# taz.de -- Studie zu KI-Quellenauswahl: Guten Abend, hier ist die KI-Schau
> Nachrichten, präsentiert von ChatGPT & Co., beeinflussen die öffentliche
> Meinungsbildung. Expert*innen warnen und fordern mehr Transparenz.
(IMG) Bild: Werden zu den neuen Gatekeepern der öffentlichen Meinungsbildung: ChatGPT & Co
Was passiert, wenn Menschen nicht mehr nach aktuellen Nachrichten googeln,
sich nicht durch Artikel klicken und keine unterschiedlichen Perspektiven
einholen, sondern nur ihre mit künstlicher Intelligenz (KI) ausgestatteten
Chatbots fragen? [1][Eine Studie] legt nahe, dass die Antwortenauswahl
eindimensional wird und KI-Systeme zu den neuen Gatekeepern der
öffentlichen Meinungsbildung werden.
Die KI filtert praktisch, welche Nachrichten sichtbar werden. Einst wurde
diese Rolle Journalist*innen zugesprochen, schien durch Social Media
überflüssig und blüht heute wieder durch die Nutzung von ChatGPT, Claude,
Gemini und Co. auf. Das Problem: KI-Systeme sind kaum reguliert, die
Quellenauswahl ist intransparent und die Unternehmen weisen regelmäßig
Verantwortung von sich.
„Vor allem Google AI Overview wird immer präsenter, während dem
Journalismus das Geschäftsmodell verloren geht, da Menschen nicht mehr auf
die Originalquelle klicken“, erklärt Dr. Vivien Benert vom Thinktank Agora
Digitale Transformation gegenüber der taz. Das Unternehmen beschäftigt sich
mit digitalen Entwicklungen und Demokratie. Weniger Klicks bedeutet für
Medien weniger Menschen, die ein potenzielles Abo abschließen oder auf der
Seite die Werbung sehen, die zur Finanzierung beiträgt.
## KI versus Journalismus
Dieses Phänomen nennt sich Zero-Click-Suche. In Deutschland greift die
KI-generierte Zusammenfassung von Google bereits 265 Millionen organische
Klicks ab. Damit gemeint sind Klicks, die Nutzer*innen auf eine Website
weitergeleitet hätten und jetzt bei der KI-Übersicht hängen bleiben. Die
absolute Zahl klingt hoch, macht aber gerade mal 6,6 Prozent aller
organischen Klicks aus. Das zeigt die [2][Auswertung des SEO-Tools
Sistrix], das dafür 100 Millionen Keywords untersucht hat.
Die Auswirkung der AI Overview hängt dabei stark von Thema und Ausrichtung
ab. Wikipedia verliert beispielsweise 31,6 Millionen Klicks pro Monat,
wohingegen deutsche Medien und News aktuell noch wenige Abstriche machen.
Sistrix erklärt das damit, dass Google sich offenbar nicht „traue“,
Zusammenfassungen bei Nachrichteninhalten zu erstellen, da diese oft
zeitkritisch und meinungsbetont sind und konkrete Quellenangaben erfordern.
Das [3][Wall Street Journal berichtet] hingegen, dass viele der
US-amerikanischen Newsseiten wie CNN, USA Today und die Washington Post
bereits bis zu 44 Prozent des Traffics einbüßen. Und auch in Frankreich
haben sich rund 300 Zeitungen zusammengeschlossen und Beschwerde bei der
Wettbewerbsbehörde des Landes eingereicht – gegen die Google AI Overview.
## ChatGPT als persönlicher Redakteur
Benert vom Thinktank Agora ist Mitherausgeberin der Studie
[4][„Meinungsbildung im Wandel“], die Anfang Juli erschien. Sie untersucht,
welche Quellen von KI-Systemen herangezogen werden, wenn Nutzer*innen
ihre Nachrichtenanfragen an sie stellen. ChatGPT als persönlicher Redakteur
sozusagen. In der Studie wurden neben ChatGPT auch Google AI Overview,
Gemini, Claude und Perplexity untersucht. Benert sagt, es sei auffällig
gewesen, dass viele der Quellen nicht tagesaktuell waren, obwohl in den
Prompts danach gefragt wurde.
Sie ergänzt: „Gerade wenn es um gesellschaftspolitische oder aktuelle
globale Ereignisse geht, kann es dauern, bis KI-Modelle die Information
aufgenommen haben.“ Das erinnert die Forscherin an eine [5][Studie der
Europäischen Rundfunkunion] von 2025, bei der alle gängigen KI-Systeme eine
falsche Antwort auf die Frage gaben: „Wer ist der Papst?“ Das lag daran,
dass die Modelle im Mai letzten Jahres noch nicht die Information
aufgenommen hatten, dass [6][Papst Franziskus] im April verstorben war.
Obwohl sich KI-Systeme seitdem rasant weiterentwickelt haben, sagt Benert:
„Ich kann mir vorstellen, dass dieses Problem bestehen bleibt, weil es
immer dauern wird, bis genügend Informationen im Internet verbreitet sind
und die Systeme sie flächendeckend aufnehmen.“
## Quellenauswahl ist eine „Blackbox“
Nach der Veröffentlichung der Agora-Studie gab es einen Medientrubel darum,
dass Claude von [7][Anthropic – von vielen noch immer als „moralische“ KI
wahrgenommen] – während des Untersuchungszeitraums siebenmal auf das
russische Desinformationsnetzwerk Pravda zugegriffen hatte. Claude stellte
in den Antworten Desinformation auf die gleiche Ebene wie journalistische
Nachrichten, ohne das zu kennzeichnen.
Bei ChatGPT fiel wiederum auf, dass die Quelle welt.de dominierte. Ursache
dafür könnte die seit 2023 bestehende Kooperation zwischen OpenAI und dem
Axel-Springer-Konzern sein, zu dem die Welt gehört. Das sei aber nicht
sicher auf die Kooperation zurückzuführen, da die Kriterien nicht
ausreichend offengelegt seien, so Benert. „Der größte Kritikpunkt unserer
Studie ist, dass die Quellenauswahl intransparent und nicht nachvollziehbar
ist“, sagt die Forscherin, „außerdem wissen wir nicht, welcher Teil der
Antwort sich auf die Trainingsdaten bezieht und welcher aus einer aktuellen
Websuche hervorgeht“.
Während also journalistische Medien sich größtenteils an den Pressekodex
halten, Quellen offenlegen und auch die politische Ausrichtung eines
Mediums Indiz auf die Inhalte gibt, nennt Benert die Quellenauswahl von
KI-Systemen eine „Blackbox“. Sie kritisiert: „Nutzende wissen meist nicht,
worauf die vorliegende Antwort basiert.“ Dadurch entstehe eine schwer
wahrnehmbare Verzerrung der Nachrichtenvermittlung.
## Wenig journalistische Quellen bei Klima und Migration
„Die politische Ausrichtung der Quellen verändert sich dabei nicht nur je
KI-Modell, sondern auch mit jeder Anfrage und jedem Thema“, erklärt Benert.
Gemini ist beispielsweise eher ausgewogen, zitierte aber bei Klima-Themen
überdurchschnittlich viele konservative und rechte Quellen.
Claude hingegen bezieht sich häufiger auf Medien aus dem linken, liberalen
und wirtschaftsliberalen Spektrum, greift aber zusätzlich auf
Desinformation zurück. Zudem wurden Medien aus dem Rechts-außen-Spektrum
zitiert – wie Junge Freiheit und Nordkurier.
Spannend sei, dass gerade beim Thema Klima und Migration der Anteil
journalistischer Quellen bei allen KI-Modellen sinke, so Benert. „Das muss
aber nicht unbedingt problematisch sein. Es bedeutet erst mal nur, dass
sich die Modelle bei ihren Antworten auch auf staatliche oder
wissenschaftliche Quellen beziehen.“
## Vertrauen in KI-Modelle
Trotzdem solle man sich nie pauschal auf die Antworten von KI verlassen,
sondern immer auch einen Blick auf die Quellen werfen und selbst
recherchieren, betont Benert. Wie [8][Umfragen] zeigen, machen das
allerdings die wenigsten. Zu bequem scheint die Möglichkeit, seine Frage
einfach in ein KI-Modell zu tippen und eine passgenaue Antwort als
Fließtext zu bekommen.
Die Umfragen zeigen auch, dass immer mehr Menschen bei ihrer Suche im Netz
KI nutzen und den Ergebnissen unkritisch vertrauen. Obwohl selbst Google in
einem Gerichtsverfahren zur Verbreitung von Falschinformationen
argumentiert, „dass den mit KI generierten Informationen nicht blind
vertraut werden dürfe“.
Im Juni [9][urteilte das Münchner Landgericht] gegen den Tech-Giganten, der
sich mit der Aussage aus der Verantwortung ziehen wollte. Das wegweisende
Urteil ist noch nicht rechtskräftig, besagt aber, dass Google für die
Inhalte der KI-Übersicht haftet.
## Benötigte Regulierungen
„Bei KI-Systemen sehen wir, dass bestehende Regulierungen nicht richtig
greifen, da man sich noch immer darum streitet, wie die Systeme
kategorisiert werden“, so Benert. Der AI Act der Europäischen Union bietet
einen Anhaltspunkt. Er spezifiziert sich bei der Transparenzpflicht von
Quellen aber nur auf die Trainingsdaten und nicht auf die Auswahl und
Gewichtung im laufenden Betrieb der Modelle.
Eine weitere Idee zur Regulierung der KI-Systeme wäre es, sie unter dem
Digital Service Acts als sehr große Plattform oder Suchmaschine
einzustufen. Laut dem [10][Handelsblatt] könnte die EU-Kommission das bald
mit OpenAI tun, da die Voraussetzung von mehr als 45 Millionen aktiven
Nutzer*innen pro Monat erfüllt ist. Damit würden Regularien zur
Entfernung von illegalen Inhalten, einfache Meldeverfahren für
Nutzer*innen, Jugendschutzrichtlinien sowie mehr Transparenz einhergehen.
„Auch der Medienstaatsvertrag ist ein Ansatzpunkt“, ergänzt Benert. Erst
kürzlich hatte die Landesmedienanstalt ein [11][Rechtsgutachten] dazu
veröffentlicht. Das Gutachten stimmt mit dem Urteil des Münchner Gerichts
überein: KI-Antworten sind als eigener Inhalt einzuordnen, für die
Tech-Unternehmen Verantwortung übernehmen sollten.
## Finanzielle Abgaben an Medien
Das Gutachten greift außerdem den Punkt auf, dass journalistische Inhalte
durch das Wegfallen der Klicks in ihrer Refinanzierung bedroht sind.
Stichwort Werbeeinnahmen und Abo-Abschlüsse. Aus der Sicht von Benert gäbe
es für Medien zwei Strategien, damit umzugehen: „Das eine sind
Kooperationen – wie wir es bei Axel Springer und OpenAI sehen. Oder das
komplette Gegenteil: Zum Beispiel schließen BBC und FAZ KI-Zugriffe aus und
behalten ihre Inhalte für sich.“
Angesichts der angespannten finanziellen Lage des Journalismus könnte auch
eine Digitalabgabe interessant sein, argumentiert die Forscherin: von den
KI-Anbietern an die Medienhäuser. Denn damit KI-Systeme wie ChatGPT, Google
AI und Claude überhaupt erst wie ein persönlicher Redakteur agieren können
und passgenaue Nachrichten für Nutzer*innen ausspucken können, braucht
es journalistische Quellen und Recherche als Grundlage. Benert appelliert
an die Nutzenden: „Verlasst euch nicht einzig auf KI-Antworten und
unterstützt qualitativ hochwertigen Journalismus – gerade jetzt.“
28 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://agoradigital.de/wp-content/uploads/2026/07/ADT_Studie_Meinungsbildung-im-Wandel.pdf
(DIR) [2] https://www.sistrix.de/news/ai-overviews-in-deutschland-so-stark-sinken-die-klickraten-wirklich/
(DIR) [3] https://www.wsj.com/business/media/google-search-publishers-ai-content-0fb06e41
(DIR) [4] https://agoradigital.de/wp-content/uploads/2026/07/ADT_Studie_Meinungsbildung-im-Wandel.pdf
(DIR) [5] https://www.ebu.ch/Report/MIS-BBC/NI_AI_2025.pdf
(DIR) [6] /Nachruf-auf-Papst-Franziskus/!6070841
(DIR) [7] /Anthropic/!6185299
(DIR) [8] https://www.media-perspektiven.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2026/MP_11_2026_KI-generierte_Antworten_bei_der_Informationssuche_-_Verbreitung_und_Wahrnehmung.pdf
(DIR) [9] https://www.zeit.de/news/2026-06/12/landgericht-google-haftet-fuer-ki-uebersichten
(DIR) [10] https://www.handelsblatt.com/politik/international/ki-eu-kommission-will-chatgpt-in-zukunft-strenger-regulieren/100215477.html
(DIR) [11] https://www.die-medienanstalten.de/pressemitteilungen/wer-haftet-wenn-die-ki-antwortet/
## AUTOREN
(DIR) Selina Hellfritsch
## TAGS
(DIR) KI und Journalismus
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Technologie
(DIR) Intransparenz
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