# taz.de -- Suchtprävention im Supermarkt: Aktion trockene Kasse
       
       > Die Linke und Volt in Hamburg-Nord fordern, Alkohol aus dem Kassenbereich
       > zu entfernen. Sie wollen Menschen in ihrer Abstinenz unterstützen.
       
 (IMG) Bild: Hier sollte kein Alkohol verkauft werden: Supermarktkasse
       
       Aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, organisatorisch praktisch, für Eltern
       ein Albtraum: die Ware im Kassenbereich des Einzelhandels. Diese auf
       Augenhöhe dort platzierten Produkte verführen zu Impulskäufen. Für
       Alkoholiker*innen kann das zum Problem werden – denn zwischen
       Schokoriegeln und Kaugummis stehen oft auch kleine Schnäpse und Liköre.
       
       Politiker*innen der Fraktionen Linke und Volt in Hamburg-Nord setzen
       sich dafür ein, dass Alkohol von den Supermarktkassen verschwindet. Mit
       einem entsprechenden Antrag in der Bezirksversammlung wollen sie
       alkoholkranke und freiwillig nüchtern lebende Menschen in ihrer Abstinenz
       unterstützen.
       
       Denn der Versuchung zu widerstehen, während der Wartezeit an der Kasse, zu
       Alkoholika zu greifen, die dort zwischen anderer Quengelware billig und in
       geringen Mengen angeboten werden, sei für suchtkranke Menschen besonders
       schwer.
       
       Durch die Platzierung und das unvermeidbare in-der-Schlange-stehen an der
       Kasse werde das Einkaufen für Suchterkrankte und trockene
       Alkoholiker*innen zu einer Stress-Situation, in der sie ständig gegen
       den Impuls kämpfen müssen, rückfällig zu werden. Diese Trigger ließen sich
       durch eine kleine Änderung in der Produktpräsentation vermeiden.
       
       ## Gefahr der Normalisierung
       
       Wiebke Fuchs, Bezirksabgeordnete der Linken, sieht das Problem in der
       Alltäglichkeit und Normalisierung von Alkohol: „Der Supermarkt ist ein Ort,
       um den man nicht herumkommt“, sagt sie. Gerade an solchen alltäglichen
       Orten sollte es für Betroffene leichter sein, Alkohol zu meiden.
       
       Die Abgeordnete möchte neben der Verhaltensprävention auch die
       Verhältnisprävention stärken: „Wir sollten unsere Umgebung so gestalten,
       dass sie alkoholkranke Menschen nicht in Schwierigkeiten bringt.“ Denn die
       Verantwortung liege nicht nur beim Individuum. „Sucht ist das Gegenteil von
       Freiheit“, sagt Fuchs.
       
       Außerdem führe die Platzierung von Alkoholika zwischen Süßigkeiten und
       Kaugummi zu einer Normalisierung des Rauschmittels. So werde Kindern und
       Jugendlichen suggeriert, dass der Alkohol, der zwischen der für Kinder dort
       postierten Quengelware steht, ebenso vergleichsweise wenig gesundheitlich
       bedenklich sei, wie die anderen dort aufgereihten Produkte.
       
       Nun haben die Fraktionen der Linken und Volt in der Bezirksversammlung
       beantragt, lokale Lebensmitteleinzelhandelsketten für die Einrichtung
       alkoholfreier Kassen zu sensibilisieren. Hintergrund des Antrags ist die
       „Aktion alkoholfreie Kassen“, die sich seit 2024 mithilfe von Petitionen,
       Vorträgen, Briefen an Supermärkte und auf Social Media für die Umsetzung
       der Forderung einsetzt.
       
       Dabei ist es sowohl den Initiator*innen der Aktion als auch den
       Fraktionen Linke und Volt wichtig zu betonen, dass es hier nicht um ein
       Alkoholverbot, sondern um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem
       Genussmittel Alkohol gehe.
       
       Doch die Bezirksversammlung lehnte den Antrag am Donnerstagabend
       mehrheitlich ab. Wiebke Fuchs sieht den Grund dafür in der Brisanz des
       Themas. „Bei anderen Themen der Verhältnisprävention fällt ein Diskurs oft
       leichter“, sagt sie. „Das Thema Sucht ist aber moralisch sehr aufgeladen.“
       Den Vorstoß, Alkohol aus dem Kassenbereich zu entfernen, wolle sie dennoch
       weiterverfolgen.
       
       Auf eine Anfrage bei den vier großen Lebensmittelkonzernen Aldi-Nord, Lidl,
       Rewe und Edeka wollte sich nur Rewe zu der Forderung äußern. Der Konzern
       sieht keinen Handlungsbedarf. „Alkohol als Impulskaufartikel spielt im
       Angebot der Vorkassenzonen mittlerweile keine oder nur noch eine sehr
       geringe Rolle“, teilte Rewe mit. „Dies kann innerhalb unserer
       genossenschaftlichen Struktur von Markt zu Markt variieren.“ Die
       Platzierung dort habe praktische Gründe: „Da die dort angebotenen Artikel
       alle so klein sind, passen sie zum Beispiel nicht ins Ordnungssystem der
       klassischen Marktregale.“
       
       Auch auf die Bitte der Parteien, die Konzerne sollten die Schnäpse
       freiwillig aus den Regalen entfernen, reagierte nur Rewe und bot ein
       weiteres Argument auf: Die Entfernung der Fläschchen aus dem Bereich der
       Kasse erhöhe die Gefahr von Taschendiebstählen – ebenfalls ein Problem, das
       sich laut Wiebke Fuchs anders lösen ließe.
       
       Außerdem seien die Initiator*innen durchaus kompromissbereit: So wäre
       es bereits ein Schritt in die richtige Richtung, eine Kasse ohne
       Quengelware pro Supermarkt einzurichten, auf die Kund*innen ausweichen
       könnten. Eine weitere Möglichkeit wäre zudem, Alkoholika hinter der Kasse,
       in den abgesperrten Bereichen aufzubewahren, in denen auch Zigaretten und
       Tabakwaren verstaut sind.
       
       20 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mara Schaaf
       
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