# taz.de -- Vor Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: Wo die anderen Urlaub machen
       
       > Wirtschaftlich hängt in Mecklenburg-Vorpommern viel am Tourismus. Am
       > Laufen gehalten wird er von Arbeitskräften aus dem Ausland.
       
 (IMG) Bild: Pluspunkt Landschaft: Wieck am Darß mit Blick auf den Bodden
       
       Kurz vor Saisonende Anfang September, doch das Geschäft im Haferland brummt
       immer noch. Am frühen Nachmittag ist die Terrasse des Ökorestaurants und
       -hotels gefüllt mit Übernachtungsgästen und einkehrenden Radfahrern. Direkt
       an der Ostsee gelegen, erfreut sich das kleine Fischerdorf Wieck auf der
       Halbinsel Fischland-Darß-Zingst großer Beliebtheit bei Tourist:innen.
       
       Drishdy Drishdy steht am Eingang der Restaurantküche und hört aufmerksam
       einer Mitarbeiterin zu, die ihr gerade die Bedienung der Kaffeemaschine
       erklärt. Es ist ihr erster Ausbildungstag zur Hotelfachfrau. Mit ihrem
       freundlichen Lächeln, streng zurückgebundenem Haar und einer beigen
       Haferland-Schürze macht die 22-Jährige schon einen souveränen Eindruck.
       „Einfach nur Drishdy“, stellt sich die junge Frau vor. In Nordindien, wo
       sie herkomme, sei es für Frauen üblich, den Nachnamen im Pass bis zur
       Heirat freizulassen. Deshalb heiße sie Drishdy Drishdy.
       
       Um eine Ausbildung in Deutschland zu machen, hat Drishdy ihr
       Psychologiestudium abgebrochen. „In Indien gibt es einfach keine Jobs,
       selbst wenn du einen Abschluss hast“, sagt sie, außerdem liege ihr sowieso
       die praktische Arbeit eher als das Studieren.
       
       Drishdy ist eine von rund 2.400 jungen Menschen aus sogenannten
       Drittstaaten, die in Mecklenburg-Vorpommern eine Ausbildung machen. Um dem
       zunehmenden Fach- und Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, setzen
       Unternehmen gezielt auf Auszubildende aus Ländern außerhalb der EU:
       Vietnam, Indien, Indonesien. Besonders aus der Tourismusbranche sind die
       migrantischen Auszubildenden kaum noch wegzudenken.
       
       Auch im Haferland sind [1][Auszubildende aus Drittstaaten] mittlerweile ein
       fester Bestandteil der Belegschaft. Insgesamt arbeiten 40 Mitarbeitende in
       dem Hotel, davon fünf Azubis aus Drittstaaten: drei Inder:innen und zwei
       Vietnamesen. Erst im Juli hat eine Indonesierin ihre Ausbildung erfolgreich
       beendet.
       
       ## Fachkräfte werden gesucht
       
       „Ich würde auf Fischland-Darß-Zingst sonst keine 40 Mitarbeitenden finden,
       die hier arbeiten wollen“, sagt Malte Evers. Der Geschäftsführer des
       Haferland sitzt an einem akkurat gedeckten Tisch in der ersten Etage des
       reetgedeckten Hotels. „Die gibt es hier nicht, die findet auch sonst
       niemand.“ Das mit den Fachkräften sei auf der Halbinsel, die hauptsächlich
       aus Stränden, Wäldern und touristisch geprägten Dörfern besteht, nicht so
       einfach. Es gibt hier kaum ein Restaurant oder Hotel, das keine offenen
       Stellen hat. Viele Betreiber:innen seien gezwungen, ihre Öffnungszeiten
       einzuschränken, oder gäben ganz auf, erzählt Evers. Allein in den letzten
       Jahren hätten in Wieck vier Restaurants dichtgemacht. „Die hatten die
       Schnauze voll“, sagt Evers.
       
       Evers, 45 Jahre alt, hat das Hotel von seinen Eltern übernommen, die Anfang
       der 90er aus Heidelberg auf den Darß gezogen waren und das Hotel aufgebaut
       hatten. Er trägt ein Shirt der Seenotrettungsinitiative Seapunks, auf dem
       ein Kreuzer abgebildet ist, der ein Hakenkreuz zerschmettert. Im Gespräch
       mit der taz gibt er sich selbstkritisch. „Das Fachkräfteproblem der
       Gastronomie ist hausgemacht“, sagt Evers, „in der Branche haben wir die
       Azubis jahrelang scheiße behandelt.“ Arbeiten, wenn alle anderen freihaben,
       mickrige Löhne, von denen sich Beschäftigte keine Wohnung auf der Halbinsel
       leisten können, auf der es mittlerweile Tausende Ferienwohnungen gibt, aber
       keinen bezahlbaren Wohnraum.
       
       Für die Saison habe er gerade noch zwei polnische Köche anwerben können,
       aber leider nur über eine Zeitarbeitsagentur, berichtet der Hotelier. „Am
       liebsten würde ich noch drei bis vier Leute mehr einstellen.“ Im Gegensatz
       zum Mangel an ausgebildetem Fachpersonal würden Hotels von Bewerbungen von
       Drittstaatler:innen, die eine Ausbildung machen wollen, nahezu
       überschwemmt. „Ich schaffe es nicht mal, alle Bewerbungen durchzulesen“,
       sagt Evers.
       
       Mittlerweile sind fast 10 Prozent der Auszubildenden in
       Mecklenburg-Vorpommern aus Drittstaaten, Tendenz steigend. Die
       Landesregierung fördert Unternehmen mit bis zu 8.000 Euro pro Azubi. Dazu
       gibt es Förderungen für vorbereitende Sprachkurse.
       
       ## Vermittlungsagenturen verlangen viel Geld
       
       Mit den Auszubildenden hatte Evers bislang nur gute Erfahrungen gemacht.
       „Das sind top motivierte Leute“, sagt der Hotelier. Viele hätten mit der
       Ausreise nach Deutschland alles auf eine Karte gesetzt.
       Vermittlungsagenturen würden in den Heimatländern viel Geld verlangen, eine
       Investition, die sich für die Familie in den Heimatländern auszahlen soll.
       
       Auch Drishdy kam über eine Agentur nach Deutschland. Aber das Haferland war
       nicht ihre erste Station. Sie zahlte mehrere Tausend Euro, versprochen
       wurde ihr eine Ausbildung. Doch stattdessen landete sie in einer
       Au-Pair-Familie in Bayern. „Meine Erfahrung mit der Familie war nicht sehr
       gut“, erzählt Drishdy, immer noch mit einem Lächeln, „sie zwangen mich, elf
       Stunden zu arbeiten anstatt sechs, wie im Vertrag vorgesehen war.“ 300 Euro
       im Monat Taschengeld bekam Drishdy für die Arbeit. Die Familie, sagt sie,
       habe damit gedroht, sie müsse zurück nach Indien, sollte sie den
       Au-Pair-Einsatz abbrechen. „Ich war naiv“, sagt Drishdy.
       
       Erst nach sechs Monaten gelang es ihr, in den Bundesfreiwilligendienst in
       einer Pflegeeinrichtung zu wechseln. Dort gab es zwar auch nur ein
       Taschengeld, aber sie konnte bleiben, ihr Deutsch verbessern und hatte
       Zeit, sich für eine Ausbildung zu bewerben. „Ich habe überall angerufen und
       nachgefragt“, sagt sie, schließlich habe es beim Haferland geklappt.
       
       Drishdys Geschichte zeigt, wie hilflos die Drittstaatler:innen
       [2][Ausbeutung] ausgeliefert sind. Ihr Visum ist an ihre Beschäftigung
       gebunden. Schaffen sie die Ausbildung nicht, müssen sie wieder in ihre alte
       Heimat zurück.
       
       ## Es fehlen Schutzmechanismen
       
       „Wir sehen die Anwerbungen kritisch, weil es kaum Schutzmechanismen gibt“,
       sagt Sabine Ziesemer vom Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern. Sie
       berichtet von dem besonders krassen Fall einer Vietnamesin, die gleich von
       mehreren Restaurants ausgebeutet worden sei. „Nach ihren Schilderungen
       musste sie zwischen 16 und 18 Stunden arbeiten.“ Ziesemer fordert,
       effektive Schutzmechanismen einzubauen. „Wenn man Menschen im Ausland
       anwirbt, sollte das unter fairen Bedingungen erfolgen.“
       
       Unverständlich für Ziesemer ist auch, warum nicht mehr dafür getan wird,
       Geflüchtete für den Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu qualifizieren.
       Tatsächlich ist die Zahl geflüchteter Auszubildender im Vergleich zu den
       Drittstaatler:innen gering. „Die meisten Menschen, die flüchten, wollen
       arbeiten.“ Doch ausländische Abschlüsse werden oft nicht anerkannt, hinzu
       kommen Hürden am Arbeitsmarkt. Häufig müssen Asylsuchende eine
       Beschäftigungserlaubnis der Ausländerbehörde beantragen, bevor sie arbeiten
       dürfen.
       
       Doch Ziesemer warnt davor, Migrant:innen nur nach ihrer Nützlichkeit am
       Arbeitsmarkt zu beurteilen und nicht ihre Bedürfnisse als Menschen zu
       sehen. „Es geht um viel mehr als Arbeit, es geht um gesellschaftliche
       Teilhabe.“
       
       Trotz der wirtschaftlichen Bedeutung migrantischer Arbeitskraft ist auch
       auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst die AfD mit Abstand die stärkste
       Kraft. 33 Prozent holte sie bei den Bundestagswahlen 2025. Auf der
       Halbinsel wirbt die Partei [3][jetzt zur Landtagswahl am 20. September in
       Mecklenburg-Vorpommern] mit „Abschieben“-Plakaten.
       
       Hotelier Malte Evers zweifelt daran, dass die Region in Zukunft weiterhin
       attraktiv für junge Menschen aus dem Ausland sein werde, sollte der
       Rassismus der AfD immer offener ausgelebt werden. „Es ist so dämlich. Die
       gesamte Pflege würde zusammenbrechen. Die Gastronomie ist chancenlos.“ Auch
       mieden viele Gäste mittlerweile die Urlaubsregion aufgrund der rechten
       Hegemonie. „Rassismus ist ein Riesenimageschaden für die Region“, sagt
       Evers.
       
       14 Sep 2026
       
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