# taz.de -- Reaktionen auf Sachsen-Anhalt-Wahl in MV: Radeln für die Zivilgesellschaft
> Zahlreiche Initiativen in Mecklenburg-Vorpommern machen mobil. Der
> rechtsextreme Triumph von Magdeburg soll sich bei der Wahl nicht
> wiederholen.
(IMG) Bild: Radeln und reden: Start der Tour für ein demokratisches Mecklenburg-Vorpommern am Dienstag am Schweriner Schloss
Viel ist die Rede vom Schock, vom Desaster, aber auch vom Willen, jetzt
nicht aufzugeben: Die Zivilgesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern ist mehr
noch als zuvor alarmiert, seit die AfD bei der Wahl im benachbarten
Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent geholt hat. In gut zwei Wochen wird in
Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Und auch hier liegt die AfD in Umfragen
seit Langem vorn.
„Natürlich ist nach Sonntag bei uns in der Zivilgesellschaft Nervosität
aufgekommen: Was passiert jetzt hier?“, sagt Jessica Weiß vom Verein
Eine-Welt-Landesnetzwerk MV zur taz. Aber, so die Rostockerin: „Wir stecken
mittendrin, dass sich das bei uns am 20. September nicht wiederholt.“
Zum Mittendrin der unzähligen Aktionen gegen rechts im Nordosten gehört in
den kommenden Tagen auch ein von Jessica Weiß koordiniertes Querdurch, und
zwar per Rad einmal quer durchs Land „für ein weltoffenes, vielfältiges und
demokratisches MV“. So das Motto. Schwerin, Parchim, Malchin, Demmin,
Greifswald: Knapp 200 Kilometer liegen bis Freitag vor den rund 60
Radfahrer:innen, die sich zum Start am Dienstagvormittag vor dem Schweriner
Schloss versammeln.
Die Teilnehmer:innen aus ganz Ostdeutschland wollen
Bürgermeister:innen treffen, einen Bischof, einen Aalfischer, einen
Ex-Neonazi. Vor allem wollen sie aber „Raum geben, um sich mit den Menschen
vor Ort auszutauschen und vielleicht auch in den Köpfen etwas zu bewegen“,
sagt Weiß. Ihre Erwartung: dass sich auch mit [1][Aktionen der
Zivilgesellschaft] wie dieser Radtour bis zum 20. September noch etwas
reißen lässt.
## Proteste in zahlreichen Städten
Mit genau diesem Anspruch sind bereits am Montagabend in zahlreichen
Städten Mecklenburg-Vorpommerns Tausende Menschen auf die Straße gegangen.
Aufgerufen zu den Protesten gegen die AfD hatte [2][das landesweite Bündnis
Zusammen Bewegen]. Allein in Rostock zählten die Veranstalter:innen
rund 3.000 Teilnehmer:innen. Der große Platz vor dem zentralen Kröpeliner
Tor war jedenfalls komplett überlaufen.
„Sachsen-Anhalt kann überall sein, überall wächst die AfD“, sagt Fabian
Scheller. Der lokale Regionsgeschäftsführer des DGB und Aktivist von
„Rostock Nazifrei“ hat den Protest in Rostock angemeldet. Er zeigt sich
durchaus beeindruckt, dass so viele Menschen dem Spontanaufruf gefolgt
waren. Ihm sei es wichtig, zu zeigen, „dass uns die Demokratie nicht am
Arsch vorbeigeht“.
Maria Lichtermann vom Migrantenrat Rostock berichtet, dass sie am Wahlabend
ihre Mutter trösten müsse, die sie gefragt habe, ob jetzt der Faschismus
zurückkommt. Lichtermanns Familie hat den Holocaust überlebt. Und ja, es
gebe in Mecklenburg-Vorpommern sowieso schon „latenten und zunehmend
offenen Rassismus“. Die aktuellen Entwicklungen könnten aber „der Beginn
von etwas noch mal Schlimmeren“ sein.
Trotzdem, sagt Lichtermann: „Ich darf nicht in Traurigkeit verfallen. Was
würde das bringen? Gerade wir als Mecklenburg-Vorpommern haben jetzt die
Möglichkeit, ein starkes Zeichen zu setzen und jeden Moment zu nutzen, um
die Menschen von der Demokratie zu überzeugen.“
## „Die Frau gegen Blau“
Auf der Kundgebung in Schwerin meldete sich zeitgleich auch
SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zu Wort. Die Lage sei „sehr, sehr
ernst“, sagt sie. Aber Mecklenburg-Vorpommern – so sieht es zumindest
Schwesig – sei eben nicht Sachsen-Anhalt: „Wir werden die Machtfantasien
der AfD gemeinsam stoppen. Unser Zuhause bekommt die AfD nicht.“
Schwesig nutzte den Tag nach Magdeburg, um ihre laufende „[3][Ich oder die
AfD]“-Kampagne kurz vor der eigenen Landtagswahl einmal mehr zu pushen.
Warb die SPD-Spitzenkandidatin auf Großplakaten im ganzen Land bislang mit
dem Slogan „Die Frau für MV“, ist nun „Die Frau gegen Blau“ hinzugekommen.
Nur mit ihr könne verhindert werden, „dass die AfD die Macht in MV
übernimmt“, so Schwesig.
Tatsächlich bauen die Rechtsextremen auf einen Dominoeffekt. „Uns in
Mecklenburg-Vorpommern gibt dieser grandiose Erfolg richtig Rückenwind für
die letzten zwei Wahlkampfwochen“, hatte noch am Wahlabend der AfD-Kandidat
für das Ministerpräsidenten-Amt, Leif-Erik Holm, getönt. Die „blaue Welle“,
da sei er sich sicher, werde jetzt von Magdeburg nach Schwerin
weiterschwappen.
## CDU warnt vor Spaltung
Die Umfragen sagen bislang etwas anderes. Die extreme Rechte führt zwar
immer noch, [4][stagniert aber bei 35 Prozent]. Dagegen hat Schwesigs SPD
zuletzt stark aufgeholt, sie käme aktuell auf 32 Prozent. Der CDU, die
schon in Magdeburg eine krachende Niederlage eingefahren hat, droht in
Schwerin ein noch größeres Desaster. Die letzte Umfrage sieht sie bei nur 8
Prozent.
Der CDU-Landesvorsitzende und -Spitzenkandidat Daniel Peters hält die „Frau
gegen Blau“-Kampagne der SPD dann auch für „brandgefährlich“. „Schwesig und
auch andere [5][heizen die Polarisierung] weiter an“, sagt Peters am
Dienstag zur taz. Und: „Sie stärkt damit auch die AfD.“ Er befürchte eine
„dauerhafte gesellschaftliche Spaltung“, ähnlich der in den USA. „Niemand,
der es mit diesem Land gut meint, kann das ernsthaft wollen“, so Peters.
Jessica Weiß vom derzeit radelnden Eine-Welt-Landesnetzwerk hofft hingegen
auf den Schwesig-Effekt. Ihr Verein, das möchte sie klarstellen, sei nicht
parteipolitisch gebunden. Aber die Ausgangslage in Mecklenburg-Vorpommern
sei eben nicht zuletzt durch die Aufholjagd der im Land durchaus populären
Ministerpräsidentin „deutlich besser“ als in Sachsen-Anhalt.
8 Sep 2026
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