# taz.de -- Neuer Roman von Caroline Wahl: Auf der schönen Oberfläche
       
       > Bali, Berlin, St. Moritz: Caroline Wahl reiht in ihrem neuen Roman „1999
       > Meter über dem Meer“ die Klischees aneinander. Ist sie auf einem
       > antiwoken Kreuzzug?
       
 (IMG) Bild: Die Autorin Caroline Wahl, hier 2024 in Hamburg
       
       Mit Caroline Wahl verhält es sich ein bisschen so wie mit Taylor Swift.
       Eine überaus erfolgreiche Frau erfährt viel Kritik, wegen ihrer Arbeit,
       wegen ihres Reichtums, was wiederum dazu führt, dass das Ausmaß der Kritik
       kritisiert wird. In der Folge schlägt die Debatte ins Gegenteil um,
       mitunter wird Pop zu Kunst, Geschäftssinn zu Genius erklärt.
       
       Einen normalen Umgang mit [1][Caroline Wahl] zu finden, scheint schwierig.
       Ein normaler Umgang bestünde darin zu sagen: Ihr vierter Roman ist
       bestürzend schlecht, und bestürzend ist insbesondere, dass dieser Umstand
       offenbar geheim bleiben soll, wirft man einen Blick in die bereits vor
       Erscheinung veröffentlichten, zumeist wohlwollenden Kritiken.
       
       In „1999 Meter über dem Meer“ reist die Protagonistin Samara zunächst nach
       Bali. Dort gefällt es ihr nicht – alle trinken Matcha Latte, essen
       Avocado-Toast und machen Yoga –, in ihrer Berliner WG ebenso wenig, denn da
       riecht’s nach Reformhaus und es wird fleischfrei gegessen. So weit, so
       Klischee.
       
       Der Roman gleicht mitunter einem Stream of Consciousness, dabei bleibt
       zweifelhaft, in wessen Consciousness sich die Gedanken angeblich auf derart
       nichtige Weise zu Sätzen formen: „Ich habe mir als Kind auch gewünscht,
       krank zu sein, und war neidisch auf Mitschüler, die bei einer Erkältung zu
       Hause bleiben durften, aber ich habe kein kaputtes Elternhaus. Ich durfte
       nur zu Hause bleiben, wenn ich richtig krank war, und das war dann meistens
       gar nicht so cool, weil ich eben richtig krank war und es mir
       dementsprechend richtig schlecht ging.“
       
       ## Zur Distinktion taugt das alles kaum
       
       Schnell ist klar, hier geht es auch um maximale Relatability. Jeder hasst
       Sprachnachrichten und jeder hasst das „inflationär gebrauchte Adjektiv“
       toxisch. Nicht jeder hasst Wasser ohne Kohlensäure, Sudokus,
       Absatz-Sandalen und Siebträgermaschinen, aber zum Distinktionsmerkmal taugt
       all das kaum. Weiß Samara wirklich so wenig über sich selbst? Unglaubwürdig
       bleibt so auch die große Angst, die sie spürt, die „dunklen Wolken“, die
       sie seit Teenagerjahren begleiten.
       
       Was Samara auch hasst, sind „die ganzen Widersprüche in mir“. Dabei stellt
       die Beschäftigung mit der Widersprüchlichkeit an sich doch stets eine
       Ausflucht dar, sich nicht mit dem zugrunde liegenden Problem zu befassen.
       Ist ein Ich je identisch mit der Erzählung von ihm, seinem Profil, gegen
       das Widerspruch eingelegt werden kann? In Zeiten von Spektakel und Social
       Media, von Selbstdarstellung und Profilierung vielleicht schon.
       
       Die Oberfläche wird spätestens dann zum Programm, wenn Wahls Protagonistin
       eine Art Heldinnen- und Schelminnenreise unternimmt, ihren Job in Berlin
       verlässt und gen Süden und schließlich in die Schweiz nach St. Moritz
       fährt. Nun gibt es wenig Langweiligeres, als dem Gebaren extrem reicher
       Leute zuzuschauen. Das Einzige, was an reichen Leuten interessant ist,
       steckt unter der Oberfläche: Woher kommt das Geld? Auf welche Art verdirbt
       es den Menschen?
       
       Einen Keil in ebendiese glitzernde Oberfläche zu schlagen, einen Blick zu
       ermöglichen in darunter liegende Abgründe, das ist durchaus zu schaffen,
       wie man etwa bei [2][Bret Easton Ellis] nachlesen oder sogar bei „Gossip
       Girl“ nachschauen kann. Bei Wahl auch an dieser Stelle: Klischee auf
       Klischee. Alle fliegen Privatjet und machen „Trading, Immobilien, bisserl
       Kunsthandel, dies, das“.
       
       ## Einfach ein lustiges Alpendörflein?
       
       Interessanterweise fühlt sich die aus einer Mittelschichtsfamilie stammende
       Samara gerade hier, in der autonomen Region perversen Reichtums, noch am
       wohlsten. Samaras neue Bekannte, denen sie sich, auch aus ihr selbst unklar
       bleibenden Gründen, nur mit falschem Namen und falscher Lebensgeschichte
       vorstellt, sind in ihrer Feierwütigkeit und Selbstbezogenheit zwar ein
       bisschen lächerlich, aber im Grunde: ganz nett. Kein Wort dazu, worauf (und
       auf wessen Rücken) der ganze Reichtum fußt, für Wahl ist St. Moritz, dieser
       Hotspot der Superreichen, wie sie es in ihrer Danksagung formuliert,
       einfach ein „lustiges, vielseitiges Alpendörflein“.
       
       Spätestens an der Stelle muss man nun vielleicht doch den von Wahl selbst
       ins Spiel gebrachten Begriff der Solidarität bemühen. Im Spiegel-Interview
       erzählt sie, wie sie negative Kritiken insbesondere von Frauen
       beschäftigen: „Wir müssen doch zusammenhalten“, habe sie gedacht. Nur: Wo
       die durchschnittliche Leserin und die Millionärin und
       Mercedes-Markenbotschafterin Wahl zusammenkommen, bleibt fraglich.
       
       „Reichtum ist keine Schande“, befand die FAZ 2019 in einem aberwitzigen
       Kommentar auf die aberwitzige Debatte um Verena Bahlsen. Die Kekserbin
       hatte sich stolz als „Kapitalist“ bezeichnet und auf ihr Recht auf
       Segelyachten gepocht. Wahl formulierte im letzten Jahr ebenfalls offensiv
       ihre Vorliebe für teure Sportwagen. Es folgte [3][eine absurde Debatte über
       das Recht aufs Ferrarifahren,] Wahl spielt darauf etwas trotzig schon in
       ihrer Widmung an. „Für meinen Bruder Uli“, steht da. „Auf viele weitere
       Autos, die wir gemeinsam aussuchen werden.“
       
       Überhaupt scheint „1999 Meter über dem Meer“ voll des Trotzes, mitunter
       fragt man sich gar, ob Wahl sich auf einer Art antiwokem Kreuzzug befindet.
       Und das nicht nur wegen des permanenten Autofahrens. Im Gespräch mit der
       Zeit sagt sie, sie wisse bereits vorab, was auf Kritik stoßen werde: „dass
       Samara einen Migrationshintergrund hat und ich als Autorin nicht“. Spaß
       habe es ihr auch gemacht, immer wieder zu schreiben, wie schön das
       männliche Love Interest sei, das würde nämlich manche Leserinnen wütend
       machen.
       
       ## „Müllermilch“ canceln
       
       Nun ist nicht ganz klar, wen schöne Männer verärgern, die mittlerweile
       beinahe zur Marke gewordenen „eisblauen Augen“, die regelmäßig aufblitzen,
       taugen wohl kaum zum Aufreger. Fragwürdiger ist da eher die leitmotivische
       „Müllermilch“ und die wiederholt aufgebrachte Frage, ob man sie aufgrund
       der AfD-Nähe des Markengründers nicht doch canceln solle.
       
       Oder der Vergleich mit der in Auschwitz ermordeten Schriftstellerin Irène
       Némirovsky: „Ich hoffe, dass die 39 Jahre von Irène erfüllt und schön
       waren, und bin mir fast sicher, dass es so war. Irène hatte schließlich
       eine Familie und das Schreiben. Ich habe noch nicht mal Datenvolumen.“ Ist
       das noch ein Flirt oder schrillt hier schon die dog whistle?
       
       Ob „1999 Meter über dem Meer“ nun positive oder negative Kritiken erhält,
       eins ist klar: Verkaufen wird sich der Roman ohnehin. Wahl ist wie ihre St.
       Moritzer eine gute Traderin: Erfolg, Publicity, Kontroversen und Kapital
       werden reinvestiert, in die eigene Marke, in die eigenen Bücher. Und dass
       es derer immer mehr werden, hat Wahl schon angekündigt: Den Turnus von
       einem Buch pro Jahr will sie aufrechterhalten.
       
       29 Aug 2026
       
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       fad.