# taz.de -- Neuer Roman von Dave Eggers: Eine amerikanische Idee
> Erfolg oder Wahrhaftigkeit: Dave Eggers hat genug von Tech-Dystopien und
> legt nun mit „Contrapposto“ einen Künstlerroman vor.
(IMG) Bild: Im Wechselspiel zwischen Stand- und Spielbein manifestiert sich das idealisierte Menschenbild der Antike, hier zu sehen in Zeichnungen von Franz Barwig dem Älteren (1922)
Besonders in der Kunst ist es wichtig, gut dazustehen. Schon Polyklet und
die Bildhauer der Antike erkannten, dass eine Skulptur besonders dann
lebensecht aussieht, wenn Hüft- und Schulterlinie leicht gegeneinander
verschoben sind, wenn der Körper einem Schwung folgt, anstatt stillzustehen
wie ein Ölgötze. Im Kontrapost, im Wechselspiel zwischen festem Stand- und
freiem Spielbein, manifestiert sich das idealisierte Menschenbild der
Antike, das, stets auf harmonischen Ausgleich bedacht, dennoch seine innere
Gegensätzlichkeit freilegt, und so auf scheinbar beiläufige Weise den
Menschen an sich.
In „Contrapposto“, dem neuen Roman von Dave Eggers, erzählt der
US-amerikanische Autor von den Gegensätzlichkeiten des spätkapitalistischen
Kunstmarktes, in dem sich die spekulativen Verwertungslogiken der Gegenwart
und ihre zersetzenden Effekte auf seine Akteure besonders zu verdichten
scheinen.
Protagonist Cricket Dibb stammt aus schwierigen Verhältnissen und besitzt
das unwahrscheinliche Talent des Zeichnens, was ihm in der gedankenlosen
Einöde der amerikanischen Prärie nicht allzu viel bringt. Habitus und
Klassendünkel des bürgerlichen Kunstbetriebs gehen Cricket völlig ab und es
bedarf dringend einer Mentorenfigur, um ihn zum Künstler zu machen.
Diese findet er in Olympia, die, ausgestattet mit „goldenen Augen und
blütenrosa Lippen“ zwar nur drei Jahre älter ist als er selbst, sich aber
als Reinkarnation von Albert Camus versteht – nicht als jugendliche
Koketterie, sondern in Wirklichkeit, wie sie versichert. Mit jeder Menge
Old Money ausgestattet, führt sie den schwer verliebten Cricket in die Welt
der Kunst ein, die im provinziellen Indiana unendlich fern scheint. Cricket
mimt dabei den naiven, aber reinen Jüngling, der davon träumt, anstatt aufs
College zu gehen, als Schüler im Atelier eines alten europäischen Meisters
aufgenommen zu werden wie in der Renaissance.
## Kampf gegen die Phonies
Crickets Holden-Caulfield-artiger Kampf gegen die Phonies, die
Scheinheiligen und Scharlatane, wird von Olympia zuerst mit Mitleid und
bald mit Ablehnung und Flucht beantwortet. Doch Cricket ist sich sicher:
Das Standbein eines Lebens als Maler ist das Studium der alten Meister, das
Erlernen der richtigen Maltechniken und der Glaube an die Wahrhaftigkeit
des eigenen künstlerischen Ausdrucks.
Das Spielbein wiederum, die Fähigkeit nämlich, die sozialen Konventionen
des Kunstmarktes zu bedienen, die Performance des Künstler-Seins nicht im
stillen, nach Terpentin stinkenden Atelier aufzuführen, sondern in weiß
getünchten Galerien und für ein Publikum, das außer Geld nichts bereit ist,
in Kunst zu investieren, leugnet Cricket. Unterstützt wird er dabei von
seinem idealistischen Kunstprofessor Carpenter, der seine Schüler
beschwört: „Erst wenn ihr alle Faschisten besiegt habt … Erst wenn ihr
euren Zorn auf die wahren Dämonen gerichtet habt, die Despoten und
Tyrannen, und sie alle besiegt habt – erst dann könnt ihr einen anderen
Künstler angreifen.“
Bald muss Cricket feststellen, dass das Spielbein für die von ihm ersehnte
Anerkennung und überhaupt für die Möglichkeit, Kunst zu machen, von
größerer Bedeutung ist, als die Lasurtechniken flämischer Genremaler zu
beherrschen. Gut dazustehen, bedeutet in der Kunstwelt eben auch
Flamboyanz, eine gewisse Neigung zur Selbstherrlichkeit und keine Scheu,
sich im Zweifelsfall nicht nur schützend, sondern vor allem
marktschreierisch vor sein Werk zu stellen. Seine innere Ablehnung
verwechselt Olympia mit Ambitionslosigkeit – das vermeintliche Gegenteil
mündet bei ihr selbst in einer handfesten Kokainsucht – so viel
Kunstklischee darf sein.
So bahnt sich Cricket ein Leben durch die Untiefen des Kunstbetriebs und
man muss sich Eggers’ Protagonisten wenn nicht als glücklichen Menschen,
dann schon als Glückspilz vorstellen. Denn weder nagende (Selbst-)Zweifel
noch Crickets Unvereinbarkeit mit der (Kunst-)Welt scheinen für ihn ein
großes Hindernis darzustellen. Stets wird sein Talent von Lehrern,
Freunden, Vorgesetzten erkannt, gefördert, wiederentdeckt, und man treibt
ihn zur künstlerischen Arbeit. Das Schicksal meint es gut mit Cricket –
solange er sich mit Kunst beschäftigt.
## Was überhaupt ist Kunst?
Nachdem sich Dave Eggers in Werken wie [1][„Der Circle“] und „Hologramm für
den König“ mit Tech-Dystopien und [2][den sinnentleerten Wüsten der neuen,
globalisierten Digital-Oligarchie] auseinandersetzte, legt er mit
„Contrapposto“ nun einen Künstler- bzw. Bildungsroman vor, in dem die
Postmoderne zwar weiterhin als Lavierung dient, der sich aber mit
weltgeistigeren Fragen beschäftigt: Was überhaupt ist Kunst und wie soll
ein Leben mit der Kunst und unter Künstler*innen gelingen?
Wer seitenweise Introspektion im Stile von Siddhartha oder Steppenwolf
erwartet, dem sei gesagt, dass „Contrapposto“ zwar durchaus altmodisch
daherkommt, aber in der amerikanischen Erzähltradition steht. Durchsetzt
ist der Roman mit implizierten Zeichnungen Crickets und anderer Figuren,
was vor allem zum Schluss eine große Wirkung entfaltet, wenn Bild- und
Textebene ineinander verschmelzen. Eggers Erzähltempo ist rasch, mit
kräftigen Pinselstrichen erzählt der Roman Crickets komplettes Leben.
Streckenweise wirkt das etwas konstruiert, denn Glück und Unglück wechseln
sich in Crickets Geschichte ab wie in Voltaires „Candide“. Eggers erzählt
selbst kontrapostisch, aber übertreibt es mit dem Hüftknick bisweilen,
sodass einige Figuren Karikatur bleiben und manche Wendung übermäßig
plotdienlich daherkommt.
„Contrapposto“ ist ein melancholisches Lehrstück über die Scheinheiligkeit
der Kunstwelt und ihres Personals, dabei aber nie antiintellektuell oder
missgünstig. Vielmehr erzählt der Roman vom Aushandlungsprozess
persönlicher und gesellschaftlicher Moral, ein Thema, das Eggers schon in
seinem frühen Roman „You Shall Know Our Velocity“ beschäftigte.
Unangenehm lesen sich derweil die Eggers-typischen Sexszenen, die einem
bereits in anderen Werken des Autors in ihrer Verbohrtheit aufstoßen
konnten. Auch in „Contrapposto“ streichen weibliche Finger ein paar mal zu
oft an „Crickets Erregung entlang“, die Metaphern klingen verklemmt, was im
betont liberalen Kunstmilieu des Romans besonders deplatziert wirkt. Eher
beweisen Eggers’ Versuche am Sinnlichen, dass [3][Toni Morrison] mit ihrer
These wohl nicht ganz falsch lag: „Sex is difficult to write about, because
it’s just not sexy enough. The only way to write about it is not to write
much.“
## Meisterhaft in der Kunst des Lebens
Eggers vielleicht amerikanischste Idee ist, dass Cricket am Ende für seine
moralische Integrität belohnt wird – der große Erfolg als Künstler bleibt
ihm zwar verwehrt, doch in der Kunst des Lebens erreicht er schließlich
Meisterhaftes: die Liebe zu Olympia. Als alternder Zeichenlehrer in einem
Atelier in Paris findet Cricket Frieden und Olympia findet ihn.
Selbst wenn es Cricket nicht gelingt, die Geldverleiher aus dem Tempel der
Kunst zu vertreiben, so wird auch aus einer Reihe wahrhaftiger Zeichnungen,
wahrhaftiger Lebensentscheidungen eine gute Geschichte und damit im kleinen
und tausendfach ein Kontrapost zum Status quo. In dieser Hinsicht
vermittelt Eggers doch eine Botschaft aus Siddharta: Vielleicht liegt die
Glückseligkeit im Ablegen einer bestimmten, hinderlichen Ambition und jedes
dingliche Streben weicht besser einem Streben nach nichts.
10 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Dave-Eggers-neuer-Roman-Circle/!5035816
(DIR) [2] /Zwei-neue-Buecher-von-Dave-Eggers/!5700580
(DIR) [3] /Nach-dem-Tod-von-Toni-Morrison/!5614140
## AUTOREN
(DIR) Yannic Walter
## TAGS
(DIR) Roman
(DIR) USA
(DIR) Bildende Kunst
(DIR) Dave Eggers
(DIR) Kino
(DIR) Essay
(DIR) Roman
(DIR) Selbstoptimierung
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kanzlerkino: Ein Ding von Schönheit
Die DDR nebenan: Mirko Bonné kokettiert in „Kanzlerkino“ mit der
Alternativweltgeschichte eines unvereinigten Landes.
(DIR) Neues Buch von Maggie Nelson: Choose your battles
Die Schriftstellerin Maggie Nelson widmet sich in ihrem neuen Buch „The
Slicks“ dem Popstar Taylor Swift und der Dichterin Sylvia Plath. Warum
bloß?
(DIR) Neuer Roman von Ben Lerner: Transatlantisches Elysium
Ben Lerners neuer Roman gilt hierzulande bereits als Meisterwerk. Vor allem
ist er jedoch eine Versicherung, dass man Amerika nicht aufgeben darf.
(DIR) Roman „Every“ von Dave Eggers: Die große Gleichschaltung
Dystopische Satire mit Realitätsbezug: In der Fortsetzung von „Der Circle“
unterwandert eine Frau einen fiktiven globalen Internetkonzern.