# taz.de -- Kanzlerkino: Ein Ding von Schönheit
       
       > Die DDR nebenan: Mirko Bonné kokettiert in „Kanzlerkino“ mit der
       > Alternativweltgeschichte eines unvereinigten Landes.
       
 (IMG) Bild: Mirko Bonné zeigt genüsslich alle Insignien der Macht, von Architektur über Staatskarossen bis hin zum Hauspersonal, das parieren muss
       
       Nicht nur ein Lied, wie es im Schlager heißt, kann eine Brücke sein, auch
       ein Motto kann den Zugang zu einem Kunstwerk erleichtern. Die Verwendung
       von Motti ist für [1][den Romanautor Mirko Bonné] dabei eher die Regel als
       die Ausnahme. Das Motto im neuen Roman „Kanzlerkino“ wirkt seltsam
       abgebissen und ist Somerset Maughams Literatursatire „Rosie und die
       Künstler“ (1930) entliehen: „Ich weiß nicht, ob die anderen Menschen so
       sind wie ich.“
       
       Bei Somerset Maugham folgt auf die zitierte Feststellung seines Alter Egos
       Philip Carey, der bereits in dessen Hauptwerk „Der Menschen Hörigkeit“
       (1915) auftauchte, worauf in Bonnés Roman auch angespielt wird, das
       Eingeständnis eines Makels: „Ich weiß genau, dass ich Schönheit nicht lange
       betrachten kann.“ Darauf folgt ein Verdikt der Eingangszeile des „Endymion“
       (1818) von John Keats. Sein Übersetzer Mirko Bonné übertrug sie so: „Ein
       Ding von Schönheit ist ein Glück für immer.“
       
       Eine gewisse Empörungshaltung Bonnés gegenüber Maughams Philip Carey ist in
       „Kanzlerkino“ merklich. Die Handlung spielt 1994, die alte Bundesrepublik
       weicht der Berliner Republik. Wenn der Bonner Kanzlerbungalow eine Figur an
       ein „Glashaus“ erinnert, ist Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“ (1953) nicht
       weit.
       
       Bonnés Hauptfigur Bernd Vomturm hat es zu tun mit Kanzler Viktor Breugel,
       der Bernd den Spitznamen „Delatour“ verpasst und ihm beim Kennenlernen rät,
       schleunigst Französisch zu lernen. In der Figurenzeichnung folgt Bonné dem
       Stil Maughams: So ist Kanzler Breugel mit Helmut Kohl assoziiert; ebenfalls
       Pfälzer, der sich im Angesicht eines Ehekrachs innerlich auf seine
       Winzerkaffherkunft zurückzieht: „Edenkoben, denkt er, Edenkoben.“
       
       ## Schröder, Brandt, Kohl
       
       In Breugel steckt aber auch Cineast und Medienkanzler Schröder; er urlaubt
       in Norwegen, so wie Willy Brandt dies tat. Die Schrammeligkeit der Namen in
       „Kanzlerkino“ ist nicht nur eine weitere augenfällige Parallele zwischen
       Bonné und Koeppen, sondern markiert deutlich, dass die Imagination das
       Zepter übernimmt: Ein deutscher Kanzler, der ernsthaft frankophil und
       obendrein frankophon orientiert ist: romanhaft.
       
       Anders als Koeppens Kanzler Knurrewahn und Sonderling Keetenheuve schafft
       es Bonnés Völkchen vom eigenen Kopfkino zu lassen. Manche Handlungsstränge
       wärmen altbekannte DDR-Klischees auf, etwa das von der Verheerung aller
       menschlichen Beziehungen durch die allgegenwärtige Stasi.
       
       Unplausibel ist es aber nicht, dass sich Vomturm mit einem perfiden
       Verwirrspiel für einen Verrat rächt, der ihn den Studienplatz kostet und
       zur Flucht in den Westen drängt. Dort steigt er zum Günstling von Kanzler
       Breugel auf; er soll diesem und seiner Frau Harriet, der realen
       Kanzlergattin Hannelore entfernt ähnlich, einen Kanzlerbungalow in der Nähe
       Berlins bauen.
       
       ## Angela Merkel kommt auch vor
       
       Vomturm möchte mit dem TV-Rummel um das protzige Bauvorhaben auch eine
       Verflossene und deren Mann düpieren: Die Pfarrerstochter und Mathematikerin
       Susanna, dezent an Angela Merkel angelehnt, ist ausgerechnet mit Bernds
       verräterischem Freund Lutz Reinmar verheiratet. Einen Kontrast zu dieser
       Unfreundschaft bildet die „Männerfreundschaft“ Viktor Breugels mit seinem
       Vizekanzler Kai-Volker Wenckstern, die sich im Privatkino des Kanzlers auch
       schon mal einen Bergmann-Film vorführen lassen.
       
       Mirko Bonné zeigt genüsslich alle Insignien der Macht, von Architektur über
       Staatskarossen bis hin zum Hauspersonal, das parieren muss. Alle
       Abscheulichkeiten und die Muffigkeit der Dekade werden durch erlebte Rede,
       in gut sitzenden Dialogen, durch Songfetzen und durch larmoyante Briefe
       spannend vermittelt, Erzählerkommentare gibt es nicht.
       
       Man hofft inständig, die Schlussszene, durchaus filmreif, möge ein
       Cliffhanger sein. Ähnlich dem Protagonisten Howard Roark, wie Bernd
       Architekturautodidakt, in Ayn Rands libertärer Schnulze „The Fountainhead“
       (1943) brüstet sich Vomturm in Briefen und schmalzigen Sprüchen als ein vom
       Sozialismus befreiter neoliberaler Naturbursche. Da muss Ironie am Werk
       sein!
       
       ## Sommerroman und Alternativweltgeschichte
       
       Der Gegensatz von Kollektivismus und Individualanarchismus wäre sonst allzu
       plan. Der zur Selbstsabotage neigende, bramarbasierende Kotzbrocken Bernd
       ist eigentlich nur erträglich, wenn er Susanna seine Französischlektionen
       beschreibt.
       
       „Kanzlerkino“ ist ein Sommerroman und ein mit der Alternativweltgeschichte
       kokettierendes Mashup eines unvereinigten Landes. Rita Süssmuth ist
       Bundespräsidentin, die Fußballmänner scheiden gegen Bulgarien aus.
       
       25 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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