ben-Gvirs liegt, vor den Hetzjagden extremistischer
Siedler im Westjordanland, vor den Genozidvorwürfen der UNO, als die Zahl
der Toten im Gazakrieg noch nicht bei 70.000 lag. Dinge, die er heute so
nicht mehr sagen würde? Daran lässt die bereits erwähnte Zeit-Kolumne doch
beträchtliche Zweifel aufkommen.
Immer schon wurden die Juden verfolgt, erfuhren Hass und Gewalt, schreibt
Biller. Das ist wahr. Vieles, was nicht in dem Buch steht, ist auch wahr.
Macht es das, was im Buch steht, falsch? Vielleicht nicht. Unredlich ist es
vielleicht aber doch.
12 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
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