# taz.de -- NS-Zeitzeugin über Sachsen-Anhalt: „Sie werden merken, dass sie die falsche Wahl getroffen haben“
> Angesichts des Wahlsieges der AfD in Sachsen-Anhalt erinnert sich die
> Holocaust-Überlebende Henriette Kretz – und warnt vor den Folgen von
> Rechtsextremismus.
(IMG) Bild: Henriette Kretz, Überlebende des Holocaust und Zeitzeugin, am 21. März 2026 im jüdischen Viertel von Antwerpen, Belgien
Henriette Kretz überlebte als jüdisches Mädchen in Polen die Verfolgung
durch die Nationalsozialisten. Heute ist sie 92 Jahre alt, lebt in Belgien
und spricht immer wieder vor Jugendlichen über das Dritte Reich und die
Schoah. Nun wird seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der AfD in
Sachsen-Anhalt erstmals wieder eine rechtsextreme Partei stärkste Kraft bei
den Landtagwahlen. Mit der taz hat Henriette Kretz im Roncalli-Haus des
Bistums Magdeburg über die Wahl gesprochen.
taz: Frau Kretz, bei der [1][Landtagswahl in Sachsen-Anhalt] hat die AfD
fast 44 Prozent der Stimmen aller Wähler:innen bekommen. Was macht das
Ergebnis mit Ihnen?
Henriette Kretz: Man sieht leider, dass viele Menschen nicht mehr wissen,
dass ganz ähnliche Wahlentscheidungen zum Aufstieg des Nationalsozialismus
führten. Sie können und wollen sich vielleicht nicht erinnern. Wenn nun
aber [2][eine Partei wie die AfD an die Macht kommt], werden die, die sie
gewählt haben, merken, dass diese eigentlich gar keine Kompetenzen hat und
ihre Vertreter nur Hass säen. Und sie werden merken, dass sie mit dieser
Wahl die falsche Entscheidung getroffen haben.
taz: Woran werden sie das merken?
Kretz: Wenn die Menschen, die hierhergekommen sind und schon [3][als Ärzte
oder Pfleger in einem Krankenhaus arbeiten], wenn sie Lehrer sind oder in
einem Betrieb angestellt – wenn diese Menschen wegsollen, so wie die AfD es
sagt, wer bleibt dann? Die AfD will unter sich bleiben, nur mit Deutschen
verkehren. Ich bin nicht von hier, ich lebe in Belgien. Soll auch ich nur
unter Belgiern bleiben?
taz: Was sagen Sie den Menschen, die Rechtsextreme wählen?
Kretz: Wenn die Menschen in Sachsen-Anhalt die Vergangenheit und den
Nationalsozialismus wieder wollen – haben sie nicht gesehen, wie es das
letzte Mal endete? Haben sie nicht gezählt, wie viele deutsche Kinder,
Frauen und unschuldige Menschen im Krieg gefallen sind? Berlin und Dresden
waren vollständig zerstört … Vielleicht haben sie es nicht gesehen, aber
doch ihre Eltern und Großeltern.
taz: Sie sind extra aus Antwerpen nach Deutschland gekommen, haben schon in
einem Jugendzentrum diskutiert, heute in Magdeburg. Warum sprechen Sie
noch?
Kretz: Warum sprechen? Sehen Sie, ich bin keine Person mit großem Einfluss.
Ich bin nur eine alte Frau. Aber ich habe ziemlich lange gelebt und viel
erlebt. Und so wie ich das sehe, [4][gehen wir im Moment einen sehr
gefährlichen Weg]. Als Jüdin ist meine Geschichte eng mit dem Völkermord
verbunden.
taz: Was haben Sie damals erlebt?
Kretz: Ich wurde 1934 als einziges Kind meiner Eltern in Opatów, damals
Polen, geboren. Zu Kriegsbeginn war ich fünf Jahre alt. Wir flohen Richtung
Osten und haben uns nach Gefängnisaufenthalten lange an verschiedenen Orten
aufgehalten und versteckt, in einem Kohlenkeller, auf einem Dachboden. 1944
wurden wir jedoch an die Deutschen verraten – und meine Eltern vor meinen
Augen erschossen. Ich entkam und wurde in einem katholischen Waisenhaus
aufgenommen. Dort konnten die Nonnen mich vor den Deutschen versteckt
halten und schützen.
taz: Und danach?
Kretz: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs adoptierte mich mein letzter
überlebender Familienangehöriger, ein Onkel. Alle anderen waren von den
Nationalsozialisten umgebracht worden. Ich lebte und studierte später in
Antwerpen, Belgien. Dann habe ich für einige Zeit in Israel gelebt, doch es
hat mich nach Antwerpen zurückgezogen.
taz: Was ziehen Sie für Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus?
Kretz: Was ich damals als kleines Kind unter der Besetzung der
Nationalsozialisten lernen sollte, ist, dass es wohl verschiedene Rassen
gäbe. Doch ich kenne nur eine Rasse, und zwar die der Menschen. Wir haben
alle dieselben Eigenschaften – wir haben zwei Füße, zwei Hände, wir haben
eine Nase in der Mitte unseres Gesichts. Wir haben eine Sprache, die zwar
verschieden ist für alle Völker, aber doch immer dasselbe sagt. Zu sagen,
das ein Volk schlechter als ein anderes ist, ist für mich eine ausgemachte
Dummheit. Niemand ist besser als jemand anderes. Ich sage, dass der Hass
zerstört. Hass hat noch nie etwas erbaut oder Gutes getan.
taz: Was gibt Ihnen Hoffnung?
Kretz: Es gibt mir Hoffnung, dass gewählt wird und [5][dass es auch
Menschen gibt, die Gutes wollen]. Dass es Menschen gibt, die Verantwortung
für andere übernehmen und nicht der Macht wegen regieren. Und so etwas wie
bessere oder schlechtere Menschen, wie auch die AfD es propagiert, gibt es
nicht. Wir sind alle gleich. Ich sage, ohne Hoffnung haben wir keine
Zukunft. Ich glaube an die Menschheit.
10 Sep 2026
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