# taz.de -- Schwarz-rote Koalition: Und zum Essen gibt’s Blasmusik
> Bei ihrem Treffen am Aasee geht es Union und SPD vor allem um
> Selbstvergewisserung. Auch ein Gefallener darf dabei sein.
(IMG) Bild: Gruppenbild ohne Dame: SPD-Fraktionschef Miersch, sein CDU-Äquivalent Frei und CSU-Landesgruppenchef Hoffmann in Münster
Bühnen und Stände sind am Ufer des Aasees aufgebaut, Hunderttausende Gäste
werden in Münster erwartet, die Vorfreude ist riesig. Die Rede ist nicht
vom Treffen der Fraktionsvorstände von CDU, CSU und SPD, sondern vom
nordrhein-westfälischen Landesfest, das zeitgleich stattfindet.
Die 32 Bundestagsabgeordneten haben sich bis Freitag eher diskret in ein
Hotel am See eingemietet, nach feiern kann ihnen eigentlich nicht zumute
sein angesichts schlechter Umfragewerte, mieser Stimmung im Land und einer
rechtsextremen Partei, die sich vorgenommen hat, in Sachsen-Anhalt die
Macht zu ergreifen.
Aber nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, regiert es sich ganz
ungeniert“ ist die Laune im Koalitionshotel viel besser als die Lage
draußen. Der Kanzler hat schließlich die Parole „Schluss mit
Verdrießlichkeit“ ausgegeben, als er und die Regierung ein paar Tage zuvor
zur Landpartie im Brandenburgischen weilten.
Und während Friedrich Merz sich im Privatfernsehen beschimpfen lässt für
„[1][menschenverachtende]“ Gesundheitsgesetze, reden die
Parlamentarier:innen hier ausgiebig miteinander, holen sich Rat von
Mercedes-Chef Ola Källenius sowie der IG-Metall-Vorsitzenden Christiane
Benner und suchen geistigen Beistand beim Münsteraner Bischof Heiner
Wilmer: „Die Hoffnung nie aufgeben.“ Sie schunkeln beim Abendessen zu
Blasmusik, nehmen gemeinsame Absacker an der Hotelbar und treffen sich im
Morgengrauen zur Laufrunde um den See. Ständig ist von Vertrauen und
Verantwortung die Rede. Nachdem die [2][Koalitionsfraktionen im Vorjahr in
Würzburg] in ähnlicher Manier zueinanderfanden, hält man sich nun
aneinander fest. „Da ist schon etwas gewachsen, dass uns tragen kann“,
befindet der neue Unionsfraktionsvorsitzende Thorsten Frei fast pastoral.
Still ruht der Aasee.
## Wer soll reformieren, wenn nicht diese Koalition?
Aus Teilnehmerkreisen heißt es, wer, wenn nicht diese Koalition, könne das
Land reformieren. Scheitert sie, dann scheitert womöglich auch die
Demokratie.
Eine klare Strategie gegen die rechtsextreme Welle haben alle drei Parteien
nicht, außer sich zusammenzureißen und weiter Gesetze zu machen, die die
Menschen hoffentlich irgendwann goutieren, selbst wenn das Verhältnis
zwischen Kanzler und Vizekanzler Lars Klingbeil nach wie vor unterkühlt
sein soll und Union und SPD in letzter Zeit Mails und Gesetzentwürfe
durchgestochen haben.
Damit soll endlich Schluss sein, heißt es aus beiden Fraktionen. Die
Reformen, die man vor der Sommerpause aufgegleist habe wolle man jetzt
umsetzen, sagt Frei.
Die Runde beschließt einen Fahrplan, in dem alle Reformvorhaben aufgezählt
werden, die möglichst bis Ende des Jahres im Bundestag beschlossen werden
sollen: Neben der Rentenreform und der Ausweitung von Befristung und der
täglichen Arbeitszeit, werden darin auch Steuerentlastungen für Familien
und die Stärkung von Klimaschutz und Klimaanpassung genannt. Man prüfe die
Einführung einer diesbezüglichen Gemeinschaftsaufgabe, heißt es in dem
Papier.
Punkt für die SPD, die das gefordert hatte. Doch Frei warnt schon mal, man
werde auch Entscheidungen treffen, „die nicht für alle und auf den ersten
Blick populär sind“. Um eine wird momentan auch öffentlich gestritten, und
zwar quer durch die Koalitionsparteien. Die abschlagsfreie Rente nach 45
Beitragsjahren will die Regierung streichen, Merz hat es während der
Klausur noch einmal bekräftigt.
Die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer halten dagegen, doch
Merz hat ihnen „mangelnde Sachargumente“ unterstellt. Das saß. Der Kanzler,
der in der Woche vor der Landtagswahl zweimal mit dem angezählten
CDU-Ministerpräsidenten Sven Schulze unterwegs ist, meidet öffentliche
Bühnen lieber, dabei dürfte der Austausch zwischen ihm und Schulze
unterhaltsam werden.
## „Keine grundstürzenden Veränderungen“
Merz’ früherer Kanzleramtschef Frei betont auch in seiner neuen Rolle, am
Rentenpaket werde es „keine grundstürzenden Veränderungen geben“. Sein
Gegenpart Matthias Miersch, Fraktionschef der SPD sieht das etwas anders,
er wirbt für Übergangsfristen und Härtefallregeln und pocht auf das
Selbstbewusstsein der Parlamentarier: „Wir sind keine Abnicker.“
Miersch trauert dem über seine Leihmutteraffäre gefallenen
Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn erkennbar nach, mit dem er eine
„sehr enge Zusammenarbeit“ pflegte. „Ich weiß, dass wir daran anknüpfen
können“, gibt er Frei mit. Es klingt wie eine Ermahnung.
Überhaupt Jens Spahn. Nur seinetwegen fand das Treffen überhaupt in Münster
statt, die Stadt liegt in seinem Wahlkreis. Miersch, Frei und
CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann trafen ihn zum Abendessen in
Münster, im September wird Spahn in Berlin zurückerwartet, als
Abgeordneter. Momentan werde eine [3][neue Aufgabe] für ihn gesucht, heißt
aus Unionskreisen. Noch einer, der standhaft bleiben will.
28 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-08/bundeskanzler-friedrich-merz-regierung-cdu-afd-landtagswahl-sachsen-anhalt
(DIR) [2] /Gut-100-Tage-Schwarz-Rot/!6109695
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