# taz.de -- Alternative Szene in Halle vor der Wahl: The Kids are united
       
       > Das Label Turbo Discos, das Veranstaltungskollektiv United Shit und Radio
       > Corax prägen die subkulturelle Szene Halles mit widerständigem Geist. Ein
       > Porträt.
       
 (IMG) Bild: Turbo Discos beim Auflegen in Halle
       
       Seit mittlerweile zehn Jahren wohnt NJ, der für diesen Text so genannt
       werden möchte, in Halle. Hier hat er 2018 auch das Indie-Label Turbo Discos
       gegründet, das er fast gänzlich in Eigenregie betreibt – und das neben
       seinem Hauptjob. Auf Turbo Discos finden sich Punk- und Indieperlen aus der
       Umgebung, wie etwa die großartige [1][Band Jazz]. Deren Werke bringt NJ
       aber nicht nur auf Vinyl heraus, sondern mit dem Veranstaltungskollektiv
       United Shit auch auf die Konzertbühnen von Halle, der zweitgrößten Stadt in
       Sachsen-Anhalt.
       
       Halle ist für NJ eine Art Leuchtturm. „Das Besondere ist, dass sich hier
       alle Szenen stark durchmischen und die subkulturelle Szene sehr breit
       gefächert ist“, beschreibt er den kulturellen Kosmos der Stadt. Der ist
       zwar kleiner als beispielsweise in Leipzig, aber dadurch viel
       durchlässiger. Er habe das Gefühl, dass hier Neuankömmlinge und
       Interessierte schnell Anschluss finden können.
       
       Einen großen Einfluss auf die lokale Szene hat auch die einzige
       Kunsthochschule Sachsen-Anhalts: die Burg Giebichenstein mit ihren über
       1.000 Studierenden. Jedes Jahr kommen so neue Menschen nach Halle, einige
       bleiben, andere gehen wieder weg, aber alle prägen sie trotzdem die
       kulturellen und künstlerischen Entwicklungen in der Stadt. Viele der
       Studierenden wohnen in Leipzig und pendeln von dort. Der Bekanntheitsgrad
       der nicht weit entfernten sächsischen Metropole ist noch immer etwas höher.
       Und es gibt auch Vorbehalte gegen das Leben in Halle. Denn neben in der
       tendenziell doch eher linken Bands, Räume und Veranstaltungen gibt es in
       Halle eben auch Nazis.
       
       ## Braun und auch noch selbstbewusst
       
       Vor allem junge Rechte zeigen sich seit einigen Jahren viel offener und, so
       sagt NJ, selbstbewusster. „Jungnazis laufen mittlerweile mit Shirts rum,
       deren Slogans klar der rechten Szene zuzuordnen sind.“ Im Vorfeld eines
       Konzerts des United Shit-Kollektivs gab es einen Übergriff. Drei junge
       Punks, die die Veranstaltung besuchen wollten, wurden verprügelt.
       
       Seitdem wird um die Konzerte herum darauf geachtet, dass niemand die
       Veranstaltungen allein verlässt. „Wir versuchen, alle ein Auge aufeinander
       zu werfen und gegenseitig auf uns aufzupassen“, erklärt NJ die Lage. Auch
       die Veranstaltungen des Kollektivs spiegeln die Offenheit der Hallenser
       Szene wider. Hier sind alle willkommen und Freude herrscht vor allem dann,
       wenn neues Publikum den Weg zu den Konzerten findet.
       
       Veranstaltet wird deswegen nicht immer nur an den Lieblingsorten von United
       Shit, sondern möglichst überall in der Stadt. Bei der Planung gibt es freie
       Hand, denn wie viele andere Do-it-Yourself-Kollektive ist man hier
       unabhängig von staatlichen Förderungen. Somit auch von dem Druck, bestimmte
       Förderkriterien einzuhalten oder gar, Veranstaltungen auf diese
       zugeschnitten umzusetzen.
       
       Für NJ auch angesichts der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September
       und einer drohenden AfD-Regierung ein wichtiges Kriterium. Denn, wo
       funktionierende Strukturen ganz ohne Förderung existieren, stellt der
       Wegfall von Förderungen nicht das Ende dar. Einen Hebel allerdings hätte
       Blau-Braun. „Wenn wir betroffen sein sollten, dann, was die Räume angeht,
       in denen wir Konzerte organisieren“, sagt er. Hier könnten durch das
       Einstellen von Förderungen oder Umnutzungen Probleme entstehen.
       
       ## Wichtige Instanz
       
       Eine wichtige Instanz in Halle, die schon jetzt immer wieder Anfeindungen
       von rechts ausgesetzt ist, ist Radio Corax, ein Freier Sender der auch
       namentlich im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt als Gegner genannt
       wird. „Radio Corax den Geldhahn zudrehen!“, lautet eine Drohung daraus. In
       den Ausführungen folgen Anmerkungen über vermeintlichen linken Fanatismus
       und auch die bekannten Buzzwords wie „Genderismus“ und
       „Regenbogenideologie“ tauchen im Pamphlet auf.
       
       Für die Hallenser Kulturszene ist das Programm von [2][Radio Corax]
       unverzichtbar. Hier wird nämlich die Musik gespielt, die im Programm
       anderer Radiosender nicht auftaucht. „Für uns ist Corax ein Dreh- und
       Angelpunkt, der fest in die lokale Szene eingebunden ist“, verdeutlicht NJ
       dessen Relevanz und sieht dort gleichzeitig einen „kämpferischen
       Aufschwung“.
       
       Dieser widerständige Geist zieht sich durch die gesamte [3][subkulturelle
       Landschaft der Stadt]. Für die, die fester Bestandteil dieser Kultur sind,
       ist aufgeben oder gar wegziehen keine Option. Egal, ob für Politgruppen,
       DiY-Labelbetreiber:innen und Veranstalter:innen. Manchmal hadert NJ damit,
       dass er selbst nicht mehr so in das explizit politische Geschehen vor Ort
       eingebunden ist, wie er es vor einigen Jahren noch war. Bringt er diesen
       Gedanken bei seinen politisch aktiven Freund:innen an, dann sagen sie:
       „Was würden wir nur machen, wenn wir nicht mehr ausgehen und auf Konzerte
       gehen können?“Auch dank Turbo Discos, United Shit und Radio Corax gibt es
       viele kleine Leuchttürme in Halle. Gestaltet von Menschen, die widerständig
       sind, freie Räume geschaffen haben und diese auch so schnell nicht
       verlassen werden.
       
       20 Aug 2026
       
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