# taz.de -- Mittelmeerspiele in Süditalien: Nur wenig Familienglück
> Die Mittelmeerspiele in Taranto versprechen mehr, als sie halten können.
> Und die mediterrane Einheit ist doch recht brüchig.
(IMG) Bild: Eröffnungsfeier der Spiele in Taranto
Wer vom Mediencenter [1][der Mittelmeerspiele] in die süditalienische
Hafenstadt Taranto schaut, sieht eine Fabrik. Jedes Kind in der Provinz
kennt sie: Es ist die Ilva, [2][eines der größten Stahlwerke Europas.] Es
sollte ab den 1960ern dem prekären Süden Aufschwung bringen – und
verursacht bis heute eines der größten ökologischen und gesundheitlichen
Desaster Italiens. „Viele Jahre lang war Taranto die Ilva“, sagt Luca
Corsolini, Mediendirektor der Mittelmeerspiele. „Taranto hieß Krebstote,
niedergehende Industrie und unmöglicher Balanceakt zwischen Jobs und
Gesundheit. Wir wollen Taranto davon befreien. Die Mittelmeerspiele geben
den Menschen die Schönheit zurück. Wir wollen ihnen mittelfristig einen
Grund schaffen, zu bleiben.“
Es ist ein nicht gerade bescheidener PR-Claim, den Corsolini da formuliert.
Die Mittelmeerspiele, ein alle vier Jahre stattfindendes Miniolympia unter
Mittelmeerstaaten, sollen angeblich die verarmte Industriestadt Taranto
nachhaltig zur Sportstadt machen. 41 Sportanlagen in Taranto sowie
umliegenden Orten wurden gebaut oder restauriert. „Nirgends im Süden gibt
es jetzt eine Stadt so reich an Sportanlagen.“ Corsolini schwebt ein
Zukunftsmodell vor mit internationalen Turnieren in Taranto, mit
Athlet:innen, die ganzjährig wegen des milden Klimas kommen und den
Tourismus ankurbeln, mit diversifizierter Sportkultur für die Bürger:innen.
Aber klar, räumt er ein, „es gibt das Risiko, dass die Betreibungskosten
für die Anlagen zu hoch werden“.
Es wäre keine unwahrscheinliche Volte. Denn so desaströs lief die
Organisation, dass das internationale Komitee noch im Winter drohte,
Taranto die Spiele zu entziehen. Zwei Stadien wurden nicht fertig; die
Mittelmeerspiele, die am 21. August begannen und bis zum 3. September in 33
Disziplinen laufen, finden nun mancherorts auf Baustellen statt. Die
angesetzten Kosten haben sich auf über 300 Millionen Euro verdoppelt. Und
ein Nachnutzungsplan? Ja, darum wolle man sich nach dem Turnier kümmern.
Von bislang rund 135.000 vergebenen Tickets verteilen sich zudem 57.000 auf
Fußball und Zeremonien. Man könnte auch sagen: Wieder werden Menschen im
Süden große Versprechen gemacht, während andere profitieren – ein bisschen
wie bei der Ilva.
Die Tribünen der Volleyball-Arena sind spärlich gefüllt. Gerade spielen
hier Algerien und die Türkei, ein ungleiches Duell: Die Türkinnen,
Weltspitze im Volleyball, zerlegen Algerien. Eine italienische Mutter mit
ihren zwei Kindern ist extra für heute angereist: „Wir sind
Volleyballfans.“ Aber die Familie ist eigentlich wegen Italien gekommen,
das später spielt. Da wird es voller. Besonderes Interesse ausländischer
Fans lässt sich derweil zumindest an diesem Tag nicht feststellen. Nur in
der Fechtarena schwenkt eine französische Familie Fähnchen.
## Häufig nur B-Teams
Die Mittelmeerspiele, gegründet 1951 auf Initiative des ägyptischen
Sportfunktionärs Muhammed Taher Pascha, hatten tatsächlich mal größere
Bedeutung. Heute, in ihrem 75. Jubiläumsjahr, kann man hier weiter Stars
wie den italienischen Hochsprung-Olympiasieger [3][Gianmarco Tamberi] oder
den griechischen Schwimmer und Silbermedaillengewinner von Paris, Apostolos
Christou, sehen. Aber wegen des immer engeren internationalen
Terminkalenders schicken viele nur noch B-Teams oder Nachwuchstalente. Die
EM der Leichtathletik, Schwimmen, Turnen und Volleyball drumherum wiegen
schwer. Mediendirektor Corsolini sagt, dafür gebe es hier andere Werte:
„Gerade haben wir die erste Medaille überhaupt für Andorra gefeiert. Viel
mehr Länder können ihre Jugendlichen inspirieren. Das ist wirklich die
Stimmung.“
Tatsächlich geht es teils solidarisch zu, geklatscht wird auch für
gegnerische Hymnen. Doch ist die mediterrane Einheit brüchig. Palästina und
Israel sind nicht dabei. Als die Spiele kurz nach Israels Gründung, dem
Angriff durch arabische Staaten und der Vertreibung, Flucht und Enteignung
von rund 700.000 Palästinenser:innen im Zuge der Nakba erstmals
stattfanden, erreichten die arabischen Staaten mit Boykottdrohungen Israels
Ausschluss. Auch Palästina wurde nie aufgenommen. Luca Corsolini gerät ein
wenig ins Rudern. „Wir sperren niemanden“, sagt er. „Als Mittelmeerfamilie
heißen wir Israel und Palästina willkommen, aber nur, sofern beide dabei
sind.“ Woran das dann scheitert? Er dürfe nur diesen offiziellen Satz
sagen. Mittelmeerfamilie als Drahtseilakt.
Und manchmal doch Familie. Die Halle der Fechter:innen ist fast
ausverkauft: Hier gibt es heute Medaillen, mitsamt italienischen
Lokalmatador:innen, wenngleich auch hier bloß die zweite Garde antritt.
Aber selten ist Spitzensport so anfassbar. Kinder stürmen nach jedem Duell
zur Absperrung und kriegen alle Selfies und Autogramme mit den
italienischen Stars. Zwei Männer der ägyptischen Delegation plaudern
fröhlich mit Familien im Publikum. Und als Davide Filippi nach einem engen
Duell ins Finale einzieht, explodiert die Halle. Für einen Moment Olympia,
nur niedrigschwelliger und günstiger. Denn das echte Olympia wird wohl
trotz neuer Sportstätten so schnell nicht in Taranto Station machen.
25 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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