# taz.de -- Künstlerischer Dialog: Ein bilderspuckendes Monster aus Kinshasa
       
       > „Das DUO“, Christ Mukenge und Lydia Schellhammer leben zwischen der DR
       > Kongo und Deutschland und machen finstere Kunst. Die ist jetzt in Gießen
       > zu sehen.
       
 (IMG) Bild: Mukenge/Schellhammer: „Recieve, My Love“
       
       Nach zehn Jahren Zusammenarbeit ist die Inkarnation vollbracht. Zumindest
       auf der Leinwand. Jetzt kann selbst der Künstler, eine Hälfte des Duos,
       beim Betrachten der Bilder nicht mehr genau sagen, wo die eigene
       Handschrift aufhört und die der Künstlerin, die andere Hälfte des Duos,
       beginnt. „Seit drei, vier Jahren machen wir etwas, ohne davor darüber zu
       reden.
       
       Der Dialog ereignet sich rein visuell“, sagt Christ Mukenge. „Es sind
       Übersetzungsprozesse, die zwischen uns stattfinden“, ergänzt Lydia
       Schellhammer. Zwischen den unterschiedlichen Einflüssen, Zuordnungen,
       Assoziationen, die beide mitbringen. Und dem Clash, der sich daraus ergibt.
       
       Als geradezu automatischen Prozess beschreiben Lydia Schellhammer und
       Christ Mukenge die gemeinsame Arbeit auf Leinwand, daneben schaffen sie
       Stoffskulpturen, Videoarbeiten und multimediale Installationen. 2016 haben
       sie Mukenge/Schellhammer in Kinshasa gegründet, inzwischen nennen sie sich
       nur noch das DUO. Ihre Formate sind groß, die Farben grell oder finster,
       Lila, Schwarz, Neongrün.
       
       ## Zwischenmenschliche Beziehungen und spirit animals
       
       Mukenge/Schellhammer folgen einer eigenen Bildlogik, die Grenzen von
       Geografie wie Geschlecht zu überwinden sucht. Ein Hybrid aus überliefertem
       Wissen und angeeigneten Mystiken im Vielvölkerstaat Kongo, aus europäischer
       Kunstgeschichte und zeitgenössischer Straßenkunst Kinshasas, zu der die
       analoge ebenso gehört wie die virtuelle Realität. Popkultur, Luxus- und
       Gaming-Ästhetik, all das hält Einzug in die eigene Bildmythologie wie
       zwischenmenschliche Beziehungen und spirit animals.
       
       Kennengelernt haben sich Mukenge und Schellhammer 2012 im Carré Magique,
       einem Ort auf dem Campus der Académie des Beaux-Arts in der Demokratischen
       Republik Kongo. Eine Kunstakademie nach europäischem Vorbild – oder, wie
       Christ Mukenge präzisiert, eine Kunstakademie, wie man sie sich in Belgien
       als Vorbild für die Kolonie ausmalte: Kopie der europäischen Meister,
       strenger Kanon, wenig Interesse an künstlerischer Freiheit.
       
       In dieser Gemengelage gründete sich eine Art Gegenbewegung von Studierenden
       auf dem Campus, und hier fanden sich Lydia Schellhammer, die bis dato keine
       Berührung mit Kunst hatte, und Christ Mukenge, der Student an der
       Kunsthochschule war. Wenn beide davon berichten, ergibt sich eine gewisse
       Punk-Erzählung der Kunsthochschulbesetzer von Kinshasa. Ein
       unwahrscheinlicher Ort für die künstlerische Sozialisierung allemal.
       
       Hier etablierten sich künstlerische Praktiken wie der Partagisme, ein
       gemeinsames Arbeiten am Bild, zu dessen Ehrenkodex gehörte, dass alle
       Einnahmen verkaufter Bilder paritätisch geteilt werden. Ein Modell, das
       aufregende Bilder hervorbrachte, aber auch lautstarke Streits.
       
       ## Die individuellen Biografien stehen nicht im Fokus
       
       Vier Jahre nach ihrem Kennenlernen und der Arbeit in verschiedenen
       Konstellationen gründeten die beiden Mukenge/Schellhammer. Eine formale
       Setzung, in der sie sich die Autorenschaft teilen und nicht mit ihren
       individuellen Biografien im Fokus stehen wollen: „Wir arbeiten heute
       ausschließlich als Duo! Es gibt daneben nix anderes mehr für uns.“
       
       Jeweils etwa ein halbes Jahr verbringen Mukenge und Schellhammer in
       Deutschland und in Kinshasa. Dabei arbeitet das Duo regelmäßig mit anderen
       Sparten zusammen, aus Theater, Tanz, Performance oder der Kunstgeschichte.
       In [1][Nadia Ismail] fanden beide eine Partnerin, die Direktorin der
       Kunsthalle Gießen wollte schon länger ein Ausstellungsprojekt auf dem
       afrikanischen Kontinent organisieren.
       
       Was in der Theorie gut klingt, sei in der Praxis ein Stresstest, wie alle
       drei erzählen. Man müsse schnell auf Veränderungen reagieren, nennt Mukenge
       eine goldene Regel für die Arbeit in der Demokratischen Republik Kongo,
       auch Stromausfälle sollten einen nicht in Panik versetzen. Im Frühjahr
       eröffnete die Ausstellung im Musée d’Art Contemporain et Multimédia, dem
       einzigen Museum für zeitgenössische Kunst in der DR Kongo. Jetzt ist ein
       zweiter Teil der Schau nach Deutschland gezogen.
       
       ## Wache Beobachter ihrer Zeit
       
       Mukenge/Schellhammer kommen aus der Praxis, sind aber wache Beobachter
       ihrer Zeit und ihres Betriebs. Wir sprechen über Ausschreibungen und
       Selbstbezeichnungen, für die es vor allem jenseits des afrikanischen
       Kontinents eine Weile en vogue schien, sich ein Post- oder Dekolonial
       voranzustellen. Natürlich, sagt Schellhammer, war „postkolonial“ als
       Konzept immer wichtig für die eigene Arbeit – ohne dass ihr der Begriff
       damals schon geläufig war.
       
       Mukenge erinnert sich an den Auftritt eines belgischen Künstlers an der
       Kunstakademie und den Eindruck, hier komme jemand vorbei, um den Leuten mal
       zu erzählen, was sie da eigentlich tun. Wie sich all dies diskurstechnisch
       kategorisieren lasse. „Dabei wissen wir das schon ganz gut selbst“, sagt
       Mukenge. „Wir haben es ja auch schon lange so praktiziert.“
       
       Ironischerweise bringt die sich selbstreflektiert gebende Kritik am
       Eurozentrismus mitunter wahrlich eurozentrische Haltungen hervor. Was
       Europa wichtig ist, interessiere in Kongo im Zweifel niemanden, bestätigt
       Schellhammer. Gleichzeitig sieht sie, wie Vorlieben des Kunstmarkts mit
       seinen ökonomischen Fliehkräften ebensolche Bilder zementieren helfen: „Von
       afrikanischen Künstler:innen wird immer erwartet, dass sie ‚authentisch‘
       sind.“
       
       ## Transnational und postpostkolonial
       
       Wider die Vereinnahmung bezeichnet sich das Duo selbst als transnational
       und postpostkolonial. Ein Begriff, der die Brutalität historischer
       Tatsachen nicht ausklammert, aber sich von ihren Vorstellungen auch nicht
       bestimmen lässt.
       
       Überhaupt ist das Interesse an Verwandlung bestimmend für die gemeinsame
       Arbeit der beiden. Malerei verstehen Christ Mukenge und Lydia Schellhammer
       auch als dreidimensionale und virtuelle Bildwerdung. Manche Arbeiten
       entstehen mit aufgesetzter VR-Brille, die Pinselstriche ergeben sich aus
       den Bewegungen in der virtuellen Welt – und handgemalte Leinwände werden so
       in der just eröffneten Ausstellung als Diptychon neben Videoarbeiten
       gestellt.
       
       Daraus ergeben sich interessante Beobachtungen zu Übersetzungsprozessen,
       hier zwischen den [2][Sprachen der künstlerischen Medien] und Techniken,
       die man so noch nicht gesehen hat.
       
       „Elima – NoBody“ haben Mukenge/Schellhammer ihre große Einzelschau in der
       Kunsthalle Gießen genannt, bezugnehmend auf zweierlei. Den Wunsch, im Duo
       aufzugehen, das Nichtidentische zu feiern. Und die Kunst als Möglichkeit
       der Re-Transformation. In der Bantusprache Lingala bedeutet Elima einen
       höheren Geisteszustand, beschreibt Mukenge – die Ambivalenz trieben die
       Katholiken dem Begriff aus, seitdem wird er im Land vor allem negativ
       besetzt.
       
       ## Ein bilderspuckendes, freundliches Monster aus Kinshasa
       
       Als unheilvoller Geist, dämonisch. So ließe sich der Ausstellungstitel auch
       auf das Duo Mukenge/Schellhammer selbst anwenden: ein bilderspuckendes,
       freundliches Monster aus Kinshasa. Angetreten, um uns die Angst vor den
       Symbolen auszutreiben – und en passant neue, ungesehene Bilder für eine
       transnationale Zukunft in den Raum zu schleudern.
       
       13 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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