# taz.de -- Imagewerbung im ÖPNV: Alles nur Spaß!
       
       > Und wieder macht die BVG auf lustig: Ihr aktueller Werbefilm soll
       > beweisen, dass Berlin und nicht Paris die wahre Stadt der Liebe ist. Ach
       > wirklich?
       
 (IMG) Bild: Will unbedingt geliebt werden: die BVG
       
       In der englischsprachigen Medienkritik gibt es den Ausdruck to jump the
       shark. Er beschreibt den Punkt, an dem das Publikum das Interesse an einer
       Serie verliert, weil deren DrehbuchschreiberInnen versuchen, den Plot mit
       immer unrealistischeren Variationen am Leben zu halten. Was ihre
       aufwändigen Imagefilme angeht, sind die Berliner Verkehrsbetriebe zwar
       schon vor einiger Zeit über den Hai gesprungen, aber dank eines
       überraschend üppigen Marketingbudgets legen sie immer wieder einen drauf.
       
       Jetzt also läuft [1][„Excusez-nous, Paris!“ auf Social Media] und wohl auch
       bald im Kinowerbeblock: eine von der Agentur Jung von Matt produzierte
       „Liebeserklärung an Berlin“. Da nimmt uns der archetypische Berliner
       Busfahrer (bisschen spießig, aber cool) mit an die Seine, um zu zeigen,
       dass die PariserInnen mit ihren Baguettes unterm Arm, ihrer Haute Couture
       und ihren Zungenküssen einfach nicht anstinken können gegen „das echte
       Leben und die Menschen“ (O-Ton BVG) an der Spree.
       
       Während also unterm Eiffelturm ein junger Schnösel im gestärkten Hemd vor
       seiner Erwählten kniet, um ihr den glitzernden Verlobungsring anzureichen,
       knutschen unterm Fernsehturm zwei schwer gepiercte Punks: „Autsch, 47
       Ringe. Das ist echte Liebe!“ Und während der Pariser sein Langbrot unter
       die Achsel klemmt, um auf dem Motorroller zum Tête-à-Tête zu knattern,
       haut’s den Berliner im schlingernden Bus auf dem Weg zur Liebsten unter die
       müffelnde „Achsel von Axel“. Oh là là!
       
       Seit dem legendären [2][„Is mir egal“-Clip mit Kazim Akboga] und den gelben
       „Weil wir dich lieben“-Herzchen hat die BVG das Konzept „Wir sind nicht
       perfekt, aber wahnsinnig liebenswert“ nun wirklich langsam zu Tode
       geritten. Denn mit der Realität auf der Straße und im Tunnel hat das alles
       herzlich wenig zu tun: Da machen Tausende einen harten Job, um
       Hunderttausende zu transportieren, aber so richtig witzig ist das in
       Wirklichkeit gar nicht.
       
       ## Augenzwinkern ist nicht
       
       Müssen wir an dieser Stelle an überfüllte Bahnen und ausgedünnte Buslinien
       erinnern? An Streckensanierungen, die länger dauern als seinerzeit der Bau
       derselben Strecke (Grüße nach Tegel)? An kaputte oder immer noch fehlende
       Fahrstühle? An Mikro- und Makro-Aggressionen im täglichen Verkehr oder an
       die Tatsache, dass eine Ticketkontrolle bei fehlendem oder abgelaufenem
       Fahrschein [3][immer mit einer Zahlungsaufforderung endet und nie mit einem
       Augenzwinkern], wie es die Imagekampagnen nahelegen?
       
       Es geht ja gar nicht darum, die BVG schlechtzureden – nur könnte sie
       langsam mal damit aufhören, ihr mühsames tägliches Geschäft als Spaßbetrieb
       zu inszenieren. Oder kommt die graue Realität schon hinterher geschlurft,
       wenn man sie lange genug als bunt und aufregend bewirbt? [4][Der Morgenpost
       hat Verkehrsbetriebechef Henrik Falk gerade gesagt], das Gelingen der
       Mobilitätswende sei auch eine Frage von Lifestyle und Emotionen, und
       deshalb müsse sein Unternehmen „ein bisschen cool“ sein.
       
       Da fällt einem gleich eine weitere Szene aus dem aktuellen Liebesfilmchen
       ein: „Den bekanntesten Kuss hat immer noch Berlin“, schwärmt unser
       Busfahrer vor dem Mauergemälde von Honecker und Breschnew. Und eine Frage
       drängt sich auf: Wäre die DDR vielleicht nicht untergegangen, wenn es
       damals schon Social Media gegeben hätte und das Politbüro mit Jung von Matt
       …? Nein, nein: alles nur Spaß!
       
       26 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=Pvxv7lFvlTM
 (DIR) [2] /Nachruf-auf-Kahttps://www.youtube.com/watch
 (DIR) [3] /App-FreiFahren-fuer-OePNV-NutzerInnen/!6195791
 (DIR) [4] https://www.morgenpost.de/berlin/article410974240/berlin-wird-zur-modellregion-mobilitaet-diese-projekte-stehen-an.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudius Prößer
       
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