# taz.de -- Roman von Boris Schumatsky: Weltgeschichte, die sich in blutigen Wiederholungen erschöpft
       
       > Der Schriftsteller Boris Schumatsky veröffentlicht mit „Die Seine fließt
       > ins Schwarze Meer“ einen großen Roman über menschliche und politische
       > Abgründe.
       
 (IMG) Bild: Die Ereignisse in Paris sind eng verbunden mit den anderen Zeitebenen des Romans
       
       Mit dem ersten Satz dieses in vielerlei Hinsicht herausragenden Buchs wird
       nicht nur der melancholische Grundton, sondern auch ein wesentliches
       Leitmotiv der Prosa etabliert, nämlich der leidvolle Konflikt zwischen
       politischen Gewaltverhältnissen und künstlerischer Bestimmung: „Statt zu
       schreiben, könnte ich fliegen, ich könnt meine Mutter wieder umarmen,
       vielleicht zum letzten Mal.“
       
       Mit dem eindringlichen Textbeginn hatte Boris Schumatsky schon beim
       Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im vergangenen Jahr überzeugt [1][und mit dem
       Deutschlandfunk-Preis den zweiten Platz des Wettlesens am Wörthersee
       belegt.]
       
       Aus der halbstündigen Erzählung ist ein 400 Seiten starker Roman mit dem
       anspielungsreichen Titel „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“ entstanden,
       der die Ahnung des Klagenfurter Publikums bestätigt, aus diesem Stoff könne
       ein großer Wurf werden: Zunächst steht die Lebensgeschichte des
       Ich-Erzählers im Mittelpunkt, der – wie der Schriftsteller Schumatsky –
       Mitte der 1960er Jahre in Moskau geboren wurde und von Kindesbeinen an mit
       dem Gewaltsystem der Sowjetunion konfrontiert ist.
       
       ## Genauigkeit eines Zeithistorikers
       
       Drill und körperliche Übergriffe gehören zum Alltag der sozialistischen
       Gesellschaft. Noch nicht einmal volljährig, droht der Einzug ins Militär,
       das nicht wenige Rekruten nur schwer verletzt und verstümmelt überleben.
       Schumatsky beschreibt mit der Genauigkeit eines Zeithistorikers, wie
       präsent die Gewalt des Militärsystems in der Umgangssprache ist und auf
       welche Weise die wiederkehrenden Phrasen der Erniedrigung die Soldaten auf
       zukünftige Kriege vorbereiten.
       
       Der feingeistige Boris entgeht der Einberufung, indem er sich an die
       Kunstakademie rettet, um später, als der Eiserne Vorhang fällt, nach
       Deutschland überzusiedeln. Er bleibt seiner Familie eng verbunden,
       insbesondere der literaturinteressierten Freundin seiner Mutter, die sich
       als Tante Natalie zur wichtigsten Bezugsgröße des Heranwachsenden
       entwickelt hat.
       
       Als junge Frau lebte sie noch in [2][Paris], jobbte an der Rezeption eines
       Hotels – und lernte Paul Celan kennen, der sich dort einquartiert hatte.
       Mit Natalie führt Schumatsky nicht nur eine weitere Erzählinstanz, sondern
       auch eine empathische Figur ein. Vielleicht ist sie die einzige Heldin in
       dieser Geschichte.
       
       ## Freundschaft zu Paul Celan
       
       Natalie genießt Celans Vertrauen und wird Zeugin nicht nur der vielen
       Liebesdramen des Dichters, sondern auch seines Kampfes im und gegen den
       deutschen Literaturbetrieb. Was Natalie über die biografischen und
       gesellschaftspolitischen Hintergründe der Gedichte Celans zu erzählen weiß,
       wird die Germanistik vermutlich noch beschäftigen.
       
       Denn es fällt kein gutes Licht auf Autoren wie Böll und Grass, und Celans
       Immer-mal-wieder-Geliebte [3][Ingeborg Bachmann] verhielt sich ebenfalls
       seltsam kaltherzig. Sie alle rieten dem Autor der „Todesfuge“, dessen
       Eltern von den Nazis deportiert und umgebracht worden sind, in Sachen
       Antisemitismus doch bitte nicht so überempfindlich zu sein.
       
       Auf einem Schriftstellerkongress hatte eine Autorin in Anwesenheit von
       Celan gesagt, sie könne Juden nicht riechen. Die verbalen Attacken nahmen
       zu, als Claire Goll ihre unfassbare Verleumdungskampagne begann und
       wahrheitswidrig behauptete, Celan habe von ihrem Mann, dem Dichter Yvan
       Goll, nicht nur einzelne Verse abgeschrieben, sondern die Ästhetik seiner
       Lyrik insgesamt kopiert.
       
       ## Alte Sprachmuster und Propagandabilder
       
       Die nachträglichen Manipulationen am Werk des Gatten gehören bis heute zu
       den schlimmsten und folgenreichsten Skandalen in der deutschsprachigen
       Literatur. Schumatsky zitiert den Rezensenten des Berliner Tagesspiegels
       Günter Blöcker, der Celans Gedichtband „Sprachgitter“ mit den Worten
       verriss, man habe es mit „Spinnfäden aus Celans Sprachdrüsen“ zu tun: Der
       Dichter agiere „ ‚im Leeren‘, und das mag ‚an der Herkunft‘ liegen“. Celan
       verzweifelte nicht nur, weil die alten Sprachmuster und Propagandabilder in
       der Nachkriegszeit noch verwendet wurden.
       
       Von einem wie Blöcker, der im Dritten Reich als „Dramaturg“ fürs
       Durchhaltekino der UFA arbeitete, war nicht viel zu erwarten. Die mangelnde
       Unterstützung der früheren Schriftstellerfreunde aber brachte Celan im
       wahrsten Sinne des Wortes um den Verstand.
       
       Die Ereignisse in Paris, die Natalie in ihrem Tagebuch festgehalten hat und
       die sie ihrem Schützling Boris anvertraut, sind eng verbunden mit den
       anderen Zeitebenen des Romans, die bis an die jüngste Gegenwart
       heranreichen. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der am 24.
       Februar 2022 begann, und das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in
       Israel werden in schockierenden Detailszenen geschildert.
       
       ## Alles hängt mit allem zusammen
       
       Die Daten begreift Schumatsky als symbolhafte Wendepunkte in einer
       Weltgeschichte, die sich in blutigen Wiederholungen erschöpft. Alles hängt
       in diesen Passagen literarischer und digitaler Verdichtung mit allem
       zusammen. Die Hasstiraden unterschiedlicher Extremisten verfolgen dann auch
       den Erzähler, der sich erst durch den grassierenden Antisemitismus seiner
       jüdischen Identität bewusst wird.
       
       Zuweilen wirkt es, als hadere der Autor damit, überhaupt weiterzuschreiben.
       Doch dann könnte er auch nach Russland fliegen, zur alten und kranken
       Mutter. In der alten Heimat drohen ihm Verhaftung und Verschleppung in ein
       Arbeitslager. Zu oft und zu deutlich hatte er von Deutschland aus gegen den
       Krieg Russlands Position bezogen. Wenn er doch flöge, hätte er immer ein
       tödliches Gift dabei.
       
       Dieser bewegende und stilistisch überzeugende Roman ist vermutlich in
       weiten Teilen autobiografisch grundiert; einiges wird den Briefwechseln der
       literarischen Berühmtheiten entlehnt sein, die im Anhang aufgelistet sind.
       Ob Natalie, die sich in einen russischen Agenten verguckt und ihm nach
       Moskau folgt, existiert hat, bleibt ein schönes Rätsel.
       
       ## Hommage an die Dichtung Celans
       
       Damit ist Schumatskys Prosawerk auch ein Buch über liebende Menschen, die
       in widrigen Zeiten die verrücktesten Dinge tun. Schließlich liest sich „Die
       Seine fließt ins Schwarze Meer“ als Hommage an die Dichtung Celans, die in
       Originalzitaten eingestreut wird und dem vielschichtigen Text eine nahezu
       musikalische Note beifügt. Dessen Lyrik hat, allem Ressentiment zum Trotz,
       bis heute überlebt. Sie ist das Gegengift zur Sprache der Gewalt.
       
       Auch Schumatskys Roman wird in die Geschichte der deutschsprachigen
       Literatur eingehen, nicht zuletzt, weil er zu den ersten Werken gehört, die
       die gegenwärtigen Kriege und Kulturkämpfe mit der politischen und
       literarischen Vergangenheit verknüpfen. Kritisch und selbstkritisch bleibt
       die Haltung des Erzählers, der sich nicht vereinnahmen lassen möchte.
       
       Das Leid auf der anderen Seite, das als medialer Dauerbeschuss auf ihn
       einwirkt, schockiert ihn nicht minder: „Ich schreibe Natalies Erinnerungen
       hier auf und denke dabei an [4][Gaza]. An die israelischen Raketen, Bomben
       und Artilleriegeschosse, die dort vielleicht in diesem Moment einschlagen.
       Die Einwohner werden zwar vor Angriffen manchmal gewarnt, ich sehe täglich
       viele solcher Warnungen bei Telegram.“
       
       Der Roman, der als dröge Kopfgeburt hätte enden können, überzeugt auch
       dramaturgisch bis zuletzt: Der Sohn nimmt seine Mutter, die er nicht mehr
       wiedertreffen wird, in einer abschließenden Szene auf eine ganz besondere,
       nämlich virtuelle Reise mit. Das ist so anrührend wie poetisch gelöst, und
       es zeigt einen Schriftsteller, der sich von der Muttersprache emanzipierte,
       um in seiner Literatursprache brillieren zu können.
       
       15 Aug 2026
       
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       Klagenfurt. Dort ging es viel um die unsichere Zukunft des
       Literaturwettbewerbs.