# taz.de -- Kampagne gegen Gewalt an Frauen: Als das Wohnzimmer öffentlich wurde
> Ab Dezember 1992 hingen in Edinburgh Plakate gegen Gewalt an Frauen. Sie
> zeigten friedliche Szenen – und wer sie zerstört.
(IMG) Bild: „Kein Mann hat das Recht“, steht auf einem Plakat der Fotografin Franki Raffles in Edinburgh
Die Enkelin kuschelt sich mit müdem Blick und Stofftier unter dem Arm auf
die Schulter ihrer Großmutter. Sie stöbern in einer Gutenachtgeschichte und
teilen einen friedlichen Moment vor dem Zubettgehen. Auf dem Poster, das
die heimelige Szene abbildet, steht: „Von drei bis dreiundneunzig Jahren;
Frauen werden vergewaltigt“. Darunter prangt ein großes „Z“ sowie der
Schriftzug „Ehemann, Vater, Fremder – Machtmissbrauch durch Männer ist eine
Straftat“.
Das Z steht für die Plakatkampagne „Zero Tolerance“, die ab Dezember 1992
sechs Monate lang an Bushaltestellen, Werbetafeln und Bannern in den
Straßen [1][der schottischen Hauptstadt Edinburgh] zu sehen war. Damit
sollte die Bevölkerung, insbesondere Männer, dazu bewegt werden, sich mit
dem oft im Verborgenen stattfindenden Missbrauch von Frauen
auseinanderzusetzen. Ann Hamilton, die von 1989 bis 1996 als
Frauenbeauftragte beim Regionalrat von Strathclyde tätig war, bezeichnet
die Kampagne gegenüber The Herald als „eine der wichtigsten Entwicklungen
in Schottland in den letzten 50 Jahren“.
Dass das Thema es aus schottischen Wohnungen hinaus auf die
hochfrequentierten Straßen von Edinburgh schaffte, ist vor allem Evelyn
Gillan und ihrer Kollegin Susan Hart zu verdanken. Die beiden waren
Mitglieder des Frauenausschusses des Bezirksrats in Edinburgh und
konzipierten die Kampagne.
Das Herzstück der Kampagne bilden die schwarz-weißen Fotografien von
[2][Franki Raffles]. Sie zeigen friedlich wirkende Szenen in Wohn-, Spiel-
und Jugendzimmer, die deutlich machen, dass Frauen aus jeder
Gesellschaftsschicht Opfer von häuslicher Gewalt werden können.
## Widerstand von Männern
Auf einem der Poster sitzen drei Freundinnen zusammen im Bett. Eine von
ihnen streicht der anderen liebevoll durchs Haar. Dieser Moment, in dem es
um die Leichtigkeit des Jungseins gehen könnte, wird mit den Worten „Wenn
sie Nein sagen, meinen sie Nein. Manche Männer hören nicht zu.“
konterkariert. Denn auch das gehört zur Realität von Jugendlichen: dass
aufregende Romanzen in einer Vergewaltigung enden können.
Auf die Plakatkampagne folgte eine Umfrage des Frauenausschusses des
Bezirksrats. Die Ergebnisse zeigten, dass die Bilder Eindruck hinterlassen
hatten. Es wurde deutlich, wie unsicher sich Frauen auf den Straßen von
Edinburgh fühlen. Viele bedankten sich in der Befragung für die Kampagne.
Eine Befragte erzählte, wie stolz sie sei, dass die Stadt sich der Angst
der Frauen mit einer prominenten Aktion annehme.
Doch gerade von männlicher Seite gab es auch Widerstand gegen die Kampagne.
So äußerte sich Norman Irons von der Scottish National Party, zum damaligen
Zeitpunkt Stadtoberhaupt von Edinburgh, wütend gegenüber der Sunday Times
of Scotland über die Aktion. Er unterstütze die „extreme“ Kampagne nicht,
sei aber machtlos, etwas dagegen zu unternehmen, da „jedes Wort der Kritik
als männlicher Chauvinismus angesehen wird“. Ein Vorwurf, der sich auch
heute noch unter jedem x-beliebigen feministischen Post in den sozialen
Medien findet.
Eine Ausstellung über die Fotografin Franki Raffles, in der ihre
sozialdokumentarischen Arbeiten gezeigt werden, läuft aktuell noch bis zum
6. September im [3][Museum der Arbeit in Hamburg]. In ihren über 40.000
Aufnahmen hielt Raffles unter anderem die ungeschönte Lebensrealität von
Frauen fest. 1994 – zwei Jahre nach der Kampagne in Edinburgh – starb sie
im Alter von 39 Jahren. Ihr Anspruch war es stets, die
geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf der Welt mit einem Aufruf nach
globaler Solidarität zu verbinden.
29 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Laura Mies
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