# taz.de -- Ausstellung „The Sound of Courage“: Subtil und schwer einzuhegen
       
       > Eine Ausstellung in den Nordischen Botschaften in Berlin untersucht, wie
       > es um Gleichberechtigung in der skandinavischen Musikwelt steht. Gar
       > nicht mal so gut.
       
 (IMG) Bild: Die grönländische Rapperin Parnaq
       
       Skandinavien, du hast es besser – denkt man hierzulande gerne, wenn es um
       Gleichberechtigung geht. Eine Gelegenheit, diese Einschätzung zu
       überprüfen, bieten aktuell die Nordischen Botschaften in Berlin: mit einer
       kurzweiligen Ausstellung, die den etwas pathosträchtigen Titel „The Sound
       of Courage – Music and Equality in the Nordic Countries“ trägt und
       Geschlechtergerechtigkeit in der Musikwelt beleuchtet.
       
       Ganz so rosarot sind die skandinavischen Realitäten dann nämlich doch
       nicht. Vor dem Hintergrund, dass Diskriminierung im Kulturbetrieb
       struktureller und subtiler ist als in anderen Bereichen der Arbeitswelt und
       damit auch schwerer einzuhegen, erstaunt das zwar nicht wirklich. In
       Anbetracht dessen, dass sich gerade diese Branche gern für progressiv hält,
       scheint das aber doch bemerkenswert.
       
       In Dänemark zum Beispiel sorgte eine Studie, von mehreren
       Musikorganisationen in Auftrag gegeben, erst 2011 dafür, dass Bewegung in
       die Debatte kam. Bei der Erhebung kam nämlich heraus, dass in weiten Teilen
       der Musikindustrie 80 Prozent Männern gerade mal 20 Prozent Frauen
       gegenüberstehen, quer durch alle Bereiche: ob nun auf Festival-Lineups, bei
       der Ausschüttung von Tantiemen oder mit Blick auf die medialen
       Gatekeeper:innen. Immerhin sah man diese Schieflage in einem Land, das sich
       in Sachen Gleichberechtigung als Vorreiter begreift, als Problem an.
       
       Im Mittelpunkt der gemütlich gestalteten Ausstellung stehen jedoch nicht
       trockene Statistiken, sondern Lebensgeschichten. Auf Sitzsäcken lümmelnd
       lassen sich Videoclips gucken, unter Kopfhörern eröffnen sich Klangwelten.
       Dazu gibt es eine Limo von der Bar nebenan. Ein Rundgang liefert
       Hintergründe zu den 23 sehr unterschiedlichen Musikerinnen, die über die
       Bildschirme flimmern. Vor allem verbindet sie, dass sie sich mit den
       strukturellen Schieflagen ihrer Branche nicht arrangieren wollen.
       
       ## Porträts von Sonja Eismann
       
       Verfasst wurden die auf Leinwänden präsentierten Porträts von der
       Musikjournalistin Sonja Eismann. Sie hatte sich schon mit ihrem Buch mit
       [1][„Candy Girls. Sexismus in der Musikindustrie“] (2025) ausführlich mit
       Strukturen beschäftigte, die weibliches Musikschaffen ausbremsen.
       
       Erfreulich, dass die Kurator:innen nicht nur auf bekannte Namen wie
       Björk oder Karin Dreijer alias Fever Ray setzen. Zustande kam der
       musikalisch und ästhetisch bunte Mix durch die Referent:innen in den
       fünf Botschaften, die sich das Felleshus („Gemeinschaftshaus“) teilen. Sie
       fragten einfach ihre Kontakte in den Heimatländern, wen die für relevant
       hielten. So bekommt etwa die hierzulande unbekannte 24-jährige Rapperin
       Parnaq aus Grönland ebenso viel Raum wie die Stars. Bei ihrem ersten
       Auftritt vor gerade mal zwei Jahren erhielt sie als erste Rapperin des
       Landes zwar reichlich Zuspruch, wurde aber auch angefeindet.
       
       Das musikalische Spektrum der Ausstellung ist breit: Faszinierend klingen
       etwa die modernisierten Joik-Gesänge der [2][samischen Musikerin Mari
       Boine]. Die 69-Jährige hatte ihren Durchbruch bereits vor knapp 40 Jahren
       und engagiert sich seither nicht nur für Gleichberechtigung, sondern zudem
       gegen die kulturelle Assimilation ihrer Ethnie.
       
       Der schwedische Dancepop-Star Zara Larsson hingegen hatte schon in
       Jugendjahren reichlich internationalen Fame gesammelt, doch offenbar auch
       genug negative Erfahrungen, um bereits als 17-Jährige eine Debatte zur
       Geschlechtergerechtigkeit anzustoßen – kommerziellen Risiken zum Trotz.
       Interessant auch die Geschichte von Marie Ulven: Die norwegische
       Indiepop-Musikerin machte [3][ihr Alias Girl in Red] zu einem weltweit
       popkulturellen Code für die queere Community – und beförderte damit gerade
       in repressiven Regimen einen Austausch in den sozialen Medien.
       
       ## Minifestival in der Kulturbrauerei
       
       Dieser Facettenreichtum bildet sich auch bei einem Minifestival im Rahmen
       der Ausstellung ab: Am 27. September bringen Lindy-Fay Hella und Sondre
       Veland aus Norwegen ihren perkussiven Dark-Pop zwischen Prog und Folk in
       die Berliner Kulturbrauerei und treffen auf vier weitere Künstlerinnen und
       ihre eigenwilligen Soundamalgame – etwa die Dänin Ydegirl, die poppigen R&B
       mit barocken Elementen grundiert.
       
       Was sich von den skandinavischen Ländern lernen lässt? Darauf hält die
       Ausstellung auch ein paar erhellende Antworten bereit. Ein Nebenraum stellt
       Projekte vor, die dem sich nur langsam verändernden Status quo durch
       Vernetzung und Eigeninitiative entgegenwirken. Zumindest in diesem Punkt
       sind die Musikszenen skandinavischer Länder offenbar wirklich weiter als
       andere Teile Europas. Ein derartiger Pragmatismus wäre vielleicht auch in
       den hiesigen Debatten ein Gewinn. Schließlich schaffen die es allzu oft gar
       nicht aus ihren Nischen heraus.
       
       23 Aug 2026
       
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