# taz.de -- Italiener – und Fan der Deutschen: „Mein Favorit ist natürlich Deutschland!“
> Der italienische Bestsellerautor Giuseppe Culicchia ist „tifoso“ der
> deutschen Mannschaft. Nun hat er ein Buch über seine Leidenschaft
> geschrieben.
(IMG) Bild: "Die Seele des Teams", Joshua Kimmich jubelt nach einem Spiel der DFB-Elf
taz: Herr Culicchia, Sie haben ein Buch geschrieben über Ihre Liebe zur
[1][deutschen Nationalmannschaft], „La mia Germania“. War es schwierig,
einen Verleger zu finden? Immerhin hat das deutsche Team in Italien noch
immer den Beinamen „die Panzer“.
Giuseppe Culicchia: Ja, das stimmt. Aber ich muss sagen, ich hatte viel
Glück mit dem Verlag Neri Pozza aus Mailand. Denn dort bin ich auf einen
Fußballfan getroffen, auf einen tifoso, was in der Verlagswelt nicht
selbstverständlich ist. Und der hat verstanden, dass wenn man sich als Kind
für eine Mannschaft entscheidet, man Fan bleibt für den Rest des Lebens. Er
hatte also nicht nur nichts dagegen. Die Idee, dass ein Italiener über
seine Leidenschaft für die deutsche Nationalmannschaft schreibt, hat ihn
begeistert und amüsiert. Natürlich auch vor dem Hintergrund der
jahrzehntelangen Rivalität zwischen den „Azzurri“ und der „Mannschaft“.
taz: Und wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Culicchia: Mein Vater hat uns leider schon vor 30 Jahren verlassen. Aber er
wusste natürlich um meine etwas bizarre Leidenschaft. Denn er unterstützte
natürlich Italien! Über die sozialen Netzwerke habe ich schon ziemlich
unangenehme Kommentare bekommen. Aber das war mir schon vorher klar, das
muss wohl so sein.
taz: Mit Ihrer Leidenschaft stehen Sie jedenfalls ziemlich allein da.
Spiegelt sich darin die Lage des Künstlers, des Schriftstellers wider, der
ja auch ganz auf sich allein gestellt seiner artistischen Vision hartnäckig
folgen muss?
Culicchia: Da ist schon was dran. Wer als Schriftsteller mit dem Zeitgeist
konform geht, hat dieses Problem natürlich nicht. Sie stoßen auf Zustimmung
beim Publikum und bei der Kritik, das macht es einfacher. Ich denke aber,
dass der Schriftsteller immer in der Opposition sein sollte, ein
Nein-Sager, ein Querkopf auch. Und ich fürchte, ich bin so ein Typ.
taz: Dann können Sie jetzt zur Abwechslung was Positives sagen: Wie stark
ist die deutsche Nationalmannschaft für diese WM?
Culicchia: Fangen wir so an: Das letzte wirklich sehr, sehr starke deutsche
Team war die Weltmeistermannschaft von Brasilien 2014. Die war wirklich
unglaublich, mit Kroos, Schweinsteiger, Klose, Thomas Müller. Nach der Ära
Löw musste experimentiert werden, das ist klar, ein Generationswechsel
stand an. Aber wie alle Fans von Deutschland setze ich auf den Erfolg.
Florian Wirtz etwa wird uns sehr schöne Momente bescheren, hoffe ich, und
auch der junge Lennart Karl von Bayern München – der ist ja nun wirklich
das Gegenteil von einem „Panzer“.
taz: Was halten Sie vom Comeback von Manuel Neuer?
Culicchia: Da muss man immer an die Stimmung in der Kabine denken. Welchen
Effekt hat die Rückkehr eines absoluten Champions auf die Jungen? Gerade
eines Torwarts, die sind immer ein wenig verrückt – denken Sie an Toni
Schumacher! Wenn ein Vierzigjähriger auf eine stark verjüngte Mannschaft
trifft, kann das gut sein. Er kann die Erinnerung verkörpern an die großen
Erfolge. Aber er kann auch als ein alter Löwe rüberkommen, der sich nicht
mehr zurechtfindet unter Jungs, die nicht mal halb so alt sind wie er. Da
wird es auf den Trainer ankommen, ob er die Balance findet. Die Stimmung in
der Kabine ist immer eine delikate Angelegenheit – und bei den
Nationalmannschaften noch mal besonders, weil es da Rivalitäten geben kann
aus der abgelaufenen Saison.
taz: Trauen Sie [2][dem Trainer Julian Nagelsmann] denn zu, diese Balance
herzustellen? Sehen Sie schon seine Handschrift im deutschen Spiel?
Culicchia: Die sehe ich noch nicht. Aber auch als Joachim Löw Trainer
wurde, waren doch alle etwas überrascht. Der hatte auch keine große
Karriere als Spieler hinter sich – und hat dann abgeliefert. Bei der
letzten EM hatte ich den Eindruck, dass Nagelsmann noch keine ganz klare
Idee hat, wie er spielen will. Wir müssen abwarten.
taz: Wer ist Ihr Lieblingsspieler in der deutschen Nationalmannschaft?
Culicchia: Mir gefällt Joshua Kimmich sehr. Der ist wirklich die Seele des
Teams. Und dann hoffe ich, Leon Goretzka spielen zu sehen.
taz: Jetzt mal ganz ehrlich: [3][Eine Weltmeisterschaft ohne die „Azzurri“]
– macht Ihnen das wirklich gar nichts aus?
Culicchia: Das gefällt mir überhaupt nicht – denn das hindert mich ja
daran, eines der großen Duelle zu sehen, zwischen Italien und Deutschland,
einen Klassiker! Und dann wird natürlich die Atmosphäre etwas gedämpft sein
in Italien, und das ist sehr schade, gerade auch für die jungen Leute, die
nun bereits die dritte WM nacheinander ohne italienische Beteiligung
verfolgen müssen.
taz: In Turin feuern Sie die Außenseiter an. Sie sind Fan des Torino FC und
[4][nicht von Juventus]. Gibt es so jemanden auch bei der kommenden
Weltmeisterschaft: eine Mannschaft, die diesen Biss hat, diesen
„tremendismo“, wie er dem Torino FC traditionell zugeschrieben wird?
Culicchia: Biss, diese Weigerung, jemals aufzugeben, ist das, was ich am
meisten mit den Deutschen verbinde. Ich habe immer gehofft, dass mein
Torino FC mal einen deutschen Spieler verpflichtet. Aber das gab es leider
nur einmal für längere Zeit in unserer Geschichte, mit Horst Buhtz in den
1950er Jahren. Ich hoffe also, dass Deutschland seiner Rolle gerecht wird,
gerade wenn es gegen Teams wie Frankreich geht, das mehr Ausnahmespieler
hat und wo es auf den Kampfgeist ankommen wird.
taz: Ist Frankreich dann Ihr Favorit für diese WM?
Mein Favorit ist natürlich Deutschland! Ich bin Fan, da ist man nicht
rational.
8 Jun 2026
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