# taz.de -- Milliarden-Vergleich von Meta in den USA: Sucht und Sühne
> Meta einigt sich im Prozess mit US-Bundesstaaten auf einen
> milliardenschweren Vergleich und verspricht mehr Jugendschutz. Die
> wichtigsten Fragen und Antworten.
(IMG) Bild: Gefällt ihm vielleicht nicht: Meta möchte die Nutzung von Social Media für Kinder und Jugendlichen in den USA beschränken
Am Mittwoch hat sich der Technologie-Konzern Meta [1][im momentan
aufregendsten Rechtsstreit der Branche] mit 29 US-Bundesstaaten auf einen
Vergleich geeinigt. Die Staaten warfen Meta vor, jahrelang bewusst süchtig
machende Designmerkmale eingesetzt und so zur psychischen Gesundheitskrise
bei Jugendlichen beigetragen zu haben. Zudem soll das Unternehmen illegal
persönliche Daten von Kindern gesammelt haben. Meta wies die Vorwürfe
zurück und betonte während des Prozesses, in den vergangenen Jahren viel
unternommen zu haben, um seine Plattformen für junge Nutzer sicherer zu
machen. Der Vergleich umfasst jedoch nicht nur die klagenden Staaten,
sondern insgesamt 48 Bundesstaaten.
Der Prozess um die Klage, die bereits 2023 eingereicht wurde, begann
vergangene Woche. Er reihte sich ein in eine Serie von Klagen gegen Meta
und andere Social-Media-Plattformen in den USA. Diese wurden von
Bundesstaaten, Schulbezirken, Eltern und betroffenen Jugendlichen
angestoßen. Ein weltweit erwartetes Urteil bleibt nun aus. Dennoch bietet
der Vergleich wichtige Einblicke.
Was steht im Vergleich?
Meta bestreitet weiterhin jegliches Fehlverhalten, verpflichtet sich jedoch
zu zwei zentralen Maßnahmen: Erstens zahlt das Unternehmen bis zu 17
Milliarden US-Dollar (14,6 Milliarden Euro) über zehn Jahre. Das Geld soll
dem Schutz der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen dienen.
Zweitens ändert Meta das Design von Facebook und Instagram.
Künftig sollen Kinder unter 13 Jahren keinen Zugang mehr zu den Plattformen
haben. Für 13- bis 17-Jährige wird die Nutzung auf zwei Stunden pro Tag
begrenzt. Wenn sie eine der Apps durchgehend für 15, 60 oder 90 Minuten
nutzen, sollen sie eine Nachricht bekommen. Außerdem bekommen sie von
Mitternacht bis 7 Uhr und an Schultagen zwischen 8 und 15 Uhr keine
Benachrichtigungen der Plattformen mehr auf ihre Geräte. Die Anzeige von
Likes, die oft als Maßstab für Beliebtheit interpretiert wird, entfällt für
Minderjährige. Extreme Filter, die Gesichter verändern, werden abgeschafft.
Diese Einstellungen greifen automatisch und können nur von
Sorgeberechtigten deaktiviert werden.
Zudem können Jugendliche künftig einen Feed wählen, der nicht algorithmisch
gesteuert ist. So sehen sie eher Beiträge von direkten Kontakten statt von
fremden Accounts. Auch wenn diese Maßnahmen nur für Minderjährige gelten,
von einem dürften alle profitieren: Meta muss in 90 Prozent der Fälle
innerhalb von sechs Stunden reagieren, wenn möglicherweise schädliche
Inhalte gemeldet werden. Die Änderungen sollen spätestens sechs Monate nach
Inkrafttreten des Vergleichs kommen.
Warum ist Meta auf den Vergleich eingestiegen?
Gegen Meta laufen aktuell einige Verfahren. Der Druck ist also hoch.
Insbesondere, weil der Konzern in den vergangenen Monaten mehrere Prozesse
verloren hat. [2][Erst Anfang August wurde Meta im US-Bundesstaat New
Mexico wegen der Gefährdung von Kindern durch sexuelle Ausnutzung und durch
potenziell suchterregende Mechanismen] zu einer Strafe von 567 Millionen
Dollar (487 Millionen Euro) verurteilt – und zu einer nächtlichen und
schulzeitlichen Benachrichtungsstille. Meta hat gegen das Urteil bereits
Berufung angekündigt.
Betrifft das auch andere Plattformen wie Tiktok?
Vorerst betreffen die Änderungen nur Meta. Allerdings hat der Konzern
zugesagt, die tägliche Nutzungsdauer auf eine Stunde zu begrenzen, falls
andere Plattformen ähnliche Maßnahmen einführen. Der Generalstaatsanwalt
von Kalifornien hat bereits angekündigt, sollten die anderen Plattformen
nicht mitziehen, würde sein Büro sich „stärker darauf konzentrieren“, die
gesamte Social-Media-Industrie zu verändern. Gegen viele der Unternehmen
laufen bereits jetzt Klagen von Privatpersonen, Schulbezirken und
Bundesstaaten
Sind Minderjährige jetzt wirklich besser geschützt?
Einige Jugendliche dürften tatsächlich besser geschützt sein.
Expert*innen sehen jedoch Schwächen. Tibor Jager, Professor für
IT-Sicherheit an der Bergischen Universität Wuppertal, sagte der
gemeinnützigen Organisation Science Media Center (SMC) in Bezug auf die
Altersverifikation: „Das halte ich nicht für wirksamen Jugendschutz,
sondern für einen Scheinschutz. Er birgt zudem die Gefahr, dass man glaubt,
das Problem damit gelöst zu haben.“
Kritiker*innen bemängeln zudem, dass der Vergleich kein rechtliches
Urteil über schädliche Mechanismen liefert, das die gesamte Branche
beeinflussen könnte. Die gemeinnützige GmbH HateAid, die sich für Opfer von
Online-Hass einsetzt, begrüßt zwar die Änderungen am Plattformdesign,
kritisiert den Vergleich aber als „nicht weitreichend genug“, „zentrale
Suchtmechanismen“ blieben „unangetastet“. Geschäftsführerin Anna-Lena von
Hodenberg nennt dabei vor allem das endlose Scrollen und „verstörenden und
manipulativen Content“.
Kann so eine Lösung auch in die EU kommen?
Änderungen in der EU sind denkbar. Auf Anfrage erklärte Meta, man würde
weiterhin beobachten, wie die Änderungen in den USA laufen. Außerdem würde
man die Gespräche über Jugendschutz mit Regierungen fortsetzen. Auch Thomas
Regnier, Sprecher der EU-Kommission, spricht von einem „ständigen Austausch
mit Meta“. Die Kommission sei nicht untätig geblieben, sondern habe den
Digital Services Act (DSA) verabschiedet und wegen „suchtfördernder
Designmerkmale“ ein Verfahren gegen Meta eingeleitet.
Es liege nun an Meta, entsprechende Zusagen vorzulegen. „Wir haben deutlich
gemacht, dass wir wirksame Instrumente zur elterlichen Kontrolle und zur
Verwaltung der Bildschirmzeit erwarten.“ Es gehe nicht darum, wer die
höchste Geldbuße verhängt, sondern „unsere Kinder im Internet wirksam zu
schützen, und zwar auf Grundlage unserer eigenen Regeln“.
Einige Länder diskutieren darüber hinaus über allgemeine
Social-Media-Verbote für Jugendliche. Auch das könnte ein Druckmittel gegen
die Konzerne sein. Ein Problem bei den nationalen Überlegungen in dieser
Sache erlebte Frankreich jedoch im August. Das Parlament hatte bereits eine
Altersgrenze abgesegnet, doch das Gesetz wurde gekippt, da es in den
Zuständigkeitsbereich der EU-Kommission fällt. Zudem beurteilte der
Verfassungsrat ein pauschales Social-Media-Verbot als unverhältnismäßig.
In Australien läuft das Experiment, Jugendliche auszuschließen derweil
weiter, [3][mit gemischten Ergebnissen]. Das Land führt alle paar Monate
Umfragen unter den 10- bis 15-Jährigen durch, die eigentlich vom
Social-Media-Verbot betroffen sind. Vor dem Verbot waren 5 von 10
Jugendlichen auf den Plattformen. Jetzt, mehr als ein halbes Jahr später,
sind es noch immer 4 von 10.
Warum sind die Bundesstaaten gegen das Design der Plattformen vorgegangen
und nicht gegen die Inhalte?
Weil Plattformen nicht automatisch für die Inhalte verantwortlich sind, die
User*innen posten, auch wenn es Beleidigungen oder Desinformationen sind.
Allerdings müssen die Plattformen in einer angemessenen Zeit gegen illegale
Inhalte vorgehen. In der EU regelt das der Digital Services Act (DSA). Die
US-Klage zielt also nicht in erster Linie auf die Schäden durch
Falschinformationen, Hetze oder auch unrealistische Schönheitsideale,
sondern auf das große Thema Sucht.
Wie sehr wird die Summe Meta schmerzen?
Im Vergleich zu dem, was Europa etwa an Strafen für Datenschutz-Verstöße
verhängt, sehen die bis zu rund 17 Milliarden US-Dollar nach viel aus.
Andererseits: Der Konzern machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von über
200 Milliarden US-Dollar. „Ein guter Tag für Mark Zuckerberg. Ein
schlechter Tag für ein besseres Internet“, kommentiert Markus Beckedahl vom
Zentrum für Digitalrechte und Demokratie. Er weist in einem Beitrag darauf
hin, dass zu Beginn des Prozesses eine Summe von bis zu 1,4 Billionen
US-Dollar im Raum gestanden habe. Zwischenzeitlich sei immerhin noch von
rund 200 Milliarden US-Dollar die Rede gewesen.
Wie reagiert die Finanzwelt?
Investor:innen und Aktionär:innen bewerteten den Vergleich positiv:
Der Börsenkurs von Meta stieg nach der Ankündigung. „Diese Nachricht
beseitigt eine große Unsicherheit“, sagte Robert Pavlik, Manager beim
Investmentmanager Dakota Wealth gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Zwar gibt es noch weitere Klagen, doch zumindest diese auf Bundesebene ist
nun abgeschlossen.
Was wünschen sich die Jugendlichen selbst?
Ach, so vieles. [4][Wir sollten ihnen zuhören] und entsprechend handeln.
Die Techniker Krankenkasse hat am Donnerstag eine [5][Umfrage]
veröffentlicht, für die 1.400 Menschen zwischen 12 und 17 Jahren befragt
wurden. 47 Prozent der Jugendlichen sprachen sich für eine Altersgrenze für
soziale Medien aus. 8 Prozent wollten ein komplettes Verbot. Aber: 39
Prozent lehnten solche Verbote generell ab. Das hat Gründe. Denn auch wenn
viele Jugendliche über negative Aspekte berichteten wie etwa Fake News (52
Prozent), zu viel Onlinezeit (36 Prozent), Mobbing und Beleidigungen (35
Prozent), unangemessene Bilder oder Videos (31 Prozent), gaben 80 Prozent
an, dass Social Media ihnen gut oder eher gut tut.
Jugendliche, die vier Stunden oder mehr täglich online sind, berichten
jedoch häufiger von schlechter Laune, Unsicherheit, Schlafproblemen und
körperlichen Beschwerden. Aber die Jugendlichen haben auch Ideen, was ihnen
helfen könnte. Viele wünschen sich Lernvideos über die Gefahren von Social
Media, Ansprechpersonen in Schulen und Gespräche mit ihren Eltern.
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /US-Staaten-gegen-Meta-Konzern/!6205537
(DIR) [2] /US-Gericht-verhaengt-Millionenstrafe/!6202475
(DIR) [3] https://netzpolitik.org/2026/australien-zieht-bilanz-fuenf-erste-lehren-aus-dem-social-media-verbot/
(DIR) [4] /Von-Kindern-lernen/!6206974
(DIR) [5] https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/social-media-report-2026-2223038?tkcm=ab
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